Diese braunen Ossis!

Regression Die Debatte über den Rechtsruck in der Republik hängt sich gern am Osten auf, statt ihn als Fleisch vom Fleische dieser Gesellschaft zu erkennen
Diese braunen Ossis!
Volkskörper trifft Wahlplakat

Foto: John MacDougall/AFP/Getty Image

Die konservative Revolution marschiert wieder. Und sie hat eine soziale Basis. Die paar kahlgeschorenen Straßenrabauken und die HIAG-Greise von früher haben sehr viele sauber gescheitelte Nachkommen und einen parlamentarischen Arm bekommen, der im Osten im Vergleich zum Westen doppelt so viele Prozente bei Wahlen bekommt. Sind also die Ossis die Basis der Bewegung?

Revolutionen fressen ihre Kinder, heißt es. Das trifft auch auf die „friedlich“ genannte von 1989/90 zu. Erst wurden die eher links-alternativen Revoluzzer („Wir sind das Volk!“) von den nationalliberal-konservativen Deutschland- und D-Mark-Fans („Wir sind ein Volk!“) „gefressen“, dann diese von den Westbeamten, der Treuhand und den westdeutschen Konjunkturrittern. Die heroischen Illusionen der ersten, eine demokratische sozialistische DDR zu schaffen, wurden abgelöst von den heroischen Illusionen der nächsten: gleichberechtigte Teilhabe am Wohlstand der BRD durch fleißige Arbeit für harte Währung. „Es wird niemandem schlechter gehen als zuvor, dafür vielen besser.“ (Helmut Kohl am 1. Juli 1990) War das eine Revolution? Ja, allerdings eine konservative. Sie beseitigte die nicht mehr tragfähigen Verhältnisse und reinstallierte mangels realistischer progressiver Alternativen die altvorderen.

Muster, viel älter als die DDR

Wer heute als Pegida-Marschierer und AfD-Wähler revoltiert, entstammt der zweiten Generation der Wenderevolutionäre, die zwanzig Jahre lang noch mit den Mitteln des staatlichen West-Ost-Transfers ruhig gehalten werden konnten. Nach Beginn der großen Krisenkaskade 2008 aber musste sie endgültig einsehen, dass ihre gutbürgerlichen Hoffnungen von 1990 vollständig enttäuscht wurden. Und fand nun ganz nach dem alten Muster reaktionären Aufbegehrens die Sündenböcke dafür und baute sie als Feindbilder auf: Muslime, Messermigranten, Lügenpresse, Genderisten. Das ist eine Übung, die viel älter als die DDR ist. Juden, Raffkapital, Systemparteien, Systempresse, Bolschewisten hießen die vormaligen Angstgegner.

Die dialektisch-historische Allgemeinbildung aus DDR-Zeit, so schematisch und doktrinär sie auch vermittelt wurde, war als Übung im Denken eine ganz gute Abwehr gegen die plattesten demagogischen Verdrehungen. Sie ist aber den Leuten 25 Jahre lang als dumme Propaganda bezeichnet und ausgetrieben worden. Die dialektische Denkfähigkeit, die 1989 ja auch zur politischen Handlungsfähigkeit zumindest der ersten Riege von Wenderevoluzzern beigetragen hatte, ist weg. Was blieb, ist Dumpfheit. Die Leute in Dresden und Chemnitz sind, so gesehen, heutzutage nicht immer noch zu sehr „Ossis“ - sondern eher zu wenig.

Das Bild vom „braunen“ Osten sei so falsch wie das von den sexistischen und antisemitischen Muslimen, sagt Naika Foroutan, die jüngst eine vergleichende Studie zu den gängigen Vorstellungen von den Ostdeutschen und den muslimischen Migranten in Deutschland veröffentlichte. Dieser an sich richtigen Feststellung einfach zuzustimmen und sich sonst nur zu freuen, das einem mal jemand die Wange tätschelt, statt dauernd auf einem rumzuhacken, bestätigte aber prinzipiell die landsmannschaftliche Sicht der Probleme.

Schlichtester Kulturalismus

Man kann eine Frauke Petry, einen Lutz Bachmann, einen André Poggenburg und all die manisch ausdauernden sächsischen Menschen, die seit inzwischen fünf Jahren jeden Montag in vierstelliger Anzahl für ihre Abendland-Phantasie demonstrieren, als typische Ossis hinzustellen und ihr Tun allein damit erklären. Dann wäre es nur folgerichtig, die Westdeutschen von Thadden, Schönhuber, Baring, Patzelt, Koch, Sarrazin, Gauland und Höcke (in historisch-chronologischer Aufzählung) und ihre Wähler, Leser und Epigonen, die ihnen Wahlerfolge, hohe Auflagen und Regierungsmehrheiten verschafften, als politische Figuren ebenfalls nach regional- oder mentalitätshistorischen Kriterien zu bewerten. Das aber ist beides schlichtester Kulturalismus.

Es gab in der Geschichte der Reflexion faschistoider Entwicklungen durchaus einige interessante mentalitätssoziologische Untersuchungen. Lucie Varga, eine kaum noch bekannte Mitarbeiterin des französischen Historikers Lucien Febvre, veröffentlichte in den 1930er Jahren Studien über Menschen, die lange vor 1933 zu Anhängern des Nationalsozialismus wurden. Da ist zum Beispiel ein Ingenieur. „Er wurde in dem Glauben erzogen, dass die kapitalistische Welt gut und gerecht sei. Wem der Erfolg in ihr versagt bleibt, ist wertlos. (...) Dann kommt die Wirtschaftskrise.“ Varga zeigt, wie im Leben konkreter Menschen das Soziale und das Politische ineinandergehen und welche Rolle brauchbare Ideologien dabei spielen. Von einem ähnliches Beispiel erzählte der Tagesspiegel-Artikel „Wenn der Vater AfD wählt“. Damals wie heute sind die Menschen in ihren konkreten sozialen und politischen Vernetzungen befangen. Ihre landsmannschaftliche Zuordnung ist dabei eine Äußerlichkeit. Auch Naika Foroutan zeigt, wie fragwürdig schon der Versuch ist, nach nunmehr 30-jähriger demographischer Mobilität zu definieren, wer „Ossi“, wer „Wessi“ ist.

Hin und her über die Elbe

Die einfach regional definierte Gruppe der „Ossis“ als homogenen politischen Akteur zu begreifen, egal, ob man diesen be- oder entschuldigt, folgt einem landsmannschaftlichen Gesellschaftsverständnis. Jüngst veröffentlichte der Autor Christian Bangel einen Artikel gegen die Strategie, den „Osten zu einer Sondermülldeponie des aufgeklärten Deutschland zu machen.“ – „Es ist auch euer Höcke“, ruft er den Westdeutschen zu. Michael Lühmann, selbst ostgebürtig, sieht in seiner Replik darin den typisch ostdeutschen Versuch, die Verantwortung für den Aufschwung eines neuen „Nationalsozialismus“ abzuwehren, so wie schon die „ostdeutschen Großväter vom SED-Regime reingewaschen“ worden wären.

So wird die Verantwortung hin und her über die Elbe geschoben. Dabei ist die Beobachtung, dass diese Diskussion vor allem von dem Wunsch nach Externalisierung von Verantwortung getrieben sei, durchaus richtig. Was wir sehen, ist aber ein Scheingefecht. Was es verdeckt, ist der Unwille oder die Unfähigkeit in Ost und West, zu erkennen, dass die Höckes und die Poggenburgs Fleisch vom Fleische dieser bundesrepublikanischen Gesellschaft des Jahres 2019 sind. Da ist nichts von irgendeinem Außen her hereingebrochen.

06:00 17.04.2019
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