Diene!

Essay Arbeit für die Allgemeinheit sollte verpflichtend sein. Unsere Zukunft könnte davon abhängen
Diene!

Illustration: der Freitag

Das ökologische Desaster ist umfassend, und die anstehenden Aufgaben sind gewaltig. Für die Kommunen, die Einrichtungen der Länder und des Bundes, für die gesamte Gesellschaft. Die Probleme sind vielfältig und komplex. Sie zu lösen, braucht Zeit, die es nicht gibt. Und dennoch handelt es sich um einen Prozess, der bereits mehr als eine Generation betrifft und ein ganzes Jahrhundert in Anspruch nehmen wird. Dazu ist keine Regierung allein in der Lage, selbst wenn der politische Druck weiter zunimmt.

Die Veränderungen werden vermutlich so gravierend sein wie die Umwälzungen zu Beginn der Industrialisierung. Die politischen und sozialen Formationen, die sich der fossilen Epoche verdanken, werden auch mit dieser untergehen. Denn wenn die Erde in Zukunft noch vom Menschen bewohnbar bleiben soll, dann geht es um nichts Geringeres als um eine ökologische Zivilisation.

Sinn macht nur Gemeinsinn

Auch wenn zurzeit vor allem technologische und ökonomische Lösungen im Vordergrund stehen, um die fortschreitende Zerstörung der Lebensgrundlagen wenigstens abzuschwächen, werden diese nicht ausreichend sein. Es wird keine grüne Technik und kein nachhaltiges Wirtschaften geben, ohne ein neues Verständnis vom Zusammenleben der Menschen auf dieser Erde. Die bloße Ersetzung von benzinbetriebenen durch elektrische Autos wird die Probleme nur verlagern, wenn damit kein grundlegend neues Konzept von Mobilität einhergeht. Das gleiche gilt für das Gemeinwesen insgesamt.

Auch der Übergang von der agrarischen zur industriellen Gesellschaft ging mit einem Wechsel des Energieträgers einher, der die politischen und sozialen Formationen in ihren Fundamenten erfasste. Es entstand nicht nur ein neuer Begriff von Arbeit und Arbeitsteilung, sondern die moderne Gesellschaft als solche basiert auf der energetischen Dynamik, die erst in der fossilen Epoche möglich wurde. Eine ökologische Zivilisation dagegen darf sich nicht allein dem Motiv der menschlichen Selbstbehauptung verdanken, sondern muss der Involviertheit in das Leben auf der gesamten Erde geschuldet sein.

Entscheidend ist zu begreifen, dass der politische Liberalismus dazu nicht imstande sein wird. Als bedeutendste Ausprägung der modernen Gesellschaft ist er tief in die ökologische Problematik verstrickt. Denn die große emanzipatorische Leistung des modernen Liberalismus ist zugleich sein Dilemma. Entstanden aus den grausamen Religionskriegen am Beginn der Neuzeit, ist sein Freiheitsverständnis vor allem negativ. Unter dem Ideal der Selbstbestimmung sollten sich die Individuen von allen sozialen Autoritäten zu ihren eigenen Zwecken freimachen können. Die Grenze dieser Freiheit ist allein die Freiheit der anderen, aber kein gemeinsames Gut mehr, auf das sich alle beziehen können.

Dieser Unabhängigkeit entspricht wirtschaftlich der freie Markt, ohne den die Freiheit der Einzelnen keinen Bestand hätte. Der Liberalismus ist daher stark an individuellen Rechten ausgerichtet und nicht an öffentlichen Gütern. Die soziale Qualität besteht darin, sich nicht auf andere beziehen zu müssen.

Das ist das Gegenteil der Involviertheit, die nötig ist, um die ökologische Katastrophe abzuwenden. Denn zwischen den sozialen und ökologischen Beziehungen besteht eine Kontinuität. Da zum Gemeinwesen nicht nur Menschen, sondern auch Tiere und Pflanzen gehören, die unser Leben auf der Erde erst ermöglichen, lassen sich beide nicht getrennt betrachten. Die moderne Freisetzung der Individuen und die ökologische Problematik haben eine gemeinsame Wurzel. Für die antike Philosophie war es selbstverständlich, dass sich der Sinn der menschlichen Existenz nur in Gemeinschaft erfüllen kann. Ein gelungenes Leben war allein als politisches vorstellbar. Wer keinen Zugang zum öffentlichen Raum hatte, dem war auch das gute Leben verwehrt.

Liberalismus und das Gute

Die höchsten Tugenden waren politische Tugenden. Der moderne Liberalismus dagegen nimmt seinen Ausgang von der Forderung, dass jeder vor allem sich selbst verpflichtet sein soll. Die politische Gemeinschaft hat keinen eigenen Wert, sondern ist nur Mittel zum Zweck, um das eigene Leben nach individuellen Vorstellungen so führen zu können, dass sich die Konflikte mit anderen in Grenzen halten.

Der Liberalismus ermöglicht es, einer Vielzahl von Interessen und Lebensweisen zur Geltung zu verhelfen. Aber eine allgemeine Vorstellung vom Guten hervorzubringen, dazu ist er nicht in der Lage. Er kennt nur Wohlstandsmehrung und Wachstumsraten. Seine emanzipatorische Wirkung ist daher immer auch fragmentierend. Um auf die sozialen Ursachen der ökologischen Katastrophe einwirken zu können, brauchen wir jedoch nicht nur einen ökonomischen und technologischen Umbau hin zu einer Orientierung am Gemeinwohl, sondern auch eine stärkere Bindung der Einzelnen an das Gemeinwesen, als das im Liberalismus der Fall ist.

Bis in die Neuzeit hinein war der Begriff des Bürgers republikanisch gefasst und mit einem starken Interesse für die öffentlichen Angelegenheiten verbunden. Unter einer bürgerlichen Gesellschaft wurden die meist besser gestellten Mitglieder des Gemeinwesens verstanden, die sich besonders für das allgemeine Wohl einsetzten und öffentliche Ämter bekleideten. Erst unter den Bedingungen des Liberalismus hat sich dieses Verständnis in sein Gegenteil verkehrt.

Als bürgerliche Gesellschaft wurde nun die Gesamtheit der Privatbürger bezeichnet, im Gegensatz zum politischen Staat. Als republikanischen Ersatz erfand die Aufklärung den Staatsbeamten, der nicht allein seinen eigenen Interessen, sondern vor allem dem Gemeinwesen verpflichtet sein sollte. Das allgemeine Wohl ist seitdem in erster Linie eine staatliche Angelegenheit.

Seit einiger Zeit wird diese Aufteilung zunehmend in Frage gestellt. Insbesondere die ökologische Bewegung der Nachkriegszeit hat in der fortwährenden Umweltzerstörung ein Versagen sowohl des Staates als auch des Marktes gesehen. Das damit einhergehende Konzept der Zivilgesellschaft schließt an den älteren Begriff der bürgerlichen Gesellschaft an, im Sinne der republikanischen Tradition.

Allerdings teilt es mit dieser Tradition bekanntlich auch die Problematik, dass es sich dabei in der Regel um einen sehr eingeschränkten Kreis von Personen handelt, die aufgrund ihrer zeitlichen und finanziellen Ressourcen überhaupt in der Lage sind, sich für das allgemeine Wohl zu engagieren.

Der sozialökologische Umbau der Gesellschaft und die Langwierigkeit dieses Prozesses machen es aber nötig, dass möglichst viele Menschen befähigt sind, sich daran zu beteiligen. In der Vergangenheit wurde oft die Idee der Nation dazu genutzt, um kollektive Identitäten zu mobilisieren und gemeinsame Erfahrungsräume zu stiften.

So hatte der Militärdienst, der mit dem Nationalstaat zur allgemeinen Pflicht für die männlichen Bürger wurde, nicht nur die Aufgabe, die Wehrhaftigkeit sicherzustellen. Er war auch der Ort, an dem die Bindung an das Gemeinwesen, unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht, biographisch eingeübt wurde.

Heute könnte an dessen Stelle eine sozialökologische Dienstpflicht treten, für Frauen und Männer, um Erfahrungen mit Problemlagen jenseits des privaten und beruflichen Lebenslaufs zu machen.

In den letzten beiden Jahrzehnten sind die Menschen geradezu auf ihren Egoismus trainiert worden. Sie wurden gezielt auf ihre Rolle als Berufstätige und Konsumenten reduziert. Ein existenzieller Bereich des gelungenen Lebens ist aus unserem Alltag so gut wie verschwunden.

Das lässt sich nicht durch moralische Appelle ändern. Dafür braucht unser Gemeinwesen neue Einrichtungen. Sich zumindest für eine bestimmte Zeit ausschließlich sozialökologischen Aufgaben zu widmen, mit denen die meisten sonst vermutlich nicht in Berührung kämen, mindert nicht die eigene Lebensqualität. Im Gegenteil, es macht sie vielleicht zukünftig überhaupt erst dauerhaft möglich.

Für den Liberalismus sind solche Verpflichtungen eine Zumutung. Für alles lässt sich schließlich eine private Dienstleistung finden. Aber es geht nicht darum, bestehende Arbeitsplätze staatlich organisiert durch günstigere Arbeitskräfte zu ersetzen. Im Vordergrund steht die gemeinsame Erfahrung einer sozialökologischen Tätigkeit, die auch über die Zeit ihrer Ausübung hinaus die zunehmend individualisierten Lebensläufe aneinanderzubinden vermag.

Denn mit der fortschreitenden Privatisierung der Gesellschaft geht auch der Verlust der Fähigkeit einher, sich überhaupt in andere Lebenslagen einzufühlen. Eine stark liberalisierte Gesellschaft ist zwangsläufig auch eine stark fragmentierte Gesellschaft, die sich kaum noch einer gemeinsamen Herausforderung stellen kann. Eine kommunitaristisch ausgerichtete Politik sollte daher nicht nur die ökonomische Orientierung am Gemeinwohl fördern, sondern auch konkrete Praktiken individueller Einbindung unterstützen.

Um möglichst Vielen ein solches Engagement zu ermöglichen, könnte eine staatliche Unterstützung für eine berufliche Auszeit angeboten werden, die für die Mitarbeit in sozialökologischen Projekten genutzt wird. Auf diese Weise könnte neben der bestehenden Marktgesellschaft tatsächlich eine Zivilgesellschaft entstehen, deren Erfahrungen und Tugenden der Gesellschaft insgesamt zugute kämen. Auch das Konzept eines solidarischen Grundeinkommens zielt in diese Richtung.

Dabei werden Langzeitarbeitslosen sinnvolle Stellen im kommunalen Bereich angeboten, statt sie dauerhaft in Armut und Untätigkeit abzuschieben. Sicherlich lässt sich heutzutage ein höchstes Gut, auf das sich alle beziehen können, nicht mehr derart voraussetzen, wie das in den antiken Republiken der Fall war. Aber es lässt sich ein gemeinsamer Raum schaffen, der es möglich macht, mehr darüber zu lernen, als wir derzeit wissen. Ohne eine engagierte Republik werden die anstehenden Aufgaben nicht zu lösen sein.

Leander Scholz ist Philosoph und Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm Zusammenleben. Über Kinder und Politik (Hanser Berlin 2018) und Die Menge der Menschen. Eine Figur der politischen Ökologie (Kadmos 2019)

06:00 25.01.2020

Ausgabe 08/2020

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