Die Windmacher

"Hitler geht immer" Eine mediale Großkoalition wirbt für den Film "Der Untergang"

Natürlich kennt jeder ein paar Filme, die man gesehen und ein paar Bücher, die man gelesen haben muss. Die Kriterien dafür, was zum "Muss" wird, sind freilich ziemlich vage. Im Gegensatz dazu gibt es verlässliche Maßstäbe dafür, was man nicht sehen und nicht lesen muss. Bücher, die in der Bild-Zeitung lobend besprochen oder gar vorweg abdruckt werden, taugen nicht einmal als Notration für schlechte Zeiten. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass man einen Film nicht sehen oder ein Buch nicht lesen muss, ist das Drumherum im Vorfeld. Wenn die Werbung schon Wochen zuvor im Privatfernsehen, in den heruntergekommenen Kulturprogrammen der öffentlich-rechtlichen Sender und in den Zeitungen ihre Trommeln lärmen lässt, dann spricht in der Regel langjährige Erfahrung gegen einen Kinobesuch. An diesem Kriterium gemessen, verdient der neueste Hitler-Film nur Nichtbeachtung, selbst wenn der Film-und Geschichts-Kenner Helmut Kohl per Bild ausrichten lässt, der Film habe ihn sehr betroffen gemacht.

Im Falle des Hitler-Films von Bernd Eichinger, Oliver Hirschbiegel und Joachim Fest kommt erschwerend hinzu, dass das Melodrama über die letzten Tage des Diktators auf Aufzeichnungen von Hitlers Sekretärin Traudl Junge beruht. Was kann die Perspektive von subalternem Personal dazu beitragen, die Geschichte des Nationalsozialismus oder das Monströse Hitlers zu begreifen? Nichts. Es ist die Perspektive von "psychologischen Kammerdienern" (Hegel), die notorisch nichts verstehen, aber alles - das Großartige wie das Verbrecherische in der Geschichte - nivellieren und grau in grau anstreichen. Was versteht man von Hitler, wenn man weiß, dass er am 21. Dezember 1924 - einen Tag nach der Entlassung aus der Festungshaft in Landsberg - Fritz Langs Film Die Nibelungen gesehen hat?

"Sex sells", sagen Filmproduzenten in den USA. In großen Teilen der deutschen Medienlandschaft heißt es: Hitler geht immer. So nimmt mediale Uniformität Formen an. Wenn Frank Schirrmacher (FAZ) ein Meisterwerk aufspürt, ist Vorsicht geboten, rief er doch vor einigen Jahren schon Walter Kempowskis monumentale Textkompilation Echolot ultimativ zum Meisterwerk aus. Dass ihm die Bild-Zeitung in beiden Fällen folgte, war absehbar.

Die intellektuelle Nivellierung gedeiht unter diesen Umständen prächtig - im Sommer druckte Bild Schirrmachers Machwerk Methusalemkomplott ein Woche lang vorab. Wenn es noch mit rechten Dingen zu und her ginge, hätten die FAZ-Herausgeber-Kollegen Schirrmacher wegen Rufschädigung davon jagen müssen. Das Gegenteil trat ein. Zusammen mit dem Spiegel, der Springer-Presse und der Süddeutschen Zeitung schmiedete das FAZ-Feuilleton eine publizistische Einheitsfront für die vermeintlich "bewährte Rechtschreibung" und gegen die halbherzige Reform. Mit pathetischen Beschwörungen wurde vor dem Untergang des Abendlandes gewarnt und mutig für das Phantom "Rechtschreibfrieden" gekämpft, während Otto Schily, der Minister für Lagerbau und Abschiebung, den Asylsuchenden und Flüchtlingen - fast ungestört von Kritik - einen richtigen Krieg ankündigte.

Die mediale Großkoalition von Hamburg über Berlin bis Frankfurt bewährte sich im September erneut in der Abwehrschlacht gegen das Caroline-Urteil (der Süddeutschen Zeitung war es offenbar etwas zu ungemütlich geworden in der Boulevard-Runde). Der Europäische Gerichtshof hatte die Papparazzi-Presse in die Schranken verwiesen und die Privatsphäre besser geschützt. Darin sahen die Windmacher von Spiegel und Bild, bis FAZ und Neue Revue Zensur und einen Angriff auf die Pressefreiheit. Die aggressiv geführte Kampagne brach schnell zusammen.

Die neueste Hitler-Welle übertrifft nicht nur bei der Uniformierung von Meinung alles Vorangegangene - Gleiches gilt für die Einebnung von Unterschieden zwischen Boulevard und Journalismus. Es ist dabei weniger eine Verharmlosung Hitlers zu befürchten, wohl aber eine fortschreitende intellektuelle Auszehrung der Presse.


00:00 24.09.2004

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