Franz Walter
23.02.2012 | 07:00 62

Die zwei Gesichter des Ostens

Präsident Mit Gauck und Merkel stehen bald zwei Ostdeutsche an der Spitze des Staates. Wieviel Protestantismus steckt in diesem Führungsduo, und was bedeutet das für das Land?

Es ist schwer, in der Stimmungsmelange der Republik noch so etwas wie Kohärenz zu finden. In der Welt der Kommentatoren und Blogger werden seit Monaten Suaden über die „politische Klasse“, ihre „Abgehobenheit“ und ihre „Hinterzimmerpolitik“ vom Stapel gelassen. Man liest wütende Philippiken gegen Banker, Lobbyisten, Großunternehmer. Die Zauberformeln, die man dem Treiben der herrschenden Kartelle sodann entgegenstellt, lauten: Plebiszit, Bürgerbegehren, Partizipation, Protest.

Und nun gilt als Präsidentschaftskandidat des Volkes und der Parteien, beide geeint in wilhelminisch anmutender Eintracht – zu der auch immer gehört, dass die Linkspartei nicht mit an den Tisch darf – Joachim Gauck. Dabei hat sich niemand sonst aus der Reihe der dauerparlierenden Symposiums- und Akademieeliten des Landes in letzter Zeit so herablassend über Bürgerproteste aller Art ausgelassen wie er. Kaum jemand hat die Ursachen für die Sozialproteste so wenig begriffen. Nur wenige haben wie Gauck in den bedrückenden Jahren der FDP-Clownerien zwischen 2001 und 2009 so unverhohlen Sympathie für diese Verfallsform des bürgerlichen Liberalismus bekundet und dies noch als Freiheitsmanifestationen missinterpretiert.

Gauck ist unzweifelhaft der kongeniale Kandidat dieser Freidemokraten, die sich mit guten Gründen zuletzt dem Orkus der politischen Randständigkeit näherten. So war es auch keineswegs Zufall, dass sich bei den Pro-Gauck-Initiativen im Netz 2010 und ebenfalls am vergangenen Wochenende Multiplikatorenprofis aus dem Umfeld der FDP tummelten, die zuletzt nicht viel zu lachen hatten.

Gescheitert an der Taktik

Über Gauck haben sich die bis dahin gänzlich zerzausten Freidemokraten plötzlich wieder ins Spiel gebracht. Wichtige Helfer, dabei waren die Sozialdemokraten und die Grünen. Da ihnen konzeptionell zu Angela Merkel partout nichts einfiel und sie alle inhaltliche Opposition zur Kanzlerin weitgehend eingestellt haben, kam ihnen zupass, die Regierungschefin über die Bundesversammlung ärgern und ein wenig in Bedrängnis bringen zu können. Mit Gauck wollte man das gegnerische Lager spalten. Das ist gewiss ein legitimes Spielchen, wenn man es denn bis zum Ende beherrscht und im Griff behält. Eben das aber ist die Frage.

Die taktischen Instrumente, die legitimatorischen Versatzstücke und das originäre politische Anliegen von solch trickreichen Manövern müssen zueinanderpassen. Das aber ist nicht recht zu erkennen. So hätte man die Sozialdemokraten schon bei Gaucks erster Kandidatur im Jahre 2010 gern gefragt, ob es sie heute gar nicht mehr interessiert, wie der frühere Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen mit einem früheren Ministerpräsidenten und Bundesminister aus ihren Reihen, Manfred Stolpe, umgesprungen ist? Hatte die SPD nicht selber in der Vergangenheit oft genug und mit einigem Recht Bedenken geäußert, wenn sich Gauck zum Ermittler, Staatsanwalt, Richter, Hohepriester und Mediensouffleur in einer Person selbst ermächtigte? Forderten Sozialdemokraten seinerzeit nicht sogar die Schließung der „Inquisitionsbehörde“ des „Sonderbeauftragen“ mit seinem Ego-Gebaren? Ist es ihnen gleichgültig, wenn künftig von einem Bundespräsidenten wie aus der Zeit gefallene Tadel über fehlgeleitete 68er, linksliberale Diktatur-apologeten, Fantasten der Ostpolitik, über den Frevel jeglicher Sozialismusvorstellungen und mögliche Koalitionen mit „Linken“ anzuhören sind? Es sind dies die Botschaften des alten, klassisch konservativ-liberlaen Bürgertums der fünfziger bis siebziger Jahre, die Gauck im Gestus des auserwählten Freiheitskünders repetiert. Und das soll das Elixier für die bundespräsidiale Ansprache der Jahre 2012 bis 2017 sein?

Es ist schon interessant: In dem Moment, da sich der neumittige Westerwelle-Liberalismus auf ganzer Linie zu blamieren und politisch zu scheitern droht, in dem Moment versammeln sich die Reste distinkter Altbürgerlichkeit, die sich von „Parteien“ längst abgewandt haben, noch einmal geschlossen um den Freiheitsbürger und protestantischen Pastor aus Mecklenburg-Vorpommern. Sie sagen, sie hätten genug vom verächtlichen Treiben der Parteien und Interessengruppen, vom „Kuhhandel“ in jeder Kompromissbildung. Und die Sozialdemokraten, die in ihrer Geschichte stets die Zielscheibe der Parteien- und Funktionärsbeschimpfung abgaben, sind jetzt fröhlich mit von der Partie.

Vor allem: Wer hätte das in den Jahren von Adenauer bis Kohl gedacht, dass mit der Pastorentochter Angela Merkel und dem Pastor Joachim Gauck das alte protestantische Pfarrhaus noch einmal mit Aplomb in das Zentrum von Macht und Deutung in Deutschland zurückkehren würde. Dafür schien sich dieses Milieu als Legitimationsstifter des Wilhelminismus bis 1914 und der deutschnationalen Rechten bis 1933 doch zu sehr diskreditiert zu haben. Der Anspruch des protestantischen Pfarrhauses, die Bildungsbürgerlichkeit schlechthin in Deutschland zu verkörpern und dem Staat die wichtigsten Professoren, Generäle, Diplomaten, Gymnasiallehrer und Richter zu liefern, hatte durchweg etwas Elitäres. Dieses Milieu hatte wenig Interesse an der sozialen Lage der schlechter gestellten Gesellschaftsschichten, es stand im feindlichen Kontrast zur politischen Linken und gerierte sich jederzeit dünkelhaft gegen den Sozial- und Volkskatholizismus.

Die Bonner Republik aber lebte aus dem gesellschaftlichen Kompromiss von Sozialkatholizismus und Sozialdemokratie. Die von den beiden Kräften in ihrer Blütezeit vorangetriebene Gesellschafts- und Bildungspolitik sollte die überkommenen Bildungsprivilegien aus der bürgerlich-protestantischen Tradition und Machtstellung sukzessive zurückdrängen. Die große Rentenreform 1957, die industrielle Mitbestimmung, die Bildungsexpansion – welche das katholische Mädchen vom Land wie auch die Arbeiterkinder aus den großen Städten umschloss – gehörten zum Programm sozialkatholisch-sozialdemokratischer Gesellschaftreform. Seit den neunziger Jahren allerdings erlebte man ein zumindest geistig-intellektuelles Rollback, weg von den Pfeilern und Strukturen der Adenauer-, Brandt-, Schmidt- und auch Kohl-Ära. Dem ostdeutschen Pfarrhaus, das unzweifelhaft wesentliche Quellen der Resistenz gegen die SED-Diktatur bereithielt, war die sozialkatholisch-sozialdemokratische Eigenart des bundesrepublikanischen Weges der Demokratie fremd. Ihre Folie war stattdessen und begreiflicherweiser der Ulbricht- und Honecker-Staat.

Ein anderer Gauck?

Gerade deshalb tat sich Angela Merkel in ihrer neuen bundesrepublikanischen Biografie als Christdemokratin zunächst schwer, die Vorzüge der bundesdeutschen Sozialstaatlichkeit zu erkennen und als historisches Glück zu akzeptieren. Und von daher bedeutete für jemanden wie Joachim Gauck jede antikapitalistische Reflexion, jede Überlegung zur Entprivatisierung des Bankenwesens oder der Regulation von sonst entgrenzten Finanzmärkten schlicht eine Wiederkehr der alten DDR. „Ich habe in einem Land gelebt, in dem die Banken besetzt waren“, ist infolgedessen eine ganz typische Gauck-Sentenz, mit der er der Occupy-Bewegung begegnete. Er legte an sie einen Maßstab an, der 1988 zwischen Rostock und Plauen in Bezug auf den Staatsdirigismus gewiss seinen Sinn ergab, aber 2012 gegen die Bankendiktatur nichts mehr hergibt.

Kurzum: Konrad Adenauer und Heinrich Lübke – das war zum Schluss für manchen zu viel rheinisch-westfälischer Katholizismus. Merkel und Gauck – in diesem Führungsduo steckt nun aber eindeutig zu viel protestantisch-ostdeutsches Pfarrhaus, um die gesamte gesellschaftliche Breite angemessen zu repräsentieren. Dazu gehört eben auch die organisierte Arbeitnehmerschaft, dazu gehören tiefgläubige Katholiken und Anhänger des auf ewig geltenden Eheversprechens, aber auch Alt-68er, Neuaktivisten des Antifinanzkapitalismus, klassische Linke, Saar- und Emsländer, rheinische Karnevalisten, schwäbische Kleinunternehmer, altbayerisches Landvolk, Arbeitslose und Abgehängte im Ruhrrevier.

Was also ist zu erwarten? Müssen wir uns jetzt abermals „unsäglich alberne“ Ruckreden anhören, die uns zur Anpassung an die globalen Märkte auffordern, vor leistungsfeindlichen Wohlstandsregimen warnen und das Menetekel spätrömischer Dekadenz in lauen Sozialstaatsgesellschaften an die Wand malen? Auszuschließen jedenfalls ist es nicht; und schlimm genug wäre es in jedem Fall.

Aber klar, man kann es natürlich viel gelassener sehen. Immerhin sind die rhetorischen Fähigkeiten des designierten Bundespräsidenten beachtlich, jedenfalls dann, wenn man oratorische Qualität mit Pathos gleichsetzt. Richtig ist auch, dass in der Rolle des Bundespräsidenten sich schon andere Konservative in der bundesdeutschen Geschichte gezügelt und politisch ausgefächert haben. Es kann also durchaus so kommen, dass Joachim Gauck in den nächsten Jahren ebenfalls Verständnis für die Kritik der unruhigen Jugend und für die Verunsicherung der Bürger im Lande bekunden wird.

Gleichwohl: Es bleibt schwer vorstellbar, dass ihm Antworten oder Impulse gelingen auf die neuen sozialen Fragen in einer tief gespaltenen und von unten bis zur Mitte entkollektivierten, deutungsarmen Gesellschaft in einem von oben dekretierten, transnationalen Oligarchiesystem. Aber um diese Fragen wird es gehen müssen.

Franz Walter, Jahrgang 1956, hat in Berlin und Bielefeld Geschichte und Sozialwissenschaften studiert. Er ist in Göttingen Professor der Politikwissenschaft und Leiter des Instituts für Demokratieforschung. Im Freitag schrieb Walter zuletzt über den Mythos Helmut Schmidt

Kommentare (62)

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Ehemaliger Nutzer 23.02.2012 | 11:59

Danke für diesen Artikel. Genau so ist es!
Merkel und Gauck sind so ziemlich das schlimmste, was man der BRD antun konnte. Und sie begreifen nichts von unserer Entwicklung! Merkel bringt es nicht einmal fertig, sich bei den Angehörigen der Nazi-Morde zu entschuldigen. Einfach traurig!

Nietzsche 2011 23.02.2012 | 13:24

"Wichtige Helfer, dabei waren die Sozialdemokraten und die Grünen. Da ihnen konzeptionell zu Angela Merkel partout nichts einfiel . . ."

Die Geistlosigkeit der SPD sollte ihrem Abstieg vorauseilen!
Gerade sie könnte einen Kandidaten aufbieten, der
- ostdeutscher protestantischer Pfarrer
- Bürgerrechtler, welcher nach 1990 nicht mit einem satten
Pöstchen ruhig gestellt wurde
- durch häufiges "Melden zur Sache" sich einen Namen gemacht
hat
- und SPD-Mitglied ist!

Ich meine Friedrich Schorlemmer! Wenn die LINKE clever ist . . .

Thomas K 23.02.2012 | 15:01

Hey ho, ganz langsam Herr Professor ich glaub sie verrennen sich da grad tierisch.
Das Gauck ein Ar....och und Merkel eine Amöbe ist, da stimm ich ihnen zu. Auch wenn das jez extrem platt ausgedrückt ist.
Was die Geschichte des und mit dem Protestantismus angeht, da irren sie sich und zwar nich zu knapp. - Ich versuch gleich das noch genauer zu erklären.

Magda 23.02.2012 | 15:44

"Dem ostdeutschen Pfarrhaus, das unzweifelhaft wesentliche Quellen der Resistenz gegen die SED-Diktatur bereithielt, war die sozialkatholisch-sozialdemokratische Eigenart des bundesrepublikanischen Weges der Demokratie fremd. Ihre Folie war stattdessen und begreiflicherweiser der Ulbricht- und Honecker-Staat."

Mit Gauck und Merkel - der Pfarrer und die Pfarrerstochter - sind zwei für die hier getroffenen Diagnosen eher ungeeignete Gestalten beschrieben. Wenn man die Vita der beiden verfolgt, dann tun sich andere Sichten auf.

Gauck kommt nicht aus dem Pfarrhaus, er ist Pfarrer geworden, weil er nicht Journalist werden konnte in der DDR.

Da ist keine Tradition - und das Protestantische hat er sich auch "nur" angeeignet. Seine Gegnerschaft zur DDR kommt nicht aus dem Kirchlichen sondern aus dem Persönlichen.

Merkels Vater, - der rote Kasner - war eher ein Parteigänger der Formel von der "Kirche im Sozialismus", der war recht DDR-staatsfreundlich, etwas, das heute niemand diskutieren und verstehen will, aber da gab es keine Berührungsängste. Merkel hat sich - wenn mans überhaupt deuten will - vielleicht nach rechts bewegt, weil ihr der Vater zu links war.

Ich denke, aus diesen Unterschieden ergibt sich auch die Abneigung von Angela Merkel gegen Gauck. Der klappert ihr zuviel mit seinem Heldentum, dabei weiß sie, dass der nicht heldenhafter war als sie selbst.

Das evangelische Pfarrhaus - im konservativen Sinne - gabs ganz sicherlich, aber dann nur als reine Abwehr gegen den Staat und wenig vom Widerstand beseelt.
Widerstand gab es in den progressiveren Pfarr-Umfeldern.

Das war ein ein Ort der Debatten und nicht der Traditionspflege. Und - natürlich gab es auch sehr viele Debatten über soziale Fragen - im Zusammenhang mit einer deutlichen Kapitalismuskritik.
Friedrich Schorlemmer ist dafür ein Beispiel, aber da hätte man halt ein bisschen weniger mit der heißen Nadel einen Zusammenhang stricken müssen.

Diese Debatten sind natürlich heutzutage delegitimiert, weil sie teilweise vom Staat vereinnahmt und auch von der Staatssicherheit unterwandert worden sind. Aber,es gab sie.

Generell stört mich an diesem Beitrag, dass er westdeutsche Erfahrung und die westdeutsche Elle anlegt und das ist einfach zu wenig, um zwei so unterschiedliche Personen zu erklären.

Friedrich Schorlemmer wäre ein guter Bundespräsident gewesen.

@ antares56 - Warum verwenden Sie nicht gleich die Formel: Merkel und Gauck sind unser Unglück.
Wenn Sie konstatieren, die Beiden begriffen nichts von der westdeutschen Entwicklung, dann ist das auch so eine verbale Pauschalballerei, die nix aussagt. Feindbilder sind keine Instrumente politischer Analyse.

Georg von Grote 23.02.2012 | 15:58

Ich sehe gerade sehr deutlich bei der sich hier entspinnenden Diskussion, dass es gerade denen sehr schwer fällt, die im Westen aufgewachsen sind, zu begreifen, was in den Köpfen der Bürger der DDR vorging. Die ja nicht davon ausgehen konnten, dass diese Mauer irgendeinmal fällt. Also mussten sie mit dem System zurechtkommen, in dem sie lebten und versuchen es zu ändern.
Ich habe das erst wirklich begriffen, als Biermann in Köln auf der Bühne saß, mit der Hand einen Kreis um seinen Stuhl zog und sagte "Das ist meine DDR". Er wollte ja nicht weg.
Wir können das, was Menschen in der DDR taten, dachten, versuchten oder auch nicht versuchten weil sie sich arrangierten oder sogar dafür waren, mit westlichen Maßstäben messen.

Ich wollte das nur mal so gesagt haben.

Damit spreche ich nicht pro Gauck oder pro Merkel.
Aber Gauck ist nicht Pastor geworden, weil er seinen Gott suchte oder ihm nahe sein wollte. Es war der einfachste Weg für ihn.

Thomas K 23.02.2012 | 16:01

Also erster Irrtum Gauck und Merkel sind nicht repräsentativ für den ostdeutschen Protestantismus oder die passender die evangelisch Lutherische Kirche.
Das Merkel irgendwas mit ihrer Kirche oder Religion am Hut hat ist schlicht eine nicht haltbare Behauptung, das Mitgliedschaft in einer Kirche irgendwas zwischen wenig und gar nichts über einen Menschen aussagt sollten sie wissen.
Bei Gauck ist die Sache schwieriger, hier kann ich nur als Zeuge auftreten ich wurde Lutherisch erzogen habe Freunde die sich zum christlichen Glauben lutherischer Prägung bekennen und habe an Kirchentagen welche von der Lutherischen Kirche organisiert wurden teil genommen, auf dieser Basis erkläre ich mich zum Experten für den Christlich Lutherischen Glauben. Und ich spreche Gauck ab dass er irgendwas mit dem Wertekonzept dieser Kirche zu tun hat. Das es trotzdem möglich war das Gauck ein Lutherischer Pfarrer wurde liegt an der fast schon extremen Offenhei der Lutherischen Kirche gegenüber abweichenden Meinungen – Ich fürchte ich werde so etwas einem Katholiken nie erklären können da es absolut außerhalb seines Erfahrungshorizontes liegt. Aber ein Indiz um meine These das Gauck als typisch für den Protestantismus ist hab ich noch auf Lager. Gauck selbst hat ausgesagt das er das Theologiestudium nur gewählt hat weil im aufgrund seiner Herkunft die meisten anderen Wege vom Regime verwehrt wurden und er nie Pfarrer werden wollte. Gauck ist Pfarrer geworden weil er nur ein sicheren und Stressfreien Job wollte.

Zweiter Punkt. Lutherischer Pfarrer ist Gauck nur deshalb geworden weil die Region in der er gelebt hat lutherisch geprägt ist. Mit der Konfession ist das ein bisschen wie mit der Sprache, wenn man in Köln aufwächst und die Eltern Kölner sind dann spricht man Deutsch (wenn auch mit erheblich Defiziten ;-) aber es gibt gibt auch Leute die diese Kriterien erfüllen und deren Muttersprache Türkisch ist. Welche Konfession wo Zuhause ist hängt mit dem Westfälischen Frieden zusammen und dem vorangegangen Krieg bzw. Machtkampf. Das ist der Punkt wo wir zu den protestantischen Preußen und ihrer Machtfülle im 19. Jahrhundert kommen. Der Machtkampf vor dem Westfälischen Frieden bestand darin, dass es Fürsten gab die ihre Macht durch Unabhängigkeit vom Kaiser stärken wollten und Fürsten die in dem sie den Kaiser verteidigen hoffte von ihm mehr Macht zu bekommen. Beides hat nur teilweise geklappt. Die Konfessionen waren als ein Kriegsvorwand (um die eigentlichen Machtinteressen zu verschleiern) wie als Kriegsgrund. Danach war Deutschland geteilt in Katholisch und Lutherisch zunächst hatten die Katholiken den Vorteil durch die Vernetzung und die Machtstrukturen der Katholischen Kirche. Als der Einfluss der Kirche nach Napoleon futsch war, waren die Prostetanten im Vorteil da sie praktisch keine Kirche hatten die ihnen wirtschaftlich auf der Tasche lag und die sie durchfüttern mussten. Das und keine moralischen Unterschieden waren ein Grund für den Aufstieg Protestantischer Eliten im 19. Jahrhundert. Mit Moral haben es die Eliten in beiden Konfessionen noch nie so ernst genommen.

Dritter Punkt die Rolle der Pfarrhäuser in der DDR. Das diese Pfarrhäuser meist Lutherisch waren liegt an dem Zufall das die Russen nach dem 2. Weltkrieg die Protestantischen Gebiete beansprucht haben. Allerdings hat Konfession dafür sicher keine Bedeutung gehabt sondern eher die Truppenverteilung am Kriegsende.
Das Rückrad der Opposition in der DDR waren die Pfarrhäuser und wem das nicht klar ist sollte sich raus halten wenn es um den Niedergang des Regimes geht das kann ich gar nicht deutlich genug formulieren.
Fast alle Oppositionsgruppen fanden ihren Rückhalt in Kirchgemeinden. Ohne Gauck hätte die Wende stattgefunden genauso wie sie stattgefunden hat. Ohne die Pfarrhäuser bin ich mir nicht sicher ob es in der Form zur wende gekommen wäre. In Polen waren es Gewerkschaften bei uns waren es Kirchen.
So das die Pfarrhäuser Gauck, Kasner (Merkel) und Lieberknecht fast nichts damit zu tun hatten ist eine Schande für sie. Und falls sie mal ein Thema für einen Studie suchen dann schlage ich vor sie versuche raus zu finden warum Leute die damals die Schnauze gehalten haben heute so gut da stehen.

Sorry das musste jez einfach raus.

SchmidtH. 23.02.2012 | 17:52

@ Georg von Grote

"Aber Gauck ist nicht Pastor geworden, weil er seinen Gott suchte oder ihm nahe sein wollte. Es war der einfachste Weg für ihn."

Aber nein, aber nein, im Gegensatz zu George W. Bush, der erst von Gott angesprochen wurde und dann sich seines Auftrags sicher war, wußte Joachim Gauck, er muss nicht suchen, er mußte ihm auch nicht nahe sein, denn er ist "Gott", in dem Sinne, er steht intellektuell über den Dingen.

estaloca 23.02.2012 | 18:45

Ich nehme ganz einfach an, Herr Walter hat seinen Stefan Brakensiek - der zeitweise sogar sein Kommilitone gewesen sein müsste - gelesen. In diesem Sinne sind m.E. seine Ausführungen zu verstehen: Das protestantische Pfarrhaus als 'Reproduktionspool' staatstragender 'neubürgerlicher' (weil nicht städtischer) Funktionseliten. Die entsprechenden Publikationen finden Sie hier: www.uni-due.de/geschichte/publikationen.php?ID=109=STD

paulart 23.02.2012 | 19:05

Die Zwei? Wir werden schnell erkennen, dass Bundespräsidialamt und Bundeskanzleramt zwei eigenständige Ein- und Ausgänge haben! Und deshalb muss sich keiner Gedanken machen, ob dieses Duo - Merkel und Gauck - eine "gemeinsame" Politik betreiben wird. Mal davon abgesehen, dass dies gar nicht verfassungsgemäß wäre, wird sich der designierte Bundespräsident nicht vorgeben lassen, was er bei welcher Gelegenheit anzumerken haben wird. Er wird - hoffentlich - die Lage der Nation im Auge behalten. Er wird Minoritäten respektieren und vor Majoritäten keinen Kotau machen. Das erwarte ich. Gauck wird sein Handeln mit Pathos anfüllen: Das Volk sind wir! Und der Bundespräsident bin jetzt ich!

Geben wir ihm, wie sich das unter Demokraten gehört, 100 Tage Schonfrist!

Friedrich Schorlemmer hätte ich mir ebenfalls gut als Bundespräsident vorstellen können. Ebenso Richard Schröder. Auch Petra Roth wäre m.E. eine gute Bundespräsidentin geworden. Wolfgang Huber wäre denkbar gewesen. Aber ich habe keinen Zweifel: Mit Joachim Gauck sollten wir es fünf Jahre aushalten können!

Georg von Grote 23.02.2012 | 19:13

Lach paulart

Bin zu faul hier die Texte auf Word zu schreiben. Da errinnert mich zum Glück der Duden mit seinem Korrektor. Aber der Duden weiß offenbar auch nicht alles :-)
Habe aber gerade gesehen, dass el cheffe Augstein auch nicht gefeit ist vor Tippfehlern.
Deshalb leisten sich viele Redaktionen auch nen Textcheffe, der es nur dann in den Druck gibt, wenn er meint es ist lupenrein :-)

Thomas K 23.02.2012 | 21:00

Tchuldigung, mein Kommentar war hart vielleicht ein bisschen zu hart.
In der Publikationsliste hab ich so auf die schnelle nix gefunden was zu dem Thema passt.
Wenn ich aber mal den Gedanken aufnehme, komme ich zu dem Schluß das spätestens in der Weimarer Republik diese Funktion bedeutungslos gewesen ist. Und auf Gauck lässt es sich gar nicht anwenden da er nicht aus einem Pfarrhaus stammt.
Aber den Gedanken, das es eine Zeit gab in der Protestanten einen Vorteil hatten, weil ihre Priester poppen durften, find ich cool.

ed2murrow 23.02.2012 | 23:22

3 Fragen ergeben sich für mich im Anschluss an den Artikel: Warum Merkel und Gauck? Warum nicht SPD und Grüne? Und drittens: Warum der Protestantismus der beiden Besprochenen

Die Wirkmächtigkeit eines Duos Merkel/Gauck setzte zwei Alternativen voraus: Entweder die jetzige Kanzlerin wird es auch nach der kommenden Bundestagswahl sein oder es reichte ihr ein Jahr aus, das Land noch weiter zu verändern. Beides halte ich für unrealistisch.

SPD und Grüne, die die eigentlichen Paten des Kandidaten Gauck sind, wird es ohnenhin wenig anfechten, denn die profitieren genau von dem Manko, weil es, wie es auch der Artikel tut, Merkel in die Schuhe geschoben wird. Man könnte es eleganter tun.

Und der Protestantismus? Mit keinem Wort erwähnt der Artikel die Akademie Tutzing, die sich gerade eine neue Führung gegeben hat und vor allem eines hat: Sie liegt im Westen. Dort sitzt einer der mächtigsten religiösen Think Tanks dieses Landes, und für dort wurde die Rede Gaucks konzipiert, die nun als Buch durch die Landschaft geistert. 2007 war es die Kanzlerin, die zum 60. Jahr der Einrichtung die Festrede hielt. Warum gerade in der Frage der Artikel schweigt? Dieser Kommentator wird der Kolportage, die der Artikel in seiner Essenz darstellt, nicht noch eine weitere hinzufügen.

Gold Star For Robot Boy 24.02.2012 | 08:41

Joachim Gauck war Referent des Veldensteiner Kreises, einer “Diskussionsrunde von Zeithistorikern, Politik- und Sozialwissenschaftlern, die sich der Erforschung von Extremismus und Demokratie in Geschichte und Gegenwart widmen”. Weitere Mitglieder dieses Kreises in dem die Totalitarismustheorie, also die Gleichsetzung von Linksextremismus und Rechtsextremismus, vertreten wird, sind u.a. Professor Eckhard Jesse (wissenschaftlicher Begleiter von Kristina Schröders Magazin “Demokratie stärken-Linksextremismus verhindern”) und Uwe Backes, stellvertretender Direktor des Hannah-Arendt-Instituts. Beide wurden vom Bundesverfassungsgericht als Gutachter im NPD-Verbotsverfahren bestellt, obwohl ihnen ein ziemlich unkritisches Verhältnis zur rechten politischen Szene nachgesagt wird, wie die Süddeutsche urteilte. 2002 hielt Jesse einen Parteiverbotsantrag auf Grund der “Bedeutungslosigkeit der NPD für unzweckmäßig” . In dem von Backes, Jesse und Rainer Zitelmann (ein Wortführer der Neuen Rechten) veröffentlichen Sammelband “Schatten der Vergangenheit”, forderte Jesse das Ende der “selbstquälerischen Form der Vergangenheitsbewältigung”. Jesse hatte 1999 den späteren NPD-Symphatisanten Bernd Rabehl in den Veldensteiner Kreis eingeladen.

Neben dem ehemaligen Mitglied des SED-Politbüros Günter Schabowski referierte auch der frühere Chef des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz, Helmut Roewer. Roewer, heute Publizist, veröffentlichte im Grazer Ares-Verlag, der auch antisemitischen und rechtsextremen Autoren sowie Geschichtsrevisionisten eine Plattform bietet. Ungeklärt ist darüberhinaus seine Rolle als Chef des Thüringer Verfassungsschutzes, im Zusammenhang mit der Unterstützung der Zwickauer Terrorzelle. Roewers Behörde war es auch, die über Kontakte zu einem weiteren überzeugten Gegner der Linken und Referenten des Veldensteiner Kreises verfügte: Patrick Moreau.

machtelite.wordpress.com/2012/02/18/joachim-gaucktransatlantischer-wunschkandidat-der-neoliberalen-spd/

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Ehemaliger Nutzer 24.02.2012 | 12:29

Ich fürchte, dass Franz Walter die wahre Rückständigkeit und rabiate Kleinbürgerlichkeit der SPD nicht begreift. Die Steinmeiers, Steinbrücks sowie die Seeheimer können nicht nur sehr gut mit einem Herrn Gauck leben, sie brauchen ihn sogar im Kampf gegen die Partei Die Linke. Das ist der eigentliche Grund, warum sie diesen Kandidaten auf Gedei und Verderb haben wollen.

Karola 24.02.2012 | 14:55

Gute Gegenmeinung, die mir einleuchet, was der Artikel aber auch getan hat.
Zwei protestantische pastoral "infizierte" sind eher eine-r zu viel. Merkel als Pastorentochter wird die Welt anders sehen, als Gauck als Pastor, der auch sehr schnell wahrgenommen hat, welche Vorteile das Predigen von Oben- Kanzel - nach Unten - Volk - hat.
Das Volk muss immer belehrt werden, denken viele die Oben stehen, sie haben immer eine Botschaft, die die anderen unten befolgen müssen.
Merkel war selber Betrofffene, die Unten saß.

Jetzt ist soll Gauck der 1. Mann im Staat werden und sie wieder Unten. Wer passt sich an wen an ?

Karola 24.02.2012 | 15:28

Sie hätten schreiben müssen: aushalten können müssen. Denn wer hatte schon die Wahl? Es stehen keine weiteren zur Wahl, die Zeit wurde sich nicht genommen. Nicht, weil es nicht bessere gegeben hätte, sondern dieses Vorgehen in das parteitaktische Kalkül von SPD-Grün-FDP, CDU/CSU gepasst hat.

Gauck unterstützt die neoliberale Politik aller ihn wählenden Parteien. Von seiner Seite ist also mit Widerstand gegen völkerrechtswidrige Kriege, Verschärfungen von Hartz 4 oder anderen sozialen Sprengstoff enthaltenen Angelegenheiten nicht zu rechnen.

Er soll das "Opium" für's Volk sein. Befrieden, ruhigstellen, verbagatellisieren, klein reden und auch mal auf die Pauke hauen gegen die Unzufriedenen, die lieber mal nach Afrika schauen sollen, wie schlecht es den Menschen da geht. Haben nicht mal Wasserclo und elektrisches Licht.
Pressefreiheit ? Ach was, seht doch mal nach China - dann könnt ihr euch doch, (dummes Volk) doch noch freuen, wenn ihr im Internet euren Dreck schreiben könnt. Das wird euch aber auch noch abgenommen, denn wo kommen wir denn hin, wenn jeder sagen und schreiben kann, was er will??!!!
Was bilden sich die Menschen denn mit Wikileaks ein!! Natürlich müssen Menschen ausspioniert werden, die nicht staatskonform sind. Und wenn sie meutern, dann müssen sie auch bestraft werden.
Das ist Gaucks geistiges Zuhause. Ein angepasster, ein Konformist, der in Wahrheit Angst vor der Freiheit hat, wie Erich Fromm in "Die Furcht vor der Freiheit" beschreibt.

paulart 24.02.2012 | 16:16

@ Karola
Vorab: Ich weiß gar nicht, ob Sie mich mit Ihrer obigen Philippika überhaupt gemeint haben.
Ich will mal versuchen, auf die angesprochenen Punkte einzugehen.

Erstens: Der Bürger selbst hat nie die "Wahl" zwischen mehreren Kandidaten für das Bundespräsidenten-Amt. Diese (Aus-) Wahl haben nur die Parteien.

Zweitens: Wäre es so, wie Sie es darstellen, hätten sich die Parteien schon 2010 auf Gauck einigen können. Das war aber nicht so. Denn die Bundeskanzlerin Merkel hat parteipolitisch entschieden. Und sich dabei völlig vergriffen!

Drittens: Ob Gauck auch als gewählter Bundespräsident parteipolitisch agieren wird, wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Warten wir's doch mal ab! Ob nun alle Parteien außer den 'Linken' eine neoliberale Politik machen, halte ich für eine gewagte These. Ich würde auch widersprechen, behauptete jemand: Alle Links-Partei-Wähler seien begeisterte Porsche-Fahrer!

Viertens: Ihre Opium-Aussagen lassen sich doch noch gar nicht belegen. Können Sie's denn gar nicht abwarten, Häme über einen Kandidaten zu kippen, der voraussichtlich erst in drei Wochen gewählt werden wird?

Fünftens: Wann hat sich Gauck denn gegen die Meinungs- und Pressefreiheit ausgesprochen? Wenn Sie so etwas behaupten, sollten Sie das auch belegen. Pressefreiheit heißt eben auch, zu ertragen, dass jemand über "dies und das" in anderer Weise schreibt als man dies selbst tun würde. Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft. dazu gehört zwingend auch die Meinungsvielfalt!

Sechstens: Wer Gaucks Werdegang - auch in der damaligen DDR - genau verfolgt hat, wird Joachim Gauck wohl kaum einen "Angepassten" und "Konformisten" nennen können. Da gab es Millionen andere, die in jener Zeit das "richtige" Parteibuch hatten. Gauck war nicht in der SED!

Ihr Erich Fromm-Zitat kann Ihre Vorurteile leider nicht gänzlich wegbügeln. Ich setze Ihnen ein anderes Fromm-Zitat entgegen:
"Man kann nur objektiv sein und sich seiner Vernunft bedienen, wenn man demütig geworden ist und seine Kindheitsträume von Allwissenheit und Allmacht überwunden hat."

paulart 24.02.2012 | 16:16

@ Karola
Vorab: Ich weiß gar nicht, ob Sie mich mit Ihrer obigen Philippika überhaupt gemeint haben.
Ich will mal versuchen, auf die angesprochenen Punkte einzugehen.

Erstens:
Der Bürger selbst hat nie die "Wahl" zwischen mehreren Kandidaten für das Bundespräsidenten-Amt. Diese (Aus-) Wahl haben nur die Parteien.

Zweitens:
Wäre es so, wie Sie es darstellen, hätten sich die Parteien schon 2010 auf Gauck einigen können. Das war aber nicht so. Denn die Bundeskanzlerin Merkel hat parteipolitisch entschieden. Und sich dabei völlig vergriffen!

Drittens:
Ob Gauck auch als gewählter Bundespräsident parteipolitisch agieren wird, wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Warten wir's doch mal ab! Ob nun alle Parteien außer den 'Linken' eine neoliberale Politik machen, halte ich für eine gewagte These. Ich würde auch widersprechen, behauptete jemand: Alle Links-Partei-Wähler seien begeisterte Porsche-Fahrer!

Viertens:
Ihre Opium-Aussagen lassen sich doch noch gar nicht belegen. Können Sie's denn gar nicht abwarten, Häme über einen Kandidaten zu kippen, der voraussichtlich erst in drei Wochen gewählt werden wird?

Fünftens:
Wann hat sich Gauck denn gegen die Meinungs- und Pressefreiheit ausgesprochen? Wenn Sie so etwas behaupten, sollten Sie das auch belegen. Pressefreiheit heißt eben auch, zu ertragen, dass jemand über "dies und das" in anderer Weise schreibt als man dies selbst tun würde. Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft. dazu gehört zwingend auch die Meinungsvielfalt!

Sechstens:
Wer Gaucks Werdegang - auch in der damaligen DDR - genau verfolgt hat, wird Joachim Gauck wohl kaum einen "Angepassten" und "Konformisten" nennen können. Da gab es Millionen andere, die in jener Zeit das "richtige" Parteibuch hatten. Gauck war nicht in der SED!

Ihr Erich Fromm-Zitat kann Ihre Vorurteile leider nicht gänzlich wegbügeln. Ich setze Ihnen ein anderes Fromm-Zitat entgegen:
"Man kann nur objektiv sein und sich seiner Vernunft bedienen, wenn man demütig geworden ist und seine Kindheitsträume von Allwissenheit und Allmacht überwunden hat."

Karola 24.02.2012 | 16:24

Der Artikel zeigt die geschichtliche Macht der Pfarrhäuser auf, die sie immer schon hatten oder sich genommen haben, ähnlich die Macht der kath. Kirche über die Jahrhunderte.
Pfarrer-Pastoren-Priester-Bischöfe-Päpste werden gehört. Ihre Aufgabe, die Masse, das Volk zu belehren, zu besänftigen oder wie unter Luther - ach ja - auch mal auf die Barrikaden zu treiben um sie dann auch wieder unter die Knute und das Joch des Staates zu stellen.

Heute können fast überall die Menschen schreiben und lesen, sie können sich selbst Bilder über die Welt machen. Sie brauchen auch keinen mehr, der ihnen die Welt erklärt.

Viele haben über schreckliche Erfahrungen politischer oder privater, häuslicher Diktaturen gelernt, lehnen diese ab und sehen in einer guten Demokratie die Vorteile, in der sich Menschen und ihre Identitäten und besten Seiten entwickeln können.

Demokratie ist anstengend für Politiker. Sie müssen Rede und Antwort stehen und neigen mehr und mehr dazu, sich in Phrasen oder Kürzeln auszudrücken, damit sie weiterhin Herrschaftswissen und Definitionsmacht für sich beanspruchen können. Das Volk muss mehr oder weniger dumm gehalten werden und gehorchen.

Gauck ist insofern der ideale BP für diese erschreckend demokratiefeindlichen Politiker.

Er lebt seine a-Moralität genauso aus, wie ehemals "Fürsten und Pfaffen" unterstützt von einer Politik-Elite- Kaste, die das Volk bis auf die Knochen besteuert, in Armut und Abhängigkeit versenkt ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

Gauck der Pastor, findet es nicht schlimm und die, die ihn wählen werden, das größte öffentliche Amt in D anzustreben, welches Moral, Ethik,Respekt und Intigrität einfordert, obwohl er seit Jahren - noch in einer Ehe lebend - mit einer Freundin zusammenlebt und mit dieser ins Schloss Bellevue einziehen will.

Hier manifestiert sich mittelalterches, hochherrschaftliches Denken. Genau das, was einige Ökonomen dem Neoliberalismus vorwerfen und beklagen. Zurück ins feudalistische Mittelalter zum Nachteil der Bevölkerungen und zum Vorteil der Eliten, "Fürsten und Pfaffen" die sich alle Rechte nehmen können.

Gauck ist insofern ein Symbol dafür, was ich erst nur auf der ökonomischen Ebene verortet habe und jetzt sehe, wie es auch das Denken und Handeln der Eliten einschliesst.

Schlechte Zeiten für Deutschland, noch schlechtere für die Demokratie, die scheinbar den Zenit überschritten hat und sich in eine postdemokratische Phase entwickelt.

seriousguy47 24.02.2012 | 17:28

"Gleichwohl: Es bleibt schwer vorstellbar, dass ihm Antworten oder Impulse gelingen auf die neuen sozialen Fragen in einer tief gespaltenen und von unten bis zur Mitte entkollektivierten, deutungsarmen Gesellschaft in einem von oben dekretierten, transnationalen Oligarchiesystem."

Das ist auch nicht wirklich seine Aufgabe. Im Kern ist er der oberste Notar der Republik, der mit gefälligen Reden sein eigenes Ego pflegen und das der "Nation" veredeln darf. Und dafür ist elitärer Protestantismus doch eine gute Voraussetzung.

Dass der Bundespräsident darüber hinaus die Funktion hat, die herrschenden Verhältnisse gefällig zu verschleiern, konnte man ahnen, als in der gestrigen Gedenkveranstaltung für die Opfer des Rechtsterrors nicht er, sondern die eigentlich Verantwortliche sprechen und sich entschuldigen musste. Plötzlich fiel die seit Heuss etablierte Arbeitsteilung weg, bei der der BP honigsüße bis fruchtig-scharfe Sonntagspredigt und der Rest der Politik handfestes Gegenteil praktizierte. Sollte also Gauck nun sein Credo für den Raubtierkapitalismus verkündigen, so wäre das sogar ein Stück neue Ehrlichkeit im System.

Der eigentliche Impulsgeber und Korrektur im System ist demgegenüber bislang noch einigermaßen das Bundesverfassungsgericht. Wenn dort ein Müller des legitimen Theaters etabliert wird, ist das weseentlich problematischer als alles Herumgegaucke im präsidialen Bereich.

Dass SPD und Grüne inzwischen nichts mehr zu bieten haben als die Vorwegnahme dessen, was Schwarz-Gelb eigentlich im eigenen Interesse selbst tun müsste, ist schlimm. Es würde aber nichts anders sein, hätten sie eine Alternative angeboten. Die wäre gegen Gauck ohnehin nicht gewählt worden.

Dass die Mehrheit der Bürger für Gaucks Ansichten sei, ist Spekulation. Man kann vermuten, dass da eher eine von den Medien gefütterte Sehnsucht nach vermeintlichem Tiefgang und vermeintlicher, altersbedingter Reife vorherrscht, was nach der Phase halbseidener, oberflächlicher "Jugendlichkeit" unter Wulff auch verständlich wäre. Und da wir nunmal eine konservative Mehrheit haben, kann diese Sehnsucht auch nur von dort bedient werden. Leider.

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Ehemaliger Nutzer 24.02.2012 | 19:31

Ja nun Herr Professor...!?

Vorab: Als Kenner der Tiefenströmungen der Deutschen Parteiengeschichte haben wir kaum einen Besseren als Sie. Sie haben viele kluge Sachen geschrieben.

Aber mit diesem Artikel verursachen Sie mit Verlaub auch viel Kopfschütteln. Weil nicht klar ist, ob der Wissenschaftler Walter spricht oder die Privatperson Reflexe äußert. Und beides zusammen macht den Text inkonsistent.

Warum ist etwa Eintracht zwischen Regierten und Regierenden in einer Sachfrage gleich "wilhelminisch"? Und warum nehmen Sie anschließend ausgerechnet die Perspektive des kleinbürgerlichen Parteiuntertanen ein, wenn sie parteitaktische Spaltungsspiele allen Ernstes "legitim" finden? Die Kombination befremdet.

Der Wissenschaftler sei weiterhin gefragt:
Finden Sie wirklich, dass es zusammenpasst, gleichzeitig die "Auflösung der Milieus" mit viel akademischer anzuerkennender Detailarbeit feststellen, dann aber eben vermittels dieser Milieus mit Verve zu argumentieren, als seien diese im Saft wie eh und je?

An den Wissenschaftler, der zugleich ein moderater Linker, sei die Frage angeschlossen: Wenn die Herkunft eines Menschen in einer bunten Republik gänzlich egal sein soll, wieso ist Sie dann offensichtlich doch nicht egal? Zweimal Protestantisches Pfarrhaus an der Deutschen Staatsspitze ist aus kulturellen Gründen schon "zuviel"? Sagen Sie das mal den Menschen, denen täglich gesagt wird, dass Millionen schlecht integrierter Mohammedaner in den Deutschen Städten "bereichernd" seinen.

Dass die Deutsche Linke sich ausgerechnet am Motiv des protestantischen Pfarrhauses an der bundesdeutschen Staatsspitze die Frage stellt, ob es so etwas wie eine verträgliche "Mischung" von Menschen, Prägungen, Kulturen in einem Gemeinwesen geben kann, ist schon erstaunlich.

Im letzten Abschnitt wiederum ein Stück Zustimmung:

Ja, wir sind entkollektiviert, was ein Problem ist. Ja, es fehlt an Deutung, was ein Problem ist. Und ja, wir sind gespalten, was ebenfalls ein Problem ist.

Nur trauen die Deutschen in Ihrer Mehrheit Herrn Gauck in diesem Fragen augenscheinlich etwas zu!

Ihr ganzer Artikel weckt vor allem den Eindruck, dass Sie seine Antworten fürchten. Und der Stachel scheint so tief zu sitzen, dass Sie dabei sogar ihre eigenen Ideale gefährden.

Zurück zur Wissenschaft! Das können Sie!

Aber lassen Sie Herrn Gauck das machen, was er kann.

doubter 24.02.2012 | 19:56

Da hier wohl niemand glaubt, dass Gauck als unabhängiger aufrechter Demokrat wider aller Parteipolitik in dieses hohe Amt gewählt wird, ist er wohl eine Schachfigur, der mit seinen Anschauungen in etwa die „liberal-demokratische“ Ordnung widerspiegelt, die uns als Beste der Demokratien jeden Tag suggeriert wird.
Echte soziale Kompetenz ist hier höchsten als Mittel zum Zweck von Nöten, die Wirtschaft wird’s schon richten…
Woher soll diese Kompetenz auch kommen? – sowohl der „Freiheitskämpfer“ Gauck als auch Merkel waren in der DDR kaum mit echten sozialen Problemen konfrontiert (ich blende mal die Familienzusammenführung aus). Irgendwie sind sie dort angekommen, wo sie hin wollten.
Also sollten wir sie als Verwalter der jetzigen Ordnung begreifen und keine progressiven Schübe von Ihnen erwarten.
Im besten Falle wird uns Gauck Mut zureden durchzuhalten, wenn es schlechter wird, denn in der DDR war alles noch schlimmer…

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Ehemaliger Nutzer 24.02.2012 | 22:48

Nun:

Gauck weiß aufzutreten, er weiß zu formulieren und dabei sogar aus eigener Kraft etwas zu sagen. Er ist für sein Alter sogar bemerkenswert dynamisch.

Als Repräsentant der Bundesrepublik im Ausland geeignet? Ja.

Weiterhin muss er anders als viele Vorgänger die innere Überparteilichkeit nicht zu jeder Sekunde spielen, da er nicht aus dem Parteiengeschäft kommt. Es fühlt mehr eine Verpflichtung gegenüber dem Staat, dessen Spitze er ist als gegenüber Parteien, die ihn tragen. Das ist in einem Land, wo in manchen Ministerien die Putzfrauen entlang von Parteimitgliedschaften eingestellt werden, schon wohltuend.

Als Staatsnotar Gesetze auszufertigen (die eigentliche Aufgabe): das sollte mit Verlaub ebenfalls klappen. Und wenn jedes tausendste Gesetz wirklich inhaltlich zu prüfen ist, steht ihm der durchaus vorhandene Intellekt (neben den Rechtsberatern) auch nicht unmittelbar im Weg.

Ja, ich glaube, dass es "formal" ganz gut passt, aber das ich nicht so spannend.

Was ihn so umstritten macht und (wie ich glaube) für manche tatsächlich unerträglich macht, geht nämlich wohl wirklich ans Innerste.

Schauen wir zunächst noch kurz auf seinen Charakter. Gauck kommt augenscheinlich gut an und ist weithin beliebt. Das ist beim obersten Repräsentanten der Republik auch im Blick auf die Binnenwirkung nicht die schlechteste Voraussetzung. Die Deutschen akzeptieren diesen Mann mit großer Mehrheit als Staatsoberhaupt. Er war es unausgesprochen ja schon, als Wulff noch im Amt war und das ist schon bemerkenswert. Es ist dieser Sog, dem sich jedenfalls Rot-Grün bei der Kür letztlich nicht mehr entziehen konnte ohne das eigene taktische Spiel mit Gauck zu desavouieren.

Und dieser Sog hat wiederum Gründe.

Er hat eine Story, eine Geschichte, die auch dann interessant ist, wenn sie hier und da geschönt sein sollte.

Dann ist noch er ein Gefühlsmensch durch und durch. Das heißt nicht, dass er keinen Verstand hat. Er hat ihn, und was für einen. Aber er hat vor allem Tiefe, die auch sein Pathos speist. Er erlebt die Dinge mehr als das er berechnet. Der weinende Gauck im Kanzleramt. Das Gegenbild zu Merkel.

Eine Republik mag kalte Funktions-Apparatschiks brauchen und ertragen.

Aber hat sie nur solche, geht sie ein. Gauck hat augenscheinlich die Fähigkeit, Menschen zu berühren und anzusprechen.

Das Ganze speist sich aus einem Glauben, einem spirituellen Bezug, einem inneren Getragen sein, das sich ebenfalls zwischen den Büroklammern und Taschenrechnern in der Republik sehr positiv ausnimmt. Damit meine ich nicht, dass er an einen alten Mann auf der Wolke glaubt (er tut es nicht) oder weil er Pastor war (ist er wirklich ein Christ?), sondern dass weil tatsächlich eine gewisse persönlich Demut spürbar ist.
Man höre doch auf bild.de einmal dem Taxifahrer einmal, der ihn gefahren hat. Einen bescheidenen, ruhigen, älteren Herren hat er da am Flughafen aufgelesen, der da einfach mit seinem Köfferchen demütig draußen im Kalten stand und wartete. Das ist der eigentliche, der unbeobachtete, der innere Gauck. Da kann man eine Antenne für haben oder nicht, aber wenn man es sieht: Das ist edel. Und es ist wertvoll. Er ist tatsächlich frei, seelisch, was mit Liberalismus überhaupt nichts zu tun hat, taugt aber in der materialistischen Wüste durchaus als Orientierungspunkt. Persönlich ist er viel reifer als die meisten, die nun nach Dreck um ihn suchen.

Dass er im Umgang mit seinen Gegnern zu Eitelkeit neigt, gibt er selbst zu. Aber er diesen auch wirklich turmhoch überlegen, intellektuell wie stilistisch, und die Wut, sich an ihm abzuarbeiten wird dadurch noch gesteigert, dass man ihn "selbst" ins Amt gebracht hat.

Ein Wulff war kein Gegner und kein Freund. Für niemanden. Ein Gauck kennt Freund und Feind sehr klar.

Er ist in seinen Abneigungen (Kommunisten, Linkspartei, Rechtesozialdemokraten- vernazifizierer, doppelzüngige Moslem verbände) deckungsgleich mit der Deutschen Mehrheitsmeinung, die man besser leitet und anleitet als sie geringzuschätzen und zu beschimpfen.

Die gleichen Leute, die das Authentische immer so hoch schätzen, fürchten es an Gauck.

Gauck ist für seine Gegner gefährlicher als ganze Parteienspektren. Das erklärt die Verzweiflung, die man auch bei einem sonst besonnenen Mann wie Franz Walter hier deutlich spürt.

Und restlos zur Provokation wird dann, dass kein Antifaschist ist, sondern Antitotalitarist. Dabei geht es nicht etwa um akademische Definitionen im Fach Politikwissenschaft, sondern schlichtweg um Geschichtsdeutung und Macht. Es ist für Gauck schnurzpiepegal, warum es an der Tür klingelt, ob die nationalen Sozialisten "perfider" und "industrieller" oder die internationalen Sozialisten des 20. Jahrhunderts "umfangreicher" und "langanhaltender" gemordet haben. Dass muss man nicht so sehen, aber man kann es so sehen. Man könnte es - mit dem Argument: sonst zählt doch immer die Quantität, hier wird nun das Motiv gewertet, ist das nicht unwissenschaftlich?... - sogar umgekehrt sehen (was ich allerdings nicht tue).

Hier bin ich jetzt im Bereich der politischen Psychologie angekommen. Bei Interesse daran, warum jemand so tickt wie Gauck oder wie seine sich nun überschlagenden Feinde auf linken Außenbahn: Arno Gruen lesen.

Gauck wirkt nun ein Ketzer, den man versehentlich zum Hohenpriester geweiht hat und der nun drauf und dran ist, den Tempel zu schänden. Er ist, und das ist der Punkt, ernsthaft im Stande, womöglich gewillt, den Holocaust aus der geschichtspolitischen Exklusivitätsmonstranz herauszuholen. Und deswegen starrt ihn jeder an, weil der Herr Pastor womöglich an das Sakrale rührt. Das erklärt den heftigen Gegenwind, den jede zur Kirche geronnene Überzeugung verfolgt weltliche interessen.

Rein sachlich gedacht ist die Frage, ob die Deutschen mit dem Selbstbild, im Zeitalter weltweiter Gewaltherrschaftsexperimente als Nationalstaat mit besonderer Perfidie und Abartigkeit zugeschlagen zu haben, jedoch ohne mit dem Stempel der "Einzigartigkeit" das Böseste des Bösen exklusiv für sich reklamieren, nicht besser leben würden, so wahnwitzig nicht. Aber hier kommt eben "Glaube" ins Spiel, der unter Atheisten etwas anderes ist als unter Menschen mit Seelentiefe... Gauck rührt potentiell ans Dogma, den seine Position ist kristallklar und sein Verhalten nicht berechenbar. Und weil dem weisen Konklave das jetzt erst nach Aufsteigen des weißen Rauchs auffällt, ist nun die Inquisition am Start.

Soll man ihr Erfolg wünschen? Ich tue es nicht, wiewohl an der Kritik am Gauckschen Hasselhoff-Liberalismus manches dran ist. Aber das ist nebensächlich. Selbst Wirtschaftsfragen verblassen gegenüber der Frage, was die Identität eines Gemeinwesens ist.

Und die Deutsche Seele ist nicht mit sich im Reinen. Es gibt ein gewaltiges Identitätsproblem in diesem Land. Was sich beispielsweise in der Integrationsfrage real rächt. Die Integrationsprobleme liegen, es mag Sie überraschen, tatsächlich an den Deutschen! Aber nicht weil wir alle mordlüsterne Moster sind: Wir sind als Nation inzwischen sogar das beliebteste Land der Welt, selbst mit Terrorzelle (gegen die in der Tat hart vorzugehen ist). Sondern weil sich innerlich und seelisch niemand so leicht in ein Gemeinwesen integrieren kann, dass sich auf das absolute Böse beruft, dann aber außer dessen (glaubhafter) Verneinung eigenartig leer ist. Und Gauck hat die Eier in der Hose, das in einer angeblich diskursoffenen Gesellschaft (horribile dictu!) auch auszusprechen.

DAS macht Gauck mit dem historischen Fernrohr so spannend. Wird er oder wird er nicht?

Wenn er es will, kann ihn jetzt keiner mehr hindern. Und was man aus Angst (wovor?) jetzt gegen ihn zusammenklaubt, ist ohne Bedeutung.

Georg von Grote 24.02.2012 | 23:27

Hmmmmmmmmmmmmm

In einem Teil der sehr ausführlichen Antwort gebe ich Ihnen Recht. Dem Absatz am Schluss, bei dem es um die Deutsche Seele geht.

Bei dem Rest, muss ich ehrlich sagen, habe ich manchmal Bauchschmerzen.

Ich mag Menschen, die unberrechenbar sind. Und gerade im Amt des Bundespräsidenten habe ich mir so einen immer gewünscht.
Da geht es mir gar nicht darum ob Gesetze durchgewinkt werden oder geblockt. Dafür haben wir eine andere Institution, das Bundesverfassungsgericht.

Ich könnte einiges bei Gauck aufzählen, was mir, entgegen Ihrer Beurteilung nicht passt.

Aber eines haben Sie nicht erwähnt und das ist für mich ein wesentlicher Auftrag an einen künftigen Bundespräsidenten, gerade in dieser Zeit. Die soziale Kompetenz.

Und die besitzt Gauck nicht. Zumindest war bisher nichts davon zu sehen, noch zu hören oder lesen. Eher das Gegenteil.

Deshalb lehne ich Gauck ab.

biofeuerwerk 25.02.2012 | 00:12

In meinen Augen wieder ein überragender Beitrag von Walter (nach dem Schmidt-Artikel vor einiger Zeit), danke. Hätte eine Frage:

"Es ist schon interessant: In dem Moment, da sich der neumittige Westerwelle-Liberalismus auf ganzer Linie zu blamieren und politisch zu scheitern droht, in dem Moment versammeln sich die Reste distinkter Altbürgerlichkeit, die sich von „Parteien“ längst abgewandt haben, noch einmal geschlossen um den Freiheitsbürger und protestantischen Pastor aus Mecklenburg-Vorpommern."

Wer ist mit den "Resten distinkter Altbürgerlichkeit" gemeint? Ist das eher so eine pauschalisierende Bezeichnung für eine gesellschaftliche Gruppe, die Gauck einfach wohlwollend gegenüber stehen, oder müssten mir da jetzt konkrete Namen und Gesichter irgendwelcher Wortführer einfallen? Wenn ja: welche?
Spontan fielen mir nur die üblichen Verdächtigen von der ZEIT ein (Bernd Ulrich hat da diese Woche doch so unkritisches Zeug auf die Titelseite gepinselt), aber ob die gemeint sind...?

miauxx 25.02.2012 | 00:17

@Georg von Grote schrieb am 23.02.2012 um 14:58

Das ist ein schöner Kommentar!

Und habt Euch doch nicht so wegen ein paar Rechtschreibfehlern oder verkorkstem Ausdruck in den Kommentaren (Thomas K oben auch schon)! Korrekturbutton?? Is für Korinthenkacker!! :-)
Es sind halt Kommentare und wir sind doch alle so weit der deutschen Sprache mächtig, dass wir mit solchen Fehlrn ganz gut zurächt Kommen. Man versteht schon, was gmeint ist. :-)

miauxx 25.02.2012 | 00:24

@Thomas K

Danke für die ergänzenden Erläuterungen!
Zwei "ostdeutsche Protestanten" an der Spitze des Staates - die Interpretationstiefe Walters fand ich hier auch etwas übertrieben. Zumal er genügend passendere und greifendere Argumente gegen Gauck findet.

Ach, und Kommentare müssen nicht "glattgebügelt" werden. Die Kommentarfunktion ist doch fürs Kommentieren gedacht. Redigierte Texte kannst Du in Deinen Blog einstellen! :-)

Georg von Grote 25.02.2012 | 01:00

@Miauxx

Ist nun einmal meine Meinung. Vielleicht kommt mir zugute, dass ich irgendwie immer mit der DDR in Berührung war. Meine Mutter stammt aus Thüringen, meine Oma kam jedes Jahr vorbei. War ja Rentnerin. Und die erzählten und ich habe zugehört. Und da gab es nicht nur Negatives zu hören, auch Positives. Aber das Politische habe ich erst später begreifen können.
Und ich weiß nicht, wie oft ich diesen Spruch gehört habe: "Geh doch rüber in die DDR, wenn es Dir hier nicht gefällt."
Wollten wir nie, wir wollten ja bei uns was verändern. Zumal wir da schon wussten, was uns erwarten würde.
Zu dieser Zeit flog man nach Berlin und irgendwann auch über "Dunkeldeutschland". War halt nicht so hell beleuchtet, wie im Westen.
Später benutzte man die Transitstrecke, machte sich über die Grenzer lustig. Ich hatte damals ein VW-Cabrio mit Persenning die alles bis zum Fahrersitz abdeckte, wenn man offen fuhr.
Da fragte mich ein Grenzer in Berlin doch tatsächlich, ob ich unter der Persenning Kinder ausführen würde. "Ausführen".
Ich hab ihm ne Antwort gegeben und musste die Persenning nicht einmal aufknöpfen. Hinterher dachte ich mir. Verdammt nochmal, wieso haste da nicht jemand rausgeschmuggelt.
Später durfte ich dann in die DDR einreisen, Oma besuchen und da habe ich den 2. deutschen Staat erst richtig kennengelernt.

Ich als Wessi verachte Gauck vor allem auch deshalb, weil er nicht in der Lage ist, sich seiner eigenen Vergangenheit zu stellen. Weil er sich nicht damit auseinandersetzt, wo er aufgewachsen ist, wie er aufgewachsen ist, sondern versucht, sich als moralische Instanz zu etablieren. Auf überhebliche Weise. Und weil er plötzlich die Menschen verachtet und nieder macht, die über 40 Jahre lang noch unter schlimmeren Bedingungen leben mussten als er. Er, der heute zu den Absahnern gehört.

Blinkfeuer 25.02.2012 | 01:28

Andreas Kuntz schrieb :Wir sind als Nation inzwischen sogar das beliebteste Land der Welt...woher kommt diese Erkenntnis? Aus dem Geschäftsbericht von Rheinmetall? Oder vom Daimler? Niebel? Gut, bei den Ausbeutern sicher, bei den Nichtsteuerzahlgesetzen hier, da mag das stimmen,,,,aber unter zivilisierten Leuten kann das doch wohl nur aus ner Büttenrede etwas zu spät reingesemmelt worden sein. Habe ich echt vollstes Verständnis, liegt an den Ladezeiten hier. Tatataää.

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Ehemaliger Nutzer 25.02.2012 | 01:37

Fragen Sie das mal Herrn Gauck als Seelenfachmann! ;)

Im Ernst:
Ich glaube tatsächlich - und das auch als Antwort auf Ihre ursprüngliche Frage, was ich denn glaube, was Gauck wohl kann - ,dass der Gefühlsmensch und politische Sensor Gauck hier durchaus eine "organische" Vorstellung haben dürfte und diese wird formulieren können. Nach den intellektuellen Normgrößen a la Rau, Köhler, Wulff ist das ja schon einmal was, selbst auf die gerne konzedierte Gefahr hin, dass man in Ökonomiefragen noch nachbessern muss.

Meine Vorstellung...

- Beibehaltung der Bundesrepublik Deutschland Staat; keine (politische) Systemfrage
- aber ein Aufbrechen des Parteienstaats durch Wahl unabhängiger Köpfe in den Bundestagswahlkreisen und Etablierung einer Mischung aus etablierter Parteiendemokratie (als Stabilitätsanker) und webbasierter Basisdemokratie Unser Wahlrecht erlaubt es bei genauerem Hinsehen, den "Parteienanteil" von 100% auf bis zu 50% herunterzubringen, aber eben nicht tiefer. Dann werden GANZ ANDERE Mehrheiten möglich...

Das zum politischen System

Sozialpolitisch die Herauslösung des Individuums aus wirtschaftlichen Zwängen durch Einführung einer bedinungslosen Grundeinkommens und rigorose Vereinfachung des Sozialsystems (DAS bedeutet Freiheit!)

Wirtschaftspolitisch eine Fortsetzung des ökologischen Weges

Steuerpolitisch eine radikale Vereinfachung, etwa a la Estland mit seinem dreiparagraphigen Einkommenssteuergesetz.

Finanz- und Bankenpolitisch: Hier (und nur hier!) Auf Lafontaine hören! Der Punkt ist geschenkt!

Das alles sind nur Voraussetzungen für

Kultur- und Geschichtspolitik:

Hier entscheidet sich die Seelenfrage...
In einem seelisch gesunden Land wie Schweden ist sie kein Thema - aber hier ist sie wichtig, weil Deutschland seit 90 Jahren auf der Couch liegt.

Gedanken dazu: Gewahr werden, dass dieses Land nicht immer ein von Konsumenten bewohnter Wirtschaftsstandort war. Es hat eine Geschichte! Kulturelle Prägungen! Eine Seele! Bäume! ...

Die Land bleibt Irre, wenn man NUR sozial- und wirtschafttspolitisch denkt. Das ist wichtig, und ich habe dazu wie sie oben sehen auch gründliche (...), mitunter recht radikale Meinungen, sehe das aber partout nur als eine von mehreren Baustellen an.

Sich der Indentität des eigenen Kulturraumes bewusst sein. Thea Dorn hat dazu doch gerade ein Buch zu geschrieben.

Die am tiefsten liegende Schicht der Seele ist Germanien: Germany... Alles, was ich gestern über die Bäume und die Donareiche schrieb etc. Das ist nicht Nazi. Das ist wichtig.

Darüber liegt das Christentum, ganz gleich ob praktiziert oder nicht, ob Vereinsmitglied oder nicht. Aber der Blick nach Rom ist da. "Wir sind Papst"...

Man stelle sich pro argumento statt dem geplanten Abriss alter Bäume in Stuttgart einmal den Abriss des Kölner Doms zugunsten eines Bankgebäudes vor und vergleiche den zu erwartenden Aufschrei. Dann wird klar, wie tief diese Schicht ist.

In der Praxis Erkennen der Notwendigkeit einer Spiritualität. Die gleichen Leute, die jeden indischen Guru bewundern, finden solche Sätze zuhause eigenartig, was ich nicht verstehe. Wobei die Mystiker, Meister Eckhart oder Johannes Tauler, uns kulturell und historisch näher sind als Jesus Christus und sein Urchristentum, mit dem wenig zu tun haben. Findet hingegen eine "mystische Nacht" ausrichtet, ist das Kirchlein voll.

Über dem Christentum liegt das Denken, der Rationalismus, die Aufklärung, durchaus beeinflusst durch antikgriechische Muster.
Hier steht es noch aus, die Gedankenfiguren des Relativismus und des Universalismus in Einklang zu bringen, und zwar zugunsten der Erstgenannten. Unsere (europäischen) Ideen gelten in Europa. Unser Denken hat schon seinen Wert, ist dem asiatischen Denken abe unterlegen. Hier ist es besser von den anderen zu lernen, statt sie mit sich selbst zu konfrontieren.
Die große, zudem "baumkompatible" Überschrift: Harmonie.

Über der (ursprünglich sehr humanistischen) Aufklärung liegen Städte, Fabriken, die "Moderne". Diese haben eigentlich schon nichts mehr mit Kultur und Seele zu tun. Wer glaubt, dies sei die Welt, wird verwundert feststellen, wie militant vollgefutterte Wohlstandsbürger einen Baum verteidigen können, der dem Bahnhof im Weg steht. Und erst ab dieser Stufe stellt sich die "soziale Frage" überhaupt... Jedes Wirtschaften, jede Effizienzüberlegung (die sehr wohl auch ihre Berechtigung haben kann) muss die Identität des Kulturraumes kennen... Eine "moderne" Gesellschaft, die das nicht tut und auf kein dispotitiv-materialistische Kräfte hört, begeht einen Fehler. Und bezahlt es mit Heerscharen ausgebrannter Depressiver.

Über der "Moderne" liegen dann die geistigen Schlacken des Deutschen Irrwegs. Diese müssen auf eine (verantwortliche) Weise abgetragen werden, um einen kulturstimmige Moderne leben zu können. Denn sie sind in keiner der genantnen Dimensionen von bleibendem Wert.

Das aggressive Deutschland war nicht das Deutschland der Bäume, das des Kölner Doms oder das des Immanuel Kant. Es das Deutschland des des Habenwollens, der Berechnung, Seelenlosigkeit (...), der Industrieproduktion, der Machtpolitik, der Massen und des krankhaften Nationalismus.

Diese Schicht muss weg.

Hier könnte Gauck ein Zeichen setzen. Aber ein "zurück zu sich selbst" muss weiter führen als bis nach Manchester und zu Karl Marx denn wohnt das Seelchen nicht... Viel weiter! Eine Seele kann sogar dann gesund sein, wenn sie arm ist. Umgekehrt gibt es das Phänomen der Wohlstandsverrwahrlosung. Die Linkspartei mit ihrem seelenlosen Materialismus hat hier zuallerletzt etwas anzubieten. Die Nazis, viel klügere Verbrecher, waren sich der Deutschen Seele sehr wohl bewusst - und haben Sie missbraucht.
Daher der Schaden. Den Kommunismus verschmerzen wir dagegen leicht (so sehr seine Protagonisten uns an der Therapie hindern wollen)

Und umso schöner finde ich es, mit Gauck bald jemanden zu haben, dem zuzutrauen ist, therapeutisch wertvolle Dinge zu sagen...

Vielleicht gerade weil es ihm persönlich Spaß macht, jene damit zu ärgern, die insgeheim froh sind, es mit einem in der Identität geknickten Seelchen zu tun zu haben und diesem Einreden, wenn Hartz IV erhöht werde und die Bank verstaatlich, dann sei alles gut.

Ist der Schutt verarbeitet, klappt auch die Integration. Auch wenn sie vielleicht anders verläuft, als man sich das gemeinhin vorstellt. Wie will man in eine WG einziehen, wenn der Bewohner mit den Schlüssen im Irrenhaus sitzt?

Außerdem: Ein freundliches Hinterfragen des Amerikanismus. Deutschland ist heute eine amerikanische Kulturkolonie. Und es gibt nicht Seelenzersetzenderes. Der Kommunismus im Osten war eher wie eine kalte Käseglocke, die sich über das noch vorhandene gelegt hat und jetzt weg ist, aber der Amerikanismus geht an die Substanz. Die Leute in Erfurt sind heute seelisch (noch?) in viel einem besseren Zustand als die in Mannheim.

Und noch etwas: Deutschland funktioniert nur miteinander. Das große Kollektiv. Was nicht heißt, dass man nicht Diskutieren kann. Aber ohne Streit. Oder gar Verleumdung. Harmonie. Sozialismus im Wortsinn, nicht mit dem hoffnungslos engstirnigen Klang von Marx, sondern mit dem Klang von "social" network.
Nichts finden die Deutschen so schlimm wie inszenierten Parteienstreit. Auch deswegen wird der reine Parteienstaat im Rahmen des bundesrepublikanisch Möglichen früher oder später enden.

Denn es mit Blick auf Parteien ist ganz gleich, ob Sie "Wachstum" rufen, "marktkonforme Demokratie", "Gerechtigkeit" oder "Sozialismus" - wenn sie sonst nichts können, taugen sie alle nichts. Es hilft wenig, monothematisch richtig zu liegen und alles andere auszublenden.

Kurzum: Man kann sich, mitten in Europa (das allein als Wirtschafts- und Sozialstandort zu denken auch nicht lohnt), in bester Freundschaft zu den Nachbarn fragen, was eigentlich "das Eigene" und versuchen es organisch, harmonisch zum Blühen zu bringen...

Wenn das hier Realität wäre, ginge es dem Seelchen besser, da bin ich ziemlich sicher.

Grüße!

Alles, was ich gestern über
Darüber liegt
Es hat hes ist aber auch ein Teil des romgeprägten christlichen Abendlandes. Auch hier gibt es Was glauben Sie, was loswäre, wenn morgen bekannt würde,

- Alle Themen (von der Wirtschaft bis zur Kultur zusammen denken

Magda 25.02.2012 | 10:23

Also der Egon Bahr würde sagen: Hier hat aber wieder einer "tief in die Harfe" gegriffen. Ich kann an Gauck keine Authentizität feststellen - aber er kann sie prima darstellen. Dieses seelsorgerische Gebaren kennt man von vielen Leuten, die im kirchlichen Dienst soziale Kompetenz gelernt haben.

"Gauck rührt potentiell ans Dogma, den seine Position ist kristallklar und sein Verhalten nicht berechenbar. Und weil dem weisen Konklave das jetzt erst nach Aufsteigen des weißen Rauchs auffällt, ist nun die Inquisition am Start."

Ich möchte wetten, dass der Gauck absolut berechenbar sein wird. Sie werden es sehen. Der wird nach dem Motto handeln "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern" und paar neue Zutaten in sein Predigttöpfchen tun.

Ansonsten: nehmen Sie sich in Acht mit ihren Holocaust-Überlegungen. Sie sind kein Wissenschaftler, dazu gibt es - jenseits allen Glaubens - eine wissenschaftliche Auffassung. Wenn Sie den Gauck als Türöffner auf eine andere Sicht benutzen wollen - Bittesehr: Willig ist er ja. Aber Ihre Huldigungen lesen sich reichlich eindeutig. Bleiben Sie mal sitzen, die Machtverhältnisse ändern sich nicht in diesem Lande.

Reinhard Rodiger 26.02.2012 | 00:53

Es ist schon seltsam.Kaum tritt jemand ,dem etwas wie geistige
Führung zuzutrauen ist, ans Licht ,so geben sich alle betroffen.Die einen
wegen vermeintlicher Einseitigkeiten, andere träumen utopisches,wieder
andere sammeln destruktive Vergangenheitsmerkmale und schwelgen
in jetzt schon gewusster Unfähigkeit zu allem Sinnvollen.Unbestritten
ist eine volkstribunhafte charismatische Fähigkeit ohne Machtmittel
Menschen zu bewegen.Das schaffen wenige.Nur die Deutung lässt die
ganze Palette an Möglichkeiten aufleuchten.Statt in der Vergangenheit
Schrift und Satzexegese zu betreiben,ob er nun schon alles,was gerade
gefordert wird,schon vorher bedacht hat,ist konstruktives gefragt.
Es ist die Chance,die Bewegung zu erzeugen,die einen neuen
politischen Diskurs um nicht zu sagen eine neue Umgangskultur zu
ermöglichen.Sind es nicht die Signale einer möglichen geistigen
Führung,die breite Widerstandsargumente flüssig machen?

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Ehemaliger Nutzer 26.02.2012 | 06:08

Gauck ist geschenkt!

So wichtig ist der Bundespräsident aber auch gar nicht. Im Grunde ist die Debatte, wen man denn über sich haben will biedermeierlich.

Die gute Fee lässt Sie ihren Traumkandidaten backen und persönlich den Zapfenstreich kommandieren. :)

Aber Hand aufs Herz: Ändert sich dann viel?

Es ist doch wohl die Zusammensetzung des Parlaments, auf die es ankommt.

Und wie sieht es darin aus? Nur Parteien.

Parteien = Fraktionen = Hierarchie = Lobbyismusanfälligkeit.

Sie müssen vielleicht 4 oder 5 wichtige Abgeordnete der Koalition hinter sich brignen. Im Moment Merkel, Kauder, Schäuble, Rösler, Brüderle - und auf einmal ist da eine Parlamentsmehrheit...

Demokratie? Nunja.

Also: Die Rolle der Parteien zurückfahren...
Über die Wahlkreise. Alles, was sich keinem Fraktionszwang unterwirft. C'est tout.

Wobei ich (DA mögen wir uns unterscheiden) einen eindeutigen Nicht-Partei-Menschen Gauck in dieser Hinsicht und als Symbol eben besser finde als etwa Wulff.

Die Deutschen können politisch selbständig werden oder ewig Untertanen bleiben. Heute sind wir nichts besseres als Partei-Untertanen und wundern uns gar allzusehr, warumdas Label "Demokratie" nur eine Buchstabenfolge ist.

Das kann man eigenartig finden oder nicht, aber darum geht es.

Um zu kapieren, dass Wählen etwas anderes sein kan als "Parteienstaat stützen", braucht es nicht einmal den hohen Intellekt diskurssicherer Freitagsleser.

Das kapiert jeder Taxifahrer.

Reinhard Rodiger 27.02.2012 | 00:41

@ Georg von Grote

Mein Akzent geht eher auf das "geistig" und weniger auf
Führung.Es gibt "geistige " Marksteine,die quasi Führung
als Folge haben.Denn Menschen folgen.Wieviele Menschen gibt es,die das bewirken können?Gauck ist
jemand,dem ich das zutraue-er muss es nur tun.
Sie sprechen ihm soziale Kompetenz ab.Sie meinen
er nimmt die Schwachen nicht gleich mit ins Boot,das
übrigens noch andere lenken.Das war auch nicht seine
Aufgabe.Seine Chance besteht in der Fähigkeit,Kräfte
zu wecken statt nach alter linker Manier zu verteilen
und nie die Frage zu stellen,woher das kommt.Es
erinnert mich an denBeginn der"Alternativen".
Alternativsein ging nur,wenn die anderen weiter das Hamsterrad drehen.Ein gewisses ausblenden der
Realität ist inhärent.Dies ist eine notwendige aber
keine hinreichende Bedingung.Und Gauck blendet die
Realität nicht aus.Er stellt nur das caritative nicht an die erste Stelle.Fehlt deshalb soziale Kompetenz?

Malte Krøgergaard 28.02.2012 | 22:04

Freut mich, dass Magda an dieser Stelle mal den Finger in die Wunde legt. Meiner Meinung nach krankt die Vorstellung vom doppelköpfigen protestantischen Schreckensgespenst genau daran, dass Gauck und Merkel sich mitnichten grün sind. Das scheint vor lauter Häme bloß keiner mehr so recht zu berücksichtigen.

Mag sein, dass Gauck zu DDR-Zeiten nicht viel von einer Angela Merkel gewusst hat. Umgekehrt wird aber ein Schuh draus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gauck im Hause Merkel ein Unbekannter war - vielleicht ein nicht besonders Geschätzter, aber sicher kein Unbekannter.

Neben dem großen Bürgerrechtler und Freidenker (damals jedenfalls) kommt sie jetzt noch weitaus farbloser daher als sonst. Das kann ihr nicht passen.