Dieser seltsame Widerspruch

Dokumentationszentrum Ein Diskussionsort in Berlin soll die Geschichte von Flucht und Vertreibung in Deutschland aufarbeiten. Dabei kommt es zu altbekannten Konflikten
Dieser seltsame Widerspruch
Das mit der Vertreibung verbundene Leid zu zeigen, ist überhaupt nicht illegitim. Nur ist es die Frage, auf welche Mühlen man diese Gefühle leitet

Foto: © Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Foto: Markus Gröteke

Noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht vor Verfolgung, Menschenrechtsverletzungen, Konflikten und Gewalt. 2020 waren es laut UNHCR 82,4 Millionen. „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, das ist ein Megathema. Nicht nur der Zeitgeschichte, sondern auch der Gegenwart und Zukunft.

Wie gut, dass in Berlin nun ein Dokumentations- und Diskussionsort genau dieses Titels besteht – könnte man aus der Entfernung meinen. Doch aus der Nähe weiß man: Gerade den Kreisen um den „Bund der Vetriebenen“ (BdV), die dieses Zentrum durchgesetzt haben, liegt Humanismus in den heutigen Flüchtlingsfragen fern.

Dieses Geschmäckle eilt diesem Ort bis heute voraus – und dieser Widerspruch prägte die langen Debatten um ihn. Kein Konzept konnte sich je durchringen, das Schicksal der Millionen deutschen Flüchtlinge, Vertriebenen und Ausgesiedelten aus den Ostgebieten so weit zu verallgemeinern, dass Raum für Empathie mit heutigen Geflüchteten entstünde. Zugleich war der Fokus nie konkret genug, um den Konfliktbogen der seinerzeit so genannten „Nationalitätenkämpfe“ in diesen Gebieten zu erfassen. Diese zwischen Assimilierungsdruck und „fünfter Kolonne“ schwankende Politik schaukelte sich seit dem 19. Jahrhundert dermaßen auf, dass die Alliierten 1945 eine „Flurbereinigung“ verfügten.

Das damit verbundene Leid zu zeigen, ist überhaupt nicht illegitim. Nur ist es die Frage, auf welche Mühlen man diese Gefühle leitet. Es wäre interessant, die Wirkung des Zentrums durch „Exit-Polls“ zu vermessen. Sollte dabei herauskommen, dass sich „auch Polen und Tschechien mal entschuldigen“ könnten, wäre es in seinem Versöhnungsauftrag gescheitert – und verlängerte eine schlechte Tradition: Ein rechtes Milieu, das jene „Nationalitätenkämpfe“ teils selbst geführt hatte und dem Revanchismus immer wieder nahekam, hat sich nach 1949 des Themas bemächtigt. So entstand der seltsame Widerspruch zwischen Vertreibungsgedenken und Flüchtlingsfeindschaft.

Wird aber in betroffenen Familien – längst nicht identisch mit der BdV-Mitgliedschaft – wirklich so gedacht? Auch das müsste man einmal untersuchen. Wiederum eine schöne Aufgabe für das neue Zentrum. Auch wenn sich dabei herausstellen könnte, dass es quasi auf falschen Prämissen beruht.

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06:00 24.06.2021

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