Die zehn Gebote des Säufers

In der Bahn, aus der Bahn Von der Ausdauer des Tropfens - unterwegs durch die Ostslowakei

Am Samstagnachmittag fährt auf dem Korsoplatz in Kosice ein Bähnchen auf alten Schienen, gezogen geduldig vom stattlichen grauen Pferd, es fährt im Kreis um die gotische St. Elisabeth-Kathedrale: Am laufenden Band wird geheiratet, schwarz der Bräutigam, weiß die Braut, die Gegensätze werden vermählt, in die Bahn gebracht. Ein frischer "Bund fürs Leben" tritt aus dem Kirchentor, spaziert zur Fontäne, diese spritzt hoch und fällt im Takt zur klassischen Musik. Es wird fotografiert, Passantinnen begutachten das Brautkleid, und das nächste Paar tritt mit seinem bunten Schweif von Verwandtschaft in diese größte Kirche der Slowakei. Und das übernächste wartet, und das überübernächste reiht sich in die Schlange ein.

Und der Himmel ist tief. So war das hier geregelt in Österreich-Ungarn, zu Zeiten der kapitalistischen Tschechoslowakei, in der Slowakischen Republik von Hitlers Gnaden, so bewahrte man sich im Rahmen der Sozialistischen Tschechoslowakei, und so lebt man fort im ersten Jahrzehnt der ersten unabhängigen Slowakischen Republik, so sanft, so gepflegt und so jung und fügsam, als ob alles vergessen wäre: das Joch, die Kriege, die Umstürze, die Diktatur, die Zeiten der Not. Dabei sind wir wieder inmitten einer schweren Zeit.


Die feinen Unterschiede eben

Die Speisekarten quer durchs Land verraten es nicht, sie überbieten sich wie eh und je im Angebot an üppigen Fleischgerichten. Mögen Sie das Rind nach Räuberart? Dazu Knödel zur Besänftigung oder gleich eingebacken im Käsemantel, getunkt in dicke Tatar-Sauce. Anschließend reichlich Mehlspeise, übergossen mit Schokolade, gekrönt mit Schlagsahne, bestreut mit gemahlenen Nüssen, gepaart mit Puderzucker? Wenn essen, dann richtig, wenn leben, dann heute. Doch der sinnesfrohe Schein trügt, die traditionelle Maxime ist noch da.

Im Kurort Bardejov plätschert das ein- bis zweiwöchige Sein zwischen Moorpackung, geduldigem Anstehen vor der Heilquelle - auch die kränkelnde Kaiserin Sissi machte hier 1895 die Trinkprozedur mit - und Verdauungsspaziergang. Es plätschert im Becken, eingelullt von den vorgeschriebenen 28 Grad drehen sich Kurgäste, embryonal gemächlich um die eigene Achse, flüstern Belangloses auf Polnisch, Slowakisch, Ukrainisch, Tschechisch, Russisch. Ein slawischer Treffpunkt, ein friedliches Babylon, wo sich zumindest sprachlich alle verstehen, wo es paradiesisch egal ist, wer wie spricht, wer wohin gehört - die nachbarlichen Vorurteile scheinen hier und jetzt überwunden, die Polen sind nicht alle Schmuggler, die Tschechen nicht geizig, die Slowaken nicht dümmlich, die Ukrainer nicht grob, die Russen nicht aller und eines jeden Feind. Die Einheimischen machen die Versöhnung vor, ihr Saris-Dialekt verschiebt die nahe slowakisch-polnische Grenze, verschiebt die Betonung auf jedem Wort von der slowakischen ersten auf die polnische vorletzte Silbe und verwischt die Trennung gar mit seinen vielen Zischlauten. Die Rezeptionsdame lässt ein selbstbewusstes Slowakisch auf einen neureichen Russen sprudeln, der Großrusse sucht angestrengt nach vertrauten Wörtern in der kleinen slawischen Sprache.

Man spaziert in Familienverbänden, in Grüppchen, selbst die Holzstatuen stehen in Bardejov im Halbkreis auf dem Rasen, alle aus demselben Holz, gleicher Lackanstrich, ergebener Gesichtsausdruck, Augen mal geschlossen, mal visionär ins Weite blickend, doch die Annahme, dass sie von ein und demselben Bildhauer kreiert wurden, ist verfehlt. Nicht einer erschafft Vielfalt, sondern viele erschaffen Ähnliches. Aber das verbrüdernd trüb-grüne Bassinwasser hat den Menschen auf die Vereinzelung nicht vorbereitet, je wärmer es war, um so mehr friert es dann auf dem Boden der Realität, es tut weh, sich ausgeliefert zu sehen, da sehnt man sich nach den dicken Himbeerbuchteln in zerlassener Butter, auch in politischen Belangen.

Ruthenische Männer in Tracht singen für die Urlauber, mal von der durch die herrische Mutter verhinderten Liebe, mal von vandrovati, in die Welt hinausgehen, weil die passende Braut fehlt. Doch sie selbst sind dageblieben, während ihr berühmtester Nachfahre Andy Warhol den Ruhm der notgedrungenen Auswanderung seiner Eltern verdankt. In der Fremde malte er Konservendosen und übermalte Ikonen anderer, was denn sonst. Hier wäre es ihm nicht vergönnt gewesen, sich so hervorzutun.

Direkt an der polnischen Grenze im slowakisch-ruthenischen Dorf Ruská Vola (Russische Freiheit) gibt es nicht die Freiheit, sich abzusondern. Das Leben ist immer noch hart, und auf dem Friedhof ruhen Ruthenen neben Slowaken, bloß das "hier ruht" ist bei ersteren auf Kyrillisch geschrieben. Aber das slawische Wort bleibt stets dasselbe, nur die Endung variiert, die feinen Unterschiede eben.


Aneignung des Wilden Ostens

Bei Abenddämmerung wirft lauter Männergesang den Kurort aus der Bahn, aber nein, Trunkenheit ist in der Dunkelheit geduldet, in der Rechnung der Männlichkeit einkalkuliert. Alkoholkonsum ist hier die Weiterführung der nationalen Tendenz hin zum Irrealen, der gesellschaftlich anerkannte gemeinsame Weg zur Transzendenz. In einer Kneipe hängen die Zehn Gebote des Säufers - die eine stufenweise Selbstauflösung von Glas zu Glas bis zum Fall unter den Tisch vorschreiben.

In der von den Deutschen errichteten Kirche von Levoca in der Zips mahnen Fresken aus dem 15. Jahrhundert vor allerlei Exzessen, Völlerei gehört zu den Todsünden. Aber das Böse hält sich mit dem Guten die Waage - zehn Fresken des Lasters und darüber zehn Fresken der Tugend. Daneben, auf dem größten gotischen Holzaltar der Welt, zeigt die Holzschnitzerei von Meister Paul das letzte Abendmahl. Eine zufriedene Runde, an der Seite Christi hat ein Jünger sorglos den Kopf auf den Tisch gelegt und scheint zu schlafen. Nur Judas ist bereit zum Aufbruch, erkennbar an einem kleinen roten Bündel über der Schulter, sein Gesicht wendet sich schon von der Gemeinschaft ab.

Nach Levoca kommen inzwischen viele, auch Westler. Vor zehn Jahren war der alte Stadtkern wie ein Mahnmal des Zerfalls einer wunderbaren mittelalterlichen Stadt, deren Bewohner an Missachtung ihrer selbst und des fremden Erbes gestorben sind. Nun hat man den Wert direkt vor der Tür entdeckt, die Häuser renoviert, und der große Platz ist verstellt mit ausländischen Autos und Bussen.

Im Vorzeigedorf Zdiar in der Hohen Tatra hat eine Münchner Touristengruppe die hiesige prachtvolle Hochzeitstracht angezogen, die Senioren tanzen vor der verzierten Hütte in den buntgestickten Kleidern, formen sie nach ihrer eigenen Formlosigkeit, lachen sich krumm, spielen auf bayerisch die Vermählungszeremonie, fotografieren die Aneignung des Wilden Ostens, überspielen ihre Angst davor. Eine Begegnung, bei der man so schnell ins wertvollste Kleid des anderen schlüpft, ist wohl eher eine mit der eigenen Hilflosigkeit. Nebenan hängt eine Dorffrau seelenruhig ihre Wäsche auf, ein Mann streicht sorgfältig und unbeeindruckt seine Hausmauer an. Die Herrschaften kommen und gehen, aber sein kleines Haus bleibt. So die Hoffnung, stets von Neuem.

Das fünf Millionen zählende slowakische Volk ist ein Meister im Überdauern. Ungarische, österreichische, deutsche, polnische, türkische Herren waren hier, später auch tschechische Chefs und russische Drahtzieher, nun haben sie sich tatsächlich verzogen, wie die Nationalhymne es prophezeit: "Lasst uns anhalten, Brüder, sie werden sich schon verflüchtigen, die Slowaken werden neu zum Leben erwachen." Das Erwachen braucht nach Jahrhunderten der Bevormundung Zeit. Einige haben das Pferd schon gesattelt. Unterhalb vom Hügel mit der Zipser Burgruine aus dem 12. Jahrhundert hat die Familie Hadúsovsky eine Ranc gegründet, der Vater verdingte sich zuerst im Schweizer Oberbipp als Pferdeknecht, mit dem Kapital kaufte er zusätzliche Pferde, baute eine Pension. Die Mutter kocht, die zwei Töchter helfen, füttern die Gänse, melken, satteln den Gaul für die "Agrotouristen" - neue Begriffe für Altbekanntes. Auf einem Werbeprospekt wird in zeitgemäßem Ton zur Individualität "motiviert": "Sie bringen die Idee, wir helfen Ihnen, sie zu verwirklichen." Dass die Slowakei in die EU strebt, jedoch mit Vorbehalt, daran erinnert ein oft auftauchendes Plakat: "In die EU ja, aber nicht mit nacktem Hintern".

Unterwegs ab und zu Zeichen des Gesellschaftsumbaus - hinter dem Dorf Medzev steht noch das sozialistische Rekreationszentrum Druzba mit zwei Lautsprechern für die Versammlungen, aber bald wird es eine frisch gestrichene Idee mit Öko-Toiletten sein. Solche Verwandlungen treten aus den großen, dichten Buchen- und Nadelbaumwäldern unverhofft heraus, sonst fährt man durch stille Dörfer, Stein- und Backsteinhäuser aneinandergereiht, es wird kaum gebaut, keine Werbung greift die Sinne an, ländliche Routine, alter/neuer Mangel, misstrauisch-unschuldige Melancholie. Die Ruhe einer gewissen Erstarrung, die jedoch jäh am Dorfrand durch eine unkontrollierbare Emsigkeit gebrochen wird, die das Bild des Landes zerreißt: Halbnackte, schmutzige, dunkelhäutige Kinder strecken den Vorbeifahrenden Steinpilze hin, umringen den Wagen, verhärmte Kindergesichter pressen sich bittend an die Scheiben, rufen ohne Unterlass, eine nicht enden wollende Schar von Aussätzigen rennt aus den Bretterbuden, davor offene Feuer, Säuglinge krabbeln in Pfützen herum, dickbäuchige Männer mit Schnauz blicken grimmig.

Ein Schock, ein Loch, die Dritte Welt stürzt in die zweite herein, fällt aus ihr hinaus. Die an den Rand geschobene Roma-Population von einer halben Million. In der Ostslowakei das selbe böse Erwachen fast hinter jedem Dorf. Noch lange hallen die Schreie in einem nach, auch wenn man schon in den Touristenzentren der Mittel- und Oberklasse die gediegene Mehrsterneluft der Tatrahotels atmet, schallbeschützt durch die bürgerliche Tradition gedämpfter Höflichkeit, umspielt von unaufdringlicher Klaviermusik, gesättigt durch Sachertorte, in der Hand schäumt auch noch der rote Perlwein im böhmisch geschliffenen Glas.


Einen Millimeter in zehn Jahren

Kommend vom lauten Westen, der dauernd etwas zum Lachen hat, meint man zunächst taub geworden zu sein, wenn in der Zahnradbahn, die vom Hoteldorf Stary Smokovec zur Bergstation Hrebienok hinauffährt, inmitten der Menge nur Flüstern zu vernehmen ist. Ein Engländer hat im Speisesaal des Grand-Hotels, wo die Kellner auf Zehenspitzen bedienen, laut gesprochen, man trug es ihm nach, dem großen Kindskopf, der die hiesige Erziehung in diskreter Tonlage nicht genossen hatte.

Von dem Pfad von Hrebienok nach Sliezsky dom mit einem klaren Bergsee auf 1.670 Metern gibt es kein Abkommen auf Nebenwege, wer startet, wird in zwei, drei Stunden am Ziel ankommen und den anstrengenden Rückweg antreten, die Tannen und Latschenkiefern umschließen dicht diese Naturlaufbahn, als Zerstreuung bieten sich Moos und Fliegenpilze an. Der Weg ist wahrlich steinern, nur Felsen und hervortretende Wurzeln, jeder Schritt muss überlegt sein. Fuß vor Fuß stellen und nichts denken. Massen hüpfen konzentriert von Stein zu Stein, von Wurzel zu Wurzel, Kräfte sparend, bloß hie und da ein leises polnisches, ein tschechisches, ein slowakisches, ein deutsches Wort, ein leichtes Nicken wie unter Sportlern, keine Abfälle, weder sprachlich noch dinglich, ein einig Volk von Disziplinierten.

Unweit in der Belianska-Höhle gibt es eine andere Zählebigkeit - die Ausdauer des Tropfens, der sich an der Spitze des herabhängenden Tropfsteines sammelt und wartet, um gereift zu fallen, unermüdlich seit Jahrtausenden. In den vergangenen zehn Jahren sind die Stalagmiten, die vom Boden in die Höhe ragen, unter der Tropfeneinwirkung um einen knappen Millimeter gewachsen. Es tropft und tropft unter der Oberfläche, es ist am Werk, langsam, beharrlich richten sich die Tropfen empfangenden Stalagmiten empor, und die tropfenden Stalaktiten wachsen abwärts. Eine zueinander stehende Bewegung, und dann - in 50.000 Jahren, in 1.000 oder auch schon 500 Jahren vereinigen sie sich im Dunkeln, außer von Touristen begleitet noch von herabhängenden blinden Fledermäusen. Es ist reichlich Wasser in diesem Land, es fließt von überall, es wird zu etwas, und außer dem Flüssigen gibt es einen festen Halt. Aber wozu diese Metapher? Ob es das Ziel jedes Tropfens ist, zur Bildung von phantastisch verzierten Säulen beizutragen? Wohl kaum, es ist aber schön anzusehen, das Fließen - und das Werk. Und Ehrfurcht flößt es ein.

Die Autorin stammt aus der Slowakei. Sie lebt heute als Publizistin in der Schweiz.

00:00 04.10.2002

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