Die Zeit ist aus den Fugen

Umgekehrte Chronologie Marlene Streeruwitz´ "Partygirl" ist frei von Bewusstsein

Die Zeit ist aus den Fugen, Time out of joint, wie ein Roman von Philip K. Dick aus dem Jahr 1959 heißt. Seitdem ist der Ablauf der Zeit tatsächlich nicht mehr mit den Wahrnehmungsmustern der Moderne zu fassen, und ihre heroischen Versuche, Lebenszeit und Weltzeit, das Ich und die Welt, zu synchronisieren, sind Geschichte. Der Science-fiction Autor Dick hatte sich noch mit der Imagination paralleler Welten beholfen. In seinen Geschichten finden sich immer wieder Fenster, durch die in verschiedene Räume und Zeiten geblickt werden kann, aber da wir jetzt in einer globalen, synchronisierten Weltzeit leben, werden diese Fenster zum Verschwinden gebracht. In den neunziger Jahren ist der Gedanke, dass eine kohärente und kontinuierliche Zeit nicht mehr erlebt werden kann, Gemeingut geworden. Soziologen wie Richard Sennett diagnostizierten, dass die postmoderne Arbeitsgesellschaft alle Versuche, eine lineare individuelle Lebenserzählung zu bewahren, zunichte macht. Und jene, die die Gleichzeitigkeit der Ereignisse in einer globalisierten Welt feiern, verkriechen sich in abgeschottete soziale und regionale Universen, da sie die eine und gleiche Weltzeit nicht ertragen können.

Die Zeit ist also aus den Fugen, und Versuche, sie mittels der biographischen Erzählung wieder ins Lot zu bringen, scheinen mehr Rührung als Aufmerksamkeit zu verdienen. Aber andererseits ist es ungeheuer interessant zu erfahren, wie jemand beschaffen ist, dessen Kontakt zur Gesellschaft auf das Aufsammeln von Bruchstücken begrenzt ist. Sicher, Samuel Beckett hat in seinem unvergleichlichen Reduktionismus alles durchgespielt, was hier möglich ist, aber es wäre merkwürdig, wenn er heute noch das letzte Wort behalten sollte.

Marlene Streeruwitz hat die Chronologie auf den Kopf gestellt. Sie beginnt ihre Geschichte eines Partygirls im Jahre 2000 und beendet sie mit der Kindheit im Jahre 1950. Das ist mehr als nur ein erzähltechnischer Trick, jenes "das hat so noch keiner gemacht". Dies wäre auch ein Anachronismus, da das Bricolage-Verfahren eine ungleich entschlossenere Demontage betrieb, ohne letztlich die Suche nach dem roten Faden, nach den Zusammenhängen und der Kohärenz der Lebensgeschichten zu beenden.

Das Partygirl Madeline Ascher wird nur bedingt ihrem Titel gerecht. Hätte sie jemals die Chance gehabt, ein solches zu werden, war sie auf den falschen Parties. Ihre Lebensstationen werden akribisch notiert. Madeline arbeitet in Chicago im Jahr 2000 in einer Reinigung, den Launen eines Besitzerehepaars ausgeliefert, das durchschnittlich eklig zu nennen dann doch eine Beleidigung des Bevölkerungsdurchschnitts wäre. Über Havanna 1997, Berlin 1994, Santa Barbara 1989, Kreta, Arezzo, mehrfach Wien und Baden mit einem Zwischenaufenthalt in Perugia, führt Madelines Weg. Auf diesem findet sie sich häufig in ähnlichen Situationen wieder, inmitten einer Kombination aus Hotels, Drinks und Zudringlichkeiten. Ihre Attraktivität öffnet ihr jedoch nicht den Zugang zu mondänen Welten und eleganten Ambientes. Stattdessen dümpelt sie in Muff und Zwanghaftigkeit umher. Bereits 1965, in Perugia, musste sie die Erfahrung machen, dass eine jugendliche Libertinage keine Reize besitzt. Der Latin lover Adriano führt sie in einen abgelegenen Rohbau, wo sie in eine Party platzt, zusieht, wie ein älterer Mann mit einer jungen Frau anal verkehrt, während ihr von einer anderen Frau ein überraschender Orgasmus beschert wird. Das magische Datum 1968 hält für sie lediglich den Arzt Wonder bereit, der ihre kranke Mutter betreut und, mit seinem Alfa Romeo als teuerstem Anhängsel, aufdringlich wird. 1973, in Wien, verschreibt ihr eine Therapeutin die weibliche Emanzipation.

Das Thema Frau und Leid, symbolisiert in der Sexualität, das heißt hier dem, was vorwiegend ältere Männer darunter verstehen, wird von Marlene Streeruwitz jedoch dosiert eingesetzt. Im Mittelpunkt steht die Umkehrung der Chronologie, welche unweigerlich Fragen provoziert wie die, wo denn hier die Illusionen bleiben, die Aufbrüche, Rebellionen und Hoffnungen, die im Laufe eines Lebens doch wenigstens einmal vorkommen sollten. In Partygirl bleibt sich immer alles gleich. Bereits die Kapitelanfänge enthalten die zeitliche Indifferenz: Die Glocke schlug an, die Türen gingen zu, die Gläser klirrten, die Tür stand offen, das Aspirin schmeckte bitter. Jeweilige Zeiten und Orte spielen keine Rolle mehr. Die konsequent durchgehaltene Parataxe verstärkt diesen Effekt. Die Syntax ist frei von Nebensätzen, die mit ihren Unter- und Überordnungen Zusammenhänge und damit Sinn generieren. Ellipsen und Reihungen zerstören geradezu jeden Gedanken an eine Entwicklung, die das Geschehen oder das Bewusstsein der Hauptfigur nehmen könnte. Nur im letzten Kapitel, als das verlebte Partygirl nicht mehr Empfängerin von Dienstleistungen ist, sondern in einer schäbigen Reinigung selber welche ausführen muss, blitzt gelegentlich so etwas wie Reflexivität auf, und die Autorin gewährt der Protagonistin Ansätze eines inneren Monologs. Doch von diesen wenigen Stellen abgesehen ist Madeline Ascher frei von einem Bewusstsein, was ihr von wem und warum angetan wird.

Madelines Leben ist zäh wie Blei, ihr Leiden penetrant. Das Partygirl weiß nicht nur nicht, warum sie mies dran ist, sie kann nicht einmal daran denken. Partygirl ist ein finsterer Roman. Er attestiert der Gesellschaft, mittlerweile alle Spuren, die darauf deuten, dass einiges auch hätte anders laufen können, getilgt zu haben.

Das klingt fürchterlich, und die stilistischen Qualitäten von Marlene Streeruwitz sorgen dafür, dass ihre Erzählung für blanken Realismus gehalten werden kann. Doch ein Motiv ihres Buches steht quer zur sonst konsequent durchgehaltenen Zeitlosigkeit. Das Partygirl heißt Madeline Ascher. Hatte nicht Edgar Allan Poe den Fall des Hauses Ascher beschrieben? Hatte er, mit Lady Madeline von Ascher und ihrem Bruder Roderick in den Hauptrollen. Marlene Streeruwitz hat beider Namen entlehnt. Aber wer geht hier unter, wo bleibt der Verfall, der doch immerhin eine zeitliche Linie enthält? Das Signalwort "Wien" mit seinen Assoziationen an Bürgertum, Draperie und Dekadenz weckt Erwartungen, die der Roman nicht einlöst. Der Verfall hatte mal Stil. Das Wiener Bürgertum ist schon häufiger untergegangen und kennt sich mit den Präliminarien und der Durchführung aus. In Verbindung mit der Vernichtung erlebter Zeitunterschiede ergibt sich eine originelle Synthese: Die alten Bürgershäuser sind heute selbst für einen anständigen Verfall zu schlapp. Sie haben keine Erinnerungen mehr, wissen nicht mehr, dass es einmal anders war und unter Umständen anders hätte werden können, und sie waren auch nicht in der Lage, aus gesellschaftlichen Aufbrüchen wie dem von 1968 Lebensblut zu saugen.

Marlene Streeruwitz hat es geschafft, eine Untergangsgeschichte ohne einen richtigen Untergang zu schreiben. Die Nachfahren der Bürger stehen noch auf der Bühne. Sie kennen die Ursache nicht und verdanken ihre Existenz einzig dem Umstand, dass vergessen wurde, das Licht auszumachen und die Vorstellung für beendet zu erklären. Warum ist das eigentlich so? Im Roman wird die Frage nicht gestellt, nach der Lektüre schon.

Marlene Streeruwitz, Partygirl. Roman. S.Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2002, 416 S., 19,90 EUR

00:00 18.10.2002

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