Die wollen nur reden

3. Generation Ost Gut, dass es euch gibt, liebe Mitbürger! Ihr habt jetzt auch ein Label gefunden. Toll! Wozu allerdings, ist uns unklar

In dritter Generation...“, das klingt wie das Ende. Das klingt nach den Letzten und den Erben. Nach Kindern auf jeden Fall. Und das sind sie ja auch. Es sind die letzten Kinder der DDR, zwischen 1975 und 1985 geboren, die sich jetzt plötzlich kollektiv als die Dritte Generation Ost bezeichnen. Ein komisches Label, nicht?

Denn in diesem Namen vereinen sich viele kleine Generationen zu einer Generation. Geht das zusammen? Haben diejenigen, die in der DDR noch FDJler waren oder ein Pioniertuch trugen, und diejenigen, deren Erinnerung an dieses Land so genau ist wie die an einen Traum, etwas gemeinsam? Wohl eher nicht.

Wahrheit oder Traum?

Meine Erinnerung jedenfalls ist so blass und vage, dass ich nicht weiß, ob sie nicht in Wahrheit tatsächlich einem Traum entspringt. Ein zur Komödie gewordenes Bild einer Welt, in der es einen Diktator gab, der gern schießen ging und eine Brille trug; eine Welt, in der alle sächsisch redeten und das Wetter immer sehr schlecht gewesen sein muss.

Oder, wie war das nochmal, Papa?

Und die Papas sagten dann den anderen aus der Dritten Generation Ost, wenn sie mal fragten, bestimmt auch, dass das heute ja wohl egal sei, er sich auch an nichts erinnern kann und jetzt mal bitte Zimmer aufräumen! Das hat meiner nämlich immer zu mir gesagt.

Die Alten hingen auf Schulbänken rum

Nun stellen sich die Kinder diese Frage selbst. Das ist gut. Sie wollen nicht mehr wissen, was die Eltern erlebt haben, sondern endlich: Was haben wir erlebt? In einer Zeit, als die Alten gewissermaßen abwesend in den Schulbänken der Umschulungsräume hingen und EDV lernten, saßen wir an der Bushaltestelle und fragten uns, was hier eigentlich vor sich geht.

Jeder Ostdeutsche oder das Kind von Ostdeutschen hat eine besondere Biografie, die sich auf einer seltsamen Unsicherheit aufzieht. Und sie verspüren ein Unbehagen, dem sie bisher kaum zu Größe verhelfen konnten. Sie sind keine Wohlstandskinder, keine Erben. Sie sind Aufsteiger.

Schlachtenbummler auf dem Minenfeld

Aufsteiger aus einer Jugend, die nicht stattfand. Die nicht da war. Die es nicht gegeben hat. Nicht in den Medien und nicht in den Köpfen und nicht in den Filmen, nur in vielleicht einer Handvoll Bücher. Wir saßen da und haben unsere Eltern bemitleidet, beschützt oder gehasst, weil die es nicht mal fertig brachten, einen Bankautomaten ordentlich zu bedienen. Als das Geld endlich rauskam, wirkten sie glücklich und schuldig. Wir Kinder standen stöhnend daneben, auf jenem Minenfeld, das die Neunziger waren, wie Schlachtenbummler.

Die neunziger Jahre – das ist ein weiß gebliebenes Jahrzehnt. Bis heute gab es diese Jugenderfahrung bis auf wenige Ausnahmen eigentlich nicht. Also tun wir die ganze Zeit selbst auch so, als wäre nichts passiert. Das Schweigen hat unser Bewusstsein beeinflusst.

Was kommt?

Gerade aus dieser vergessenen Jugend müsste doch nun etwas kommen! Gerade sie müssten doch nun etwas wollen! Bisher haben sie nur ihre Eltern gedacht und die beschützt und nie angeklagt. Woher diese Verweigerung? Die Dritte Generation Ost nun sagt: Wir wollen reden. Sie fragt: Woher kam eigentlich euer Bedürfnis nach Angleichung? Nach Vereinheitlichung? Lernen wir nicht in der Theorie, dass innerhalb einer Gesellschaft, unter einer Verfassung verschiedene soziale Prägungen aufeinandertreffen? Ist das nicht die Bedeutung von Pluralismus? Und heißt es nicht, dass dies eine Bereicherung ist für die Gesellschaft? Wir sollen endlich ankommen? Aber wo denn?

Diese Dritte Generation Ost erhebt sich nun und will erst einmal: reden. Darin ähneln sie den anonymen Alkoholikern oder dem, was man über die weiß. 20 Jahre aufholen, sich vom Schweigen wie von einer Sucht erholen, sich über die eigene Nichtexistenz hinwegsetzen. Aber: Eine Bewegung, die nichts will, ist ein Sportverein, um gleich noch einen Vergleich zu machen. Man freut sich, wenn in anderen Ländern Revolutionen gegen Machthaber stattfinden, die wir eine Woche zuvor noch nicht einmal kannten, und jubeln den Völkern zu. In unserem eigenen System aber sind wir die gefügigsten Untertanen, die man sich vorstellen kann. Der Idee von Widerstand wird hier jede Originalität abgesprochen.

Alles nur Therapie?

Wenn die Dritte Generation Ost aber nur eine therapeutische Nachholbewegung ist, dann muss sie tatsächlich erstmal reden. Am besten noch untereinander. Dann hat sie ihr Ziel erreicht: sich selbst.

Eigentlich aber hat sich doch gerade ein Tor geöffnet. Der lange auf der richtigen Seite stehende Turbokapitalismus muss sich rechtfertigen. Das Tor heißt Finanzkrise, Europa- und Bankenkrise, denn nun darf man sich wieder die Frage stellen: Leben wir in der besten aller Welten?

Wenn sich die dritte Generation Ost mal aufrafft, könnte sie eine wichtige Bewegung sein. Ein Resonanzkörper der Gegenwart und sagen: Wir haben uns jetzt 20 Jahre angestrengt, zu euerem komischen System dazuzugehören. Die Westdeutschen haben uns dabei immer mit Ignoranz gestraft. Nun sind unsere Eltern von Altersarmut bedroht, und wir selbst leben prekär von der Hand in den Mund. Vielleicht ist das die Gelegenheit, noch einmal von vorn anzufangen?

Andrea Hanna Hünniger wurde 1984 in Weimar geboren. 2011 veröffentlichte sie Das Paradies. Meine Jugend nach der Mauer

14:04 16.08.2012

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