Die Weltkarte wird neu gezeichnet

Ende der Übergangsperiode Karl Schlögels europäische Bestandsaufnahme: "Die Mitte liegt ostwärts"

Als "begleitendes Denken" will der Essayist Schlögel seine 250 Seiten starke Sammlung verstreuter Texte zur Transformation des neuen Europa, zur neuen Völkerwanderung unter dem Stern des Globalismus, zur Situation zwischen den Kriegen verstanden wissen. Nach den Weltkriegen, nach dem Kalten Krieg, nach dem deutschen Bürgerkrieg, vor den neuen Balkankriegen und danach. Und nun, im Krieg gegen den Terrorismus, der, wie Schlögel auch zeigt, seinen Ursachen nach ein Weltkrieg ist. Schlögel interpretiert weniger, als dass er kommentiert. Lakonie und Fakten sind vorn, hier spricht der Fachmann, der Reisende, der Soziologe. Der Denker. Geschichtswissen, Geschichten, Referenzen, Poesie, Pathos, Vorschläge bleiben nicht aus, und am Ende bleibt der Leser, wie es eben sein soll, allein. Darauf setzt der Autor, denn die Alleingelassenen sind nun gefüllt mit Ideen, daraus muss was werden.

Zunächst legt Schlögel einen Start mit Vollbremsung hin: Der einleitende Artikel Epoche zwischen zwei Bildern, unter dem emotional verheerenden Einfluss des 11. September 2001 geschrieben, liefert, was Baudrillard in seinen "Hypothesen zum Terrorismus" als "Maximalhypothese" bezeichnet. Nach der hätte sich mit dem Massenattentat als einer Art Ur- oder Über-Ereignis alles verändert. Der Krieg des neuen Jahrhunderts, sagt Schlögel, beginnt in New York. Er markierte das Ende einer von trügerischer Ruhe gefärbten Zwischenzeit. Nach dem Ende der Blocksysteme öffnet sich nun die terra incognita der Freiheit unter den Konditionen der Marktwirtschaft. Dann die südosteuropäischen Unruhen. Dann alles überlagert vom alle Bilder unter sich begrabenden Bildersturm der Twin Towers. Und dann? - Ende der Übergangsperiode: "Die Weltkarte wird neu gezeichnet."

Das zu belegen, setzt der Autor 16 Jahre zurück. Zurück in den "verlorenen Osten", zu den Deutschen, nach Mitteleuropa. In diesem (1986 erstveröffentlichten Text) taucht die Frage auf, ob "Mitteleuropa nicht überhaupt eine Projektion der Nachgeborenen in die Vergangenheit" sei. Es gibt kein Mitteleuropa, lautet die Antwort, nur terra abscondita, verborgenes, abwesendes Land. Das 2001 addierte Postskriptum reiht die "Europas im Kleinen" in die globale Umlaufbahn einer Welt, die - nach einem Wort von Marc Augé - wir zu erkunden noch nicht gelernt haben. Europa in Umordnung als Gegengewicht zum planetarischen Einerlei, das nur noch Passagen, aber keine Heimat mehr kennt.

Im langen Aufsatz Planet der Nomaden wird der bewegte Status quo globaler Ströme aufgerollt. Nationen, die zu Migrationen werden, die moderne Völkerwanderung, die eine Wanderung durch die Völker ist; Feindbilder, die abhanden oder in Bewegung kommen, Grenzen, die nur noch von Besitz gezogen werden. Visionen von Machern statt Utopien von Ideologen. Schlögel häuft imposante Statistiken an, stellt Weltgeschichte als Wanderungsgeschichte dar, in der Ideen und Finanzen über die Himmelsrichtungen zirkulieren, Krankheiten, elektronische Viren, Kriege, Märkte. Nach dem "Goldenen Zeitalter" (Eric Hobsbawm) der Nachkriegsjahrzehnte im Westen nun seit einem Jahr das Zeitalter der totalen Vernetzung. Die zu politischen Blöcken gefrorenen Lager sind aufgetaut, die Begriffe stimmen nicht mehr, Landkarten und Sprachen werden neu geschaffen. Alles - bis auf die Eigentumsverhältnisse - ist in Bewegung. Die Frage, die Schlögel dem entgegenstellt, rührt aber gerade daran: "Wie passt die Forderung nach globaler Freiheit für das Kapital einerseits und nach Unterbindung oder Behinderung der globalen Migration zusammen?" Und plötzlich sieht man sich zwischen der Lebenslüge des oktroyierten Sozialismus - dass die Freiheit aller die Bedingung für die Freiheit des Einzelnen ist - und der unverhohlenen Wahrheit des Kapitalismus, die, freie oder unfreie Marktwirtschaft, immer noch lautet: Für alle reicht es nicht. Die neuen Fragen sind die alten.

Das beinah resignierende "Letztlich wird der (demographische) Druck auf die erste und zweite Welt erst nachlassen, wenn die Ursachen der Migration beseitigt sind, wenn sich die Schere zwischen Arm und Reich ein Stück weit schließt, wenn die hohe Erwerbslosigkeit beseitigt wird und die Kosten für Migration, auch die psychischen Kosten für Migration, zunehmen" ist so wohlfeil wie es einleuchtend ist. Was aber die Ursachen für die hohe Erwerbslosigkeit, die Schere zwischen Arm und Reich sind, bleibt offen. Und wie es aussieht, werden die Ursachen in nächster Zeit nicht erschüttert werden, außer vielleicht durch den Druck ...

Kommunismus kann die Alternative nicht lauten, das macht Schlögel in seinen Essays zur Situation des russischen Weltwunders deutlich. Vielleicht hat er Recht damit, vielleicht nicht. Die Beschreibung der sagenhaften Welt jenseits jeden westlichen Standards - "Waren, die keine Waren sind, Zeit, die keinen Preis hat, Raum, für den sich niemand zuständig fühlt ...", Kommunismus als Überlebensform, deren technische Errungenschaften hauptsächlich "Enthusiasmus und Terror" zu verdanken wären - rückt die Relationen zwischen Resteuropa und Russland ins Licht. Gegen die Geschichtsschreibung der Pläne setzt der Soziologe Schlögel die verworrene der vielen Individualgeschichten, aufgespürt von der wieder auftauchenden Gestalt des Flaneurs.

Wenn Schlögel von der "denkbar schwersten Krise" der Gesellschaft des "reinen Sozialismus" spricht, "in der die einfache Reproduktion des Lebens der Menschen gefährdet war", scheint plötzlich eine der größten Krisen des reifen Kapitalismus auf: die Austauschbarkeit des Menschen auf der Basis bio- beziehungsweise gentechnischer Manipulation. Näher ist die kapitalistische Utopie der kommunistischen (deren moralische Überlegenheit sich in der Aussichtslosigkeit des Einzelnen behaupten sollte) nie gekommen. Hier der rein ökonomische Zweck, dort der ideologisch-antiökonomische. Wenn alles austauschbar, wiederholbar wird, weil reproduzierbar, wird das Regelwerk des Humanismus neu geschrieben werden müssen. Nichts wird "zu Ende" gedacht werden, da ja alles wiederholbar ist.

So weit will Schlögel nicht gehen. Er plädiert in Ratlosigkeit als Chance für "das Aushalten offener Situationen", gegen "ideo-logische" Rhetorik. Er vermisst ein "Gegenwartsbewusstsein auf der Höhe der Zeit" und versucht es selbst (empirisch wenigstens) zu etablieren. Vielgereister und Gelehrter der er selber ist, hat er Anschauungswerte zu bieten, ein gestopftes Arsenal der Untersuchungen und Fakten, aus dem er die Erkenntnis entlässt, dass Geschichte einen Ort hat, der sich allmählich-rasant nach Osten verlegt, in nun offenes, geschundenes Land, in dem die wirtschaftlichen, landschaftlichen, intellektuellen Ressourcen unruhig gären. Wenn wir diese Länder nicht besuchen, uns heimsuchen und überflügeln werden. Für diese neue europäische Ordnung findet Schlögel keinen Begriff vorerst als Hoffnung. Er erinnert an das "Haus Europa", die Vielfalt der Kulturen - und was bleibt: Handel ist alle Politik. Und wenn Krieg heute die Fortführung der Abwesenheit von Politik mit anderen Mitteln ist, dann ist die europäische Einigung vielleicht die Fortführung der Abwesenheit von Politik mit den Mitteln der Finanzwirtschaft.

Karl Schlögel: Die Mitte liegt ostwärts. Europa im Übergang. Hanser-Verlag, München 2002, 252 S., 21,50 EUR

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00:00 06.09.2002

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