Die Wollust des Leidens

Antisemitismus Cosima Wagners Tagebücher in neuer Leseausgabe

Fünftausend. Die Zahl taucht öfter auf. "Alle 5000 Jahre glückt es!", soll Wagner in der Nacht vor seinem Tod in Venedig seiner großen Liebe gesagt haben. Sie vermerkt es im letzten Eintrag ihres gewaltigen Tagebuchs. Dann noch, wie er zuletzt zärtlich den "Undinen-Wesen", "diesen untergeordneten Wesen der Tiefe" gedenkt, am Klavier noch einmal das Klage-Thema der Rheintöchter anschlägt: "Falsch und feig ist, was oben sich freut!" Dass materieller Besitz der Menschen Unglück ist, diesem revolutionären Gedanken hing er noch als Besitzender an. Falsch und feig fand Wagner die Welt, die seinem Werk zujubelte und die er doch gegen sich verschworen fand. Selbst seine Musik, zuletzt den "Parsifal", mochte er lieber lesen als hören. Den Glücksfall seines Lebens fand er in der entgrenzungsseligen Liebe zu jener illegitim geborenen Tochter Franz Liszts mit der Gräfin d´Agoult, die als 19-Jährige ihren Klavierlehrer geheiratet hatte, den als Pianisten und Dirigenten gefeierten Hans von Bülow. Zwei Töchter kamen bald, die dritte, Isolde, entstammte schon der Verbindung mit Wagner, 1867 folgte Eva. Doch erst Ende 1868 vollzog sie die Trennung von Bülow und zog Wagner in sein Schweizer "Asyl" bei Luzern nach. Am Neujahrstag 1869, kurz nach ihrem 31. Geburtstag, Klein-Siegfried trug sie da schon unterm Herzen, beginnt sie ihr Tagebuch: "Ihr sollt jede Stunde meines Lebens kennen, damit ihr mich dereinst erkennen könnt, denn sterbe ich früh, so werden die anderen gar wenig über mich euch sagen können, sterbe ich alt, so werde ich wohl nur noch zu schweigen wissen", trägt sie auf der ersten Seite ein. Und schon im nächsten Satz steht dann das zentrale Wort: "Ihr sollt mir helfen, meine Pflicht zu erfüllen."

Pflichterfüllung ist das Movens dieses ungeheuerlichen Textes, jener schließlich 21 Hefte, in denen sie in gespenstischer Konsequenz 14 Jahre, bis zum als Schock erlebten Tod Wagners, das Leben an der Seite des Genies mitschrieb, und danach kein Wort mehr. Tag für Tag protokollierte sie, Reisen (Deutschland, Italien, England), Lektüren (Shakespeare, Cervantes und Calderón, Schopenhauer und Gobineau, Goethe und die Griechen), Geldnöte und Sorgen um Bayreuth und das Werk, Schuldgefühle gegen den verlassenen Bülow. Politik, Besuche, Träume, und immer: ob "R." die Nacht gut geruht habe. Oft hat er nicht. Einmal hat auch sie Zahnweh, und die Fahrt zum Zahnarzt nach Dresden ist die einzige Lücke im Bericht, "weil mich R. dorthin nicht begleiten konnte."

5.000 eng beschriebene Blätter. Ihren eigentlichen Adressaten, "Fidi"- Siegfried, erreichten sie nie. Nicht dem einzigen Sohn, sondern der Tochter Eva schenkte Cosima diese Lebens- und Leidenschronik, 1908, zur Hochzeit mit dem Rasse-"theoretiker" Houston Stewart Chamberlain. Eva verfügte die Sperrung bis 30 Jahre über ihren eigenen Tod hinaus, und alle juristischen Versuche, diese wichtige Quelle wieder zum Sprudeln zu bringen, blieben vergeblich. Die Geschichte von Cosimas Tagebüchern ist eine Räuberpistole, ihre Veröffentlichung 1976 war eine Sensation: 5.000 Seiten aus dem innersten Wahnfried waren erstmals zu lesen. Werkstattberichte vom Abschluss der Götterdämmerung und der Entstehung des Parsifal, über Professor Nietzsches Besuche über "R.s" plötzliche Albernheiten ("ich bin dein Wahnfritz") und dauernde Leiden, sein "Qualhall" an Werk und Welt. Ehekräche und Versöhnungen. Intime Liebesbekenntnisse vor dem Einschlafen und eine in ihrer Permanenz bestürzende Todessehnsucht.. Und: Tränen über Tränen, es wird sehr viel geweint auf diesen Seiten.

Marion Linhardt und Thomas Steiert haben das ausufernde Ganze auf ein lesbares Fünftel gekürzt und mit einem radikal knappen, aber nützlichen Personenkommentar versehen. Dass nicht die Namen der Herausgeber, sondern der von Brigitte Hamann auf dem Titel steht, die ein zweieinhalbseitiges Vorwort beigesteuert hat, spekuliert ein wenig dreist auf die Prominenz der Historikerin (und Winifred-Wagner-Biografin). Linhardt und Steiert kürzen nicht in den Einträgen (die von höchst unterschiedlicher Länge sind), sondern springen in den Daten. Die Anschluss-Probleme, die sich daraus ergeben, sind zu verkraften. Irritierend manchmal die Ortswechsel. Aber die Wagners waren eben viel unterwegs, vor allem die Geldsammel-Tourneen für den Bau des Festspielhauses nehmen einigen Raum ein. Überall Ständchen für den Meister, Tannhäusermarsch, Meistersingers "Wacht auf!"-Chor am Wiener Bahnhof. Wagner erträgt die Wagnerianer nicht immer mit Fassung.

Eine Bonsai-Ausgabe des sonst kaum zu bewältigenden Werks, die alle wesentlichen Motive des Wagner-Universums der letzten Jahre enthält, auch deren bekanntermaßen Widerwärtigstes. Unter dem 18. Dezember 1881: "Er sagt im heftigen Scherz, es sollten alle Juden in einer Aufführung des Nathan verbrennen." Über derlei Scherze kann man nicht lachen; der Wagnersche Antisemitismus erscheint als durchaus nicht nebensächlich. Heftig weht der Geist des Ressentiments. So liest man eine der reichsten Quellen für die Musik-, Kultur- und Gesellschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts über weite Strecken mit stillem Grausen.

5.000 Dollar. Das war seinerzeit eine Menge Geld für einen Festmarsch. Frech gefordert von einem amerikanischen Festkomitee, das sich einen Originalwagner zur Hundertjahrfeier der Unabhängigkeit wünschte - und pünktlich bezahlte. Nun muss der Meister ran: "R. immer arbeitend, klagt darüber, daß er sich bei dieser Komposition gar nichts vorstellen könne, beim Kaiser-Marsch sei es anders gewesen, selbst bei Rule Britannia, wo er sich ein großes Schiff gedacht, hier aber gar nichts außer den 5.000 Dollars ..." Auch von den Mühen der Ebene wird berichtet, im Leben zwischen Götterdämmerung und Bühnenweihfestspiel, von nervigen Fans und eiternden Furunkeln, und viel vom Ungeist der Zeit. "alles Eisenbahn-Schablone!"

Cosima Wagner: Tagebücher. Eine Auswahl von Marion Linhardt und Thomas Steiert. Piper, München, Zürich 2005, 479 S., 24,90 EUR


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00:00 22.07.2005

Ausgabe 39/2020

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