Die Wölfin

Porträt Meral Akşener war Dozentin und machte spät Karriere in der Politik. Jetzt fordert sie Präsident Erdoğan heraus
Die Wölfin
Als moderate Laizistin verteidigt Meral Akşener das Parlament gegenüber Erdoğans Präsidialsystem

Foto: Mustafa Kirazli/Getty Images

In der türkischen Mythologie ist von „eisernen Bergen“ die Rede, von denen die Heimat umschlossen sei, sowie von einer Dürre, die das Heimatland unbewohnbar mache. Doch rettet ein weiblicher Wolf die türkischen Nomadenclans, indem er sie durch geheime Höhlen unter den „eisernen Bergen“ führt. Diese Wölfin heißt Asena. Nationalistische Türken betrachten sich als deren Nachkommen und nennen sich deshalb „Graue Wölfe“.

Als sie 40 Jahre alt wurde, war der Name Meral Akşener (geboren 1956) in der türkischen Politik niemandem geläufig. Selbst auf İzmit in der nahe Istanbul liegenden Industrieprovinz, in der Akşener aufwuchs, traf das zu. Bei den Grauen Wölfen sind militante Frauen eher eine Seltenheit, doch Meral Akşener war genau das und ließ sich deshalb „Asena“ rufen. Nach ihrem Geschichtsstudium hatte sie eine sozialwissenschaftliche Dissertation geschrieben, arbeitete als Lehrbeauftragte an der Yıldız- und Marmara-Universität, bis sie 1994 in die Politik wechselte. Sie landete nicht wie erwartet in der Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP), sondern im Mitte-rechts-Lager, in der Partei des Rechten Weges (DYP). Die hatte in den 1990er Jahren mit dem Staatspräsidenten Süleyman Demirel einen prominenten Führer, der dafür sorgte, dass in der Partei zwei relativ unbekannte Frauen aufstiegen. Eine davon war Tansu Çiller, 1993 die erste Ministerpräsidentin des Landes. Die andere – Meral Akşener – übernahm 1996 das Innenministerium, was im Land mitnichten Begeisterungsstürme auslöste. Die Menschen litten nicht nur unter einer Inflationsrate von 1.700 Prozent und einer angeschlagenen Wirtschaft. Die PKK hatte sich in eine Position gebracht, die es ihr erlaubte, die kurdische Bewegung in Gänze zu repräsentieren. Ihr Ansehen in Südostanatolien war enorm gestiegen. Für eine Premierministerin, mehr noch eine Innenministerin, eine Zeit der Albträume. Prompt nahm die Generalität Çiller und Akşener die Staatszügel aus der Hand und begann, die Kurdenfrage militärisch und unter Verzicht auf rechtsstaatliche Prinzipien zu lösen. Akşener tolerierte das nicht nur, sie lieferte auch die passende Semantik, indem sie PKK-Führer Abdullah Öcalan eine „armenische Brut“ nannte und damit eine rassistisch wie nationalistisch aufgeladene Stimmung anheizte.

Als Ende der 1990er Jahre der Pflug durch die Parteienlandschaft fuhr und mit der AKP ein Anwalt des politischen Islams auf der Bildfläche erschien – just in dieser Phase verließ Akşener die DYP und verkündete, sich den AKP-Führern Erdoğan und Gül anschließen zu wollen, um es sich bald anders zu überlegen und auf den Laizismus zu setzen. 2001 trat sie, ganz im Stillen, in die nationalistische MHP ein, die Partei der Grauen Wölfe, und kehrte zu ihren Wurzeln zurück.

Sie tat dies nicht, um in dieser Männerpartei die graue Maus zu sein. Schon 2007 hatte sich Akşener so weit etabliert, dass ihr die MHP das der Partei zustehende Mandat einer Parlamentsvizepräsidentin übertrug, wofür sie sich mit kompromissloser Härte bedankte. Damit freilich wurde sie zur Konkurrentin für Devlet Bahçeli, den autoritären MHP-Vorsitzenden, der Akşener zu entmachten suchte, bevor sie zu viel Einfluss gewann. Prompt wurde sie bei den Wahlen im Juni 2015 nicht wieder als Kandidatin nominiert. Der herrschsüchtige Bahçeli ließ wissen: „Die Dame wird sich etwas erholen.“

Für Akşener begann umgehend das nächste Abenteuer: Sie tingelte von Wahlbezirk zu Wahlbezirk und rief die MHP zu einem außerordentlichen Kongress auf, was einer Kampfansage an den bis dato kaum zu erschütternden Bahçeli gleichkam. Der verstieß die Abtrünnige, wobei ihm zugutekam, dass Staatschef Erdoğan nach 14 Jahren AKP-Herrschaft Mitte 2015 die absolute Mehrheit verlor und neue Allianzen brauchte. Mit Bahçeli, dessen Stuhl wegen der parteiinternen Opposition wackelte, kam es zu einer nach und nach offen zutage tretenden Annäherung. Erdoğan sorgte dafür, dass ihm hörige Gerichte Entscheidungen fällten, die Akşeners MHP-Karriere beendeten. Doch war deren Rückhalt im nationalistischen Lager derart gewachsen, dass es sich anbot, eine Partei zu gründen, die MHP-Dissidenten ebenso anzog wie die Unzufriedenen anderer Gruppierungen.

Am 25. Oktober 2017 war es so weit, dass die neue Formation unter Führung Meral Akşeners ausgerufen wurde: die İyi Parti (Gute Partei). Ein ungewöhnlicher Name, der einige Akzeptanz findet, wie der Erfolgskurve bei Umfragen zu entnehmen ist. Die Zehn-Prozent-Hürde dürfte bei den 2019 fälligen Parlamentswahlen leicht zu nehmen sein. Fest steht, dass für die MHP, die nach der Suspendierung von Akşener ausblutet, der Part eines Erdoğan-Reservisten nicht von Vorteil ist, wovon die İyi Parti profitiert.

Mit ihrer nicht islamischen Programmatik bekennt sie sich zu einem Laizismus, wie ihn nationalistische Wähler durchaus teilen. Für die AKP zieht damit ein Gegner durch die Arena, der die absolute Mehrheit kosten kann. Als moderate Laizistin und moderate Nationalistin verteidigt Akşener vehement die Rechte des Parlaments gegenüber Erdoğans Präsidialsystem, was ihr unzufriedene AKP-Wähler ebenso zutreiben kann wie die Anhänger der sozialdemokratischen Republikanischen Volkspartei (CHP). Warum sollte sie 2019 nicht als Bewerberin um die Präsidentschaft für Furore sorgen? Das muss nicht nur ein politisches Manöver, sondern kann auch das Zeugnis einer Wandlung und Reife sein.

Aydın Engin arbeitet als Theaterregisseur und freier Journalist in Istanbul, u. a. als Kolumnist der Zeitung Cumhuriyet

Übersetzung: Gülcin Wilhelm

06:00 05.03.2018

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