Dieser Klima-Krimi ist real

Literatur Eigentlich schreibt Fred Vargas Romane. Nun klagt sie die Umweltpolitik an und gibt Tipps, wie jeder einzelne aktiv werden kann
Dieser Klima-Krimi ist real
Lecker und schön rot, aber nachhaltig ist es wirklich nicht, Erdbeeren um den Globus zu schicken

Foto: Ron Koeberer/Cavan Images/laif

Die hochgelobte französische Krimiautorin Fred Vargas, (die eigentlich Frédérique Audoin-Rouzeau heißt und auch Historikerin ist), schreibt einen „Appell“, ein Buch zum Klimawandel?! Der Titel klingt langweilig, typisch deutsches Verlagskauderwelsch. Im Original heißt er stattdessen übersetzt „Menschheit in Gefahr“. Auf den ersten Blick suggeriert der verdeutschte Titel sinnbildlich Zeiten vertaner Chancen. Die Werbung der Parteien zur anstehenden Bundestagswahl sollte dahingehend deshalb penibel überprüft werden. Nach wenigen Seiten kapiere ich, dass ich ein anderes Buch zum „Klima“ in den Händen halte. Es geht um „mich“, um „uns“. Ausgangspunkt ist das „größte Verbrechen aller Zeiten“, die Vernichtung unserer Lebenswelt. Seit Jahrzehnten verheimlichen die Regierenden uns, „obwohl sie wissen, was auf dem Spiel steht“, „was wir hätten wissen müssen“, „sodass wir weiterhin blindlings (…) durchs Leben laufen“. Das Buch ist eine atemlose Abrechnung mit den Verantwortlichen, ohne Gliederung in einem Guss.

Die Autorin packt mich, wie ihre Krimis, im Ringen um die noch möglich scheinende Rettung unserer Lebenswelt, detektivisch werden die Spieler:innen benannt. Gibt es Verbrecher:innen? Menschen, denen nach dem Leben getrachtet wird? Wer sind die verantwortlichen Akteure aus Industrie und Politik, die auf der Anklagebank sitzen, die zu spät nach notwendigen Alternativen gesucht, geschweige denn sie mutig umgesetzt hätten?

Unsere Lage: Deutschland befindet sich aktuell nicht auf dem Entwicklungspfad, den der Pariser Weltklimavertrag von 2016 vorgegeben hat. Die nationale Umsetzung dieses Vertrages im Klimaschutzgesetz von 2019 hat das oberste deutsche Gericht als unzureichend beurteilt. Einzelpersonen und junge Klimaaktivist:innen hatten geklagt. Immer öfter wird im Rechtsweg die letzte Chance gesehen, den Regierenden vorzugeben, so zu handeln, dass unser Leben und das der Arten geschützt wird. Um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, dürften die Maßnahmen zum Ausstieg aus der fossilen Wirtschaft nicht zukünftigen Generationen über Gebühr aufgebürdet werden, lautete das Urteil des höchsten deutschen Gerichts. Damit hat es den Regierenden und Parteien ins Stammbuch geschrieben: Ihre bisherigen gesetzlichen Regelungen waren völlig unzureichend. Vargas: „Seit fünfzig Jahren“ lauere „diese Katastrophe in den Hochöfen der Sorglosigkeit der Menschheit, jetzt ist sie da. Wir sind an die Wand gefahren, wir stehen am Rande des Abgrunds“. Nimmt der Mensch die Wirklichkeit erst dann wahr, wenn sie ihm wehtut? Erde kaputt, Mensch amüsiert

Bis wir die Wirkungen unseres Tuns leibhaftig spüren, sind Jahrzehnte vergangen, haben uns ideologische Debatten mürbe gemacht, leichter wollte man denen glauben, die die tödlichen Konsequenzen aus einem giftigen Gemisch aus wohlstandsvermehrender Forschung, Technologie und Industrie und einem immer profitgeileren Egoismus leugneten. Vargas schreibt: „Wir haben uns das bessere Leben geschaffen, wir haben unsere Pestizide in die Flüsse und ins Meer geleitet, unseren Qualm in die Luft geblasen, wir sind drei Autos gefahren, haben die Minen ausgebeutet, wir haben die Erdbeeren vom anderen Ende der Welt gegessen, wir sind kreuz und quer über den Globus gereist, wir haben die Nächte hell gemacht, wir … haben die Wüste unter Wasser gesetzt, den Regen sauer gemacht, Klone gezüchtet, ehrlich, wir haben uns echt amüsiert.“

Wir haben uns zu Tode amüsiert, schrieb Neil Postman über Einfluss und Wirkungen der Medien schon im Jahr 1985. „Das Packeis bringen wir zum Schmelzen, den Golfstrom in seinem Lauf verändern wir und Arten sind zu einem großen Teil vernichtet, radioaktiven Müll vergraben wir in der Erde (…) Weiß Gott, wir haben uns amüsiert.“ Fred Vargas’ 2008 geschriebene Streitschrift, die schließlich zehn Jahre später zum Buch führte, demonstriert, es bedarf bestimmter Umstände, Anregungen und Hilfen, bis wir zu dem kommen, was dringend notwendig ist: Aktiv werden und handeln. Wie in ihren Krimis geht es darum, diese ungeheuerlichen Verbrechen aufzudecken, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Da Wissenschaftler uns seit vierzig Jahren genauestens darüber informiert haben, müsste die „unglaubliche Tatenlosigkeit der Regierenden“ Konsequenzen haben. Sie waren „genauestens darüber informiert, welche Katastrophe auf die Erde zurollt“. Viel zu lange hätten wir den Regierenden geglaubt, „dass sie etwas tun würden“. Wir hätten sie durch Wahlen zum Handeln legitimiert.

Analytisch hält Vargas den Regierenden vor, mit den multinationalen Konzernen, den mächtigsten Lobbys der Welt, der Lebensmittelindustrie, der Verkehrswirtschaft, der Agrochemie und so weiter gemeinsame Sache gemacht und „jeden Angriff auf das GELD, auf immer mehr GELD, ihres, nicht unseres“ abgewehrt zu haben. Man legt das Buch weg und ist wütend. Vargas’ Credo lautet: Wir als Einzelne sind nicht machtlos! Wir müssen uns nicht auf das Unterschreiben von Petitionen beschränken. Wie der Beitrag jedes Einzelnen, aber auch der Regierung aussehen kann, um den Untergang der Welt aufzuhalten, dafür bietet ihr Buch viele Tipps und Vorschläge.

Info

Klimawandel – ein Appell: Wir müssen jetzt handeln, um unser Klima zu retten Fred Vargas Waltraud Schwarze (Übers.), Limes Verlag 2021, 288 S., 14 €

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06:00 18.09.2021

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