Die Wiedergewinnung der Kindheit

Traumland der verlorenen Mitte Zsuzsa Bánks Debütroman "Der Schwimmer"

Er musste jetzt endlich anfangen: Die Produktion der Vergangenheit. Seine einzige Möglichkeit einer Art Selbstverwirklichung." Kurz vor dem Tod bläut sich Alfred Dorn noch einmal das Projekt ein, auf das er sich ein ganzes Leben vorbereitet. Wahnhaft sammelt er jedes wichtige Relikt seiner Familie. Eines Tages will er rekonstruieren, was durch die Zeitläufte vernichtet zu werden droht. "Nur beim Lesen und Schreiben ist es noch, wie es einmal gewesen ist" sagt er sich. Doch es bleibt beim Vorsatz für den ultimativen Lebenslauf. Am Ende stirbt der akribische Beamte in Martin Walsers Roman von 1991 ohne ein Testament.
Die Verteidigung der Kindheit ist kein westliches Projekt. Denn Vergessensangst ist es auch, gegen die das Geschwisterpaar Katica und Isti in Zsuzsa Bánks Debütroman Der Schwimmer ankämpft. Von einem Tag auf den anderen verlässt ihre Mutter die Familie, die in Ungarn ein unscheinbares Leben auf dem Land führt und geht in den Westen. Mit ihrem Vater Kálmán irren die Kinder in einer ziellosen Odyssee durch das Land. Von da an lastet ein Trauma auf den beiden: "Wir wollten niemand sein, den man vergisst, mühelos, niemand, von dem man sich entfernen kann, ohne Abschied, ohne Hindernis." Vielleicht muss die Ich-Erzählerin Katica im Nachhinein deshalb so detailliert von dem Leben der beiden erzählen. Denn auch für ihren Vater sind die Kinder nur "zwei Zusätze", die er duldete, aber nicht liebte.
Zsuzsa Bánk ist 1965 in Frankfurt am Main geboren. Ihr Buch ist ein neuerliches Beispiel für das nach 1989 grassierende Bedürfnis nach biographischer Verortung und Rekonstruktion zwischen Ost und West. Doch anders als in dem Debüt ihrer 1971 in Ungarn geborenen Kollegin Terezia Mora Seltsame Materie (1999) muss die Deutsche mit ungarischer Familiengeschichte sich nicht mit Verve an ihrem Land abarbeiten. Wie um sich des - bei einem Debüt üblichen - Verdachts zu erwehren, sie habe nur ihre eigene Lebensgeschichte verarbeitet, hat sie ihre Figuren in eine Vergangenheit zurückverlegt, die nicht die ihre sein kann: Ungefähr zwischen 1950 und 1960. Auch Ungarn und der Sozialismus kommen in dem Erstling der Redakteurin, die im Herbst 2000 mit diesem Text den Berliner open-mike-Literaturwettbewerb gewann, nur schemenhaft vor.
Bánks Protagonisten müssen nicht abrechnen. Nicht mit der Politik. Nicht mit den Menschen. Von ihrer Großmutter erfahren die Kinder Jahre später zwar, wie ihre Mutter zu "Kata Ringlos" wird, als sie ihre Flucht über Österreich nach Deutschland mit dem Ehering bezahlen muss. Doch hier erzählt nicht jemand, weil er den existentiellen Moment des Grenzübertritts, den Übergang ins Fremde verarbeiten will - so wie Ilja Trojanow in seinem Debüt über die Flucht aus Bulgarien Die Welt ist groß und Rettung lauert überall (Freitag 52/96). Oder weil etwas über die Erfahrung "zwischen den Kulturen" mitzuteilen wäre. Ihre Perspektive ist die der zu früh Zurückgebliebenen. Die Grenze zwischen Ost und West schmerzt, weil ihre Mutter dahinter verschwunden ist. Katicas Rückschau auf eine Kindheit zeichnet die Leerstelle im Bewusstsein, die die Flucht hinterlässt.
Der Verzicht auf drastische politische Botschaften hat seine Vorteile. Nebenbei, wie absichtslos, mit erstaunlicher erzählerischer Sicherheit führt Bnk in das Traumland der traumatisierten Kindheit. Das große "Wir" der Familie - Titel des ersten Kapitels - zerfällt in einen ständig wechselnden Reigen von Menschen: Die Großmutter Anna, die Cousine Zsófi, zu der sie nach Mutters Flucht für ein paar Jahre ziehen, Vaters neue Freundin Éva, die dann doch Karsci heiratet. Nach ihnen heißen die restlichen Kapitel. Bei jedem Abschied schrumpfen sie vom Zugabteil gesehen zu bunten Punkten in der Landschaft. Man hört von Kataci zwar vage Hinweise auf eine LPG. Die Ferienfreunde Tamás und Mihály werden als "überzeugte Genossen" vorgestellt. 1953 gibt es eine Schweigeminute im ganzen Land. Stalin, der Name wird nicht genannt, ist gestorben. Alle müssen stehen bleiben. Aber man ahnt nur vage, dass eine Zeitrechnung zu Ende gegangen ist. In einem Jahr, es muss wohl das Jahr des ungarischen Aufstands 1956 gewesen sein, rollen sogar die Panzer. Doch wie ihr Vater mit dem Messer unter der Wachstuchdecke kratzt, das ist den Kindern stärker in Erinnerung als jede Zeitgeschichte.
Wenn etwas von dem System kündet, dann ist es diese unendliche Schwere, die unsichtbar auf dem Land lastet und die Menschen zum Warten verdammt. Alle stehen sie und schauen und rauchen und warten - auf nichts. Die einzige Freiheit ist die durch das Land zu reisen. Als junger Mann ging Kálmán, der Vater von Katica und Isti, eines Tages einfach weg. Er verließ seine Mutter mit dem erstbesten Zug. Er hielt da an, wo ihm der blaue Himmel oder die grünen Felder gefielen und "wo immer ihm etwas sagte: bleib." Als ihn seine Frau verlässt, fängt er wieder an zu reisen. Wie wenig man dabei von der Stelle kommen kann, spüren seine Kinder, die notgedrungen mit müssen: "Wir lebten auf einem Kreisel, auf seiner Spitze, dort, wo man ihn dreht und losläßt, und wir, wir drehten uns mit ihm, immer auf der einen Stelle, immer unter demselben Himmel."
Katicas Erinnerung führt in einen vorpolitischen Raum und öffnet einen Kosmos des Alltagslebens der kleinen Leute: von Kindstod und erster Liebe, von der Arbeit auf dem Feld und in der Schokoladenfabrik. Der Autorin gelingt die schwierige Kinderperspektive. Sie bewahrt die Geheimnisse, die ihre Protagonisten nicht wissen können. Es muss mit Liebe und Eifersucht zusammenhängen. Aber keiner kann aussprechen, warum ihre Ferienfreundin Virag eines Tages Irén, die mit Mihály am Wasser sitzt, die Sandale vom Fuß zieht und ins Wasser wirft. Oder warum Éva auf ihrer eigenen Hochzeit plötzlich in Begleitung von Kalman und mit heruntergetretenem Saum auftaucht. Manchmal unterlegt Bánk ihren introvertierten Helden mit Wendungen wie: "und wir wussten nicht warum" zuviel ahnungsvolle Melancholie, die von dem unausweichlichen Unheil kündet, das noch jedes Ende der Kindheit einläutet. Bánks Debüt mag etwas zu lang und sanft geraten sein. Doch es ist eine Probe unaufdringlichen Könnens. Sie erzählt in einem langen ruhigen Fluss. In dem wie in kleinen, plötzlich auftauchenden Strudeln immer wieder das zentrale Motiv des Erwachsenwerdens treibt - Isti und Kataci lernen schwimmen.
Der Sozialismus sollte nach dem Willen seiner Vollstrecker eigentlich Zukunft produzieren. Mit Formeln wie Überholen, ohne einzuholen wurde ein qualitativer Sprung nach vorn suggeriert. Der blieb jedoch meist Illusion. Bank zeigt, dass man mit dem Gang zurück weiter kommen kann. Ihre Katica übt sich im nachholenden Erzählen. Natürlich weiß sie, wie schimärenhaft der Versuch bleiben muss, sich ihres Lebens zu vergewissern. Aber gegen die Wirklichkeit, die "ein Vernichtungsprozeß" ist, wie auch Martin Walsers Alfred Dorn klagte, hilft eben nur die Fiktion. Schon über den Verlust des Lebensmittelpunkts der Mutter halfen sich die Geschwister mit erfundenen Geschichten und ihren Träumen hinweg, die sie am Morgen neu zusammensetzten. Kein Wunder also, wenn Katica bei ihrer nachträglichen Wiedergewinnung der Kindheit einmal zweifelt, "ob es uns wirklich so gegeben hat, wie ich es denke, uns oder die anderen." Nach der Flucht wussten ihre Kinder jahrelang nichts mehr von ihrer Mutter. Diesen Rückstand, von dem die beiden dachten, dass sie ihn "nicht mehr aufholen würden" hat sie damit nicht aufgeholt. Aber auf eine neue Ebene gehoben. Mit ihrer Produktion von Vergangenheit schafft sie sich den biographischen Zusammenhang, der ihr verwehrt blieb. Mag sein, dass er auch nur eine Illusion ist. Immerhin wäre sie ihre eigene.

Zsuzsa Bank: Der Schwimmer. Roman. S.Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2002, 287 S., 18,90 EUR



00:00 23.08.2002

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