Die Zivilisten sind müde

Syrien Hassan und Akram kämpfen als Teil des zivilen Widerstandes gegen das Regime von Bashar al-Assad – und auf verlorenem Posten. Unser Reporter hat sie getroffen
André Find | Ausgabe 30/2013 22
Die Zivilisten sind müde

Foto: Bulent Kilic / AFP / Getty

Entspannt, aber sichtlich erschöpft sitzt Hassan in der Bar eines Fünf-Sterne-Hotels in Gaziantep nahe der syrischen Grenze in der Südtürkei. Das Hotel hat erst vor Kurzem eröffnet und vorerst kaum Gäste. Etwas verloren wirkt die Gruppe junger Menschen im überdachten Innenhof der renovierten Karawanserei. Sie unterhalten sich angeregt, aber die Stimmung ist ernst, gelacht wird wenig.

Galgenhumor kommt kurz auf, als der 25-jährige Hassan meint, den Anisschnaps könnten wir ruhig auf sein Zimmer schreiben lassen. Morgen verlasse er das Hotel, und als geheimdienstlich bekannter syrischer Oppositioneller habe er ohnehin keinen gültigen Ausweis oder Pass, den er an der Rezeption hätte hinterlegen können. In seinem karierten Hemd mit offenem Kragen sieht er eher wie ein Urlauber aus. Es ist nach Mitternacht, und es gibt den ersten Raki des Abends.

„Junge Führungskräfte für Syrien“ heißt der Workshop für 20 zivilgesellschaftliche Aktivisten, in Gaziantep veranstaltet von einer regierungsnahen US-Stiftung. „Der Meinungsaustausch ist uns wichtig“, erklärt Will, der Programmkoordinator. „Wir wollen wissen, was trägt ziviler Widerstand zum Sturz Assads bei? Mit wem können wir zusammenarbeiten? Das diskutieren wir hier mit den Teilnehmern.“

Seine Stiftung wolle Syrien besser verstehen. Amerikanische Politiker hätten im Nahen Osten immer wieder riesige Fehler gemacht. Will bedauert, dass seine Organisation keine materielle Unterstützung bieten könne. „Aber wichtig sind ja auch Kontakte, Vernetzung und Ideenaustausch. So stärken wir die syrische Revolution.“ Deutlich nüchterner schätzt Hassan beim Raki den Workshop ein. Er hat schon an mehreren teilgenommen und war in der Türkei, um über Minderheitenrechte oder eine Übergangsjustiz zu diskutieren, über Medienarbeit oder Internetsicherheit. Er hat sich nach Gaziantep einladen lassen, obwohl er den amerikanischen Einfluss in Syrien sehr kritisch sieht.

„Ich fange an zu bezweifeln, dass diese Lehrgänge überhaupt dazu da sind, dass wir etwas lernen. Es gibt immer viel Allgemeines“, winkt er ab, „nichts, was mir konkret bei meiner Arbeit helfen würde.“ Immerhin hat er mit anderen Aktivisten wenigstens für ein paar Tage das Chaos im zerstörten Deir ez-Zor hinter sich gelassen. Mit ironischem Unterton ergänzt er: „Ich gehöre jetzt zu den Führungskräften der Revolution.“ Dann erzählt er unaufgeregt von dem, was ihm in den vergangenen Jahren widerfahren ist.

Immer auswegloser

Als Agraringenieur-Student sei er schon politisch aktiv gewesen, bevor im März 2011 der Aufstand gegen Bashar al-Assad begann. Weil er Flugblätter gegen die Korruption verteilte, habe ihn der Geheimdienst beobachtet. Als hoch motivierter Assad-Gegner habe er sich allerdings erst gefühlt, als es an der Universität zu den ersten Demonstrationen kam.

Wie jeder in der von ihm gegründeten Studentengruppe fing er an, sich einen Nom de Guerre zuzulegen und jede Nacht woanders zu schlafen, um einer Festnahme zu entgehen. Während die ersten Kommilitonen begannen, sich zu bewaffnen, ging Hassan einen zweiten Weg. Mit Gruppen an anderen Hochschulen gründete er die landesweite Union der Freien Syrischen Studenten. Mitstreiter in Aleppo und Damaskus, die er persönlich nie getroffen hat, waren wie er der Meinung, den freien Fall in einen Bürgerkrieg aufhalten zu müssen. Sie wollten der Diktatur Legitimität entziehen, indem sie zeigten, dass man sich einer Logik der Gewalt keineswegs beugen muss. Hassans Netzwerk gelang es schließlich, die großen zivilen Proteste auf den Campus von Deir ez-Zor zu holen und so das Regime herauszufordern. „Wir waren stark – aber nicht stark genug, um eine Bewaffnung und die konfessionelle Spaltung zu stoppen“, erzählt Hassan resigniert.

Seine Wohnung war nach dem Beschuss mit Mörsergranaten nicht mehr vorhanden. Als er den Angriff eines Panzers filmte, wurde ihm ein Bein durchschossen, einen Monat lang konnte er kaum laufen.

Und dann musste Hassan auch noch am eigenen Leib erfahren, wie schnell man heute in Syrien entführt werden kann. Ein Rebellenkommando hielt ihn drei Wochen lang fest, wohl in der irrigen Annahme, ein gutes Lösegeld erpressen zu können. Als Hassan davon erzählt, kommt sein trockener Humor wieder durch: „Die dachten, wenn wir als Studentennetzwerk von ausländischen Organisationen unterstützt werden, bezahlt sicher jemand viel Geld für mich. Aber sie täuschten sich. Wir bekommen kein Geld von draußen, damals überhaupt nicht und inzwischen gerade mal so viel, um Internet und Telefon zu bezahlen.“

Wenn er solche Anekdoten schildert, ist Hassan anzumerken, dass er von der Revolution nicht mehr viel zu halten scheint. Die Erwartung der ersten Monate, der Sturz des Regimes sei nur eine Frage der Zeit, ist längst der Erkenntnis gewichen, dass die Lage immer auswegloser wird.

Ohne Sicherheit keine Hilfe

Bei jedem Aufenthalt in der Türkei hätte Hassan die Gelegenheit, dort zu bleiben und den leeren, ausgebombten syrischen Städten zu entkommen, ebenso der Verfolgung durch fanatische Islamisten. „Ich habe keine andere Wahl“, begründet er seine Entscheidung, stets heimzukehren. „Wir haben diese Revolution angefangen, um Freiheit zu erlangen. Jetzt kann ich das Feld doch nicht den Radikalen überlassen und meine Heimat aufgeben. Ich muss einfach weitermachen und für ein besseres Syrien kämpfen.“

Teile des Landes, vor allem im Norden und Osten, hat das Assad-Regime eingebüßt. Selbst wenn hier die Luftwaffe noch einmal eingreifen und die Armee Orte zurückerobern sollte – ist Hassan überzeugt –, würde die Baath-Diktatur nicht zurückkehren. „Sie haben längst die Kontrolle über die Köpfe verloren ...“

Den säkularen, toleranten und demokratischen Staat, den Hassan und seine Mitstreiter sich wünschen, gibt es in diesen Gebieten allerdings auch nicht. Stattdessen besteht hier ein Nebeneinander aus bewaffneten Gruppen und Milizen sowie ersten Ansätzen kommunaler Selbstverwaltung. Erschwert wird die Lage durch den Mangel an öffentlichen Dienstleistungen und die allgegenwärtige wirtschaftliche Misere. Etwa in Tall Abyad, der Stadt mit 15.000 Einwohnern direkt an der Grenze zur Türkei, aus der Schleuser Hassan auf die andere Seite gelotst haben.

„Die letzten Assad-Truppen wurden hier vor neun Monaten gesichtet“, erzählt Akram Dada, der Bürgermeister von Tall Abyad. „Im Moment haben wir hier ungefähr hundert verschiedene bewaffnete Einheiten.“ Der hochgewachsene Mann um die 50 sitzt aufrecht an seinem Schreibtisch, hinter ihm an der Wand die grün-weiß-schwarze Revolutionsfahne mit den drei roten Sternen. „Wir würden gern eine Polizei formieren, um ein bisschen mehr Handlungsfreiheit zu haben, denn es fehlt an öffentlicher Sicherheit. Nur wenn wir halbwegs Ordnung schaffen, können wir uns auch um alles andere kümmern: Müllabfuhr, Strom und Wasser, vielleicht auch die lokale Wirtschaft.“

Akram Dada weiß nicht recht, wo er anfangen soll. Er weiß nur, dass ihm das Geld fehlt, um auch nur einen Polizisten zu bezahlen. Außerdem lehnen die meisten Milizen Polizeieinheiten ab oder würden sich nur unter der Bedingung darauf einlassen, dass eine solche Behörde islamisches Recht durchsetzt. Ob denn nicht eine der internationalen Organisationen oder Wiederaufbauprogramme mit Büros jenseits der Grenze in Gaziantep einmal bei ihm angefragt hätten? „Nein, keine!“, antwortet Dada, ohne zu zögern.

Internationale Hilfe muss in Tall Abyad wie in vielen von der Opposition beherrschten Gebieten entbehrt werden. So ist das Gesundheitswesen aus Mangel an Medikamenten zusammengebrochen, findet Schulunterricht nur noch auf Eigeninitiative statt, sind wegen massiv gestiegener Lebensmittelpreise Kinder zusehends unterernährt. In vielen syrischen Orten an der Grenze zur Türkei hat sich zudem die Bevölkerungszahl durch die Aufnahme von Binnenflüchtlingen nahezu verdoppelt. Es gilt das Prinzip: Wer keine Sicherheit bietet, darf nicht mit internationalen Helfern rechnen.

130 Dollar pro Nacht

An der Hotelbar in Gaziantep meint Hassan, an Assad glaube in Syrien sowieso keiner mehr. „Es kann zwar noch dauern, aber den werden wir schon los.“ Nur: Solange die Kämpfe anhielten und die Not groß sei, würden die Radikalen laufend an Einfluss gewinnen. Nach dem düsteren Ausblick versucht er Zuversicht zu verbreiten: „Aber wir können den Radikalen etwas entgegensetzen, wenn wir für Toleranz werben.“ Deshalb habe er die Leitung des Studentennetzwerks verlassen und stattdessen in Deir ez-Zor die Gruppe „Issham“ („Beteiligung“) gegründet. Begonnen wurde mit Kursen für junge Syrer über demokratische Mitbestimmung. Zuletzt habe „Issham“ die Wahlen zum Lokalrat beobachtet, dem Stadtrat der Oppositionellen, aus dem so etwas wie eine lokale Administration werden soll.

Es ist spät in der Nacht, als der Raki ausgetrunken ist. Hassan wirkt noch müder. Der Workshop im Luxushotel war anstrengend. Er schüttelt den Kopf: „Schau dich mal um, wie wir hier wohnen: Jede Übernachtung kostet 130 Dollar. Hätten sie lieber ein Hotel für 30 Dollar ausgesucht und mir jeden Tag die übrigen 100 für unsere Arbeit gegeben.“ Am nächsten Tag endet das Seminar. Bevor er wieder nach Syrien zurückgeht, wird Hassan noch zwei Tage in der Türkei bleiben. Er will versuchen, eine Organisation zu finden, die seiner Gruppe etwas Geld geben kann.

Zwei Wochen später, zurück in Deir ez-Zor, berichtet er enttäuscht via Skype, er habe nichts erreicht. Er fühle sich allein gelassen, die nächsten Projekte hätten verschoben werden müssen. „Dafür bin ich schon zum nächsten Workshop eingeladen.“

André Find ist Geschäftsführer bei Adopt a Revolution . Die Initiative vermittelt Patenschaften zur Unterstützung der Arbeit ziviler Gruppen in Syrien

06:00 25.07.2013

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