Die Wende kommt als Lüftchen vom Lande

Erneuerbare Energien Einige Regionen in Deutschland versorgen sich bereits zu 100 Prozent aus regenerativen Stromquellen – und es werden mehr

Nordhessen ist eine strukturschwache Region, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Da klingt die Prognose verlockend: 20.000 Menschen könnten bis zum Jahre 2020 im Bereich Energietechnik und erneuerbare Energien beschäftigt sein, wie eine Studie des „Kasseler Kompetenznetzwerks Dezentrale Energietechnologien“ (deENet) vorrechnet. Die optimistische Prognose von Unternehmerseite ist Grund genug für die Stadtoberen im nordhessischen Kassel, den Ausbau der Erneuerbaren, die vor Ort gerade einmal 15 Prozent des Strombedarfs ausmachen, merklich zu forcieren. Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) möchte, dass Kassel in der „Solarbundesliga“ der Städte (derzeit Platz 20) weiter aufsteigt. Außerdem will die Stadt den Heizbedarf mit einem Effizienzprogramm drastisch senken. Solange der Strom vor Ort nicht klimafreundlich erzeugt wird, beziehen die städtischen Elekrizitätswerke zertifizierten „Naturstrom“ aus norwegischer Wasserkraft. Innerhalb von 20 Jahren soll dann der skandinavische durch heimischen Grünstrom ersetzt werden.

Ehrgeizige Ziele

Der Ausbau der erneuerbaren Energien geht wesentlich von den Kommunen aus. Derzeit setzen sich rund 90 Regionen und Ortschaften das Ziel, komplett auf Erneuerbare umzusteigen oder haben die 100-Prozent-Marke schon erreicht – das entspricht zehn Prozent des Bundesgebiets mit 5,7 Millionen Einwohnern. Viele Kommunen stehen jedoch erst am Anfang. In manchen Regionen existiert nicht einmal ein konkreter Plan, wie und wann die Umstellung auf Erneuerbare erfolgen soll. Das Gros der Kommunen konzentriert sich zunächst auf den Sektor, in dem der Ausbau am einfachsten ist, also die Stromversorgung. Die meisten wollen die Hundert-Prozent-Marke zwischen 2015 und 2020 erreichen. Ein ehrgeiziges Ziel, lag doch noch im vergangenen Jahr der Anteil des regenerativ erzeugten Stroms in ganz Deutschland erst bei 15 Prozent des Gesamtverbrauchs. Da erscheinen 100 Prozent grüner Strom bis 2020 reichlich utopisch.

Manche haben es aber auch schon geschafft. Das Städtchen Trendelburg beispiepielsweise symbolisiert die Energiewende. Der Ort mit seinen 5.700 Einwohnern liegt rund 40 Kilometer nördlich von Kassel und ist Heimat der Märchenfigur Rapunzel. Seit 1988 ist Bernhard Klug dort Bürgermeister. Seinem Einsatz ist es zu verdanken, dass der Ort eine „Plus-Energie-Gemeinde“ geworden ist. Auf der Gemarkung produzieren zwei Windparks, zwei Biogasanlagen, unzählige Photovoltaikmodule und vier Wasserkraftwerke ein Drittel mehr Strom, als die Einwohner überhaupt brauchen. Eine Biogasanlage liefert Nahwärme zum Bauernhof des Betreibers und an die umliegenden Wohnhäuser. Als Nächstes möchte die Stadt ein Holzhackschnitzel-Heizwerk zwischen Schule, Seniorenheim und Schwimmbad errichten.

Mustergültiges Trendelburg

Nur 15 Kilometer vom stillgelegten AKW Würgassen entfernt, ist Trendelburg in puncto Erneuerbare mustergültig. Und es ist nicht die einzige Gemeinde dieser Art. Mit ebenfalls mittelmäßigen Windverhältnissen hat Morbach im Hunsrück auf dem Gelände des einst größten europäischen Munitionsdepots der US-Luftstreitkräfte eine „Energielandschaft“ aufgebaut. Das gemeinsame Konversionsprojekt mit dem Unternehmen Juwi und dem Umweltcampus Birkenfeld produziert heute mit Bio-, Wind-­ und Sonnenenergie das Dreifache des Strombedarfs der rund 12.000 Bewohner. Dieser Anteil an der Versorgung mit Elektrizität besteht bisher aber nur rechnerisch, da Produzenten in Morbach und Trendelburg genauso ins öffentliche Netz einspeisen wie alle anderen auch.

Ein fast schon klassisches Beispiel ist die Gemeinde Furth bei Landshut. Bereits 1982 wurde dort der erste „Sonnenenergietag“ veranstaltet. In dem katholischen 3.500-Seelen-Ort setzte sich 1996 mitten im tiefschwarzen Niederbayern ein Grüner als Bürgermeister durch: Dieter Gewies, der bis heute immer wieder in diesem Amt bestätigt wurde. Das Dorf setzte besonders auf Photovoltaik und wirbt rührend mit dem Spruch „Ein Platz an der Sonne“. Furth ist eine von hundert europäischen „Hundert-Prozent-Gemeinden“, die ein Anschubprojekt der Europäischen Union als Modellgemeinden empfiehlt. Dort steht auch das erste deutsche Hackschnitzelheizwerk mit Brennwerktechnik und Solarunterstützung sowie ein Biogaskraftwerk, das elf Familien mit Wärme versorgt.

Wesentliche Triebfeder für den Boom in der nachhaltigen Stromproduktion ist das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG), das zuverlässige Investitionsbedingungen schafft. Wer 2009 eine Photovoltaikanlage errichtet, weiß genau, dass er zwei Jahrzehnte lang für jede eingespeiste Kilowattstunde 43 Cent erhält. Schon ein Einfamilienhaus mit drei Kilowatt installierter PV-Leistung kommt so im Jahr auf 1.000 und mehr Euro. Auch den Kommunen geht es nicht zuerst um den Klimaschutz, sondern um den lokalen Nutzen. Nur welche Wege nimmt das Geld genau? Burkhard Zschau, Projektleiter der Energie Ressourcen Netzwerk GmbH, die im Erzgebirge „100-Prozent-Kommunen“ betreut, vermisst hier handfeste Fakten. Deshalb entwickelt er, wissenschaftlich unterstützt, gerade Rechenwerkzeuge zu der Frage wie Kommunen am meisten von dem Geld profitieren.

Nur wenige sind autark

Autarkie bei der Energieversorgung behaupten bisher nur wenige Regionen. Probleme bei der Umsetzung gibt es genug: Sie kämpfen mit Schwierigkeiten bei der Koordination und mit Fördermittel-Engpässen – außerdem ergeben sich aus dem schwankenden Wind-, Wasser- und Sonnenangebot technische Probleme. Deshalb forscht das Institut für Solare Energieversorgungstechnik in Kassel fieberhaft am „Regenerativen Kombikraftwerk“, das verschiedene Energieformen zusammen bringt, um Lücken bei Wind und Sonne mit dem gezielten Einsatz von Biogas auszugleichen. Nachdem es bereits überregional gelungen ist, 36 Kraftwerke so zu steuern, dass die Lastkurve des Stromverbrauchs genau nachgebildet wurde, soll das gleiche bis 2013 konzentriert in der Modellregion Harz gelingen. Mit Speichertechniken und intelligentem Verbrauchsmanagement ist geplant, Strom-Überkapazitäten zu kanalisieren.

Sollte die Regionalisierung des Energiesystems weiter voranschreiten, dürften die Auswirkungen tiefgreifend sein. Wären Großstädte dann nicht nur bei Nahrungsmitteln auf das Land angewiesen, sondern auch bei der Versorgung mit Strom, Wärme und Treibstoffen, da sie selbst zu wenig Freiflächen besitzen? Würden Milliardensummen nicht mehr von ölexportierenden Ländern und Großkonzernen vereinnahmt, sondern überwiegend in ländliche Regionen fließen?

Noch ist das allerdings Zukunftsmusik. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen hat jüngst konstatiert, dass wir energiepolitisch vor einer Weichenstellung stehen: Würden die derzeit in Planung und Bau befindlichen Kohlekraftwerke realisiert, wären diese mit ihrem konstanten Grundlaststrom so unflexibel, dass nicht genügend Platz für nachhaltig erzeugten Strom im Netz bliebe. Ist der gesetzlich verankerte Vorrang der Erneuerbaren Energien weiter durchzusetzen, falls milliardenschwere Kraftwerksinvestitionen zu stranden drohen?

SPD und Union setzen sich ähnlich tatkräftig für den Bau neuer Kohlekraftwerke ein und geben dem politischen Druck der vier Großen nach: RWE, Eon, Vattenfall und EnBW. Trotzdem wird eine neue Bundesregierung hier Weichen stellen, weil es auch um die Zukunft der Atomkraftwerke geht. Folgt man den Prognosen des Bundesverbands Erneuerbare Energien, kämen bis 2020 47 Prozent des Stroms aus grünen Kraftwerken. Ob gemäß Atomausstieg ein Jahr später das letzte AKW vom Netz geht oder nicht, liegt in den Händen der nächsten Bundesregierung.

05:00 13.08.2009

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