Andrea Hanna Hünniger
16.08.2012 | 14:04 12

Die wollen nur reden

3. Generation Ost Gut, dass es euch gibt, liebe Mitbürger! Ihr habt jetzt auch ein Label gefunden. Toll! Wozu allerdings, ist uns unklar

In dritter Generation...“, das klingt wie das Ende. Das klingt nach den Letzten und den Erben. Nach Kindern auf jeden Fall. Und das sind sie ja auch. Es sind die letzten Kinder der DDR, zwischen 1975 und 1985 geboren, die sich jetzt plötzlich kollektiv als die Dritte Generation Ost bezeichnen. Ein komisches Label, nicht?

Denn in diesem Namen vereinen sich viele kleine Generationen zu einer Generation. Geht das zusammen? Haben diejenigen, die in der DDR noch FDJler waren oder ein Pioniertuch trugen, und diejenigen, deren Erinnerung an dieses Land so genau ist wie die an einen Traum, etwas gemeinsam? Wohl eher nicht.

Wahrheit oder Traum?

Meine Erinnerung jedenfalls ist so blass und vage, dass ich nicht weiß, ob sie nicht in Wahrheit tatsächlich einem Traum entspringt. Ein zur Komödie gewordenes Bild einer Welt, in der es einen Diktator gab, der gern schießen ging und eine Brille trug; eine Welt, in der alle sächsisch redeten und das Wetter immer sehr schlecht gewesen sein muss.

Oder, wie war das nochmal, Papa?

Und die Papas sagten dann den anderen aus der Dritten Generation Ost, wenn sie mal fragten, bestimmt auch, dass das heute ja wohl egal sei, er sich auch an nichts erinnern kann und jetzt mal bitte Zimmer aufräumen! Das hat meiner nämlich immer zu mir gesagt.

Die Alten hingen auf Schulbänken rum

Nun stellen sich die Kinder diese Frage selbst. Das ist gut. Sie wollen nicht mehr wissen, was die Eltern erlebt haben, sondern endlich: Was haben wir erlebt? In einer Zeit, als die Alten gewissermaßen abwesend in den Schulbänken der Umschulungsräume hingen und EDV lernten, saßen wir an der Bushaltestelle und fragten uns, was hier eigentlich vor sich geht.

Jeder Ostdeutsche oder das Kind von Ostdeutschen hat eine besondere Biografie, die sich auf einer seltsamen Unsicherheit aufzieht. Und sie verspüren ein Unbehagen, dem sie bisher kaum zu Größe verhelfen konnten. Sie sind keine Wohlstandskinder, keine Erben. Sie sind Aufsteiger.

Schlachtenbummler auf dem Minenfeld

Aufsteiger aus einer Jugend, die nicht stattfand. Die nicht da war. Die es nicht gegeben hat. Nicht in den Medien und nicht in den Köpfen und nicht in den Filmen, nur in vielleicht einer Handvoll Bücher. Wir saßen da und haben unsere Eltern bemitleidet, beschützt oder gehasst, weil die es nicht mal fertig brachten, einen Bankautomaten ordentlich zu bedienen. Als das Geld endlich rauskam, wirkten sie glücklich und schuldig. Wir Kinder standen stöhnend daneben, auf jenem Minenfeld, das die Neunziger waren, wie Schlachtenbummler.

Die neunziger Jahre – das ist ein weiß gebliebenes Jahrzehnt. Bis heute gab es diese Jugenderfahrung bis auf wenige Ausnahmen eigentlich nicht. Also tun wir die ganze Zeit selbst auch so, als wäre nichts passiert. Das Schweigen hat unser Bewusstsein beeinflusst.

Was kommt?

Gerade aus dieser vergessenen Jugend müsste doch nun etwas kommen! Gerade sie müssten doch nun etwas wollen! Bisher haben sie nur ihre Eltern gedacht und die beschützt und nie angeklagt. Woher diese Verweigerung? Die Dritte Generation Ost nun sagt: Wir wollen reden. Sie fragt: Woher kam eigentlich euer Bedürfnis nach Angleichung? Nach Vereinheitlichung? Lernen wir nicht in der Theorie, dass innerhalb einer Gesellschaft, unter einer Verfassung verschiedene soziale Prägungen aufeinandertreffen? Ist das nicht die Bedeutung von Pluralismus? Und heißt es nicht, dass dies eine Bereicherung ist für die Gesellschaft? Wir sollen endlich ankommen? Aber wo denn?

Diese Dritte Generation Ost erhebt sich nun und will erst einmal: reden. Darin ähneln sie den anonymen Alkoholikern oder dem, was man über die weiß. 20 Jahre aufholen, sich vom Schweigen wie von einer Sucht erholen, sich über die eigene Nichtexistenz hinwegsetzen. Aber: Eine Bewegung, die nichts will, ist ein Sportverein, um gleich noch einen Vergleich zu machen. Man freut sich, wenn in anderen Ländern Revolutionen gegen Machthaber stattfinden, die wir eine Woche zuvor noch nicht einmal kannten, und jubeln den Völkern zu. In unserem eigenen System aber sind wir die gefügigsten Untertanen, die man sich vorstellen kann. Der Idee von Widerstand wird hier jede Originalität abgesprochen.

Alles nur Therapie?

Wenn die Dritte Generation Ost aber nur eine therapeutische Nachholbewegung ist, dann muss sie tatsächlich erstmal reden. Am besten noch untereinander. Dann hat sie ihr Ziel erreicht: sich selbst.

Eigentlich aber hat sich doch gerade ein Tor geöffnet. Der lange auf der richtigen Seite stehende Turbokapitalismus muss sich rechtfertigen. Das Tor heißt Finanzkrise, Europa- und Bankenkrise, denn nun darf man sich wieder die Frage stellen: Leben wir in der besten aller Welten?

Wenn sich die dritte Generation Ost mal aufrafft, könnte sie eine wichtige Bewegung sein. Ein Resonanzkörper der Gegenwart und sagen: Wir haben uns jetzt 20 Jahre angestrengt, zu euerem komischen System dazuzugehören. Die Westdeutschen haben uns dabei immer mit Ignoranz gestraft. Nun sind unsere Eltern von Altersarmut bedroht, und wir selbst leben prekär von der Hand in den Mund. Vielleicht ist das die Gelegenheit, noch einmal von vorn anzufangen?

Andrea Hanna Hünniger wurde 1984 in Weimar geboren. 2011 veröffentlichte sie Das Paradies. Meine Jugend nach der Mauer

Kommentare (12)

Hans Springstein 16.08.2012 | 16:13

Guter und bedenkenswerter Text, sag ich als 1965 in der DDR Geborener. Zu welcher Generation gehöre ich da eigentlich?

Der Text ist ein guter Gegenpart zu dem Beitrag „Ich schämte mich, aus Marzahn zu sein“. Das Reden der Anja Görnitz kommt mir eher wie Gelaber vor. Solche Sätze wie "Erst seit ich etwas erreicht habe, gehe ich offensiv mit meiner Herkunft um. Jetzt könnte ich damit kokettieren, dass ich promoviert habe, obwohl ich aus Marzahn komme." lassen mich schaudern. da gibt es noch andere gruselige Aussagen, bzw. solche, mit denen die Interviewte sich selbst disqualifiziert, oder eben einfach selbst beschreibt.

Naja, die Konvertiten waren schon immer die Schlimmsten, auch wenn das für die bezeichnete Altersgruppe nicht so ganz passt, aber eben fast ...

Nietzsche 2011 16.08.2012 | 16:33

Meine Kinder inklusive meiner Nichten/Neffen sind alle zwischen 1980 und 1987 in der DDR geboren worden. Keiner von ihnen würde sich als Dritte Generation Ost bezeichnen. Meine Vermutung: Die Autorin fungiert als selbsternannte Sprecherin einer selbsterfundenen Generation.Wäre vielleicht ratsam, das Gespräch mit der Vätergeneration - sofern die Autorin nicht nur mit ihrem Vater im Gespräch war/ist - zu suchen (?). Aber es hat ja in den letzten Jahren mehrere Bücher von AutorInnen über ihre Kinderzeit in den 80ern in der DDR gegeben; getreu dem Motto "Nichts Genaues weiß ich mehr".

c wilke 16.08.2012 | 17:47

Ich habe ueberhaupt kein Problem damit, als 3. Generation Ostdeutschland bezeichnet zu werden. Die entscheidenden Erfahrungen dieser Generation sind eben nicht die DDR selbst, sondern die Phase danach.

Ich mag die Geschichte mit dem Bankautomaten! Jemand anders hat gesagt, dass es eine besondere Erfahrung ist, in der Pubertaet zu sein, wenn das ganze halbe Land auch pubertiert. Oh ja, wie wahr.

Die 90er waren einer Zeit von grossen Freiaeumen, weil sich keiner getraut hat, uns etwas vorzuschreiben; aber auch eine Zeit von wilden Konflikten, Scheitern und Orientierungslosigkeit. Einige von uns haben Drogen ausprobiert, von denen unsere Eltern nicht wussten wie sie riechen und was sie tun, und vielleicht nicht einmal wie sie heissen. Die Lehrer hatten keine Ahnung von den Burschenschaften und Nazis, die sich bei uns an der Schule ansiedelten. Die Annahme, dass die Aelteren Wissen haben, das stabilisierend wirken kann, lief fuer uns in den 90ern voellig ins Leere. Soziale Autodidakten.

wwalkie 16.08.2012 | 20:09

Damit wäre dies auch gesagt. Die next generation, bitte! Also die vierte, die zwischen 1985 und 1995 geborene. Und bitte bereithalten: die fünfte und vor allem die sechste, die Schuldenkrisengeneration, die völlig unschuldig die Sünden der minus zweiten, minus ersten, ersten, zweiten, dritten, vierten und fünften Generation übernehmen muss, sich aber nicht beklagen wird, denn sie muss ja an die nachfolgenden Generationen denken. Wenn die siebte Generation beginnt, sind die Träger der fünften Generation ja schon zwanzig Jahre alt. Da verlangt die sechste Generation schon Rechenschaft - oder? Oder erkennt sie, dass auch die Generationenfrage eine soziale Frage ist? Wenn das Generationendenken so weiter geht, wohl eher nicht.

gewissen 16.08.2012 | 22:24

aus jedem pups kann man ein pupsiges thema und einen pupsigen beitrag machen. abgesehen davon, dass selbst das thema ddr-wende nichts mehr hergibt. freue dich, dass du nun im kapitalismus leben darfst, geniesse in vollen zügen, verschliesse die augen, sofern dies noch nötig ist, vor dem was andere als kacke sehen, enjoy und basta!

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Ehemaliger Nutzer 17.08.2012 | 11:31

Lieber @WWALKIE,

ich hätte es nicht besser ausdrücken können. Im Kapitalismus gehört es eben einfach mit dazu sich ständig neu zu erfinden. Irgendwie muß man ja zu Geld und Aufmerksamkeit kommen, gelle :-) Der Mensch veranstaltet sein Leben lang ein Theater. Bis auf wenige Ausnahmen, die immer schon authentisch waren.

Auch haben wir bereits eine Generation. die sehr narzisstisch veranlagt ist. Die heranwachsende Generation beinhaltet bereits den Narzismus in seiner Vollendung. Das ist ja vom Kapital so gewollt. Ellenbogen gegen Ellenbogen und der Staat, die Politik befördert dies noch alles mittels Prävention in den Kindergärten!!!

Wenn alle so mit sich selber beschäftigt sind, können die Eliten derweil ihre Machtpläne verwirklichen und sich dem angenehmen Leben in SAUS UND BRAUS hingeben. Schöne neue Welt, in der wir da gerade hinein wachsen.

kenua 17.08.2012 | 11:56

Um die zunehmende Verarmung der Massen, den Sozialabbau und die ständigen Krisen des Kapitalismus kritikwürdig zu finden, braucht es kein Gedenken an die verflossene DDR.Wenn diese sogenannte dritte Generation die Verflossene noch im vernunftfähigem Alter erlebt hätte, wäre die Nostalgie gleich um einiges geringer, in etwa dem Prozentsatz, dem die heutigen Linken hier im Freitag noch geschönten Erinnerungen nachhängen.

EnidanH 17.08.2012 | 21:33

Tja...

nach diesem Text müsste ich mich in dieser so potenten, aber noch schweigsamen Dritten Generation Ost befinden.

Nur sind meine Erinnerungen um einiges konkreter, ich brauche auch nicht meine Eltern zu fragen oder will ständig reden, auch ist mir nicht danach gebauchpinselt zu werden, weil ich diese sagenumwobene Dritte Generation Ost bin.

Mir sind die Vorteile, die es für Kinder im Osten gab durchaus bewusst, z.B. so ein starkes Immunsystem durch Sozialisierung mit Kindern aller Schichten (außer Stasi-Kindern und Politik-Sprösslingen, die wurden dann doch nicht zu uns Bauern und Arbeitern geschickt).

Ich weiß noch, dass meine Eltern gutausgebildetet Akademiker waren, aber nicht viel verdienten, zumal sie keine getreuen Parteiisten waren.

Was ich aber eigentlich sagen will: der Narzissmus, der einem nach der Grenzöffnung bei einigen Westdeutschen auffiel, die Konsumsucht, das Statusgehabe... all das ist schon längst im Osten angekommen, vielleicht nicht gerade bei den vor 1980 Geborenen, aber bei denen, die dann kamen.

Ich sehe mich nicht als Aufsteiger, ich sehe mich als jemand, der das zweideutige Glück hatte aus einer Diktatur befreit zu werden, das eine macht einen hellhörig für Ungerechtigkeiten, das andere bietet die Möglichkeit den Mund aufzumachen, warum das eine Dritte Generation Ost aber nicht will oder tut ist mir rätselhaft.

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Ehemaliger Nutzer 17.08.2012 | 21:37

die Autorin ist die therapeutische Selbstthematisierung der "dritten Generation Ost" offenbar leid. Hat aber zu diesem Thema ein Buch herausgebracht.

Ist das nun eine doppelte Distanzierung?

Bei der ganzen Sache "wir müssen reden" gibt es für die Nachfahren nur ein Problem: eine sprachlose Elterngeneration.

Da möchte man den Ex-Ossis zurufen:

"Hey Leute, sprachlose Elterngenerationen gab es im Westen auch"

folglich reden die Generationen nicht mit - sondern übereinander und innerhalb der eigenen weiß eigentlich keiner mehr was das Thema sein könnte. Ach ja, da bleibt ja noch das fragmentierte Ich, ersatzweise meine Generation als Identitätskrücke.

Sowas endet wie immer im inhaltsschwangeren, letztlich aber sinnentleertem, Geschwätz.

Pappfassadenabriss 07.09.2012 | 10:26

ich wundere mich sehr über die einzelnen beiträge. ich möchte nur ein problem aufgreifen:

ideefix schreibt "hey luete, sprachlose elterngenerationen gab es im westen auch!"

ja, das kann sein, aber was bezwecken sie mit dieser aussage? - deswegen darf man jetzt im osten dies nicht problematisieren? wollen sie zum ausdruck bringen, dass die ossis mal aufhören sollten über sich nachzudenken, aufhören sollten zu denken, dass sie etwas besonderes sind, oder ihnen etwas besonderes widerfahren ist? woher kommt diese angst, dass da etwas besonderes sein könnte? und, nur weil es im westen nicht geklappt hat, aus der sprachlosen elterngeneration möglicherweise doch noch den einen oder anderen zum sprechen zu bringen, heißt es ja noch lange nicht, dass das jetzt hier auch so sein muss. ich verweise da gern auf den artikel von ines hildebrandt auf zeit.de.

es wundert mich, warum das anliegen einer gruppe auf so viel gegenwind stößt. die idee ist ja jenen ein sprachrohr zu geben, die ähnliche erfahrungen gemacht haben. ich verstehe gar nicht, warum es das nicht geben darf?

und, von (n)ostalgie ist innerhalb der dritten generation wirklich nichts zu spüren. in welchen beiträgen sehen sie das?