Die Ziegenhaut unter den Hornhaut-Fingern

BURKINA FASO Quantensprünge im Land der mehrsprachigen Analphabeten - oder: Was machen die Afrikaner, bevor sie verhungern?

Was ist das für eine Hauptstadt, deren größte Sehenswürdigkeit in einem drei Meter hohen, metallenen Globus besteht, um den sich der Verkehr dreht, am Platz der Vereinten Nationen? Ein heißes, rotstaubiges, lautes Durcheinander. Eigentlich müsste in Ouagadougou der Verkehr rings um das große Marktgebäude zusammenbrechen, denn die Autos werden von der Avenue Nelson Mandela auf die Nebenstraßen umgeleitet. Der Platz vor dem Volkspalast ist für die Zeit des 17. Panafrikanischen Film- und Fernsehfestivals (FESPACO) vorübergehend zur Fußgängerzone erklärt. Aber irgendwie geht das schon: Die klapprigen grünen Taxen schieben sich hupend durch die Fußgänger zwischen den Marktständen hindurch, und sie werden von den Peugeot-Mofas und Fahrrädern sogar noch überholt. Irgendwie.

Nach diesem Prinzip stampft das "Hollywood Afrikas" alle zwei Jahre ein FESPACO aus dem trockenen Boden. Eine gute Gelegenheit für Präsidenten Blaise Compaoré, die andauernde Kritik an seiner Herrschaft in den Hintergrund zu drängen. Der Ruf nach einer Aufarbeitung des Mordes an dem Journalisten Norbert Zongo aus dem Jahr 1998 ist zwar nicht allzu laut, aber hält sich hartnäckig, seit Amnesty International den Fall klären will. Dabei berufen sich Compaoré und seine Opponenten gleichermaßen auf das Erbe des Revolutionsführers Thomas Sankara, der 1983 - er war damals 33 Jahre alt - an die Macht kam und dem Land vier revolutionäre Jahre bescherte. Er begann Impf- und Alphabetisierungskampagnen, forcierte den Brunnenbau, führte einen entschiedenen Kampf gegen die Korruption - Sankara fuhr einen einfachen Renault 5, schlug internationale Treffen aus, wenn sie ihm zu teuer und wenig produktiv erschienen, hielt sich aus Hilfsangeboten und dahinter lauernden Abhängigkeiten heraus - und setzte auf die Kraft der Burkinabé, wie sich die Menschen des Landes seit dem 4. August 1984 nannten: An diesem ersten Jahrestag seiner Präsidentschaft gab Sankara Obervolta den Namen "Burkina Faso" - "Land der aufrechten Menschen".

1987 wurde der charismatische Staatschef ermordet, als sich einer seiner Mitstreiter an die Macht brachte: Blaise Compaoré ließ erklären, er habe den Sankarismus vor Sankara schützen müssen, der immer öfter einsame, schwer zu durchschauende Entscheidungen getroffen habe.

Wovon und wohin Pablo Picasso hier inspiriert wurde

Auf den Straßen von Ouagadougou symbolisieren Werbeplakate mit übergroßen Handys den Quantensprung, den der Alltag des Kontinents erlebt. Internetcafés öffnen und bieten Afrikanern eine bezahlbare Möglichkeit, flüchtige Touristen an das Versprechen zu erinnern, ihnen die Abzüge ihrer Urlaubsfotos zu schicken. Die Telefon-Festnetze brechen immer noch bei jedem Regen zusammen, die Mobiltelefone funktionieren bei jedem Wetter - zumindest in Ouagadougou.

In der Stadt wird zusehends der Fernsehempfang per Satellitenschüssel zur Regel - für das Afrikaprogramm des französischen Senders TV5 oder sogar für das südafrikanische Pay-TV-Programm von M-Net: Mode, Sport, Musik, News aus Afrika ohne Umweg über europäische oder US-Anstalten. In Ouagadougou ist inzwischen auch eine einheimische Sitcom auf dem Fernsehschirm zu empfangen. Einmal in der Woche hilft "Kadie Jolie", eine dreißigjährige - und immer noch alleinstehende! - Frau ihren Freundinnen bei der Suche nach einem Job, bei einer Lektion für den Macho, beim Weg aus dem langweiligen Dorf in die Hauptstadt. Wo immer in Ouagadougou ein Fernseher erreichbar ist - in Bars oder bei Freunden - diese zwölf Minuten am Samstagabend lässt sich kaum jemand entgehen. Produktionspartner Canal France International hat die Serie auch in andere westafrikanische Staaten verkauft, schließlich spricht man dort fast überall französisch. Aminata Diallo-Glez, Hauptdarstellerin und Produzentin von "Kadie Jolie", kann sich immer noch allein auf den Markt zum Einkauf wagen: "Natürlich erkennen mich die Leute, sie holen mich an ihren Stand, damit ich bei ihnen kaufe. Aber sie bleiben alle freundlich. Meist bekomme ich auch die Sachen dann etwas billiger." Jetzt steht sie selbst auf dem Markt. Auf der afrikanischen Medien-Messe MICA im französischen Kulturzentrum von Ouagadougou hat die Serie "Kadie Jolie" einen eigenen Stand. Wie überall tummeln sich auch hier Souvenirverkäufer, bieten Taschen, Bronzefiguren, indigogefärbte Kleider, kunstvoll aus Draht und Büchsenblech gefertigtes Spielzeug, Schnitzereien an. Jeder Blick, der länger als eine Zehntelsekunde auf ihren Ständen verweilt, fordert die Verkäufer heraus: "Nur ansehen, nichts kaufen. Ich mache Ihnen einen guten Preis." Und die fliegenden Händler, die ihre Ware - Filme, Sonnenbrillen, Kondome - immer dabei haben, folgen den Blancs auch bis an die nächste Straßenecke.

Doch kann die Jagd auf zahlungskräftige Weiße auch raffinierter vonstatten gehen: Der erste Köder ist Nellys Dekolleté, der zweite, das sind ihre schwarzen Augen - und der dritte dieses zu unzählbaren Zöpfen geflochtene Haar. Sie trägt enge Jeans und ein knappes Oberteil mit der Aufschrift: Freedom. Nach zwei Sekunden hängt man an ihrer Angel - das Angebot heißt: Für läppische 1.000 westafrikanische Francs mit dem Minibus ins Village Artisanal. Wer will sich da wieder losreißen?

Die Völker des Landes sind mit ihren handwerklichen Spezialitäten in diesem Kunst-Dorf versammelt worden. Hier gibt es mehr als nur Dutzendware. Es wird gewebt, gefärbt, genäht, ausgeruht - alles unter den Augen der Besucher. Nelly nimmt sich die Zeit für einen ausgiebigen Rundgang, schnell wird klar, dass man hier nicht rauskommt, ohne etwas gekauft zu haben. Glücklicherweise widerstrebt die Vernunft einem Kaufrausch: Die Farben der Kleidungsstücke sind zu lebensfroh, um von reiferen Menschen durch europäische Fußgängerzonen getragen zu werden. Bleibt die Kunst. Statuen in Bronze und Holz, Bilder in Öl und auf Leder. Da finden sich auch Sachen, Naives oder eher Abstraktes - verflucht noch eins, da weiß man plötzlich sehr genau, wovon und wohin Pablo Picasso hier inspiriert wurde. Nie hat Afrika diese westlichen Irrwege der Kunst begangen: bloßen Realismus und bloße Nicht-Gegenständlichkeit. Die sagenhaften Statuen bleiben immer erfühlbar. Tragisch, sich davon entfernen zu wollen.

Die Namen der Künstler werden im Village Artisanal kaum erwähnt, oft sind es Analphabeten, die sich in irgendeinem Dorf mit einer Bronzegießerei ihren Unterhalt sichern. Auch hier stehen drei gleiche Güsse nebeneinander. Aber alle drei sind stark, und jeder ist auf seine Weise ein Unikat. Den "Analphabeten" aus Burkina Faso muss an dieser Stelle Gerechtigkeit widerfahren: Sie sprechen oft mehrere der fast 60 Sprachen ihres Landes und kommen in ihrer Gesellschaft, in der alles erzählt und weitererzählt wird, wunderbar zurecht. Sie sind nicht zwangsläufig arme Schlucker.

Natürlich fehlt im Village der Exportschlager Burkina Fasos nicht: Djembe-Trommeln, der Mittelpunkt jeder westafrikanischen Percussion-Band. Die Trommel-Virtuosen liefern sich auf verschiedenen Bühnen der Stadt ihre Duelle. Die Djembe-Ziegenhaut tönt unter den Hornhaut-Fingern der Profi-Trommler in verschiedenen Höhen und Klängen, je nach Qualität und Eigenart des Instruments. Die Djembe fügt sich problemlos in den modernen Sound ein, der in den Nächten von der Bühne des Zaka-Clubs dröhnt. Afrikanische Musik, das heißt: Weltmusik. Salsa, Kwasa-Kwasa, Reggae, Rumba, Highlife - die Rhythmen sind vielfältig. Der Sänger Rapado kommt aus Nigeria und ist gerade einer der Favoriten des Publikums von Ouagadougou, das stets dafür sorgt, dass der Spaß, der von einer Bühne herunterkommt, auch wieder zurückschwappt. So bleibt es nicht aus, dass sich Rapado vor dem begeisterten Publikum zuerst mit einer lässigen Handbewegung sein Hemd hochstreift, um seinen Resonanzkörper zu präsentieren, und später die Mütze in den Nacken schiebt, die Hosenbeine lüpft und sich breitbeinig, an allen Rundungen wackelnd, über die Bühne bewegt. Sänger, die nicht zugleich Vortänzer sind - das ist hier schwer vorstellbar. Die moderne Musik, die aus der Welt zurückströmt auf den Kontinent, enthält ohnehin die Elemente der afrikanischen Folklore. Sie werden wieder aufgegriffen, elektrifiziert, moduliert, fusioniert - und an den Zwischenstationen dieses Weges ohne Ziel steht wieder ein neuer, unverwechselbar afrikanischer, lebendiger Sound.

Seit man die Afrikaner nicht mehr "Neger" nennt

Das FESPACO-Film-Programm passt sich dem Rhythmus der Stadt an. Morgens um 8.30 Uhr die ersten Vorstellungen, mittags eine Pause bis 16 Uhr und abends bis Mitternacht: Filme, Filme, Filme... Die beiden Streifen des Gastgebers stammen von dem Label Sahelis-Productions, dessen Büro sich in einer der vielen namenlosen, rechtwinklig angelegten Straßen befindet, die das Zentrum in einem Umkreis von etlichen Kilometern umgeben. Irgendjemand hat auch heute Wasser gekocht und in eine Thermoskanne gefüllt, nach Belieben lösen sich die Angestellten ein Tütchen Nescafé mit Nido-Trockenmilch auf oder hängen einen Beutel Tee in ihre Plastetasse. Nur die Geckos sind in dieser Hitze schnell. Die Menschen bewegen sich ruhig. Oder gar nicht. Der Deckenventilator kühlt einen großen Tisch mit etlichen Bronzestatuen: Die Preise, die den beiden Filmen von "Sahelis" schon verliehen wurden: Sira Ba ist ein Gegenwartsstoff; Sia - der Traum der Pythonschlange erzählt eine Geschichte aus dem historischen westafrikanischen Soninke-Reich. Aufwendige Produktionen, mit europäischem Geld finanziert und in Frankreich postproduziert - aber sonst so afrikanisch, wie man es sich vorstellt: Fetisch-Magie, in regionalen Sprachen gesprochen, voll fremder Symbolik und bei aller realistischer Wunddarstellung auch immer mit diesem alltäglichen Humor, ohne den hier auch die tragischsten Tragödien nicht auskommen. Obwohl diese Filme alle Qualitätskriterien erfüllen, um über deutsche Leinwände laufen zu können, haben sie wenig Chancen für Europa.

Allein die Synchronisation stellt eine kaum überwindbare finanzielle Hürde für die Verleiher dar. Eine fast ebensolche sind die Naturreligionen Afrikas, die in vielen dieser Filme eine große Rolle spielen. Sie bestätigen aus der Sicht der Christen und christlich Geprägten den "Aberglauben" Afrikas, dessen Darstellung in Europa nicht mehr als politisch korrekt gilt, seit man die Afrikaner nicht mehr "Neger" nennt. Dabei vertreten die Burkinabé ihren "Aberglauben" inzwischen mit einigem Selbstbewusstsein. "Ich bin kein Moslem und kein Christ - ich bin Animist", bekommen die Weißen zu hören, auch wenn sie gar nicht danach gefragt haben. Archaisch anmutende Hahnenopfer und Hexenglauben sind nur Äußerlichkeiten, für Außenstehende sichtbare Riten, aus denen sich europäische Urteile bilden. Die Naturreligionen Westafrikas setzen sich jedoch aus unzähligen Elementen zusammen: Ahnen, Fetische, Gottheiten, Weltenwanderung, Voodoo ... ein religiöser Kosmos, der sich seit Jahrhunderten gegen das Christentum und den Islam behauptet. Und auch jetzt, in der Auseinandersetzung mit einer Überfremdung durch heidnische Konsum-Plattheiten aus den Abendländern, bewahren die Naturreligionen ihre Kraft.

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00:00 04.05.2001

Ausgabe 42/2021

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