Die Wurzeln der Kontinente

Verlorene Mangrovenwälder In den vergangenen Jahren sind Ökosysteme zerstört worden, die vielen Küstenregionen Südasiens Schutz boten

Viele der von der Flutkatastrophe betroffenen Küstengebiete am Indischen Ozean wurden bis vor wenigen Jahren von uralten Mangrovenwäldern geschützt, vorrangig in Bangladesh, Indonesien, Malaysia und Thailand. Mangroven sind die einzigen Bäume, die im Salzwasser überleben können - die Wurzeln der Kontinente in den Ozeanen.

Anfang der siebziger Jahre gab es weltweit noch rund 160.000 Quadratkilometer Mangrovenwälder. Hätten am 26. Dezember 2004 in vielen Regionen diese natürlichen Schutzwälle zwischen Meer und Land noch existiert, wären viele Menschenleben gerettet worden. Angaben von Greenpeace zufolge sind während der vergangenen 20 Jahre in Südasien über die Hälfte der Mangrovenwälder zerstört worden - begründet vorzugsweise durch den steigenden Verbrauch von Garnelen in den reichen Ländern des Nordens.

Garnelen sind begehrt und gelten als kulinarischer Hochgenuss, nur die wenigsten Konsumenten wissen, dass Garnelenfarmen heutzutage häufig billiger produzieren als Hühnerfarmen. Um die steigende Nachfrage zu bedienen, sind riesige Küstenflächen entwaldet worden. Anstelle der sensiblen Ökosysteme wurden industrielle Wasserbecken gebaut, um Aquakulturen zu züchten, so dass der Weg für Flutwellen frei wurde, die jetzt mit voller Wucht die Küstenzonen erreichen konnten.

Auch in deutschen Küchen werden immer häufiger Garnelen verarbeitet, aus Tiefkühlpackungen oder frisch vom Markt, auf dem Grill oder in Reistöpfen. Durch einen Fang auf offener See könnte der steigende Verbrauch uniformer, großer und billiger Garnelen nicht mehr gewährleistet werden, denn die wild wachsenden Bestände sind drastisch zurückgegangen. Hingegen können am Boden von intensiv genutzten Zuchtbecken auf nur 5.000 Quadratmetern etwa 500.000 Garnelen wachsen. Deutschland hat 2004 rund 30.000 Tonnen der schmackhaften Meerestiere importiert, größtenteils gezüchtete Warmwassergarnelen aus Thailand, Bangladesch und Indien.

Vielen der multinational operierenden Produzenten sind die Menschen, die in den Küstenregionen dieser Länder leben, ebenso gleichgültig wie der Zustand lokaler Ökosysteme. Wenn eine Garnelenfarm auf Grund von Krankheiten oder Verschmutzungsproblemen schließt, haben die Eigner längst einen ausreichenden Gewinn verbuchen können, um an anderer Stelle neu anzufangen. Wieder einmal waren es am 26. Dezember nicht die Konsumenten in den reichen Ländern oder die transnationalen Aquakultur-Unternehmen, die den höchsten Preis für ökonomischen Raubbau an der Natur zahlen mussten - es waren die Bewohner kleiner, verarmter Fischergemeinden. Menschen, die in den unterentwickeltsten Regionen Asiens lebten. Erst wurde ihre Umwelt zerstört, dann starben sie in den Fluten.


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00:00 07.01.2005

Ausgabe 38/2020

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