Diese Gegenwart

Literatur Seine Kritiker werfen Dietmar Dath oft „Theoriehuberei“ vor. Das stimmt, ist aber auch toll
Diese Gegenwart
„Denken heißt: Betrunken aufräumen“, schreibt Dath. Roboter können das nicht. Oder doch?

Foto: ABC Photo Archives/Disney General Entertainment Content/Getty Images

Gerhard Gentzen, 1909 in Greifswald geboren, war ein Mathematiker und Logiker, Zeitgenosse von Andrei Kolmogorow, Kurt Gödel oder Alan Turing, die unabhängig voneinander vor dem Zweiten Weltkrieg die Grundlagen für die moderne Mathematik schufen. Sie wollten herausfinden, was man nachweisbar berechnen, kalkulieren kann. Dietmar Daths Roman Gentzen oder: Betrunken aufräumen handelt davon, er ist zweifellos einer der anspruchsvollsten Titel auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Als Vertreter des nazideutschen Lehrkörpers an der deutschen Universität in Prag sitzt Gentzen dort kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Gefängnis, wo er den Hungertod sterben wird. War er Nazi oder Opfer seiner Zeit? Diese Frage ist nicht mehr zu klären, eindeutig ist nur, dass Genie und Wahn bei dem Mathematiker nah beieinander liegen. Für Literatur ist das immer ein guter Ausgangspunkt.

So kühn wie knifflig

Was seinem Kopf entsprungen ist, heißt es zu Beginn, wird helfen, Computer zu programmieren. Maschinen, „mit denen wir arbeiten, Handel treiben, Forschung, Politik und Kunst, mit denen wir Meinungen machen und sie verbreiten. An einer davon schreibe ich, was du jetzt liest.“ Und was man fortan liest, ist ebenso kühn wie knifflig. In verschiedenen Erzählsträngen verfolgt der Roman das Schicksal zahlreicher Figuren, die ins Programmieren und die Gestaltung des Internets beziehungsweise deren Folgen verwickelt sind.

Da ist etwa die Informatikerin Constance Griffith, die sich nach Rassismuserfahrungen der Tinker-Community (einer Art Chaos Computer Club) anschließt, die sich gegen die kapitalistischen Auswüchse der Digitalisierung stemmt. Bettina Willner ist eine Aktivistin, die „Die Internationale“ anführt. Sie steht auch in engem Kontakt mit einem gewissen „Dietmar Dawson Leery Käsekuchen Ersatzschlumpf Ponyfucker Filmkritik Dath“. Und ebenjener Dath ist nicht nur Teil einer Sonderkommission auf der Suche nach einem verschwundenen Tinker-Mitglied, das die verheerende Zukunft verhindern könnte, sondern schreibt auch einen „Gentzen-Roman“ und erzählt vom Alltag in der FAZ, deren charismatischer Herausgeber sich den Kopf über das Internet zerbricht. Ähnlichkeiten zum verstorbenen Frank Schirrmacher sind beabsichtigt.

Stilistisch ist dieser Text in mehrfacher Hinsicht queer. Als der Science verschriebene Fiction ist er Teil einer Nischenkultur, inhaltlich stellt er Minderheitenpositionen in den Vordergrund und stilistisch bedient er sich einer Sprache, die von Zuschreibungen statt von Eigenschaften ausgeht. Über anagrammatische Wendungen macht er die Potenzialität der (Programmier-)Sprache sichtbar, Wiederholungen helfen dabei, die 140 Kapitel den jeweiligen Erzählsträngen zuzuordnen. Schließlich erstreckt sich die Handlung vom 17. Januar 1728, als David Hume kurz der Gedanke anspringt, „dass kein Sein zum Sollen führt, von den Fakten zu den Werten, von der Forschung zur Moral“, bis zum Jahr 2130, in dem die Welt eine vollkommen andere ist, weil Menschen „eine andere Sorte Leben“ (transgene CRISPR-Wesen und mehr) auf den Planeten losgelassen haben.

„Denken heißt: Betrunken aufräumen“, liest man dort, wo Daths diffuse Erzählinstanz die chaotische Ordnung der Gegenwart herausarbeitet, die er die „Zerstörung der Vernunft“ nennt. Die kulminiere einerseits „im wahnsinnig gewordenen Gesellschaftsdenken“ und andererseits „in der Zerstörung der naturwissenschaftlichen Forschung“. Selbst die klügsten Leute würden sich nämlich nur widerwillig mit den theoretischen Grundlagen der Welt befassen. „Nicht, weil sie blöd wären – es ist nicht schwieriger zu lernen als alles, was selbst die Blödesten von ihnen wussten – sondern weil sie sich nicht interessierten. Nein warte … weil anderes sie mehr interessierte … Soziale Netzwerke. Kaufen. Verkaufen. Rassismus. Antirassismus. Geschlechterstreit.“ Intellektuelle Bequemlichkeit und Wissenschaftsfeindlichkeit (Stichworte: Pandemie, Klimawandel, Überwachung) spielen den neoliberalen Technologiefantasien in die Hände.

Daths Roman ist voller Metaebenen und literarischer Verweise. Der Autor schafft Welten, die auf magische Art realistisch und spekulativ zugleich sind. Er entlässt seine Fiktionen in die Wirklichkeit und holt die Wirklichkeit in die Fiktion, ohne dass man sie noch voneinander trennen kann.

Cordula taucht überall auf

Dieses Prinzip, theoretische und philosophische Ansätze als Katalysator zu verwenden, um eine Haltung zur Gegenwart zu entwickeln, betreibt Dath seit über 25 Jahren. 1995 erschien sein Debütroman Cordula killt dich im damals neu gegründeten Verbrecher Verlag. Der legt das lange vergriffene Werk nun neu auf. Titelfigur Cordula Späth verschwindet nach einem Sturz aus dem Fenster und geistert seither durch sein viele Tausend Seiten zählendes Werk. Auch durch den Gentzen-Roman im Roman, in dem sie die Wirklichkeit von ihrem „viewpoint außerhalb der Zeit“ betrachtet.

Daths Kritiker werfen ihm oft Theoriehuberei vor, beklagen Pein und Qual der Lektüre. Diese wohlfeile Empörung über die Freiheit, die er sich für seine ausufernden Texte nimmt, wirkt wie ein eifersüchtiger Beißreflex auf die Erkenntnis, dass ihnen da einer die Kopfschmerzen bereitet, die sie selbst – tätig in den Zwangsmühlen des Kapitalismus – niemandem mehr zumuten dürfen. Aber wenn Kunst abgesprochen wird, andere zum (angestrengten) Nachdenken auffordern zu dürfen, ist der Weg zur erneuten Zerstörung der Vernunft nicht mehr weit. Man muss Daths Analysen nicht zustimmen, um in seiner Literatur ein Antidot zum geistigen Verfall zu erkennen. Gentzen oder: Betrunken aufräumen lässt uns über den Wert von Logik, Theorie und Philosophie neu nachdenken.

Info

Gentzen oder: Betrunken aufräumen Dietmar Dath Matthes & Seitz 2021, 604 S., 26 €

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06:00 10.10.2021

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