„Diese Tasse hier ist definitiv blau“

Im Gespräch Ist die Welt wirklich bunt? Oder wird sie das erst in unserem Gehirn? Der Philosophie-Professor Alex Byrne erklärt Grundsätzliches
Ralf Grötker | Ausgabe 52/2013 8

Der Freitag: Herr Byrne, lassen Sie uns über Farben reden! Denn wenn man sich fragt, was eigentlich Farbe ist, findet man in wissenschaftlichen Fachbüchern meist nur eine Erklärung: Bei Farben handele es sich um rein psychologische Eigenschaften unserer visuellen Wahrnehmung und nicht um eine physikalische Eigenschaft von Objekten. Sie sehen das anders?

Alex Byrne: Ja. Es ist eine verbreitete Forschungsmeinung, dass Farben nicht Teil der physikalischen Welt seien. Demnach würden Farben, wissenschaftlich betrachtet, quasi überhaupt nicht existieren. Wer so denkt, würde aber niemals auch nur in Erwägung ziehen, dass zum Beispiel so etwas wie die geometrische Form eines Objekts ebenfalls nur ein Erzeugnis unserer Psyche ist. Zu Ende gedacht hieße das: Wir hätten zwei parallele, aber doch ganz verschiedene Wahrnehmungssysteme. Ein System zeigt uns, welche Form die Dinge in der Welt haben, wie diese Dinge sich bewegen, und andere Sachen. Und ein anderes liefert uns statt verlässlicher Wahrnehmungen so etwas wie Illusionen. Demnach sähen wir Farben, obwohl sie als solche gar nicht existieren. Es wäre ein komplettes Rätsel, wie sich ein Wahrnehmungssystem, das derart viele falsche Informationen liefert, im Laufe der Evolution überhaupt hätte herausbilden können. Meiner Ansicht nach gibt es deshalb keinen Grund, Farben in der Wahrnehmungstheorie anders zu behandeln als etwa die Wahrnehmung von Formen oder von Temperatur.

Wie ist es dann zu erklären, dass immer wieder Wissenschaftler zu dem Schluss kommen, dass Farben kein Bestandteil der gegenständlichen Welt sind?

Es gibt dafür zumindest eine historische Erklärung. Als die Wissenschaft im 16. und 17. Jahrhundert mit dem Anspruch auftrat, die Welt neu zu erklären, gab es für die Farbe schlichtweg keinen Platz. Ebenso wenig wie für Geschmack und Geruch. Nach damaliger Auffassung bestand die Welt aus farblosen Partikeln, die auf komplizierte Weise miteinander zusammenhängen. Objekte konnten also keine Farbe haben. Daraus schloss man dann, dass die Farbe erst im Bewusstsein entstehen müsse. Erstaunlicherweise ist diese Art der Argumentation heute immer noch populär, obwohl sich in der Zwischenzeit die Vorstellungen von der Physik der Dinge deutlich geändert haben.

Sie übertreiben! Auch wenn die Redeweise verbreitet ist, dass Farben ein Produkt unserer Psyche sind, so würden doch die Wenigsten leugnen, dass dieses Produkt eine physikalische Basis hat. Vielleicht sollte man besser sagen: Farben sind zwar nicht direkt Eigenschaften von Objekten, aber sie sind doch eine Disposition von Objekten – eine Disposition, die unter normalen Umständen eine Farbwahrnehmung beim Betrachter hervorruft. Oder finden Sie so eine Erklärung etwa auch abwegig?

Es trifft darauf der gleiche Einwand zu, den ich schon genannt habe. Wir sagen ja auch nicht: „Dieser Gegenstand hat die Disposition, uns quadratisch zu erscheinen.“ Warum sollten wir dann so über Farben reden?

Gut, nehmen wir also an, Farben wären tatsächlich so etwas wie eine physikalische Eigenschaft – welche Kriterien müsste diese Eigenschaft erfüllen?

Erstens: Um was auch immer es sich bei Farbe handelt, es müsste ja mithilfe der drei Arten von Fotorezeptoren, über die das menschliche Auge verfügt, erkennbar sein. Zweitens: Die betreffende Eigenschaft ist mutmaßlich zum größten Teil unabhängig von der jeweiligen Beleuchtung. Ansonsten wären wir kaum in der Lage, bei wechselnder Beleuchtung Farben als solche zu identifizieren. „Farbkonstanz“ wird dieses Phänomen in der Forschung genannt.

Welche Eigenschaften würden diese Kriterien nicht erfüllen?

So etwas wie „Blausein bedeutet, Licht-Reflexe einer bestimmten Art zu erzeugen“: Das fällt heraus.

Was für eine Eigenschaft ist Farbe denn stattdessen?

Diese Tasse hier zum Beispiel ist definitiv blau! Weil sie das einfallende Licht auf bestimmte Weise verändert. Abhängig vom Objekt wird dieses Licht ganz verschieden aufgenommen und reflektiert. Das wiederum ist abhängig von der Wellenlänge. Ein rotes Objekt reflektiert mehr Licht im längeren Wellenbereich, während es kürze-re Wellenlängen schluckt. „Spektrale Reflexion optischer Oberflächen“ heißt das in der Physik. Ich behaupte: Die Fähigkeit einer Tasse, das einfallende Licht auf diese bestimmte Weise zu verändern, ist identisch damit ist, dass die Tasse blau ist.

Und eine solche Theorie ist ernsthaft umstritten?

Darüber, ob Farben identisch mit spektralen Reflexionen sind, gibt es in der Philosophie eine heftige Kontroverse. Ich bin dort eher in einer Minderheitenposition.

Was für Einwände werden dagegen vorgebracht?

Ein Fall, der als problematisch erachtet wird für eine Theorie der Farbe, wie ich sie vertrete, ist beispielsweise die so genannte Metamerie. Bei der Metamerie erscheinen Gegenstände, die eigentlich verschiedenfarbig sind, unter bestimmten Lichtverhältnissen als gleichfarbig. Gegner der Theorie, dass die spektrale Oberflächenreflexion identisch ist mit dem, was wir Farbe nennen, argumentieren: „Farben, für die wir bestimmte Namen auf Deutsch oder Englisch haben, können nicht identisch mit spektraler Oberflächenreflexion sein, weil Dinge existieren, die zum Beispiel den gleichen Blauton zu haben scheinen, aber ganz unterschiedliche Reflexionseigenschaften besitzen.“

Und Ihre Antwort darauf?

Man muss es so sehen: Es ist nicht korrekt, dass ein bestimmtes Blau exakt einem einzigen Reflexionswert zugeordnet werden kann. Vielmehr entspricht jeder Farbton einer Klasse oder einem Typus von verschiedenen Reflexionswerten. Deshalb können dann auch unterschiedliche Reflexionseigenschaften mit ähnlichen Farbempfindungen einhergehen.

Und doch kennen wir vor allem ein anderes Phänomen: dass es nämlich von der Umgebung eines Gegenstandes abhängt, in welcher Farbe wir ihn sehen. Wie er-klären Sie das?

Bei der Farbe Braun gibt es einen solchen Effekt: Man kann nur etwas als braun erkennen, wenn man andere Objekte dazu im Vergleich sieht. Wenn man sich zum Beispiel einen Schokoriegel isoliert durch eine Papierröhre anschaut, die den Blick einengt, dann sieht der Riegel nicht braun aus. Und wenn man braune Dinge vor einem schwarzen Hintergrund zeigt, dann wirken sie orange!

Ist das nicht doch ein Beleg dafür, dass Farbe im Bewusstsein entsteht? Dass wir bei der Farbwahrnehmung sozusagen im Geiste noch etwas zu den physikalischen Fakten hinzudichten – und deshalb Farbe eben nicht eins zu eins mit Reflexionseigenschaften gleichgesetzt werden kann?

Das sehe ich nicht so. Der beschriebene Effekt bei der Wahrnehmung von Braun ist lediglich ein Indiz dafür, dass die Wahrnehmung von Farben in vielen Fällen nicht so gut funktioniert, wenn wir sie isoliert betrachten. Das sagt aber nichts über die Physik der Farbe Braun. Und man muss auch nicht zu der Annahme greifen, dass das Bewusstsein die Farbe erfindet.

Wie reagieren Biologen und Hirnforscher darauf, wenn sie mit Ihnen über Ihre Theorie der Farben diskutieren?

Das kommt relativ selten vor. Aber wenn, dann ist die Reaktion meist: „Das ist doch nur ein Streit mit Worten. Keine Sachfrage.“ Die gleiche Antwort also, die man häufig als Reaktion auf philosophische Probleme erlebt. Ich denke aber, dass es sich dabei um ein Missverständnis handelt. Natürlich ist die Frage, ob Tomaten rot sind, in einer bestimmten Sprache formuliert. In Englisch beispielsweise. Deswegen ist die Antwort aber kein Problem, das mit der englischen Sprache zusammenhängt – ebensowenig wie die Tatsache, ob das Higgs-Teilchen existiert, das Problem einer bestimmten Sprache ist.

Hat die philosophische Beschäftigung mit der Farbwahrnehmung auch irgendeinen praktischen Nutzen?

Farbe ist nur ein Testfall. Die meisten Argumente, mit denen ich mich befasse, betreffen ebenso Geschmack, Gehör oder Geruch. Ob wir nun in einer Welt leben, in der all diese Dinge vorhanden sind, oder in einer Welt, der es an allen diesen uns bekannten Eigenschaften fehlt – wie könnte das nicht irgendwie von Bedeutung sein? Aber tatsächlich hat diese Art der Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung auch praktische Relevanz: in der Konstruktion von künstlicher Intelligenz oder von Robotern. Damit solche Maschinen Befehle ausführen können, müssen sie in der Lage sein, Gegenstände zu erkennen. Und das wiederum können sie nur dann, wenn sie auch Farbe wahrnehmen können. Damit Maschinen Farbe erkennen können, müssen sie aber sozusagen wissen, was Farbe ist. Wenn der Roboter Gesichter erkennen soll, muss er schließlich auch wissen, was ein Gesicht ist und welche Eigenschaften Gesichter haben.

Wie wirkt sich nun ein Standpunkt, den man in einer philosophischen Debatte einnimmt, auf das Design solcher Roboter aus?

Nehmen wir an, wir wären der Meinung, Farben seien Dispositionen von Objekten, um bestimmte Wahrnehmungseffekte hervorzurufen. Dann muss man, um einen wahrnehmungsfähigen Roboter zu entwickeln, durch Testverfahren herausfinden, welche Arten von physikalischen Gegebenheiten mit den Farbempfindungen beim Menschen korrelieren. Doch wenn man annimmt, dass Farbe identisch ist mit spektraler Oberflächenreflexion, dann muss man nur eine Maschine bauen, die verschiedene Reflexionstypen von Objekten detektieren kann.

Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen beiden unterschiedlichen Ansätzen?

Man kann es so sehen: Wenn man einen Schachroboter konstruieren will, der genauso spielt wie ein Mensch, dann ist das sehr aufwändig, egal welche Theorie man zugrunde legt. Aber einen Roboter, der – wie Deep Blue etwa – einfach nur möglichst gut Schach spielt, so etwas kann man relativ leicht bauen, wenn man davon ausgeht, dass Farben Reflexionen sind. Geht man aber davon aus, dass Farben Dispositionen sind, bestimmte Erlebnisse zu erzeugen, dann ist das viel schwieriger. Übertragen auf den Farb-Roboter heißt das: Der Fokus liegt nicht darauf, eine Maschine zu designen, die die richtige Art von Farberfahrungen hat, sondern eine, die unter sich verändernden Lichtverhältnissen die Objekte richtig repräsentiert.

Aber dazu bräuchte man dann doch mehr als bloße Physik?

Ja. Der Roboter muss erkennen können, wie eine Oberfläche das einfallende Licht verändert. Aber das einfallende Licht selbst verändert sich auch. Allein aus dem Signalen, die das Auge erreichen, lässt sich der resultierende Farbwert nicht errechnen. Dazu braucht es zusätzliche Informationen. Das wäre so ähnlich, als würde ich zwei oder drei Zahlen miteinander multiplizieren und als Ergebnis, sagen wir, 224 herausbekommen – und Ihnen dann, nur mit diesem Ergebnis vor Augen, die Aufgabe stellen, herauszufinden, welche Zahlen ich bei der Multiplikation verwendet habe.

Wenn der physikalische Wert am Ende die Farbe nicht vollständig beschreibt, sondern diese stattdessen erst im Hirn aufwändig errechnet werden muss: Ist dann nicht die Hirnforschung viel wichtiger für die Konstruktion von wahrnehmungsbegabter künstlicher Intelligenz als philosophische Theorien?

Wenn ich lediglich eine Maschine bauen will, die „Blau“ anzeigt, sobald ich auf meine Tasse deute, dann muss ich sicherlich nicht in die Details der Farbverarbeitung im Gehirn einsteigen. Aber wenn man menschliche Farbwahrnehmung mit all ihren Facetten rekonstruieren will, dann ist es alles andere als irrelevant, sich damit zu befassen, wie das Gehirn arbeitet!

Man liest immer wieder von Studien, aus denen hervorzugehen scheint, dass das Farbempfinden zu einem hohen Grad abhängig ist von den Begriffen, die Menschen in einer bestimmten Sprache verwenden. Das Ungarische beispielsweise soll zwei Wörter für „rot“ haben und manche Naturvölker verwenden angeblich ein einziges Wort für „blau“ und „grün“ oder haben zwei verschiedene Wörter für „schwarz“.

Im Extrem geht es dabei um eine These, die besagt: „Die Art, wie verschiedene Kulturen das Farbspektrum unterteilen, ist völlig zufällig und korreliert überhaupt nicht dem visuellen System des Menschen. Es ist reiner Zufall, dass Menschen, die Englisch sprechen oder Deutsch, Bereiche des Spektrums ähnlich kategorisieren.“

Wenn das zutreffen würde, wäre das nicht wiederum ein Indiz dafür, dass die Farbe ein Phänomen des Bewusstseins ist und nicht eine Eigenschaft physikalischer Objekte?

Mit den Beispielen, die Sie eben genannt haben, haben Sie selbst illustriert, wie wenig plausibel die Extremversion des Relativismus ist. Keiner der bekannten Fälle ist nämlich besonders dramatisch. Meist geht es darum, dass eine Kultur beispielsweise so etwas wie zwei Wörter für zwei verschiedene Rottöne hat. Keine Kultur ist unfähig, zwischen Extremen wie Hellrosa und Dunkelrot zu unterscheiden. Aber es scheint in der Tat eine Auswirkung der Sprache auf die Farbwahrnehmung zu geben. Vielleicht haben Sie von den Experimenten gelesen, die das Team um den MIT-Psychologen Jonathan Winawer vor einigen Jahren durchgeführt hat: Englisch- und russischsprachigen Versuchsteilnehmern wurden Sets von jeweils drei blauen Quadraten gezeigt. In jedem Set waren zwei der Quadrate identisch. Die Aufgabe für die Probanten bestand darin, die beiden Quadrate mit der gleichen Farbe zu identifizieren. Erstaunlicherweise konnten die russischsprachigen Teilnehmer dies immer dann besonders schnell, wenn es um die Unterscheidung von hellerem Blau und dunklerem Blau ging – oder, wie die Russen sagen: goluboy und siniy. Bei englischsprachigen Teilnehmern hingegen gab es diesen Effekt nicht.

Wie ist das vereinbar mit der Behauptung, Farben seien identisch mit Reflexionseigenschaften? Sprachliche Kategorien spielen doch hier eine deutliche Rolle.

Eine Frage ist, was Farben sind. Eine andere Frage, ob die Sprache einen Einfluss auf die Wahrnehmung hat. Diese beiden Fragen sind größtenteils unabhängig voneinander. Das wird deutlich, wenn man „Farbe“ durch „Form“ ersetzt. Wenn sich zeigen würde, dass das Sprechen über Formen einen Einfluss auf die Identifizierung von Formen hat, würde das auch keine Theorie darüber, was eine Form ist, über den Haufen werfen.

Könnte es da nicht hilfreich sein, einfach mal dorthin zu schauen, wo es keine Farbvokabeln gibt und zu fragen: Können Tiere Farben sehen?

Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Farbwahrnehmung Sprache voraussetzt – nicht mehr jedenfalls, als es die Wahrnehmung von Bewegung tut. Nach allen uns bekannten Standards, die bei Tests zugrunde gelegt werden, können Tiere Farben sehen! Was für Farben sie sehen, hängt von der Gattung ab. Primaten sehen die Welt ähnlich wie wir. Fische und Vögel sehen die Welt anders.

Inwiefern? Sehen Fische und Vögel andere Farben als wir Menschen? Gibt es Farben, die wir gar nicht kennen?

Natürlich gibt es mehr Farben, als wir wahrnehmen können. Weil Farben Reflexionseigenschaften sind. Für einige Varianten ist unser System empfänglich. Für andere nicht. Es ist überhaupt nicht möglich, dass ein einziges Wahrnehmungssystem alle Varianten von Reflexionseigenschaften abdecken kann. Deshalb gibt es auch so viele mögliche Farben. Mehr als genug jedenfalls, dass Menschen und Shrimps und Tauben zumindest einige dieser Farben gemeinsam haben können. Oder Goldfische. Es gibt wirklich keinen Mangel an Farben!

 

Das Gespräch führte Ralf Grötker

Alex Byrne ist Chair der Sektion Philosophie am MIT in Boston und befasst sich mit der Philosophie des Geistes, zeitgenössischer Metaphysik und Erkenntnistheorie. Zusammen mit seinem Kollegen David Hilbert von der University of Illinois at Chicago hat er eine Reihe von Veröffentlichungen vorgelegt, die sich mit der Theorie der Farben befassen

 

06:00 06.01.2014

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