Thomas Ahbe
20.10.2006 | 00:00

Die Wolkenschieber am Wertehimmel

Massenoper Wie Diskurs-Regisseure den Zeitgeist wandeln

Der Zeitgeist ist wandelbar. Politische Umbrüche, Erfindungen und Gesetze, deren Nachhaltigkeit sich auch in ihren volkstümlichen Etikettierungen niederschlagen, beeinflussen ihn. Doch seine Tendenz erhält er erst durch Intellektuelle und Künstler, durch Redaktionen und Verlage, die den Ereignissen diese oder jene Bedeutung verleihen. Sie sind die Wolkenschieber am Wertehimmel. Ihr tagtägliches Tun läßt einst gängige Deutungen und Bewertungen von Gesellschaft allmählich in den Schatten treten und dafür andere Deutungsmuster und Werte (wieder) zum Leitstern der Bevölkerung werden: Gerechtigkeit oder Freiheit, Verfassungspatriotismus oder Leitkultur, sozialer Fortschritt und Emanzipation oder bewährte Ordnung und Konservativismus. Am Wertehimmel über uns schieben und zerren ganz profan die Zeitgeistkonstrukteure herum. Sie tun das in verschiedene Richtungen, damit jeweils ihre Werte zum Leitstern für die Mehrheit werden.

Der Zeitgeist ist wandelbar. Aber nicht leicht. Es scheint unmöglich, die unterschiedlichen Intellektuellen bei der Formung des Zeitgeists in eine Richtung zu lenken. Einmal abgesehen von der informellen Zensur und der sehr einseitigen Fließrichtung des großen Geldes sind die Einwirkungen auf den Zeitgeist ausbalanciert. Jedes Lager hat sein Widerlager, jeder Hall findet Widerhall. Große Spieler nähren immer auch ihre Gegenspieler. Und umgedreht. Der Diskurs wirkt wie eine Massenoper - aber ohne Regisseur. Bisweilen verleiht man den Zeitgeistkonstrukteuren auch Preise. Doch die bekommen immer nur die großen Mimen. Dabei zeigen sich auch im Regiefach große Talente. Sie illustrieren, dass es - um den Zeitgeist zu beeinflussen - nicht immer eines Zehn-Millionen-Jahresbudgets bedarf, welches die Initiative "Neue Soziale Marktwirtschaft" jahrein und jahraus für ihre Daily Soap Glücklich durch Reformflexibilisierung aufwendet. Offensichtlich kann man auch ohne solche Summen, sondern durch geschickte Regie, die vielen, üblicherweise gegeneinander oder aneinander vorbei arbeitenden Solisten zu einer Ensembleleistung bringen, die die Tendenz den Zeitgeists verändert. Das wurde am Ende dieses Sommers deutlich, als sich die Ereignisse wie in einer guten Inszenierung zu einem suggestiven Bild fügten.

Die Vorgeschichte spielte sich hinter der Bühne ab. Zwei bedeutende Autoren - Günter Grass und Joachim Fest - waren gerade dabei, letzte Hand an die Publikation ihre Lebenserinnerungen zu legen. Beide Buchprojekte waren in besonderer Weise mit dem Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verbunden: Grass´ Beim Häuten einer Zwiebel sollte ganz aufwendig in der am 19. August erscheinenden Samstags-FAZ mit Autoren-Interview im Feuilleton nebst einer Tiefdruckbeilage mit Passagen aus Grass´ Erinnerungsbuch, mit Fotos und Zeichnungen des Autors vorgestellt werden. Und die Lebenserinnerungen von Fest waren für den 7. September als neuer Fortsetzungsroman des Blattes geplant. In der Feuilletonredaktion der FAZ war man über den Inhalt beider Bücher informiert und hier stimmte man offenbar auch ab, in welcher Weise diese Inhalte zum Ereignis werden sollten. Schon eine Woche vor der Vorstellung seines Buches nahm man ein Interview von Grass ins Blatt und ließ auf der Titelseite der FAZ die Bombe platzen. "Günter Grass: Ich war Mitglied der Waffen-SS. Der Literaturnobelpreisträger bricht sein Schweigen. Gespräch im Feuilleton" war die Überschrift der Spitzenmeldung auf Seite 1. Der nebenstehende Leitartikel von Frank Schirrmacher trug, als wolle das Blatt sich im Boulevardfach beweisen, die Überschrift: Das Geständnis.

In den darauf folgenden Wochen schmetterte ein vielstimmiger Chor ätzende Angriffs- wie flammende Verteidigungsreden durch die Diskursarena. In sämtlichen Medien ging es um Grass, den heimlichen SS-Mann, der als moralischer Zuchtmeister jahrzehntelang das Beschweigen und Bagatellisieren der nationalsozialistischen Vorgeschichte der Deutschen gegeißelt hatte - und der sich einen regelwidrigen Vorteil für Angriff und Verteidigung dadurch verschafft hatte, in dem er relevante Details aus seinem eigenen Leben verschwieg. Seit den Sechzigern hatte Grass als politisch eher links und antibürgerlich engagierter Intellektueller immer wieder die offizielle und informelle Vergangenheitspolitik der Deutschen kritisiert und den "Mief" der fünfziger Jahre mit "christlicher Heuchelei", "Spießigkeit" und dem deutschen konservativen, bildungsbürgerlichen Milieu assoziiert. Den derart unvorteilhaft Beschriebenen ist jetzt eine späte, aber dafür sehr wirkungsvolle Reaktion möglich: Anstatt die gegen sie gerichteten Vorhaltungen thematisieren zu müssen, können sie nun effektvoll ad personam argumentieren.

Noch während die Wortmeldungen um die Bewertung von Grass durch die Medien wogten, bereitete man in der FAZ den Start eines neuen Fortsetzungsromans vor, es waren die Lebenserinnerungen von Joachim C. Fest. Der Autor, zehn Monate vor Grass geboren, hatte sich wie jener seit Jahrzehnten als Intellektueller an den Deutungskämpfen um die nationalsozialistische Vorgeschichte der Deutschen und Deutschlands beteiligt - allerdings im konservativen Lager und in herausragender Position: Fest war von 1973 bis 1993 Mitherausgeber der FAZ und Leiter des Feuilletons. Inwieweit der damalige und der heutige Feuilletonleiter und Mitherausgeber des Blattes sich vorab über den Inhalt der Grassschen Lebenserinnerungen austauschten, und wann man sich entschied, ein Motiv aus dem dritten Kapitel von Fests Lebenserinnerungen als titelgebend zu nehmen, ist dem Autor dieses Beitrags nicht bekannt. Als am 7. September die erste Folge von Fests Lebenserinnerungen erschien, wirkte der Buchtitel wie ein Beitrag zur Grass-Debatte: Ich nicht.

Nun hatte die FAZ gewissermaßen zwei Fortsetzungsromane im Blatt: Der eine, Fests Ich nicht, erschien täglich und kündete von der bewährten Moral eines Konservativen. Der andere war die Grass-Debatte. In diese so arrangierte Konstellation fällt nach vier Tagen die Nachricht vom Tode Joachim Fests. Der Verstorbene wird Thema in fast allen Medien. Die Nachrufe auf ihn und auch auf seine publizistischen Auseinandersetzungen mit der Linken der Bundesrepublik beziehen aus der Grass-Debatte zusätzliches Feuer. "Der stets umstrittene Joachim Fest war die Gestalt gewordene Geradlinigkeit, während der lärmende Günter Grass, das penetrante Gewissen der Nation, in Wahrheit der Krumme war, der über dramatische Konversionen und hässliche Geständnisse keinen Atemzug verlor, um weiterhin alle zu belehren und jeden anderen zu bepöbeln, der im Verdacht stand, konservativ zu sein oder gar bürgerlich", heißt es am 12. September im Spiegel online.

Die auf Person und Werk des Verstorbenen bezogenen Absolutheitsbegriffe, die Fests Nachfolger Schirrmacher unter dem Druck des Ereignisses aus der Feder flossen - und die den Verlustschmerz ebenso wie die Erhebung der Vaterfigur zum Säulenheiligen des Blattes anzeigen - sollen hier nicht wiedergegeben werden. Instruktiv genug sind auch andere Zuschreibungen, die Fest "Würde", "glasklare Geistesschärfe", "Disziplin" attestieren und seinen mit dieser Haltung geführten Kampf "gegen Konformismus und Gutmenschentum" zu einer posthumen "Intervention in Sachen Grass" machen.

Auch andere Autoren der Ausgabe lenken den Glanz der Nachrufe in Schlaglichter auf die deutsche Linke um. "Fest war", so schreibt Arnulf Baring, "der festen Überzeugung, der Nationalsozialismus sei im Kern Wirklichkeitsverweigerung gewesen. Sie meinte er auch in unserer Gegenwart vielfach zu erkennen. Er ... dachte dabei besonders an linksintellektuelle Meinungsführer. Unerträglich waren ihm im Lichte unserer Erfahrungen Zeitgenossen mit Visionen, Utopien. Nicht von ungefähr trug er einen Zettel mit den Worten seines Vaters: Ertrage die Clowns!" Drei Tage danach, am 15. September, erscheint Grass in einer fünfspaltigen Karikatur der FAZ tatsächlich als Witzfigur. Im zugehörigen Beitrag werden gar Thomas Manns angestaubte Betrachtungen eines Unpolitischen in Stellung gebracht: "Das ätzend-hellsichtige Porträt eines Zivilisationsliteraten, mit dem Bruder Heinrich Mann gemeint ist, liest sich wie ein Kommentar zu Grass." Dann folgt das eitel-gehässige Urteil Thomas Manns über den Typus von Künstler, der sich politisch engagiert. Dieser habe "Scham, Selbstbezweiflung und Ironie verlernt", diese Haltung sei "stockfeierlich ... aggressiv bis zur Tollheit und ihre Selbstgerechtigkeit schreit zum Himmel." Als Fazit von Thomas Manns Überlegungen zur angemessenen Haltung des Künstlers formuliert Edo Reents als Kontradiktion: "Menschlichkeit statt Ideologie."

Die Wolkenschieber am Wertehimmel haben im Spätsommer diesen Jahres am Beispiel zweier Personen - das beeindruckt breitere Publikumskreise immer am nachhaltigsten - ein Bild von zwei konkurrierenden Wertewelten entworfen. Der bis dahin unangreifbar wirkende linke Moralist wurde seiner Sünden bezichtigt und öffentlich verdammt und der Andere, vom milden Licht der Nachrufe Beschienene, heilig gesprochen. Verbunden wurde diese Präsentation mit verschiedenen Botschaften, retrospektiven und prospektiven. Die strahlende Figur Fest hilft, die Affinität des deutschen Bürgertums zu konservativen und rechtsautoritären Ordnungskonzepten - ohne die die Nazi-Herrschaft nicht errichtet worden wäre - zu überblenden. Und am Beispiel Günter Grass strapazierte man das Klischee von der engen Verwandtschaft der "politischen Utopisten, egal ob vom rechten oder linken Wegrand", wie es Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust in einem Fest-Nachruf formulierte. In dieser die Fest-Grass-Vergleiche durchziehenden Metaphorik erscheint die konservative bürgerliche Wertewelt als maßvolle Mitte, als vorbildliche Art des Denkens, Empfindens und Wertens. Wer sich nicht danach richtet, befindet sich dieser Lesart nach schon am "Wegrand" und orientiert sich an "Ideologie", die, wenn sie genügend Anhänger findet, in Chaos, Gewalt und Totalitarismus führt.

Die Wolkenschieber am Wertehimmel haben mit der permanenten Fest-Grass-Gegenüberstellung nicht nur die deutsche Vergangenheit in neuer Weise beleuchtet, auch die Gegenwart haben sie damit in besonderem Licht gezeigt. Die moralisch argumentierende Kritik an den strukturellen Verwerfungen der heutigen Gesellschaft, an der Ignoranz der Eliten und an einer politischen Praxis, die die Schwachen in der Gesellschaft niederdrückt, erscheint nun immer öfter als Äußerung von ungenügend ausbalancierten Persönlichkeiten, von "Gutmenschen", ein Terminus, den man gern im Zusammenhang mit Grass gebrauchte. Die anhaltende Diskussion der Widersprüchlichkeit in Grass´ Biographie - zuletzt durch Veröffentlichung und Kommentierung seiner Briefe an Karl Schiller in der FAZ vom 29. September - und die Kontrastierung mit der "Geradlinigkeit" Fests zeichnen ein bestimmtes Bild vom moralisch argumentierenden antibürgerlichen Kritiker. Als "Gutmenschen" erscheinen Leute, die sich ihre Biographie oder ihre Gefühlswelt nicht ausreichend angeeignet oder wesentliche gesellschaftliche Zusammenhänge nicht gründlich genug durchdacht haben - und eben aufgrund dieser persönlichen Konstellation meinen, die heutigen Macht- und Verteilungsverhältnisse in Frage stellen müssen zu.

Diese Verknüpfung der Ereignisse "Grass" und "Fest" fügt sich in den Trend ein, konservativ-elitäre Antworten auf die Fragen der Zeit zu geben. Während die Medien zu ergründen suchen, ob das Eva-Prinzip vielleicht doch ganz gut sei und die Politik bei den Hartz-IV-Empfängern noch ein weiteres Mal die Daumenschrauben anziehen lässt, erwägen die Spektabilitäten an der TU Ilmenau, sich wieder mit Talaren zu schmücken. Die Botschaft der letzten Monate hat eine klare Wertorientierung: Statt an Irrlichtern, solle man sich an wirklichen Leitsternen orientieren, nicht an Weltverbesserungsutopien, sondern an "natürlicher" Autorität, also an konservativer, liberal geläuterter Bürgerlichkeit. In diesem Sinne könnte die "Du-bist-Deutschland"-Kampagne bald eine weitere Anzeige schalten: "Du bist Joachim Fest".