Dienst Leistung Gesellschaft

Workflow Die volkswirtschaftliche Theorie von der Dienstleistungsgesellschaft ist nach über 70 Jahren antiquiert - doch ihr Vokabular lädt zu neuen Lesarten ein

Hierzulande scheint Konsens darüber zu bestehen, dass wir in einer Dienstleistungsgesellschaft leben und der Prozess, der zu ihrer Entwicklung geführt hat, unumkehrbar sei. Was aber meint dieser suggestive Begriff eigentlich und welche seiner Lesarten eignen sich, um damit heutiges gesellschaftliches Zusammenleben zu beschreiben?

"Dienstleistungsgesellschaft" gehört zum Vokabular der Wirtschaftsgeschichte und wird auf jene Veränderungen bezogen, die sich aus zunehmender Automation und technologischem Fortschritt ergeben. Nach einer bekannten Theorie von Jean Fourastié verlagert sich in den Industrieländern der Schwerpunkt wirtschaftlicher Tätigkeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vom primären Sektor der Rohstoffgewinnung allmählich auf den sekundären der Rohstoffverarbeitung und seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verstärkt auf den tertiären Sektor - den Dienstleistungsbereich. Globalisierungsprozesse und liberalisierte Märkte beschleunigten diese Verlagerung. Seither können die Arbeiten des ersten und zweiten Sektors, die den Stoffwechselbedarf der Gesellschaft sichern, umso leichter in anderen Teilen der Welt verrichtet werden. Fourastié sah diese Entwicklung positiv. Für die Zukunft prognostizierte er steigenden Wohlstand und höhere Bildung, das Aufblühen der Kultur und die Humanisierung der Arbeit: Durch Automation werde die Produktion einfacher, die Reallöhne stiegen und mithin die Nachfrage nach Dienstleistungen.

Obschon derart optimistische Perspektiven spätestens gegen Ende des 20. Jahrhunderts verschwanden, wurden die gesellschaftlichen Folgen der Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft bis vor kurzem noch eher neutral eingeschätzt. Heute hat sich das Blatt gewendet. Im Bereich der einfacheren Dienstleistungen wie Reinigung und Transport werden Rückzugsgefechte ausgetragen - die Verhandlung um Mindestlöhne seien genannt oder Debatten um diesbezügliche Definitionen von Sittenwidrigkeit. In den wissensbasierten Dienstleistungen und der Kreativ- und Kulturindustrie versucht man sich die Entwicklung froh zu denken und hofft auf bessere Tage.


Wo von "Dienstleistungsgesellschaft" die Rede ist, ist auch die Flexibilisierung von Arbeit gemeint. Durch neuere Formen der Arbeitsorganisation werden langfristige Arbeitsverhältnisse in kurzfristige umgewandelt und Stellen durch projektorientierte Werkverträge ersetzt. So tendiert jede Arbeit - auch die der ersten beiden Sektoren - zu jenem temporären Charakter, der Dienstleistungen auszeichnet. Früher ermöglichte Arbeit über Berufsbilder und Berufsbiografien Identifikation. Heute kommt sie oft einem Erfüllungsdienst gleich, denn zunehmend geht es darum, innerhalb einer Zeitspanne eine bestimmte Zulieferung zu tätigen oder vorübergehend eine bestimmte Rolle zu spielen. Berufsidentitäten, die sich ehemals selbstverständlich aus dem engen und konsekutiven Zusammenhang von Ausbildung und Karriere ergaben, sind zwar nicht verschwunden, aber weicher geworden. Der Arbeitsmarkt erfordert Professionen, die nicht mehr scharf konturiert und somit relativ unflexibel sind, sondern eine Vielzahl von Anschlussmöglichkeiten aufweisen. Entsprechend ist das, was man kann und tut - oder sich zu tun vorstellen könnte - heute eher eine Reaktion auf den Wandel der Arbeitsgesellschaft als das Ergebnis einer Entscheidung für einen bestimmten Beruf. Die Identifikation mit der eigenen Professionalität verteilt sich auf mehrere Gebiete. Deutlich erkennbar ist das zum Beispiel in der Kulturarbeit, wo "Cultural Producer" je nach Projekt die Rolle wechseln und unterschiedlichste Tätigkeiten übernehmen - die je unterschiedliche Kenntnisse und Fertigkeiten erfordern.

Auch Gegensätze wie Arbeit und Freizeit, dienstlich und privat, Ausbildung und Arbeit, Arbeitsleben und Ruhestand sind weicher geworden. Waren dies früher klar getrennte Phasen, die ihre je eigenen Dynamiken entfalteten, nähern sich heute ihre Merkmale und Funktionen an oder sind zu Hybriden geworden: Arbeit ist auch Freizeit und Freizeit ist auch Arbeit. Privat und dienstlich befinden sich in fortwährendem Wechsel. Das Berufliche erfüllt Familienfunktionen und Familiäres ist Teil des Berufs. Die Ausbildung währt ein Leben lang und der Ruhestand kann morgen oder erst in 50 Jahren beginnen. Möglicherweise trägt gerade die Flexibilisierung solcher vormaligen Gegensätze dazu bei, dass Arbeit als zentrale Kategorie gesellschaftlicher Organisation zementiert wird. Und wenn es hauptsächlich die Arbeit ist, die im Zentrum der Erwägungen steht, ob ein Leben sinnvoll, erfolgreich, oder erfüllend ist, dann wird als Nebeneffekt jedes auf diese Funktionen hin befragte Tun oder Lassen - also jedes wesentliche Handeln, jede wichtige Entscheidung - zu Arbeit. Vor dem Hintergrund dieser Überlegung könnte man als "Dienstleistungsgesellschaft" eine Gesellschaft bezeichnen, deren Mitglieder nie ganz privat, sondern immer auch ein bisschen dienstlich unterwegs sind, weil sie permanent Selbstkontrolle üben.


Eine andere Lesart von "Dienstleistungsgesellschaft" bezieht sich auf gegenwärtige Kulturbegriffe und den Umgang mit Kulturgütern. Es scheint, dass diese längst nicht mehr irgendwo erschaffen werden, um dann drauf zu warten, konsumiert zu werden. Stattdessen nimmt das Publikum an ihrer Herstellung teil. Sei es durch den besonderen Akt der Auswahl eines Kulturgutes, sei es, indem er das erforderliche Kontextwissen mitbringt, ohne die das Kulturgut keinen Sinn ergeben würde. Sei es, dass durch unmittelbare Partizipation das Publikum zum Material oder zum Rahmen einer kulturellen Produktion wird. Sei es, indem der Konsument das Kulturgut durch die eigene Münze erst möglich macht - denn längst sind zu erwartende Eintrittseinnahmen bei öffentlich geförderten Kulturveranstaltungen zu einem wichtigen Faktor in Kosten- und Finanzierungsplänen geworden. Die Konsumenten sind Teil des Produkts - so erklärt sich prosuming als Zusammensetzung aus product und consuming. Damit sind nicht nur ehemalige Dienstleistungen bezeichnet, die von den Kunden nun selbst erbracht werden müssen, wie beim Online-Banking oder Ticketing, sondern auch die Konsumption selbst hergestellter oder bereit gestellter Kulturgüter. In Blogs, Tauschbörsen, Foren oder Archiven wie MySpace, YouTube, Wikipedia, FlickR überschneiden sich Provider und User. Die Produktion von Kultur verläuft offensichtlich nicht mehr nur in einer Richtung vom Autor zum Objekt und sodann vom Sender zum Empfänger, stattdessen werden fortwährend die Rollen getauscht. Und die Kulturgüter selbst basieren wesentlich darauf, dass die Produzierenden die Produktionen ihrer Partner, Nachbarn und Mitarbeiter konsumiert haben: Entweder sind diese Güter deren direkte oder indirekte Weiterverarbeitung - gängige Methoden sind Zitate, Variationen oder Copy Paste - oder ihr Konsum ist erst im Zuge von Empfehlungsverbünden mit eben diesen Partnern, Nachbarn und Mitarbeitern möglich geworden. Das Produzieren von Kultur verschlingt Kultur und wird dabei selbst verschlungen - und das Konsumieren von Kultur wird selbst konsumiert.

Deutlich ist das bei Kreativarbeitern, die in Instituten und Laboren an gemeinsamen Projekten oder in Atelier- oder Bürogemeinschaften unter gemeinsamen Labels arbeiten: Es ist ein permanentes, gegenseitiges Bedientwerden und zu Diensten sein. Die Rollen tendieren zum Flux oder wollen wenigstens diesen Eindruck erwecken - das macht den sozialen Spaß und zugleich den sozialen Terror dieser Produktionsweise aus. Dass in der kreativen Klasse wissenschaftliche, künstlerische oder kommunikative Zusammenschlüsse - seien es Handlungsgemeinschaften in realen Räumen oder Netzwerke im virtuellen Raum - erfolgreicher sind als modernistische Einzelgänge, braucht nicht bewiesen zu werden. Das Team, der Verband, die Assoziation vervielfältigt schließlich die Potentiale und die alte Weisheit "Allein machen sie Dich ein" gilt nicht nur auf der Straße. Dennoch liegt zugleich etwas Zwanghaftes darin, denn es ist fraglich, ob es in vielen Fällen nicht die prekarisierte Arbeitswelt und die notorische Überbewertung von Erwerbsarbeit gewesen ist, die eine Vielzahl solcher Zusammenschlüsse erst motiviert und manches Schwarm-Phänomen in die Welt gesetzt hat. Zumindest für routinierte Einzelgänger, Gewohnheitsindividualisten und Unkommunikative bedeuten all die Verflüssigungen und Vernetzungstrends eine große und hinderliche Bürde. Sie stellen sich ihnen möglicherweise als ungeliebte Dienste dar, die nun zu leisten sind, um überhaupt noch teilnehmen zu können - als oktroyierte Grundvoraussetzung. Was andere als kommunikative Verflechtung und gesteigerte Sozialität begrüßen, mag jenen, die solcherlei gar nicht suchen, als Funktionalisierung ihrer Sphäre erscheinen.

"Dienstleistungsgesellschaft" meint die Veränderung gesellschaftlicher Werte und Normen. Einer gängigen kultursoziologischen Annahme folgend wird es hierzulande trotz wirtschaftlicher Prosperität auch deshalb nie wieder zur Vollbeschäftigung kommen, weil die Deutschen eine mentale Barriere gegen Dienstleistungen hegten, sowohl gegen das Dienen als auch gegen das Bedient- werden. Die Deutschen würden die Lebensqualität nicht erkennen, die durch Dienstleistungen möglich werde: Statt sich in allerlei Lebens- und Bedürfnislagen Hilfen und Erleichterungen einzukaufen, würden sie lieber die Kosten dafür sparen und dies wiederum mit eigentümlichen Autonomiekonzepten begründen. Das klassische Beispiel dazu liefern Schuhputzdienste auf der Straße, die hierzulande nicht akzeptiert werden, wahlweise weil man so etwas ja wohl noch selber könne oder weil das Niederknien des Dienstleisters menschenunwürdig sei. Wo Dienstleistungen abgelehnt werden, zugunsten eines Sparens auf haltbare Werte - Autos, Häuser oder Kunstwerke - könnte darin das Festhalten an alten Glücksversprechen gelesen werden: Den Deutschen scheinen Statussymbole und Eigentum tendenziell wichtiger zu sein als Gestaltungsspielräume und die Aufwertung von Erlebniszeit. So streitbar diese Spekulationen sein mögen - nicht zuletzt aus ökologischen Gründen wäre tatsächlich zu wünschen, dass es uns weniger um den individuellen Besitz spezifisch zugeschnittener Güter ginge als um deren kollektive Verwendung - weil dann nämlich weniger davon produziert werden müssten. Wenn statt der Güter öfter nur ihre temporäre Nutzungsmöglichkeit erworben würde - in Form von Lizenzen, Leasing oder Sharing - dann verschöbe sich der Schwerpunkt wirtschaftlicher Tätigkeit von der Produktion zum Produktmanagement: Statt neuer Waren würde mehr Reparatur, Beratung, Verleih, Gestaltung von Paketlösungen angeboten werden. Einerseits unnötige Produktion und Produktivität zu vermeiden und andererseits die Nutzungsintensität von Gütern und die Teilhabe an ihnen zu erhöhen - das würde die Entwicklung einer positiv gesehenen Dienstleistungsgesellschaft vorantreiben. Noch besser wäre es natürlich, wenn dies irgendwann mal ganz ohne Geld ginge - wenn "Dienst" und "Leistung" verschwänden und "Gesellschaft" übrig bliebe.

Holger Kube Ventura (geb. 1966) ist Cultural Producer und lebt und arbeitet in Halle/Saale.


Die Drei-Sektoren-Hypothese, die die Vokswirtschaft in "Produktionsgewinnung", "Produktionsverarbeitung" und "Dienstleistung" differenziert und Fortschritt durch die Entstehung einer "Dienstleistungsgesellschaft" erwartet, wurde in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts unter anderem von Colin Clark und Jean Fourastié entwickelt. Ein wichtiges Werk war Jean Fourastiés Die große Hoffnung des Zwanzigsten Jahrhunderts. Sowohl hinsichtlich ihrer Kategorien als auch ihrer Prognosen gelten diese Urformen der Theorie als überholt.

Statistisch gesehen ist Deutschland seit den siebziger Jahren zur Dienstleistungsgesellschaft geworden. 2006 betrug der Anteil des "tertiären Sektors" an der Bruttoinlandwertschöpfung 72 Prozent.

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