Die Wut der anderen

Türkei Die Opposition liegt am Boden. Wer sich gegen Präsident Erdoğan und seine Partei AKP auflehnt, riskiert auch anderthalb Jahre nach den Gezi-Protesten viel
Julian Vetten | Ausgabe 52/2014 3
Die Wut der anderen
Protest gegen die Staatsgewalt hat hier Tradition: auf dem Istanbuler Taksim-Platz
Foto: Konstantinos Tsakalidis/Demotix/Corbis

Musa Mert Sumeli ist ein Mann mit ausgesuchten Manieren und einer Vorliebe für türkischen Weißwein, vor allem aber den Fußballverein Beşiktaş Istanbul. Wenn er über die Vorzüge ostthrakischer Trauben spricht, tut er das mit sanfter Stimme und einem feinen Lächeln. Sobald es um Fußball oder Politik geht – und für Sumeli gibt es da kaum einen Unterschied – fangen seine kastanienbraunen Augen Feuer, und man bekommt eine Ahnung davon, wie es der Mittvierziger an die Spitze der Çarşı genannten Beşiktaş-Ultras gebracht hat. Es ist ein Feuer, das die türkische Regierung für so gefährlich hält, dass sie Sumeli und zwei seiner „Alten Brüder“, wie sich Çarşı-Anführer nennen, für immer einsperren will. Für den Staatsanwalt ist Musa Mert Sumeli Abschaum der übelsten Sorte; ein durchtriebener Provokateur. Mehr noch, ein unberechenbarer Terrorist, dem jedes Mittel recht zu sein scheint, um den Präsidenten Tayyip Erdoğan zu stürzen. Wer den Staat und dessen Autoritäten dermaßen missachtet, der hat nichts anderes verdient, als den Rest seines Lebens hinter Gittern zu büßen, sagt die Anklagebehörde.

Sumeli geriet ins Visier der Justiz, als die Polizei im Vorjahr immer rücksichtsloser gegen Proteste der Gezi-Park-Bewegung vorging. Damals griffen die Çarşı-Ultras auf ihr Know-how im Umgang mit der Staatsgewalt zurück – sie schirmten Demonstranten vor Polizei-Hundertschaften ab, stellten an neuralgischen Punkten Wassercontainer auf, um darin Tränengas-Granaten zu entsorgen, und versuchten sogar, mit einem Bagger vorrückende Wasserwerfer abzudrängen. Dennoch blieb das alles für Ultra-Verhältnisse erstaunlich friedlich, „um Erdoğan keine Angriffsfläche zu bieten“, wie Sumeli sagt. Dennoch wird ihm jetzt der Prozess gemacht und Widerstand gegen die Staatsgewalt zur Last gelegt.

Wohlstand wie nie

Während viele Türken mit den als saturiert empfundenen Oppositionsparteien wenig anfangen können, sprechen die Ultras genau jene Bevölkerungsschicht an, aus der die regierende Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) ihre Anhänger rekrutiert. Und die Ideen, die von den Çarşı propagiert werden, sind das Kontrastprogramm zu Erdoğans Weltsicht. Musa und seine Leute sind alles andere als religiös, sie lehnen Nationalismus entschieden ab, wollen eine pluralistische Gesellschaft und empfinden tiefes Misstrauen gegenüber einer Regierung, die von einem Kontrollwahn besessen ist. Dass sich die Ultras dann auch noch sozial engagieren und dem bedürftigen Teil der Istanbuler Bevölkerung zuweilen unter die Arme greifen, muss der Präsident als Wildern in seinem Revier empfinden.

„Natürlich wollen wir einen Regierungswechsel. Aber schau uns doch an: Sehen wir aus wie Rebellen oder Terroristen? Wir sind ganz einfach nur Fußballfans, die es satt haben, wie man uns behandelt“, regt sich Sumeli auf. Er zieht ein Tablet aus seiner Jackentasche: „Das sind unsere Jungs in Berlin“, sagt er und zeigt auf eine Gruppe junger Männer, die ein Transparent in einen grauen deutschen Herbsthimmel halten. Çarşı Alayına karşı ist darauf zu lesen, übersetzt: „Çarşı gegen das Regime“. Schon möglich, dass es dieser auch bei den Gezi-Protesten benutzte Slogan ist, der Sumeli vor Gericht zum Verhängnis wird.

Ob es denn für ihn keine deprimierende Vorstellung ist, nie wieder in einer lauen Spätherbstnacht unter der Bosporus-Brücke zu sitzen und einen guten Weißwein zu genießen? „Ich habe eine Scheißangst, dass es so sein wird. Aber viel mehr noch vor einer Türkei, in der jeder Erdoğan und seinen Lakaien zu Füßen liegt ...“

Viele sind es nicht mehr in Istanbul, die den Mut haben, für eine solche Überzeugung auf die Straße zu gehen und eine Verhaftung zu riskieren. Ende November kündigte Erdoğan an, es werde eine Renaissance der Gezi-Bebauungspläne geben. Gleichzeitig holte er sich parlamentarischen Zuspruch für das nochmals verschärfte Demonstrationsrecht. Öffentlich empörte sich niemand darüber, die Straßen blieben leer.

Eine, die jede Hoffnung auf einen Umbruch aufgegeben hat, ist Gülcin Melahat. Eigentlich heißt sie anders, doch aus Angst vor Repressionen will sie ihren richtigen Namen besser nirgends gedruckt sehen. Erst nach einem prüfenden Blick auf die Tischnachbarn eines vornehmen Restaurants im wohlhabenden Istanbuler Viertel Nişantaşı lässt sich die Bankerin in den weichen Sessel fallen, den ihr der Kellner anbietet. „Mittlerweile herrscht manchmal lähmende Angst. Wenn ich als Frau allein auf der Straße unterwegs bin, fühle ich mich unsicherer als früher.“

Melahat wäre eine Frau ganz nach dem Geschmack des weisen Staatsgründers Kemal Atatürk, liberal, gebildet, kultiviert, westlich orientiert, patriotisch, stolz auf ihr Land. Als Finanzexpertin verfolgt sie den Umbau des Staates zum islamisierten neo-osmanischen Universum mit Erschrecken und gibt sich keinerlei Illusionen hin. „Der Rückhalt für Erdoğan bleibt so gut wie unantastbar, solange die Wirtschaft prosperiert. Wir haben ein Jahrzehnt des Wachstums hinter uns. Das waren für die AKP glückliche Umstände zur rechten Zeit. Auch wenn vieles auf Pump erkauft worden ist – den einfachen Leuten bringt es mehr Wohlstand. So viel wie noch nie.“ Während sich frühere Regierungen nur um den privilegierten Teil der Gesellschaft kümmerten, profitieren seit Erdoğans erster Amtszeit als Ministerpräsident – sie begann 2003 – auch ärmere Schichten von den bescheidenen Gaben eines Wohlfahrtsstaates: Kaum befahrbaren Straßen, ständigem Stromausfall und verdreckten Wohngebieten stellt die AKP eine verbesserte Infrastruktur, Kraftwerke und Mülldeponien entgegen. Auch können sich die weniger Begüterten inzwischen einen Arztbesuch leisten.

„Die Türken waren seit Urzeiten daran gewöhnt, schlecht geführt zu werden. Was die AKP seit ihrem Regierungsantritt getan hat, ist heute fest im kollektiven Bewusstsein verankert. Und wer wollte es den Menschen verdenken, dankbar zu sein.“ Melahat verzieht ihr Gesicht zu einem bitteren Lächeln.

Griff nach den Sternen

So darf Tayyip Erdoğan im Prinzip tun und lassen, was er will, ohne dass seine Autorität darunter leidet, angefangen beim Wandel des Staates zur Autokratie über die Stigmatisierung jeder Opposition bis hin zu grotesker Vetternwirtschaft – nichts scheint das Vertrauen der Bevölkerung in Erdoğan zu erschüttern. Was sicher auch daran liegt, dass die meisten AKP-Anhänger Wertekanon und Weltbild den Informationen verdanken, die regierungskonforme Medien verbreiten. „Wir brauchen viel Zeit, um unsere Sünden von früher wiedergutzumachen – und genau diese Zeit haben wir nicht“, meint Melahat. So verharre man, wie viele Dissidenten, in lähmender Schockstarre und sei unfähig, einem unbesiegbar wirkenden Gegner Paroli zu bieten.

„Die türkische Opposition spottet jeder Beschreibung“, urteilt Gökhan Eşeli und meint damit nicht zuletzt den desaströsen Zustand seiner eigenen Partei. Die Republikanische Volkspartei (CHP), einst von Kemal Atatürk gegründet, ist von internen Rivalitäten zerrissen und taumelt orientierungslos von einer Wahlniederlage zur nächsten. Erst einen guten Monat vor der Präsidentschaftswahl Anfang August konnte sich die CHP auf einen eigenen Bewerber einigen.

So hoffnungslos die Zustände in seiner Partei auch sein mögen, so souverän präsentiert sich Eşeli selbst: Der ehemalige Diplomat mit einer auf Hochglanz polierten Glatze und dem perfekt sitzenden Anzug hat eine Vorliebe für dicke Zigarren und ein Flanieren in Gedankenwelten, in denen man ohne die üblichen Politikerfloskeln unterwegs ist. „Die Einstellung in der Bevölkerung ist folgende: ‚Klar sind die da oben korrupt. Aber immerhin arbeiten die von der AKP wenigstens hart. Was man von der Volkspartei nicht behaupten kann.‘ Und was soll ich sagen – sie haben recht.“

Erst die Gezi-Proteste im Frühjahr 2013 haben Eşeli in die Politik getrieben. Privat geht es dem 47-Jährigen gut, seine Medienunternehmen florieren – er hätte so weitermachen können wie bisher. „Die türkische Politik wirkt oft wie ein surreales Theater, da kann man nicht einfach zusehen und sich in Reserve halten.“ Aus Mangel an Alternativen trat er der CHP bei und kandidierte bei den Kommunalwahlen Ende März für das Amt des Bezirksbürgermeisters von Beyoğlu. „Das war eine Bewerbung um das Manhattan Istanbuls“, wie er den Bezirk nennt. Wer hier gewinnt und diese Gegend regiert, der empfiehlt sich als Stadtoberhaupt von Istanbul und kann nach ganz anderen Sternen greifen. Tayyip Erdoğan hat es vorgemacht.

Leider reichte es für Eşeli nicht zum ersehnten Durchbruch. Der Wahlkampf sei zu kurz und die steuernde Hand des aus Beyoğlu stammenden Präsidenten zu stark gewesen. Viel Protektion habe letztlich den Sieg des AKP-Kandidaten Ahmet Misbah Demircan garantiert. Doch konnte Eşeli mit seiner couragierten Kampagne für Aufsehen sorgen. Man nahm ihm das Versprechen ab, die nächsten Jahre der Politik und dem Widerstand gegen die Allmacht der AKP zu opfern. „Ich habe über die Konsequenzen nachgedacht und bin bereit, sie zu tragen, auch wenn sie mich vielleicht zum Paria machen“, sagt Eşeli. „Die Fehler früherer Regierungen werden von der heutigen wiederholt, nur auf andere Weise – und wenn das noch lange so weitergeht, endet es für die Türkei in einer Katastrophe.“

Trotz Gezi-Park-Bewegung sind Musa Mert Sumeli und Gökhan Eşeli eine verschwindende Minderheit. Das Land braucht Idealisten wie sie, damit die Alternative zu einer faulen und korrupten Regierung irgendwann keine fleißige und korrupte Regierung mehr sein muss.

Julian Vetten hat Islamwissenschaft studiert und arbeitet als freier Autor im Nahen Osten

06:00 07.01.2015

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