Die zwei Köpfe des Janus

Brasilien Eine regionale, vielleicht sogar globale Führungsmacht sucht nach ihrem Wertekanon. Bisher scheint diesen ein Trend zum Materialismus und Konsumismus zu verschütten

Dank Stabilisierung, Wirtschaftswachstum und des entschlossenen Mutes zur Sozialpolitik hat es in diesem Land eine noch vor Jahren unvorstellbare Zäsur gegeben. Eine Gesellschaftspyramide, die vielen Generationen in der Schule als Muster einer brasilianischen Klassengesellschaft eingebläut wurde, findet sich durch ein Schaubild ersetzt, das eine zuletzt enorm wachsende Mittelschicht reflektiert.

Parallel dazu präsentiert sich die brasilianische Demokratie nach der Militärdiktatur zwischen 1964 und 1985 als reif und robust, obwohl sie permanent durch Korruptionsskandale herausgefordert wird. In einer Zeit, da Europa und die USA nicht in bester Verfassung sind, wirkt das Potential dieses Landes erst recht überzeugend. Immerhin handelt es sich um eine große multikulturelle Demokratie, die religiöse Konflikte kaum kennt. Jedoch scheinen die zwei Köpfe des Janus über diesem Erfolgspfad zu wachen – einer in die Zukunft, der andere in die Vergangenheit blickend. Was mit der Frage zu tun hat, wie exemplarisch ist der eingeschlagene Weg? Inwieweit spiegelt sich darin eigene Identität? Hat man eine Führungsrolle als Regionalmacht einzunehmen, indem man der Weltgemeinschaft ein Beispiel für positive Werte gibt? Nur welche sind das?

Privat überschuldet

Brasilien war einst berüchtigt für seine Auslandsschulden, aber auch für den Durchschnittsbrasilianer erwies es sich wegen der historischen Instabilität des Staates als schwierig, Sparsamkeit walten zu lassen. Augenblicklich tragen in den Großstädten des Landes 65 Prozent aller Haushalte an der Bürde privater Schulden. In Curitiba beispielsweise, der Hauptstadt des Staates Paraná, sind laut Angaben des Nationalen Handelsverbandes im Schnitt 88 Prozent der Familien verschuldet. In Natal, der Kapitale von Rio Grande do Norte, werden 40 Prozent der Familieneinkünfte für die Schuldentilgung aufgebraucht. Im Vorjahr waren in zehn der 26 Bundesstaaten über 70 Prozent der Familien verschuldet. Im August 2011 befinden sich die Bürger von wenigstens 15 Staaten in der gleichen Lage.

Dieses Phänomen ist ganz eindeutig eine Konsequenz des Konsumismus. Millionen neuer Käufer strömen auf den brasilianischen Binnenmarkt, was künftig mindestens zwei negative Folgen haben dürfte: Eine in starkem Maße vom privaten Konsum abhängige Wirtschaft (wie Regierung) und eine durch rasantes Wachstum und eine eben solche Industrialisierung bedrohte Umwelt. Brasilien ist heute der weltweit fünftgrößte Markt für Autos, und die Nachfrage steigt. Es wird erwartet, dass die brasilianischen Privathaushalte in diesem Jahr 1,5 Billionen Dollar ausgeben – 150 Milliarden mehr als im Vorjahr. Insofern ist es kein Zufall, dass unter diesen Umständen auch die Fettleibigkeit grassiert. Laut Gesundheitsministerium waren 2006 11,4 Prozent der Brasilianer übergewichtig – heute sind es 15 Prozent. Innerhalb des nächsten Jahrzehnts wird die Zahl auf 60 Prozent klettern.

Kein Wohlfahrtsstaat

Der Wohlstandsschub ändert wenig am fortbestehenden Chancengefälle. Auch wenn die Einkommenskluft langsam kleiner wird, behauptet sich Brasilien weiter unter den zehn Staaten mit der schlechtesten Einkommensverteilung weltweit. Das zeigt sich im Bildungswesen ganz deutlich: In einer 2010 von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) herausgegebenen Studie, in der Schüler aus 65 Ländern bewertet wurden, kam Brasilien auf Platz 53.

Sieht man genauer hin, stellt sich die Lage noch schlimmer dar, als es zunächst den Anschein hat. Schüler von Privatschulen haben durchschnittlich 502 Punkte erreicht, während es die Eleven staatlicher Anstalten auf gerade einmal 387 Punkte bringen. Die Tragik besteht darin, dass 85 Prozent der brasilianischen Schüler öffentliche Schulen besuchen und die Steuereinnahmen 2010 35 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erreicht haben. Mit anderen Worten, die Brasilianer zahlen beinahe soviel Steuern wie die Spanier und Kanadier, bekommen dafür aber weniger. Egal, ob im Bildungssektor, bei der öffentlichen Sicherheit, der Gesundheitsversorgung oder beim Zugang zur Justiz.

Die jüngsten Erfolge führen das Land nicht in Richtung Wohlfahrtsstaat, wie viele Europäer und Nordamerikaner meinen. Tatsächlich war die Revolution eine kapitalistische und bestand in der marktorientierten Transformation in eine industrielle und zentralisierte Gesellschaft, die von Bürokratie geprägt und von Materialismus und Konsumismus motiviert ist.

Arthur Ituassu ist freier Autor und Kolumnist des Guardian

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14:00 27.08.2011

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