Dieses blaue Flachbaufeeling

Nostalgie Videotheken waren eine Heimat für Pornofans, aber auch für Nerds und echte Cineasten. Jetzt ist ihre große Zeit vorbei. Eine Würdigung
Sarah Khan | Ausgabe 08/2015

Gegen eine Ausleihgebühr holte man sich das Gefühl des Ausschweifenden, Übertriebenen, Verbotenen ab. Videotheken waren Räume voller Versprechen, anders organisiert als Rummelplätze, Autokinos oder Erotikläden, aber verwandt damit. Zum Wochenende gehörte es, eines dieser Video-contra-Langeweile-Movieländer zu betreten und sich mit Eindrücken beschießen zu lassen wie eine gelbe Pappente mit Luft aus Freizeitparkgewehren. Die Räume waren so lang wie breit, Flachbaufeeling, Neonlicht. Die farbige Auslegware geleitete deinen Schritt gedämpft ins Labyrinth der Titel, wo dich leere, bunte Hüllen anschrien: Der Todessumpf, Bruce Lee, Juliette Binoche, Michael Caine, Planet der Affen, Schmeiß die Mama aus dem Zug.

Die Regale standen Spalier und bildeten stadtgleich Gänge, Plätze, Winkel. Vor jedem Film, der noch zu haben war, blinkte ein Nummernplättchen, das von dir zur Ausleihtheke mitgenommen werden wollte. An den Kreuzungen prahlten Pyramiden aus Chipstrommeln und Süßigkeitenständer voller Reese’s Peanut Butter Cups mit ihrem Riesengehalt an Fett und Zucker. Monströse Kühltruhen voll mit hochpreisigen Eisbechern gaben einen wimmernden Basston dazu. Verführung! Übertreibung! Ich locke dich, ich will mit dir nach Hause gehen, nimm mich mit, lass uns eine schöne Zeit haben, das ist unser Wochenende.

Ja, wir hatten eine spaßige Zeit mit den Videotheken, aber das ist vorbei, seitdem eine andere Lady in der Stadt wohnt: die Internetdistribution. Und obwohl man nicht genug von ihr bekommen kann, sehnt man sich fast nach den trashigen Räumen zurück und nach dem blauen Gefühl, das es nur in Videotheken gab. Nostalgie? Ja, und auch genauso falsch. Seien wir ehrlich: Das Ausleihen war in Ordnung, aber die Rückgabe war mehr als lästig.

Das Problem des Morgens danach hat der Internetvertrieb besser gelöst. Denn damals, als man montags (Sonn- und Feiertage waren für Videotheken bis 2010 gesetzliche Schließzeit) das Videoland erneut betreten musste, nur um die VHS-Kassetten über die Theke zu schieben – später dann die DVDs, mit dem genialischen Spruch: „Leider nicht zurückgespult“, haha –, musste man aus tiefster protestantischer Reue verdrängen, was es bedeutet, dass das gesamte Wochenende mit Ronin, Der Pate, Total normal und der Trickfilmversion von Der Herr der Ringe gefüllt war. Die falschen Freunde Ben & Jerry(’s) waren auch dabei, und das Sexualleben hatte sich dem Rhythmus, zwischen zwei Filmen und der anschließenden Pizzabestellung abgehalten zu werden, längst gefügt.

Lotto, Reinigung, Paketshop

Damals lieferten Pizzaboten auch Kondome. Machen die das immer noch, oder ging auch diese Kulturtechnik mit dem Zeitalter der Videotheken unter? Von den über 7.000 Videotheken, die es zu Spitzenzeiten im Land gab, sind nur noch etwa 1.500 existent. Und während Streamingdienste wie Netflix oder Maxdome jetzt mit der Expansion beginnen und kostenlose Probemonate anbieten, schließt jede Woche ein weiterer der Dinosaurierläden oder wandelt sich in einen Gemischtwarenbetrieb mit Lotto, chemischer Reinigung und Paketshop um.

Einen von Nostalgie oder Untergangsstimmung ungetrübten Blick besitzt Silvio Neubauer, Inhaber der Filmgalerie (ehemals Filmgalerie 451) in Berlin-Mitte. Hier gibt es keine Süßigkeiten, keine Kühlschränke und nirgends ein Regal, das mit „Der besondere Film“ überschrieben wäre. Alles ist auf cineastische Weise besonders – künstlerisch, familienfreundlich. Pornofrei. Der Laden hält mit 24.000 Titeln auf DVD, VHS und Blu-Ray eines der größten Filmarchive Deutschlands bereit. Gleich am Eingang werden die neusten Fernsehserien präsentiert. Ob The Honourable Woman oder Utopia, sobald es eine neue Serie als DVD-Import gibt, kann man sie hier leihen.

Sarah Khan, Jahrgang 1971, lebt als Schriftstellerin und Filmfan in Berlin. Für einen Essay über die TV-Serie Dr. House erhielt sie 2012 den Michael-Althen-Preis für Kritik.

Um den neuen Sehgewohnheiten entgegenzukommen – Serien-Binge-Watching erstreckt sich auf mehr als zwei Stunden –, hat Neubauer die Leihspanne verlängert: Es gibt nun einen kostenfreien Bonustag. Dem Strukturwandel standhalten: Er reduzierte die Ausstellungsfläche und damit die Mietkosten. Vor einem Jahr zog die Filmgalerie von der Torstraße in kleinere Räume in der Invalidenstraße um. Das Archiv bleibt davon unberührt.

Ein anderer, ähnlich ambitionierter Filmverleihladen in Berlin, das Negativland am Prenzlauer Berg, muss Ende dieses Monats schließen, nach 25 Jahren. In Neubauers Filmgalerie aber stemmt man sich gegen jede Untergangsstimmung. Wir setzen uns zum Gespräch auf rote Samtkissen, die in der Fensterbank ausliegen. Es ist nachmittags, Mütter mit Kinderwagen und Schüler passieren den Laden. Nur eine Handvoll Leute bringen Filme zurück und leihen neue aus, darunter der Filmregisseur Oskar Roehler, der sich enthusiastisch für den Serientipp Bates Motel bedankt. Schauspieler Ben Becker kommt kurz reingestürmt und rauscht in den Nachbarladen ab – weil es dort Cola gibt.

Die Stoßzeit ist der Abend, wenn die Leute sich einen Feierabendfilm holen – falls sie es schaffen, sich vom Internet zu lösen. Man verliere darin so viel Zeit, sagt Neubauer, das wisse er auch. Er selbst wurde in der multilingualen Bodenseeregion zum Cineasten, baute ein Unikino auf, beteiligte sich an einer Filmgalerie in Stuttgart. 2001 eröffnete er den Berliner Standort, der schnell zu einem wichtigen Anlaufpunkt für die Cineastenszene, den Stadtteil, die Filmbranche wurde. Wer in den Nullerjahren in Mitte wohnte und die Filmgalerie 451 nicht kannte, hat im Grunde nicht gelebt. George Clooney und Quentin Tarantino kamen zu Neubauer, wenn sie gerade mal wieder in Babelsberg drehten.

Vor kurzem sei er aus Neugier wieder mal in eines dieser Videocenter gegangen. „Das gab mir ein flaues Gefühl, hat mich zutiefst gelangweilt.“ Er könne ein Witzbuch über die Erlebnisse mit den Mitarbeitern in solchen Kettenfilialen schreiben: „Haben Sie Hitchcock?“ – „Nein, Orangensaft führen wir nicht.“

„Das ist doch unbefriedigend“, sagt Neubauer und versucht, die Geistlosigkeit historisch zu erklären. Durch die Jugendschutzverordnungen, die in den 80er Jahren aufkamen, gab es in Deutschland – anders als in den USA – die Unterscheidung zwischen Erwachsenen- und Familienvideotheken, viele Ketten stürzten sich auf das Geschäft mit Pornos. Das Mainstreamprogramm im Eingangsbereich hätte man nur als Alibi betrieben, damit die Kunden sagen konnten, sie liehen sich den neusten Tom Cruise, wo sie doch vor allem Teresa Orlowski mitnahmen. Welche Art von Befriedigung gibt es aber hier, in seiner Filmgalerie? Cineastenbefriedigung, sagt er. Das sei seine Nische, die werde auch bleiben. Was mit der Internetdistribution gewachsen sei, sei der Anteil der Leute, die zu bequem sind, sich extra auf den Weg zu machen. „Bequemlichkeit ist auch eine Befriedigung.“

Der Experte persönlich

Neubauer erzählt, wie er bei einem Freund kürzlich auf einem großen Sofa 3-D-Fernsehen genossen hat. Da blinke einem das Filmangebot direkt aus dem Netz entgegen. „Die Menschen verbringen ihre Zeit nun anders, das spüren auch wir. Viele werden auch beim Sex ihre Smartphones in der Hand halten, davon bin ich überzeugt.“ Er glaubt aber, dass die persönliche Ansprache durch den Experten genauer, besser und überraschender sein wird als das, was ein Algorithmus vorschlägt.

Während des Gesprächs stellen wir uns immer wieder vor die Aufsteller und sprechen über einzelne Titel. Dabei entdeckt man Filme, die man im Kino verpasste, deren Titel man vergaß und die einem von Netflix oder Amazon Prime niemals als Empfehlung gelistet würden. Den irischen Thriller Calvary würde ich sofort mitnehmen, doch alle drei Exemplare sind ausgeliehen. Die ärgerliche Erfahrung, etwas nicht sofort bekommen zu können, weckt ein Gefühl, das man wohl schon bald als historisch bezeichnen könnte.

Zum Schluss die Frage, ob die Videothek – oder Filmgalerie – nicht auch die Heimat, das Urbiotop des Nerds ist? Keine Tarantino-Biografie kommt ohne den Hinweis aus, er habe lange in einer Videothek gejobbt. Der Mythos vom Nerd handelt von der selbstbezüglichen Akkumulation von Wissen in spezialistischen, kontaktarmen Nischen. So mauserte er sich zur kulturellen Leitfigur, die ihren Ausgangspunkt in Garagen oder Kellern voller Stuff nahm, bis sie ihr Coming-out als Softwaremilliardär, Feuilletonchef oder Whistleblower erlebte.

Trotz der Verlockung, sich mit dem Nerd zu identifizieren, bleibt Silvio Neubauer nüchtern: „Der Nerd befindet sich im Widerstand, wir als Cineasten befinden uns auch in einem Widerstand. Aber Nerds sind kommunikativ nicht die Besten. Man muss im Laden kein Dampfplauderer sein, aber Dienstleistung ist ein Knochenjob.“

06:00 23.02.2015

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