Die zwei Seiten der Hisbollah

Libanon In der EU wird erwogen, die „Partei Gottes“ auf die Terrorliste zu setzen. Der Zedern-Republik, am Rande des syrischen Bürgerkriegs gelegen, würde das eher schaden
Torsten Wöhlert | Ausgabe 10/2013 1

In der EU ist ein skurriler Streit um die Aufnahme der schiitischen Hisbollah in die sogenannte EU-Terrorliste ausgebrochen. Die Partei Gottes soll verantwortlich sein für den Terroranschlag im bulgarischen Burgas, bei dem im Juli 2012 sieben israelische Touristen ums Leben kamen. Während Israels Premier Benjamin Netanjahu umgehend den Iran und die mit ihm liierte Schiiten-Miliz als Drahtzieher ausmachte, kursierten im Netz bald Gerüchte, dass es sich bei den getöteten Israelis keineswegs um Touristen, sondern um Mossad-Agenten gehandelt habe, deren Reise der Suche nach alternativen Flugrouten für einen möglichen Angriff auf den Iran gedient habe. Eine Hochburg für israelische Touristen ist das Schwarzmeer-Land jedenfalls nicht. Im Jahr vor dem Anschlag waren es 138, wie Bulgariens Tourismusminister bei einer nach dem Attentat eilig anberaumten Visite in Israel mitteilte.

Skurril ist der jüngste Streit auch deshalb, weil Bulgarien bis heute keine stichhaltigen oder gar gerichtsfesten Beweise für eine Beteiligung der Hisbollah an den Vorgängen Mitte 2012 liefern kann. Und sollten sich die 27 EU-Staaten ohne Beweise auf einen solchen Schritt verständigen? Bislang tobt die Debatte zwischen Dogmatikern, die unbeirrt mit klarem Freund-Feind-Bild in den Anti-Terror-Kampf ziehen, Skeptikern, die statt der Verdammung rechtsstaatliche Standards gewahrt sehen wollen, und Realpolitikern, denen gesicherte Interessen wichtiger sind als Ideologie, Moral und gelegentlich auch das Recht.

Entsprechend disparat ist das jeweilige Bild, das man sich von der Hisbollah macht: Handelt es sich um einen islamistischen Terror-Verbund, der Israel von der nahöstlichen Landkarte tilgen will? Ein Zwitter-Wesen aus Terrorpraxis und Wohlfahrtspflege? Oder schlicht um einen Machtfaktor im Libanon und Nahen Osten, mit dem man so umgehen muss, dass es den eigenen Interessen nutzt und nicht schadet.

Tatsächlich hat die Hisbollah viele Gesichter und in ihrer Geschichte manche Metamorphose durchlaufen. Sie verdankt ihre Geburt dem israelischen Libanonfeldzug, mit dem im Sommer 1982 Jassir Arafat und seine Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) aus der Zedern-Republik vertrieben wurden. Der Zusammenschluss verschiedener schiitischer Widerstandsgruppen zur Hisbollah erfolgte unter maßgeblicher Regie Irans und stand unter dem ideologischen Vorzeichen des Exports der Islamischen Revolution. Persische Revolutionsgardisten – mit Kampferfahrung aus dem iranisch-irakischen Krieg – griffen aktiv im Libanon ein. Sie nannten sich Hisbollahi, wiesen sich so als Anhänger des iranischen Revolutionsführers, Ayatollah Ruhollah Chomeini, aus und gaben dem neuen schiitischen Bündnis seinen Namen.

Die Hisbollah geriet sehr bald mit der bis dato im Libanon dominierenden schiitischen Amal-Bewegung aneinander. Der schiitische Bruderzwist wurde befeuert von der Rivalität zwischen Iran und Syrien im Libanon. Das Schisma der beiden schiitischen Organisationen und ihrer Protegés wurde erst nach 1989, nach dem Ende des Kalten Krieges, beigelegt, als sich globale Machtbalancen neu justierten. Seither agieren Hisbollah und Amal auf der politischen Bühne Libanons weitgehend synchron.

Der 33-Tage-Krieg

Dabei wurde die Hisbollah mit den neunziger Jahren sukzessive zu einer maßgebenden Kraft im Libanon. Ihr militärischer Arm stellt die reguläre libanesische Armee in den Schatten, im Südlibanon agierte sie quasi als Staatsmacht mit einem ausgedehnten Netz an sozialen und Wohlfahrtsorganisationen. Die Hisbollah erwies sich auch als wirtschaftlich agil und war in den internationalen Drogenhandel sowie Schmuggel aller Art verstrickt. Militärisch blieb sie nahezu vollständig von iranischen Waffenlieferungen abhängig, die über Syrien in den Libanon gelangten.

Für Israel stellt bis heute die Stärke der Hisbollah im Südlibanon eine veritable Herausforderung dar. Den Rückzug der Israel Defense Forces (IDF) aus dem Südlibanon im Jahr 2000 feierte die Hisbollah seinerzeit als ihren Sieg. Aus israelischer Sicht hatte sich die Sicherheitslage nach dem Abzug nicht grundlegend verbessert. Immer wieder schlugen im Norden des Landes Raketen ein, die von Hisbollah-Stellungen im Südlibanon abgefeuert wurden.

Im Juli 2006 unternahm Israel daraufhin den vorerst letzten Versuch, die Hisbollah aus dieser Grenzregion zu vertreiben, doch geriet der damalige 33-Tage-Krieg für die eigene Armee zum Desaster. Das Oberkommando in Tel Aviv hatte die Kampfkraft der Schiiten-Milizen gründlich unterschätzt und stand politisch am Pranger, für die etwa 1.500 meist zivilen Opfer der Intervention verantwortlich zu sein. Die Hisbollah hingegen ging gestärkt aus dieser Konfrontation hervor. Das nun erworbene politische Gewicht verschaffte ihr eine eigene Präsenz in der Regierung. Das verschärfte zum einen den Konflikt zwischen dem pro-westlichen und anti-syrischen Lager im Libanon, führte aber gleichzeitig dazu, dass die Hisbollah begann, im Libanon eine quasi „staatstragende“ Funktion zu übernehmen.

All das hat sich seit 2011 mit dem Arabischen Frühling und dem Bürgerkrieg in Syrien grundlegend geändert. Die strategische Achse Hisbollah-Damaskus-Teheran ist erheblich geschwächt. Seitdem Syriens Präsident Assad um seine Macht kämpfen muss und darin vom Iran und der Hisbollah unterstützt wird, ist diese in einem Dilemma. Fällt Assad, ist der Waffennachschub über Syrien gefährdet. Schlägt man sich zu offen auf die Seite der Machthaber in Damaskus, untergräbt das den Nimbus als Widerstandsorganisation in der arabisch-muslimischen Welt.

In dieser Lage ist die Versuchung groß, die Hisbollah weiter unter Druck zu setzen und zu schwächen – auch indem man sie auf die EU-Terrorliste setzt. Doch was brächte das im Verhältnis zum Iran? Würden nicht Präsident Assad und sein langjähriger Alliierter noch enger zusammenrücken? Eine von außen stigmatisierte Hisbollah wird sich radikalisieren. Damit steigt nicht nur die Terrorgefahr. Das hätte auch Folgen für die ohnehin fragile Machtbalance im Libanon. Mit der vorsichtig staatstragenden Rolle wäre es vorbei, wenn sich die Hisbollah wieder auf ihre „bewährte“ Rolle als antizionistische Speerspitze im Südlibanon zurückzieht. Die Gefahr würde steigen, dass es zu einem neuerlichen Waffengang kommt, der in Israel die Illusion von einer effektiven Konfliktlösung nährt.

Die Sunniten rücken nach

Und Syrien? Wer immer auf eine Lösung ohne Staatschef Assad und die ihn stützenden Teile der Bevölkerung setzt, muss die Frage beantworten, wer danach die Macht im Land übernimmt. Dass es sich dabei nicht um die säkularen und demokratischen Kräfte der Opposition handeln wird, sollte auch dem letzten Träumer beim Blick auf die wahren Nutznießer des Arabischen Frühlings klar sein. Denn in der islamischen Welt findet ein Wachwechsel statt. Die schiitischen Revolutionäre der ersten Stunde verlieren an Einfluss. Ihre Agenda ist erschöpft und der Minderheitenbonus passé, weil die Führung in Teheran lange schon vom islamischen Missionarismus auf berechenbare nationale und regionale Machtpolitik umgeschaltet hat. Dadurch nehmen jetzt sunnitische Fundamentalisten das Heft des Handels in die Hand und bringen so auch tradierte innerislamische Mehrheitsverhältnisse wieder ins Lot. Und das dank der finanziellen Kraft archaischer Golf-Despotien, die im Westen als verlässliche Verbündete gelten, weil ihr schwarzes Gold preiswert und zuverlässig die Weltwirtschaft schmiert.

Die reaktionäre Agenda der sunnitischen Islamisten ist bekannt, ihr wachsender Einfluss auf die arabisch-muslimische Welt nicht zu übersehen. Und doch tut man – nicht zuletzt in der EU – weiterhin so, als seien ihre schiitischen Vorgänger die größere Gefahr. Wohl wissend, dass der Iran – verglichen mit Saudi-Arabien – als ein Eldorado an Demokratie gelten könnte. Schließlich: Sollten die ägyptischen oder tunesischen Islamisten in zehn Jahren ein so berechenbarer Faktor sein, wie das derzeit für die Hisbollah im Libanon gilt, wäre viel erreicht. Wer also die Partei Gottes auf Terrorlisten setzen will, sollte ihre sunnitischen Pendants und deren Finanziers gleich dazupacken. Das bringt zwar wenig, wäre als symbolische Handlung aber wenigstens konsequent.

Torsten Wöhlert ist Buchautor, Publizist und Iran-Wissenschaftler

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01:00 21.03.2013

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