Die Zärtlichkeit nach der Wut

Whitney Houston Zu weiß, zu poppig, zu leicht - dieser Vorwurf verfolgt Whitney Houston bis in den Tod. Sie sang vom Traum in Satin und Seide, aber auch von einer anderen Welt

Whitney Houston begann als Pop-Girlie mit dem gefälligen Disco-Bombast „I Wanna Dance with Somebody“. Grell und laut, wie die 80er waren, avancierte er schnell zur Chartstürmerin des R und zur soften Nachfolgerin Tina Turners. Zu weiß, zu poppig, zu leicht – solche Vorwürfe aus der schwarzen US-Soul-Community von damals hallen bis heute in die Nachrufe so mancher Medien nach, die den politisch korrekten Pop verteidigen möchten. Würden sie genauer hinsehen, dann müssten sie erkennen, dass Fight-Back-Role-Models wie Salt'n'Pepa und Houston als race-übergreifende Nachfolgerinnen von Eartha Kitt, Gloria Gaynor oder Aretha Franklin den Weg bereiteten für den späteren, hochemanzipatorischen Power-Rap weiblicher Acts wie MC Lyte, Rah Digga, Lil Kim, Missy Elliot und vielen anderen. If I should stay, I would only be in your way. Gemein ist diesen Protagonistinnen, die heute wie damals brisanten Themen Partnerschaft und Geschlechterungleichheit in der afro-amerikanischen Lebenswelt problematisiert zu haben. Die Geschmeidigkeit des 80er-R ist mit Whitney Houston aus der Welt, seine unaufdringliche Filigranität ist heute dem aufgeregten Jay-Z-Stakkato-Up-Tempo-Beat einer Beyoncé oder Rihanna gewichen, mit deren Songs im Ipod man ruhelos von Job zu Job hetzen kann.

Es ist ganz einfach so, dass der gute Geschmack und die Akklamation des guten, selbstbestimmten Lebens manchmal Umwege nehmen - Whitney Houston ist diese gegangen. Wahrscheinlich wollte sie, als Tochter einer bekannten Musiker-Familie aus New Jersey und Cousine Dionne Warwicks, einfach nur Erfolg und Anerkennung ernten. Ihre Lyrics und ihre Performances aber, sie waren glanzvolle Geschenke an das Publikum – und Oden an das Leben, Hymnen nicht nur für die schwarze Girl-Generation der Achtziger, die in dieser Zeit ihren Platz suchten zwischen der bornierten Enge christlicher Gospel-Family-Values und einem oberflächlichen Yuppie-Streben.

Houston affirmierte in ihren Songs diese Oberflächlichkeit - und spiegelte damit zugleich die Frage, ob der kleine Traum des Glücks in Satin und Seide, den sie propagierte, nicht jeder und jedem ihrer Hörerinnen und Hörer auch zustand. Den Traum von einer Sache, so nannte Marx es. Bei Whitney Houston geriet er zum dreioktavialen Aufruf, sich die Welt zu erobern, auf dass nichts Schlechtes mehr sein möge: I hope you have all you've dreamed of. In ihrer mädchenhaften Unbedarftheit erschuf sie Welten, in die die Fantasie sich retten kann, wenn man von allem zu viel hat, aber vom Rest zu wenig.

Eleganz, Coolness und "schlechte Angewohnheiten"

Sicherlich, der Blues war Houstons Sache nicht, aber das wäre auch verlogen gewesen. Denn sie repräsentierte die Black Middle Class, die nach dem Blues kam und verlieh ihm den Rythym. But above all this I wish you love. Sie war die Zärtlichkeit nach der berechtigten Wut der Black Panther. Um das Leben und die Gesellschaft zu ertragen, ist beides vonnöten.

Was Houstons Darbietungen aber vom reinen Schlager differierte, das war nicht nur ihre Stimme, sondern auch die dramatische Inbrunst, die fast unerträglich vom Schmerz kündeten. Houston war im Guten wie im Schlechten ein Ausdruck kapitalistischer Verheißung: Luxuriöse Eleganz und Anmut, detaillierter Style und feminine Coolness. Auf der Bühne war sie die realisierte Utopie des Individuums, das frei von Zwängen den Moment der Erhabenheit zelebrierte. R at it's finest. Wenn sie die Bühne verließ, und darin war sie leider auch Nachfolgerin Tina Turners, wurde sie zum Prügel-Opfer ihres Ehemannes und zur Gejagten ihrer persönlichen Dämonen. In einem ABC-Interview sagte sie einmal: „Ich bin nicht süchtig. Ich habe nur schlechte Angewohnheiten.“ Dieser Meta-Satz macht sie zum traurigen Inbegriff einer kulturindustriellen Traumfabrik, die sich selbst die Träume ausgetrieben hat. Die unverletzbare Diva wie der Traum-gleiche Pop von einst magern ab zum Wrack, zerschellen an den unbarmherzigen Küsten der kapitalistischen Realität: Bittersweet memories, that is all I'm taking with me.

Dieser Widerspruch des Glamour-Pop ist kaum aufzulösen: Dass die Oberflächlichkeit aber mehr Sinnlichkeit zu entfachen vermag als politisch korrekter Szene-Sound, das haben ihr die Feuilletonisten nie verziehen. Whitney Houstons Präsenz war ein Ballett der Gefühle, ihre Töne tänzelten auf den Schwingen des Rhythmus wie eine Primaballerina im Schwanensee, ihre Stimme verriet die „Sehnsucht nach einer ganz anderen Welt“ (Horkheimer). Eine, die die inneren Widersprüche des Menschen genauso anerkennt, wie sie die sozialen auflöst.

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17:44 13.02.2012

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