Diese Stille vor Raum 598

Hartz IV zwischen Dosenpfand und Fallmanager Im Alltag verliert Herr W. seine Menschenwürde und im Amt seine Betreuerin

Vorboten der neuen Epoche im Leben des Herrn W. zeigten sich bereits im vergangenen Jahr: ein Geschäftsführer namens Teufel bat zum Ein-Euro-Job, das Arbeitsamt war unerreichbar, und die Gespräche mit seinen Bekannten hatten nur noch ein Thema. Seit dem 1. Januar muss er nun jeden Tag mit Hartz IV fertig werden - nichts bleibt, wie es war.

Das Jahr 1 der neuen Zeitrechnung beginnt für Herrn W. wie das alte endete: Es geschieht nichts. Niemand will ihn sprechen, niemand will mit ihm eine Eingliederungsvereinbarung schließen, niemand bietet ihm eine Arbeitsgelegenheit an. Das Amt hüllt sich in Schweigen. Immerhin - sein Arbeitslosengeld II kommt pünktlich.

Dennoch genügt eine einzige Änderung, um alles zu verändern. Herr W. verfügt nämlich kalendertäglich über zehn Euro weniger als vor Hartz IV. Glitt er vorher mit einem geringen Plus in den nächsten Monat, so vermeint er jetzt zu hören, dass im Innern seines Daseins seine höchstpersönliche Schuldenuhr zu ticken beginnt. Tack, tack, tack, tack - alle 85 Sekunden verschwindet ein zurückgelegter Cent.

Man muss wissen, dass Herr W. ein Dasein ohne Sicherung und Sicherheit verabscheut. Nicht umsonst war er Versicherungskaufmann. Angst befällt ihn nicht erst dann, wenn sein Dispo-Kredit zum Zuge kommt. Wenn er kein Mittel findet, den Schwund seiner Rücklagen aufzuhalten, kann er sich ausrechnen, wann der Null-Punkt erreicht sein wird. Verarmung, Sterben in Raten, ein Leben aus Suppenküchen und Kleiderkammern.

Grauenhafter ist für ihn nur noch die Aussicht, seine kleine Wohnung zu verlieren. Verlust des Westblicks auf die untergehende rote Sonne. Verlust des Balkons, auf dem im Winter Spatzen und Meisen herumhüpfen und im Sommer Tomatenpflanzen wuchern. Herr W. hatte aufmerksam gelesen, dass er nur einen Zuschuss für die Kosten seiner Unterkunft erhält. Dieses Wort klingt wie Notbehelf, Baracke, Lager. Die Schuldenuhr tickt, und das Wort Unterkunft geht ihm nicht mehr aus dem Sinn.

Herr W. lebt jetzt in einer Welt, von der er bislang nur geahnt hatte, dass es sie gibt. Nicht nur er selbst, auch die Dinge um ihn herum verändern sich. Im Bus steckt er sich eine säuerlich-stinkende Bierflasche in die Tasche, nur um acht Cent Pfand zu kassieren. Dann trägt er die Briefe aus, deren Adressaten er fußläufig oder per Tram und Bus erreichen kann. Er klebt Kaiser´s "Rote Treueherzchen", schafft aber, trotz vermehrter Einkäufe, nur 34 Herzen, was nicht für die erstrebte Backform reicht. Stattdessen bekommt er zwei hässliche Schüsselchen. Er beginnt, seine Menschenwürde zu verraten.

Eines Tages tritt er auf den Bürgersteig, und vor ihm steht - verlassen - ein NETTO-Einkaufswagen. In der vergangenen Epoche wäre ihm das ein Zeichen menschlicher Verwahrlosung gewesen. Man ärgerte sich und ging weiter. Doch nun spricht Herr W. zu sich selbst: "Der Wagen birgt in seinem Verschluss eine 1-Euro-Münze. Ich brauche fünf Minuten, um ihn zum Einkaufsmarkt zu schieben, ein Euro Verdienst für fünf Minuten Arbeit." Mit hochrotem Kopf schiebt er den laut ratternden Wagen dem Supermarkt entgegen. Als der Verschluss einrastet, springt ihm ein 20-Cent-Stück entgegen. Herr W. nimmt die Münze, geht weg und schämt sich sehr. Von Ferne blickt ihn der Verkäufer eines Straßenmagazins an. Ein Hahn schreit nicht.

"Wir alle wissen nicht, was nächstes Jahr sein wird. Werden Sie nicht vorher gerufen, dann kommen Sie kurz vor Ostern vorbei, direkt zu mir - fünf Monate Meldefrist, wie immer." An diese Worte seiner gestressten Arbeitsvermittlerin, gesprochen im vergangenen Herbst, erinnert er sich gut. Da ihn niemand rief, steht er nun also vor Ostern in der Anmeldeschlange. Ob verbittert oder gleichmütig - diskreten Abstand halten sie alle.

"Kann ich meine Arbeitsvermittlerin sprechen; es geht um meinen Meldetermin; es ist so vereinbart."

"Wir haben etwas umstrukturiert, ihre frühere Betreuerin ist nicht mehr bei uns. Geben Sie mir Ihre Kunden-Nummer." Die Sekunde der Wahrheit ist gekommen: "Sie fallen ja unter das Arbeitslosengeld II. Das ändert alles. Wir sind nur noch für das ALG I zuständig. Melden Sie sich im hinteren Haus, rechter Eingang, fünftes Obergeschoss."

Hinteres Haus, ein deutliches Signal - Herr W. gehört nicht mehr zur ersten Kategorie der Arbeitslosen. Zum letzten Mal, nach zehn Jahren, setzt er sich auf einen vertrauten Platz, sieht und hört, wie altbekannte Vermittlerinnen auftauchen und - lächelnd, zuvorkommend, fast zärtlich - immer neue Namen aufrufen, um dann mit den Klienten im Off einer Warte-Welt zu verschwinden, die nicht mehr die seine ist. Die Guten vorn, die Schlechten hinten - Herr W. fühlt sich gedemütigt.

Aber so boshaft ist das Amt nun doch wieder nicht. Sein Argwohn hat ihm einen Streich gespielt. Erst jetzt bemerkt er, dass auch die zweite Liga der Arbeitslosen im Vorderhaus noch vorsprechen darf, wenn sie zur ersten Hälfte des Alphabets gehört. Ganz oben, im ranghöchsten, fünften Obergeschoss des Vorderhauses - dort, wo ehedem die Vermittlung für Fach- und Hochschulberufe residierte - wird nun Hartz IV mit den Anfangsbuchstaben H bis L verwaltet, im dritten Stock - zwischen zwei ALG-I-Etagen geschoben - sind die Buchstaben A bis G untergebracht, und im Erdgeschoss grüßt der Wickelraum die nächste Erwerbslosengeneration. Leise sagt Herr W. dem Vorderhaus "Adieu" und die Bibel kommt ihm in den Sinn: "Fürchte Dich nicht! Wir werden Dich nicht fallenlassen! Du gehörst weiter zu uns!"

Beruhigt schreitet er die Treppen des hinteren Gebäude hinauf. Wieder ragt das Niedrigrangige gen Himmel, das Hochrangige aber neigt sich der Erde zu. Vorbei am Wickelraum für ALG-II-Bezieherinnen durchquert Herr W. das Stockwerk des "Ärztlichen Dienstes". Kein Patient, nirgends. Patientenleere. Aus den Büros blicken ihn Ärzteaugen an: "Wen suchen Sie?" - "Niemand." - "Aha." In der dritten Etage, dort wo der "Arbeitgeberservice" zu Hause ist, sind keine Unternehmer, nirgendwo. Arbeitgeberleere. Aus den Büros blicken ihn Service-Augen an: "Wen suchen Sie?" - "Niemand." - "Aha."

Im vierten Obergeschoss findet Herr W. dann Seinesgleichen, jene mit den Buchstaben M bis R, um schließlich - ganz oben, im fünften Stock - bei sich selbst, in seinem Amtsbereich anzukommen. Neugierig schaut er sich die Wartenden an, etwa 20 mögen es sein. Einige übergewichtig, breitschultrig, in Lederjacken mit riesigen Denim- und Hilfiger-Labels, andere unscheinbar und graugesichtig und manche sympathisch, aufgeschlossen, strahlend geradezu. Eine Frau läuft nervös hin und her, immer aufs Neue ihre wenigen Aktenblätter ordnend. Eine Mitarbeiterin schiebt unsicher grinsend einen riesigen Rollwagen voller Akten. Einige wenige lesen oder spielen mit ihren Handys herum, der Rest starrt in Nuancen des Apathischen vor sich hin.

Und dann dieser Drucker, der beständig Stellenangebote auswirft: drööhht ... ratsch ... hidi .. hidi ... drööhht ... ratsch ... kiwitt ... kiwitt ... drööhht ... ratsch. Herr W. kann ihn singen, den Sound der Wartezonen. Aber jetzt ist er anders, ununterbrochen-laut und so nah. Er bemerkt: Die jungen Männer suchen gar keine Stellen, sie spielen. Die Computer sind ihnen Spielkonsolen, und das Summen, das Rattern des Druckers verkürzt die Zeit.

Bei der Anmeldung steht die ALG-II-Schlange dicht gestaffelt, ohne Abstand, ohne Diskretion. Als er dran ist, fragt Herr W. nach seiner Frau R.

"Nein, Frau R. ist nicht im Team und überhaupt: Es gibt niemanden, der speziell für Sie zuständig wäre. Zuständig ist, wer da ist und gerade Zeit hat. Aber auch die Zusammensetzung des Teams wechselt ständig. Ich kann Ihnen immer nur sagen: vielleicht die oder der."

Vielleicht die oder der - was soll Herr W. damit anfangen? Diese Auskunft übertrifft seine schlimmsten Befürchtungen. Er ist entsetzt, nimmt sich ein Herz und widerspricht: "So viel ich weiß, wurde mir eine feste Fallmanagerin zugeteilt, und eben die will ich sprechen."

"Das Team 560 ist nicht nur für Sie, sondern für viele da."

"Ich habe einen Meldetermin. Bei wem soll ich mich melden?"

"Einen Meldetermin gibt es längst nicht mehr. Sie können nach Hause gehen. Der Fallmanager ruft sie an; aber nur, wenn er eine Stelle anzubieten hat, und das passiert selten. Wenn Sie eine Arbeitsgelegenheit gefunden haben, müssen Sie mit diesem Formular ein Gespräch beantragen. Dann warten Sie - es ruft Sie jemand zurück, spätestens innerhalb von 14 Tagen."

Neben Herrn W. beklagt sich nun eine weitere Stimme: "Ich warte schon zwei Stunden - warum geht das so lange?" Doch die Anmeldefrau kennt keine Gnade: "Sie wollen Geld, also müssen Sie warten."

Wenn er schon umsonst hier ist, so denkt sich Herr W., will er zumindest wissen, wer zum Team 560 gehört. Im Gang zählt er 22 Namen möglicher Fallmanager und Fallmanagerinnen. Er wird misstrauisch und steigt hinab in die vierte Etage. Auch hier steht an sämtlichen Büros: Team 560. Herr W. drängt zur Anmeldung: "Ihre Kollegin vom fünften Obergeschoss sagte, ich hätte im Team 560 keine feste Ansprechpartnerin. Stimmt das?" - "Nein, das stimmt nicht. Ihr Fallmanager ist Herr F., Raum 598."

Den will er jetzt sehen, diesen Herrn F., seinen allmächtigen Fallmanager, der ihn verwaltet, der entscheidet, ob, wo und wann er arbeiten muss, ob, wann und wohin er in Urlaub fahren darf, der ihn rufen oder wegschicken, der ihn quälen, strafen oder freisprechen kann. Aber vor dem Raum 598 warten schon zwei von Seinesgleichen. Er stellt sich hinter sie.

Fallmanagerinnen huschen an ihm vorbei. Einige erinnern ihn an Frau R., bei ihnen könnte er sich wohlfühlen. Andere irritieren ihn, er meint, an ihnen etwas Türsteherhaftes zu bemerken, ununterscheidbar von manch einem der Wartenden, verwirrend, weil ihm ein solcher Vermittler-Typus noch nie zuvor begegnet war. Laut schreit eine: "Die Nummer 97, bitte". Als die Nummer 97 sich nicht meldet, wird sie noch lauter: "Die Nummer 98, bitte". Nummern regieren, Namen scheinen getilgt.

Vor dem Zimmer 598 ist es dann merkwürdig still. Nach 20 Minuten fragt Herr W.: "Warten Sie auch auf Herrn F.?" - "Nein." - "Ich dachte, weil Sie hier stehen, würden Sie auf ihn warten." - "Wir stehen nur zufällig hier." Herr W. wagt nicht, an F.´s Tür zu klopfen. Er fragt eine Mitarbeiterin, die vorüberhastet und eher sympathisch aussieht: "Ist Ihr Kollege F. zu sprechen?" - "Leider nein - er ist auf Lehrgang."

Herr W. gibt auf und geht nach Hause. Endlich hat er die Wahrheit begriffen, die er so lange nicht verstand, obwohl sie das alte Amt immer schon klar ausgesprochen hatte: "Sie bekommen ALG II. Das ändert alles."


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00:00 25.03.2005

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