Die Zeugen der Zeugen

Wahrheit Martin Doerry führte Gespräche mit Überlebenden des Holocaust

Wenn die letzten Zeitzeugen sterben, verwandelt sich Gedächtnis in Geschichte. Die Historisierung setzt ein. Über 60 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz rückt der Zeitpunkt näher, an dem dies auch für den Holocaust gilt. Bald wird keiner mehr aus eigenem Erleben vom Leid in den Lagern sprechen können, vom alltäglichen Terror in Deutschland, von Flucht und Emigration. Wie die Vernichtung der Juden vonstatten ging, ist heute bis in die Einzelheiten ausgeleuchtet. Die Nüchternheit der Geschichtsschreibung erzeugt jene Distanz, ohne die der organisierte Massenmord nicht darstellbar wäre. Die Nähe zum Geschehen stellt sich aber erst durch die Zeugnisse der Überlebenden ein. Es sind die Einzelschicksale, die uns ergreifen, weil sie Geschichte lebendig werden lassen.

"Wir sind die Letzten. / Fragt uns aus. / Wir sind zuständig." So schrieb Hans Sahl schon 1973 in einem Gedicht. Als Jude und als Linksintellektueller doppelt gefährdet, hatte der Schriftsteller die NS-Zeit nur deshalb überlebt, weil ihm nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten die Flucht gelang. Er starb 1993. Wer heute noch am Leben ist, war vor 60 Jahren ein Kind. Doch auch diese Generation stirbt allmählich aus. Dieser Gedanke treibt den Publizisten Martin Doerry um: "Werden kommende Generationen noch die Dimensionen dieses Jahrtausendverbrechens erahnen können, wenn kein ehemaliger KZ-Häftling, kein Emigrant mehr aus eigener Erfahrung erzählen kann?"

Um diesem Schweigen etwas entgegenzusetzen, ist Doerry der Aufforderung von Sahl gefolgt und hat Gespräche mit 24 Überlebenden geführt. Unter ihnen sind der Kunstsammler Heinz Berggruen, der Historiker Saul Friedländer, der Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt, der Soziologe Alfred Grosser und der Literaturnobelpreisträger Imre Kertész. Der Titel des Buches, das diese Gespräche versammelt, Nirgendwo und überall zu Haus, steht für das allen gemeinsame Schicksal: die Heimatlosigkeit des Überlebenden, seine bleibende Entwurzelung. Die Menschen, die Doerry befragte, leben heute in Israel, in den USA, in Frankreich, Großbritannien, Tschechien, Ungarn und Polen. Einige leben noch immer oder wieder in Deutschland.

Die aus Breslau stammende Cellistin Anita Lasker-Wallfisch wohnt heute in London. Mit 18 Jahren wurde sie nach Auschwitz deportiert. "Wir waren so eine typisch deutsch-jüdische, komplett assimilierte Familie. Mein Vater war Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg mit Eisernem Kreuz", erzählt sie. Ihre Eltern wurden ermordet. Sie überlebte - als Mitglied des Lagerorchesters: "Wir mußten Märsche spielen, wenn Tausende Häftlinge in die umliegenden Fabriken rausmarschiert sind, und auch am Abend, wenn sie wieder zurückkehrten." Ein Jahr später wurde sie nach Bergen-Belsen gebracht. Als britische Soldaten das Lager im April 1945 befreiten, bot sich ihnen ein grauenvoller Anblick: "Tausende von Toten, nichts als Leichen und Verwesung."

Erschütternd sind auch die Erzählungen derjenigen, die den Lagern entkamen. Der Prager Dichterin Lenka Reinerová gelang es, nach Mexiko zu fliehen. Nach dem Krieg erfuhr sie, dass man ihre gesamte Familie ausgelöscht hatte. Eine Frau erzählte ihr: "Ich habe deine Mutter in Theresienstadt ein einziges Mal strahlend gesehen, und das war, als sie mir sagte, eines von ihren drei Mädeln hätten die Nazis nicht bekommen."

Auch sie zählt der Herausgeber zu den Überlebenden des Holocaust - obwohl etwa Heinz Berggruen sich nicht als solchen bezeichnen mag. Überlebt habe er jedoch nur deshalb, wendet Doerry ein, weil er Deutschland rechtzeitig verlassen habe. Auch wenn ein Nachgeborener ahnt, dass es unterschiedliche Grade des Schreckens gibt, verbietet es sich, Abstufungen vorzunehmen oder Leid aufzurechnen. Zumal auch jene, die Auschwitz oder Bergen-Belsen überlebten, überzeugt sind, selbst nicht das ganze Ausmaß des Grauens erlebt zu haben. "Die volle, uneingeschränkte Wahrheit kennen nur jene, die in den Gaskammern gestorben sind", sagt Imre Kertész.

Die volle, uneingeschränkte Wahrheit kann Doerrys Buch nicht abbilden. Was fehlt und was fehlen muss, ist nicht allein die Wahrheit der Ermordeten - es sind auch die Stimmen derer, die mit dem Leben davonkamen, die später aber an den Schuldgefühlen und an der Scham, überlebt zu haben, verzweifelten. Der Dichter Paul Celan stürzte sich 1970 in Paris von einer Seine-Brücke in den Tod. Viele, mit denen Doerry sprach, begegnen, wie er selber feststellte, "dem Volk ihrer Peiniger mit großer Nachsicht, wenn nicht sogar überraschendem Wohlwollen". Celan, der tief verstört auf antisemitische Tendenzen reagierte, die er in der Bundesrepublik der fünfziger Jahre wahrnahm oder wahrzunehmen glaubte, dürfte solche Gefühle nicht geteilt haben.

Wenn man so will, fügen diese Berichte dem, was wir heute über den Holocaust wissen, nichts Neues hinzu. Unter Doerrys Gesprächspartnern sind etliche, die ihre Erinnerungen schon vor längerer Zeit publiziert haben. Imre Kertész und Edgar Hilsenrath erzählten in Romanform vom Schrecken der Lager. Aber um etwas Neues geht es Doerry auch nicht. Er will die Geschichten der Überlebenden bewahren und ihre Botschaften weitergeben. Darin sieht er eine Aufgabe, der sich die Nachgeborenen stellen müssten. Die fehlende Legitimation der "Zeugen der Zeugen", wie er sie nennt, gegenüber späteren Generationen ist ihm dabei schmerzlich bewusst: "Sie mögen noch so kundig sein, es fehlt ihnen das Entscheidende: die unerschütterbare Beweiskraft der eigenen Vita, die Aura des Authentischen." Doch eine Alternative gebe es nicht.

Droht mit dem Verschwinden der letzten Zeitzeugen die Gefahr des Vergessens? Wenn in der öffentlichen Wahrnehmung Auschwitz zur moralischen Betroffenheitsmetapher wird, zur Chiffre für "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", das Böse schlechthin, so erscheint nicht nur das konkrete geschichtliche Ereignis, die Vernichtung der Juden, verzerrt. Auch das Leid des Einzelnen gerät aus dem Blick. Er wird zum anonymen Opfer. Dagegen richtet sich dieses Buch. Es gibt den Stimmen der Überlebenden Raum. Doerry fragt klug und zurückhaltend, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängen. Er bringt die Menschen zum Sprechen. Ihr Vertrauen spiegelt sich auch in den eindrücklichen Porträts der Fotografin Monika Zucht. Diese Gesichter wird der Betrachter bei dem Wort "Holocaust" fortan vor Augen haben.

Die Frage, was geschieht, wenn keiner dieser Menschen mehr am Leben ist, hat Doerry auch einigen seiner Gesprächspartner gestellt. Elie Wiesel, der 1986 mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde, hat geantwortet: "Ich glaube, meine Aufgabe war die eines Zeugen. Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden." Aus dieser Zuversicht des Überlebenden von Auschwitz und Buchenwald erwächst für die Nachgeborenen eine Verantwortung. Dieses Buch ist kein Schlusspunkt.

Martin Doerry: Nirgendwo und überall zu Haus. Gespräche mit Überlebenden des Holocaust. Fotografien von Monika Zucht. DVA, München 2006. 262 S., 39,90 EUR


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00:00 26.01.2007

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