Die Wutausbrüche des Rabbi Ovadia

Nahost Israel ist – anders als der Iran – eine echte Demo­kratie. Dennoch gibt es viele Gemeinsamkeiten

Der Journalist Gideon Levy schrieb gerade in der Zeitung Haaretz, er beneide die Iraner um ihren Willen zum Protest. Und tatsächlich: Jeder, der in diesen Tagen versucht, Israelis in größerer Zahl auf die Straße zu holen, wird grün vor Neid. Es ist sehr schwierig, selbst nur ein paar Hunderte gegen die üble Politik unserer Regierung zu bewegen. Nicht etwa, weil die Leute diese unterstützen würden. Als der Gaza-Krieg vor einem halben Jahr tobte, war es schon nicht einfach, 10.000 Demonstranten zu mobilisieren. Nur einmal im Jahr gelingt es dem Friedenslager, 100.000 Menschen auf den Rabin-Platz zu bekommen – und dann auch nur, um der Ermordung Jitzhak Rabins im November 1995 zu gedenken. Die Atmosphäre in Israel ist eine Mischung aus Gleichgültigkeit, Müdigkeit und dem „Verlust des Glaubens an die Möglichkeit, die Realität zu verändern“, wie ein Richter des Obersten Gerichtes sich in dieser Woche ausdrückte.

Für den Iraner Mir Hossein Mussawi haben Hunderttausende demonstriert, und Hunderttausende haben das für Mahmud Ahmadinedschad getan. Das sagt etwas über die Leute und das Regime. Kann sich jemand vorstellen, Hunderttausende würden sich auf Kairos Tahrir-Platz gegen die offiziellen Wahlergebnisse versammeln? Die Polizei würde – lange bevor dort auch nur 1.000 stehen – das Feuer eröffnen. Wäre es in Amman erlaubt, gegen Seine Majestät den König zu protestieren? Schon die Idee ist absurd.

Im Iran jedoch sind Wahlen normal, finden häufiger statt als in den USA, iranische Präsidenten wechselten zuletzt öfter als amerikanische. Natürlich ist das iranische Regime nicht im klassischen Sinn demokratisch. Das Parlament kann keine Gesetze annehmen, die dem religiösen Gesetz widersprechen. Und die Gesetze Gottes sind unveränderlich, höchstens kann sich ihre Deutung wandeln.

All dies ist den Israelis nicht ganz fremd. Von Anfang an hat das religiöse Lager versucht, Israel in einen theokratischen Staat zu verwandeln, in dem das religiöse Gesetz (Halacha) über zivilem Recht steht. Um den Iran besser zu verstehen, müssen wir nur auf eine bedeutende israelische Partei schauen: die Shas. Auch die hat einen Obersten Leiter, Rabbiner Ovadia, der alles entscheidet: er bestimmt die Parteiführung; er wählt die Kandidaten für die Knesset aus; er dirigiert die Fraktion bei Abstimmungen. Bei Shas gibt es keine Wahlen. Und im Vergleich zu den häufigen Wutausbrüchen des Rabbiners Ovadia, ist Ahmadinedschad ein Muster an Mäßigung.

Demokratie und Geografie

Unsere eigenen Wahlen sind mehr oder weniger sauber, selbst wenn nach jeder einige Leute behaupten, dass in orthodox-jüdischen Vierteln auch die Toten mitwählen. 3,5 Millionen Bewohner der palästinensischen Gebiete hatten 2006 ebenfalls demokratische Wahlen, die der frühere US-Präsident Carter als beispielhaft beschrieb. Doch akzeptierten dies weder Israel noch die USA noch die EU, weil sie mit dem Ergebnis (Sieg von Hamas) nicht einverstanden waren. Offenbar ist Demokratie auch eine Angelegenheit der Geografie.

Wurde nun im Iran gefälscht? Genau weiß das keiner in Tel Aviv, Washington oder London. Hunderttausende von iranischen Wählern sind jedoch ehrlich davon überzeugt, die Ergebnisse wurden manipuliert. Nur ist das unter Wahlverlierern ein ganz normales Gefühl. Im Rausch der Wahlkampagne glaubt jede Partei, sie sei im Begriff zu gewinnen. Geschieht dies nicht, glaubt sie an Betrug.

Vor einiger Zeit sah ich eine höchst aufschlussreiche Reportage über Teheran. Die Crew fuhr auf der Hauptstraße vom Norden der Stadt in den Süden, unterwegs hielt sie häufig an, besuchte Leute, betrat Moscheen und Nachtclubs. Ich erfuhr so, dass Teheran durchaus Tel Aviv ähnelt: Im Norden wohnen die Reichen und Wohlhabenden, im Süden die Armen und Unterprivilegierten. Die im Norden imitieren die USA, besuchen angesehene Universitäten und tanzen in Clubs. Die Frauen sind emanzipiert. Die Leute im Süden sind traditionell, verehren die Ayatollas und verabscheuen die Schamlosigkeit des Nordens.

Mussawi war der Kandidat des Nordens, Ahmadinedschad der des Südens. Dörfer und kleine Städte – bei uns „Peripherie“ genannt – identifizieren sich mit dem Süden Teherans.

In Tel Aviv stimmte bei der letzten Knesset-Wahl im Februar der Süden für Likud, Shas und andere Rechtsparteien. Der Norden wählte Labour und Kadima, konnte aber nicht verhindern, dass die Rechte klar triumphierte. Es scheint so, als sei etwas ähnliches in Teheran geschehen. Das einzige westliche Institut, das vor den Wahlen dort eine ernstzunehmende Befragung vornahm, kam zu einem Resultat, das in der Nähe des offiziellen Ergebnisses lag.

Obama hält sich klug zurück

Es gibt einen einfachen Test für den Erfolg einer Revolution: Hat der revolutionäre Geist die Streitkräfte durchdrungen? Für viele Aufstände tritt dann der entscheidende Moment ein, wenn es auf den Straßen zu Konfrontationen zwischen der Bevölkerung und den Soldaten kommt, und die Frage auftaucht: Werden sie auf das eigene Volk das Feuer eröffnen? Weigern sich die Soldaten, gewinnt die Revolution. Im Iran siegte 1979 Ayatollah Chomeini, als sich die Soldaten des Schahs weigerten zu schießen, im Gegensatz zu den Sicherheitskräften, die noch nicht vom Geist der Revolution infiziert waren – doch das Verhalten der Armee war entscheidend.

Ich bin kein Bewunderer von Ahmadinedschad, mir sagt Mussawi mehr zu. Ich liebe keine Führungspersönlichkeiten, die direkten Kontakt zu Gott haben, vom Balkon aus Reden halten, provokativ sind und auf einer Welle von Hass und Angst reiten. Sicher ist Ahmadinedschad ein eingeschworener Feind Israels oder des „zionistischen Regimes“, wie er uns nennt. Selbst wenn er nicht versprochen hat, Israel auszulöschen, wie irrtümlicherweise berichtet wurde, sondern nur fest daran glaubt, dass es „von der Landkarte verschwinden wird“ – so beruhigt mich das nicht.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass unsere Regierung den Sieg Ahmadinedschads erhoffte, weil er den Hass der westlichen Welt gegen sich entfacht und eine Versöhnung mit Amerika schwieriger macht. Während der ganzen Krise zeigte Barack Obama jedoch bewundernswerte Zurückhaltung. Die westliche Öffentlichkeit wie auch die Sympathisanten der israelischen Regierung beschworen ihn, eine grüne Krawatte zu tragen, um sich mit den Demonstranten zu identifizieren. Aber Obama zeigte Weisheit und politischen Mut.

Der Iran bleibt, was er ist. Die USA müssen um ihretwillen mit ihm verhandeln, auch um unsretwillen. Allein auf diese Weise – wenn überhaupt – ist es möglich, eine nukleare Aufrüstung aufzuhalten. Und sollten wir dazu verurteilt werden, unter dem Schatten einer iranischen Bombe zu leben, wäre es besser, wenn die in den Händen einer iranischen Führung liegt, die einen Dialog mit dem Präsidenten der USA aufrecht erhält. Natürlich würde es für uns gut sein, wenn wir – bevor wir an diesen Punkt gelangen – mit freundlicher Hilfe Obamas einen vollen Frieden mit dem palästinensischen Volk erreichen und so die Rechtfertigung von Irans Feindseligkeit gegen Israel tilgen. Die Revolte der „Nördlichen“ im Iran – so scheint es – bleibt eine vorübergehende Episode. Sie wird aber unter der Oberfläche weiter wirken.

Übersetzung aus dem Englischen: Ellen Rohlfs

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17:45 09.07.2009

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