Diegos Geist

Fußball Maradona wird Vereinspräsident in ... bitte, wo? Brest? In Weißrussland? Klingt ja völlig irre. Ich fliege also gleich mal hin
Diegos Geist
Glamouröser wird’s hier nicht mehr

Fotos: Frederic Sautereau/Laif, Sergei Gapon/AFP/Getty Images

Fahr nicht, haben sie gesagt. Sicher wollten sie nur meinen Scoop verhindern, Neider, Hater. Diego Armando Maradona, der größte Kleine ever, jetzt Präsident in Weißrussland bei Dinamo Brest. Story!

Aber Maradona ist doch nur auf dem Papier Vereinspräsident, das ist ein PR-Gag, haben sie gesagt. Er war nur einen Tag in Brest, vor Monaten schon. Außerdem sei in der weißrussischen Liga gerade Winterpause. Sie reden zu viel.

Diego! Du hast das berühmteste Tor aller Zeiten erzielt, ein Solo gegen die Engländer, und das berühmteste irreguläre Tor, mit deiner „Hand Gottes“. Du hast das British fucking Empire im Alleingang zerlegt. In Neapel haben sie dich später auf Händen getragen. Und jetzt? Diego, wo bist du?

Ich komme aus der Sowjetunion, du aus Argentinien, Diego, wir beide entstammen sogenannten autoritären Zusammenhängen. Doch ich bin in Europa aufgewachsen, wohin es auch dich schon als jungen Mann verschlagen hat. Was folgte, ist bekannt: Dekadenz, Demokratie, Drogen. Sind wir beide falsch abgebogen?

Seit Jahren strebe ich zurück, Diego, irrlichtere zwischen Karl-Marx-Stadt und Petrograd, habe mehr Platten gesehen als Ostberlin. Nur in Weißrussland, da war ich noch nie. Es soll ja ein Schlupfloch in die alte Sowjetunion sein. Vielleicht befürchtete ich, dass mir dort einer ins Gesicht lacht und sagt: „Der Westen hat dich weichgemacht.“

Weißrussland hat ja ein kleines Imageproblem. Es gilt als Diktatur, in der immer noch der KGB regiert und die Todesstrafe nicht abgeschafft wurde. Ungünstige Kombination. Da kamst du den Weißrussen ganz gelegen, Diego. In einem Panzerwagen haben sie dich ins Stadion bugsiert, an diesem sagenhaften Tag im Sommer. Danach wollte ich diese Geschichte noch ganz gewöhnlich angehen. So mit: „Hallo arbeitsloser weißrussischer Arbeiter ohne Zähne und mit erloschenen sozialistischen Idealen. Wie findest du, dass Diego hier 20 Millionen pro Jahr kriegt und du vom Leben immer nur eins in die Fresse?“

„Ja, nicht so gut finde ich das.“

„Sind denn die politischen Verhältnisse schuld?“

„Nein! Unser Präsident ist ein fürsorglicher Vater.“ Und anschließend so mit: „Sehen Sie, westlicher Leser mit eingeschränktem Erwartungshorizont, den ich an die Hand nehme und durch den wilden Osten führe, von dem Sie schon immer ahnten, dass er eine Art Vorhölle ist, in der es nur warmes Bier gibt und alle kalte Füße haben: Der arbeitslose Arbeiter findet das alles nicht so gut, will aber nichts ändern, also sind Sie, werter Leser, auf der richtigen Seite der Geschichte.“ Aber dann ist Diego abgereist. Meine Story war futsch. Los jetzt.

Wo? Wo bist du?

Am Flughafen von Minsk laufe ich in einen bekannten deutschen Schauspieler. „Mein Koffer ist weg“, sagt er. Wir reden eine Weile. Er dreht einen Film in Weißrussland, für den er immer noch nicht bezahlt wurde. „Die sagen mir seit drei Wochen, dass sie überwiesen haben. Meinst du, das kann sein?“ Ich verneine. Er sagt, dass der Osten für ihn ein Ort sei, „wo dir Menschen direkt ins Gesicht lügen“. Trotzdem helfe ich ihm, seinen Koffer zu finden. Er stand am falschen Gepäckband.

Für gewöhnlich gibt der deutsche Schauspieler einen dänischen Prinzen voller Selbstzweifel. Dafür bekommt er viel Applaus. Und jetzt steht er in Minsk am falschen Gepäckband. Er muss ein Sadomasochist sein.

Und warum bin ich hier? Es gibt da so eine Theorie. Der Reporter aus dem Westen sucht im Osten stets nach freakigen Ostmenschen, die Rohrreiniger zum Frühstück trinken und im Suff die eigene Schwester heiraten, weil sie diese für ihre Cousine halten. Wir Arschlöcher.

Weißrussland gilt im Osten allerdings vor allem als ein besonders reinliches Land. Und es stimmt: Obwohl Abgase sich im Winter in diesen Breitengraden gewöhnlich schwarz in den Schnee fressen, als wären sie gefrorene Galle, ist hier alles sauber. Nur etwas blutleer, zu leise, zu wenig in die Fresse. Auch von Minsk nach Brest: Ernüchterung. Der Zug ist kein transsibirischer Charmebolzen, sondern eher so eine Regionalbahn nach Marl-Sinsen.

Diego, wo bist du, Diego?

Ich weiß ja, wo du bist. Es steht in allen Gazetten: Du bist in Mexiko, trainierst einen Zweitligisten, im Herrschaftsgebiet des Sinaloa-Kartells. Direkt an der Quelle, du Schlingel. Aber gleichzeitig bist du immer noch Präsident von Dinamo, so steht es im Internet. Der Club hat deinen Abgang nie verkündet. Du schwebst über Brest, Diego. Ich bin bald da.

An einem frühen Winterabend spaziere ich durch Brest. In der Stadt ist alles geputzt, still, tot. Ich checke im erstbesten Hotel ein und laufe direkt los, zum Stadion von Dinamo.

Obwohl ich noch nie in Weißrussland war, bin ich schon einmal dem KGB des Landes begegnet. Das war in Vilnius, da spielte eine weißrussische Band, die zu Hause nicht auftreten durfte. Es sprangen Hunderte junge Menschen, bunt und besoffen, vor einer Bühne herum. Dazwischen standen vier Männer komplett in Schwarz. Ich dachte, wenn die sich so tarnen, dann macht dieser KGB das nicht mehr lange. War aber nicht so.

Auf meinem Weg zum Stadion begegne ich kaum einer Menschenseele, obwohl es erst neun ist. Hier hättest du präsidieren sollen, Diego? Die Verantwortlichen des Vereins haben ja behauptet, du würdest die „strategische und tagesaktuelle Arbeit“ im Klub übernehmen. Ich imaginiere, wie du dich über einen Spanholz-Tisch beugst, um das nächste Zirkeltraining für die kleinen Racker der Jugendakademie zu skizzieren, wie du leicht zitterst, weil du, voller Sorge um deine Schützlinge, wieder die halbe Nacht wach warst, und das in deinem Alter ja nicht mehr geht, so ohne alles. Wie du weitermachst, weil dein Herz für Brest brennt. Wie du weinst, vor Glück.

Ich habe mich verlaufen.

Zum Glück finde ich eine offene Wirtschaft, von außen verglast, von innen 1950. Drinnen ist nix los, nur zwei alte Säufer kippen Wodka aus einer Karaffe. Einer ist höflich besoffen, der andere alt, rotznasig und rotzevoll. Wir trinken sehr lange, ich erzähle meine Lebensgeschichte, vergesse die Zeit. Irgendwann sagt Rotnase: „Ich glaube dir nicht.“ Wir trinken noch einen. Rotnase sagt: „Du sagst also, du bist aus Russland, aber wohnst in Deutschland. Und jetzt bist du hier?“ Ich sage: „Ja.“ Er sagt: „Ich glaube dir nicht. Wer schickt dich?“ Der zweite Sportkamerad schaltet sich ein. „Ist doch nichts dabei, Stepanitsch, er ist einer dieser Immigranten aus den 90ern!“ Moment, die leben hier in einer Zeitkapsel, und jetzt erklären sie mich zum Zeitzeugen? Ich bestelle noch ein Bier, da sagt der Beipflichter: „Er ist bestimmt mit seinen Eltern ausgewandert.“ Moment, woher weiß er das? Wer schickt ihn?

Diego, 20 Millionen sollst du von Dinamo Brest bekommen haben. Die Zahl ist nicht bestätigt, klar ist nur: Es ist zu viel. Als wäre mit dir der ganze unmögliche Westen gekommen. Männer wie du haben den Russen wütend gemacht und so Putin ermöglicht.

Die Bar heißt Kuh. Prost, Oleg!

Im Souvenirshop von Dinamo klebt ein Aufkleber an der Tür. #Comandante. Du bist gemeint, Diego. Es gibt Wimpel, Becher, Hemden und Bälle mit deinem Antlitz, aber am meisten bewundere ich ein Shirt, das dich mit Fidel-Castro-Mütze und revolutionärer Chuzpe zeigt. Du siehst dir auf diesem Shirt nicht ähnlich, Diego, aber du siehst dir auch sonst nicht mehr ähnlich, diesem Typen, der Fidel auf seiner Wade und Che auf seiner Schulter trägt, der bei Kundgebungen gegen die USA und Bush aufgetreten ist, der niemals, nie, nie, nie 20 Millionen von den Armen genommen hätte, um damit auf einem weißen Pony zum Sinaloa-Kartell davonzureiten.

Ich kaufe einen Wimpel, für einen guten Freund. Er ist Fan von dir, Diego, mehr noch, er hat zu Hause einen Altar mit deinem gerahmten Bild. Aber er ist auch Journalist, wollte dich mal interviewen, doch du hast dafür zu viel Geld verlangt, Diego. In deiner antikapitalistischen Welt ist alles sehr teuer.

Verdammt, Diego. Wo bin ich?

Ich laufe durch eine Einkaufsstraße, die leer vor sich hin leuchtet, kurz vor Mitternacht. Mir fallen zwei schwankende Gestalten auf. Es kommt eine Ampel – Rot – kein Auto weit und breit, aber die bleiben doch tatsächlich stehen.

Ich laufe weiter. Plötzlich stehen zwei Polizisten vor mir. „Die Ampel war rot“, sagt der eine. „Kommen Sie mit aufs Revier.“ Ich gehe hinter den beiden Mützen her. „Geben Sie mir Ihren Personalausweis.“ Ich reiche meinen deutschen Reisepass. Sie bleiben stehen. Prüfen den Pass. Geben ihn wieder. „Gut, Nikita Afanasjew aus Deutschland. Laufen Sie nicht mehr bei Rot über die Straße.“ Ich laufe weiter.

Da ist noch eine Bar offen. Sie heißt Korova – Kuh. Ich setze mich an die Theke und saufe mit Oleg, Kameramann, groß, dürr, Wodka. Er erzählt mir interessante Dinge über Diego und Dinamo Brest. Der Verein stecke nicht nur einem alten Comandante viel zu viel Geld in den Arsch, sondern baue auch eine gute Jugendakademie auf. Außerdem wüsste er, dass Diego „sehr viele“ Mädels bestellt hätte, an diesem einen Tag in Weißrussland. Ach, Diego, du Kavalier der ganz alten Schule.

Es war ein Fehler von dir, aus dem Osten abzuhauen. Nur im Osten liebt man den alten Westen, für den du stehst, noch, frag Gerhard Schröder, frag Gérard Depardieu. Der Westen spuckt sie alle aus.

Ich verlasse die Bar, laufe und laufe. Irgendwann bin ich am Stadion. Es ist eher eine Kampfbahn, keine Arena. Alles zu, alles Schnee, alles tot. Hier warst du Diego, hier willst du nicht sein. Wieso liebst du uns Ostler nicht, Diego? Wir hätten das Stadion nach dir benannt, ach was, die ganze Stadt, auch wenn Dinamo Diego etwas seltsam geklungen hätte. Verdammt, Diego, wir hätten alles werden können.

Ich umrunde das Stadion, die Nacht ist klar und der Schnee frisch. Niemand kommt, um mich einzubuchten. Keiner fragt, wer mich schickt. Zum Glück habe ich einen kleinen Flachmann dabei, es ist so kalt. Ich trete in allzu dichten Schnee und irgendwo durch, es fühlt sich nass an. Verdammt.

Ich bin nicht besser als du, Diego. Du bist in den Osten gekommen, um abzustauben und wieder zu gehen. Ich komme, um eine Geschichte mitzunehmen, ja, um Menschen zu Geschichten zu machen, und wenn’s keine Geschichte gibt, dann das zur Geschichte zu machen. Ich weiß jetzt, wo du bist, Diego. Du bist in mir. Du bist in uns allen. Du bist das kleine Ding in jedem Menschen, das mehr nehmen will als geben.

Nik Afanasjew kam 1993 von Tscheljabinsk in der Sowjetunion nach Deutschland. 2015 gewann er den Deutschen Reporterpreis

06:00 25.03.2019
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