Die Wut des Riesenbabys

Amoklauf I Pubertätszeit ist Problemzeit. Warum die Verhältnisse in unseren Schulen immer wieder zu narzisstischen Explosionen führen - und damit zur Katastrophe

Darauf hatte er gewartet, darauf hatte er hingearbeitet. Ganz groß wollte er in die Medien kommen! Und die Rechnung ging auf. Tagelang in Bild über viele Seiten hinweg ein einziges großes Thema: Wie Tim K. im dunklen Kampfanzug die Albertville-Realschule in Winnenden stürmt und anschließend insgesamt 15 Menschen kaltblütig erschießt. Lasziv und wenig bekleidet blickt Chantal, die „attraktive Schülerin“, den Leser an. Einen Tag später schildert eine Klassenkameradin in Bild: „Ich sah meine Schulfreundin Chantal sterben“. Ob dies die kühnsten Phantasien des Täters waren, bei dem offenbar eine Liebeshoffnung enttäuscht worden war? Die Hoffnung eines kindlich wirkenden Jungen, den Mitschüler, so wird berichtet, „Riesenbaby“ nannten?

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Der Riese in diesem Baby hat sich nun gezeigt: Größenphantasien, ein gewaltiges und gewalttätiges Bedürfnis nach Kompensation, nach Rache. Doch wie kommt es, dass immer wieder unauffällige Schüler zu Massenmördern werden? Die Antwort ist nicht ganz so „unfassbar“, wie öffentlich gerne suggeriert wird. Mehr als 100 Schulamokläufe haben bisher weltweit stattgefunden. Täterprofile und Umstände gleichen sich fast exakt. Wir kennen die Art, wie diese Jugendlichen mit Medien umgehen, die bei ihnen immer eine zentrale Rolle spielen. Wir wissen vieles, wenn auch nicht genug, über ihre familiäre Situation, und wir wissen auch vieles über den Tatort selbst, nämlich die Schule.

Schuldige Schulen

Über etliche dieser Bedingungen wird gesprochen. Über andere kaum. Zum Beispiel seltener über die Schule. Junge Menschen sitzen im Laufe ihres Schülerlebens mindestens 10.000 Schulstunden lang im Unterricht. Über viele Jahre hinweg ist kein Umfeld für sie so wichtig und prägend wie die Schule. Sollte es denkbar sein, dass dieses Umfeld mit den schrecklichen Taten der Schulamokläufer nichts zu tun hat?
Betrachten wir zunächst einmal das typische Täterprofil, denn die Amokläufer sind eine besondere Sorte von Schülern, nämlich zumeist introvertierte Einzelgänger. Sie sind psychisch eher normal, wenn auch nicht selten depressiv. Keinesfalls handelt es sich um „verrückte“ Psychotiker. Im Kontrast zu ihrer eher verhuschten Unauffälligkeit steht jedoch etwas anderes: Schul­amokläufer sind im Inneren tief verletzt, sie verfügen über fast keinerlei Selbstwertgefühl, und weil das so ist, brodelt in ihnen eine gewaltige Energie.

Für sie gibt es nur ein einziges Ziel, nämlich die erlebte Ohnmacht in Macht umzumünzen, das Gefühl der Kränkung und der Niederlage in Überlegenheit und Kontrolle über andere zu verwandeln. Doch woher kommen diese schlimmen Minderwertigkeitsgefühle? Hier gibt es keine simplen Antworten. Aber es wäre wichtig, die Beziehungssituation in den Familien gründlich zu untersuchen. Irgendetwas ist hier schief gelaufen, wenn auch nicht notwendig wesentlich mehr als in anderen modernen Familien. Die in der gegenwärtigen Gesellschaft weit verbreitete Bindungsunsicherheit dürfte bei Schulamokläufern stärker ausgeprägt sein. Frühe Bindungen, Bindungen überhaupt, sind das unschätzbare Kapital, aus dem heraus wir sicher im Leben stehen. Wenn gute Bindungen fehlen, fühlen wir uns unsicher und wurzellos.

Pubertierende Problemfälle

Aber Selbstwertprobleme werden nicht nur familiär erzeugt. Ganz entscheidend werden sie verstärkt oder abgeschwächt durch spätere Erfahrungen. Und was geschieht hier an den Schulen? Werden dort vorgeschädigte und problematische junge Menschen aufgefangen und stabilisiert? Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Durchschnittliche Schulen nehmen eigentlich kaum zur Kenntnis, wen sie da vor sich haben: oft schwierige, labile, ängstliche, psychisch und psychosomatisch angeschlagene Kinder und Jugendliche. Schulen haben gar keine Zeit, sich solcher Probleme anzunehmen. Viel wichtiger ist es ihnen, den jungen Leuten in viel zu vielen Unterrichtsstunden viel zu viel „Stoff“ einzutrichtern, einen Stoff, der Jugendliche oft wenig interessiert.

Pubertätszeit ist aber auch Problemzeit! Der Schule aber kommt es auf Leistung an. Und dabei herrscht erbarmungslose Konkurrenz. Zur Zeit der Zeugnisausgabe laufen daher die Beratungstelefone heiß, denn auch, wer keine ausgesprochen schlechten Noten bekommen hat, kann sich gleichwohl tief gekränkt fühlen. Mitschüler, die „besser“ sind, gibt es fast immer.

Der Kriminologe Frank J. Robertz gruppierte die US-Schulmassaker seit 1997 nach Jahreszeiten. Statistisch gehäuft, so stellte er fest, traten sie in der Zeit der Zeugnisse auf. Doch die Note ist nur eines der Kennzeichen eines unsolidarischen Miteinanders, bei dem es viele Anlässe gibt, sich verletzt oder beschämt zu fühlen. Denn wie nicht anders zu erwarten ist, sind Schulklassen Spiegelbilder unserer Gesellschaft, und dort gilt zunehmend, dass der Rücksichtsloseste den Sieg davonträgt.

Unter den Schülern sind daher Mobbing und Ausgrenzung an der Tagesordnung. Es muss ja nicht immer „Happy Slapping“ sein oder die Bloßstellung in „Schlampenvideos“. Da wird der tätliche Angriff auf einen Mitschüler per Handy gefilmt, oder ein Mädchen in kompromittierender Situation, und das Opfer nach Möglichkeit im Internet herumgezeigt. Natürlich ahmen die Jugendlichen nur nach, was ihnen die Medienwelt der Erwachsenen vormacht. Alles zusammen: Die immer rücksichtsloser werdende Welt „draußen“, das Konkurrenzklima in den Schulen, die Feindseligkeit unter den Schülern ergänzen und verstärken sich gegenseitig. Das erzeugt Irritation, Angst und nicht zuletzt viel Wut.

Medienerprobte Mörder

Der Amokläufer von Emsdetten, Sebastian B., hat eine Art Testament hinterlassen: „Das einzigste, was ich intensiv auf der Schule beigebracht bekommen habe“, steht darin, „war, dass ich ein Verlierer bin.“ Als Motiv gibt er an, dass er sich an Mitschülern rächen wolle. An denen, die er als erfolgreicher betrachtete. Ähnliche Motive scheinen auch Tim K. in Winnenden bewegt zu haben und wahrscheinlich so etwas wie enttäuschte Liebe. Denn die Schule interessiert es überhaupt nicht, wenn ein Knabe sich nach der Nähe eines Mädchens sehnt und dabei kein Glück hat. Die Welt der Schule ist kalt.

Einer kalten Welt entflieht man in wärmende Phantasien. Man schafft sich vielleicht eine Ersatzwelt. Wo aber Bindung und Anerkennung und selbst Liebe innerlich nicht mehr erlebbar sind, da wird diese Parallelwelt hässliche Züge annehmen. Und genau an dieser Stelle springen die Medien ein. Alle Schulamokläufer haben sich intensiv mit diversen Gewaltmedien, mit Killer- und Ego-Shooter-Spielen beschäftigt, Tim K. offenbar noch kurz vor der Tat. Medien erfüllen für den Schulamoklauf eine dreifache Funktion: Sie beliefern die Täter mit regelrechten „Vorschlägen“, sie liefern eine Art Training für die Einübung des Tatablaufs und sie bieten Material für die phantasierte „Belohnung“, befriedigen den Wunsch, der Größte zu sein.

So mag die Wut, das Bedürfnis nach Rache und Omnipotenz, zunächst richtungslos sein. Die „Idee“, in welche Richtung die Wut gelenkt werden könnte, stammt aus den Medien. Seit Anfang der 90er Jahre, besonders nach dem Columbine-Massaker 1999, stieg die Anzahl der Taten sprunghaft an. Es kann von einer Art „Mode“ des Amoklaufens gesprochen werden. Diese Mode wird durch die Medien verbreitet und am Leben erhalten.

Aber auch die Einübung der Tat selbst vermitteln die Medien. Dies geschieht in Form eines Trainings. Dabei ist es nicht, wie oft angenommen, wichtig, ob bestimmte Medien das Aggressionsniveau erhöhen. Eher im Gegenteil: Es geht um eine Art von systematischer Desensibilisierung. Die Aggression kommt woanders her.

In der US-Army, darauf hat der amerikanische Oberstleutnant und Militärpsychologe David A. Grossmann aufmerksam gemacht, werden Programme eingesetzt, die wie Ego-Shooter-Spiele aufgebaut sind. Grossmann nennt sie „Tötungssimulatoren“. Ohne diese systematische Desensibilisierung wäre der Schulamokläufer nicht in der Lage, ganz cool den „Headshot“ zu verabreichen. Der Headshot ist in Ego-Shooter-Spielen ein Schuss in den Kopf, der viele Punkte bringt. Auch Tim K. hat wieder bevorzugt in den Kopf geschossen.

Schließlich liefern die Medien die erhoffte „Belohnung“. Der Amokläufer ist besessen von der Obsession, erfolgreich und berühmt zu werden. Monate oder gar Jahre im Voraus phantasiert er seinen großen Auftritt. Die Umsetzung gelingt aber nicht ohne die Medien. In unserer Kultur geht überhaupt nichts ohne die Medien. Nur wer von ihnen gesehen wird, ist wirklich „da“. Dabei spielt es immer weniger eine Rolle, aus welchem Grunde man in den Medien ist. Ein erfolgreicher Mörder zu sein, findet ebenfalls Bewunderer.

Ausgegrenzte Außenseiter

Freilich: Was auch alles zusammenkommt, es reicht nicht, um zwangsläufig Schul­amokläufer hervorzubringen. Bezogen auf die Gewaltkriminalität insgesamt sind solche Reaktionen extrem selten. Doch jedes psychologische Extrem ist der Gipfelpunkt eines Kontinuums. Unterhalb dieses Gipfels gibt es auch die „Fast-Schulamokläufer“ und die ungeheure Vielzahl derer, die unter dem Druck der Verhältnisse leiden und in ganz anderer Weise darauf reagieren.

Für wahrscheinlich alle Schulamokläufe gibt es konkrete Anlässe und Auslöser. Nicht immer sind diese bekannt. Doch immer dürfte es etwas geben, das das Fass zum Überlaufen brachte: eine als Angriff und ungeheure Herausforderung empfundene Kränkung. Und das narzisstische Seelchen eines „Riesenbabys“ bläht sich auf. Was folgt, ist die Explosion.
Schulen können zu einer solchen narzisstischen Explosion eine Menge beitragen. Besonders durch Ausgrenzung, durch die in das System eingebaute Selektion, durch Ausgliederung, durch Abschiebung. All das wird als soziale Ächtung empfunden, das Schlimmste, was jungen Leuten überhaupt passieren kann.

Weitere Infomationen zum Thema im Netz:

Till Bastian: „Gewaltig geschämt“, in: Jugend und Gewalt, Gehirn Geist report, 2007

Itzhak Fried: „Syndrome E“


Hans-Peter Waldrich ist Autor des Buches In blinder Wut. Warum junge Menschen Amok laufen, Köln 2007


Mehr Literatur zum Thema:

Martin Altmeyer: Im Spiegel des Anderen: Anwendungen einer relationalen Psychoanalyse, Psychosozial-Verlag, Gießen 2003

Frank J. Robertz und Ruben Wickenhäuser
: Der Riss in der Tafel, Amoklauf und schwere Gewalt in der Schule, Springer Verlag, Heidelberg 2007

Frank J. Robertz: School Shootings, über die Relevanz der Phantasie für die Begehung von Mehrfachtötungen durch Jugendliche, Verlag für Polizeiwissenschaft, Frankfurt am Main 2004

06:00 19.03.2009
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