Die Zukunft der Vergangenheit

Reportagen Alexander Stille beschreibt in seinen "Reisen an das Ende der Geschichte" das prekäre und widersprüchliche Verhältnis des Menschen zu seiner Kultur und Vergangenheit zwischen China, Benares und Alexandria

In Somalia bediente sich die Revolution batteriegetriebener Kassettenrekorder. In der nach wie vor weitgehend schriftlosen Gesellschaft verbreitete sich die Kritik am korrupten Regime des Siad Barre in den siebziger Jahren über das aufgenommene und tausendfach reproduzierte Wort. Die Wortführer waren keine klassischen Oppositionellen, sondern Dichter, die sich wie zu Homers Zeiten lyrische Duelle lieferten. Mohammed Ibrahim Warsame gilt als einer der Anstifter des poetischen Widerstands und genießt als Dichter landesweite Verehrung. Das Video seiner letzten Hochzeit wurde zu einem Verkaufsschlager. Traditionelle Nomadenkultur und elektronische Medien gehen am Horn von Afrika eine Allianz voller Widersprüche ein.

Warsame verdammt die moderne Technik und kann doch nur dank ihr weite Kreise der Bevölkerung erreichen. Er trauert einer rein mündlichen Kultur nach, in der aus dem Gedächtnis rezitiert wurde, wettert gegen die Verschriftlichung und lässt gleichzeitig seine Gedichte abtippen.

Die Geschichte von Warsames Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft ist eine der elf Perlen, die Alexander Stille in seinen Reisen an das Ende der Geschichte aufgereiht hat. Der Originaltitel The Future of the Past bringt das übergreifende Thema genauer auf den Punkt. Stille fragt stets aufs Neue, wie die Menschen mit ihrer Geschichte und ihren Traditionen in einer Welt umgehen, in der dafür kaum noch Platz mehr zu sein scheint: die Pyramiden zerfallen durch die Ausdünstungen der Touristen, die Grabräuber erleichtern Sizilien um sein antikes Erbe, die Kunst des Kanuschnitzens auf der abgelegenen Insel Kitawa südlich von Papua-Neuguinea geht durch den Kontakt mit der Außenwelt unweigerlich verloren.

In jeder dieser Geschichten steht eine Figur wie der Dichter Warsame im Zentrum, in der sich der Konflikt zwischen Bewahren und Modernisieren, zwischen kultureller Identität und Verwestlichung und Ökonomie spiegelt.

Der Inder Veer Bhadra Mishra ist in Personalunion qua Geburt "Mahant", eine Art Hohepriester, und Universitätsprofessor für Wasserbau. Er ist einerseits führender Repräsentant einer Kultur, die qua Leichenverbrennung mit zur Verschmutzung des Ganges beiträgt, und entwirft andererseits "intelligente" Kläranlagen. Für Mishra ist der Fluss heilig, das tägliche Bad darin Pflicht, und gleichzeitig ermittelt er im Labor die erschreckend hohe Konzentration fäkalcoliformer Keime.

Der US-amerikanische Karmeliterpater Reginald Foster aus Milwaukee ist ranghöchster Latinist des Vatikans. Er übersetzt nicht nur die päpstlichen Briefe, sondern gehört auch zu den besten Lateinsprechern weltweit und vermag verschiedene Stile, ja selbst Dialekte flüssig von sich zu geben. Seine Liebe zum Latein hat ihn auch zum Sprachmissionar werden lassen: Statt Deklinationen und Konjugationen abzufragen, unternimmt er Exkursionen zum Wohnhaus Horaz´ oder in die graffitiverzierten Scheißhäuser des Alten Roms, bei denen Latein gesprochen, gelesen und gesungen wird. Der charismatische Lehrer vermag eine wachsende Zahl von Schülern für die vermeintlich tote Sprache zu begeistern. Einen Nachfolger wird es aber nicht geben.

Es sind die Don Quichottes der Kulturgüter und der Traditionen, die es Stille angetan haben. Der italienische Anthropologe Giancarlo Scoditti hat Jahre auf Kitawa verbracht. Die Eingeborenen nennen ihn den Mann, der sich erinnert. Der Forscher ist unversehens zum Nachlassverwalter ihrer Lebensweise geworden: Viele der kulturellen Eigenheiten sind in den vergangenen 25 Jahren verloren gegangen, die rituellen Tänze der Erntedankfeiern etwas existieren nur noch in Scodittis Aufzeichungen und in seinem Gedächtnis.

Stille fragt am Beispiel des umstrittenen Neubaus der antiken Bibliothek von Alexandria und der "Ökonomisierung" der Schätze der Vatikanischen Bibliothek (Bildrechte gegen Geld und Computer) auch nach den Chancen und Fallstricken zeitgenössischer Kulturpolitik. Und er erinnert uns daran, dass andere Kulturen andere Vorstellungen vom Bewahren haben: Den Chinesen ist die "westliche" Unterscheidung von Kopie und Original fremd. Sie finden nichts dabei, moderne Abgüsse der berühmten Terrakotta-Soldaten auf Europa-Tournee zu schicken, so lange auch sie ein paar Lehmspuren aufweisen.

Stille, freier Journalist in New York, knüpft an beste Traditionen der Reisebeschreibung an, die über das individuell Gesehene und Erlebte in einer Art und Weise zu reflektieren weiß, die weit über das unmittelbar Beschriebene hinausreicht. Sicher wechselt er zwischen Makro- und Mikroperspektive, liefert die richtige Dichte an Details und Kontext. Die Geschichten ergeben in ihrer Gesamtheit das Porträt einer Welt im Umbruch. Die journalistische Reportage wird nicht nur zum Lesevergnügen, sondern auch zum Erkenntnisinstrument. Eine Antwort auf die Frage, wie wir mit unserem kulturellen Erbe umgehen sollen, gibt Stille nicht. Aber selten wurde die Frage eindringlicher und bewegender gestellt.

Alexander Stille: Reisen an das Ende der Geschichte. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Karl-Heinz Siber. C. H. Beck, München 2002, 440 S., 25,60 EUR

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 01.08.2003

Ausgabe 38/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare