Dieses schreckliche Warten

Iraker im Exil Sie glauben an ihre Rückkehr in ein eigenes, kein fremdes Land

Was sollen wir sagen? Täglich rufen Zeitungen und Sender hier an, jahrelang wollten sie nichts von uns wissen, haben nichts gefragt, haben uns vergessen. Jetzt plötzlich rennen sie uns die Tür ein.« Susan Ahmed, die Vorsitzende des Irakischen Kulturvereins in Berlin, zeigt jedoch mit einer Geste, dass sie trotz dieser Einleitung bereit zu Auskünften ist. »Nur, was können wir jetzt sagen? Wir haben Angst. Wir ertragen es kaum noch, wir sind schon verrückt geworden!«

Mit einem Beispiel versucht sie, sich zu erklären: »Meine Nichte in Bagdad ist im sechsten Monat schwanger. Es könnte sein, dass sie ihr Baby bekommt, wenn - wenn die Bomben - .« Sie will es gar nicht ganz aussprechen. »Es gibt wenig Medikamente und medizinische Geräte, jetzt schon sterben oft Frauen beim Gebären, sie hat Angst«, erzählt Susan hastig. »Ich rufe an und frage sie: Kannst du nicht weggehen aus Bagdad? - Wohin soll ich gehen, antwortet sie mir.«

Das frühe Reich im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris

In den Kulturverein habe ich einige Freitag-Exemplare mitgenommen. Während ich mit Susan Ahmed rede, schreibt ein Mann am Computer, schaut plötzlich auf und fragt fast aggressiv: »Ihre Zeitung ist gegen den Krieg? Na, alle sind gegen den Krieg! Sie sagen es wieder und wieder, aber es gibt dort Saddam! - Soll er bleiben?« Ich entgegne: »Sie meinen, Krieg?« Er wird noch heftiger: »Ich bin nicht für Krieg! Nie. Wir haben auch Angst um unsere Familien. Dort ist immer Krieg. Saddam muss jetzt weg, darüber muss man auch sprechen, nicht nur gegen den Krieg.«

Diese Menschen warten auf nichts anderes als auf das Ende von Saddam Hussein, das begreife ich an diesem Abend. Sie warten hier im Exil mit Bangen, mit Inbrunst, in einer Art Erstarrung. Vielleicht ist es ein verschobenes Spiegelbild vom Warten der Menschen im Irak auf den Krieg, der als unkalkulierbarer Schrecken unausweichlich auf sie zukommt.

Und wieder spricht der Mann: »Saddam wird durch einen Putsch oder durch Exil oder eben durch den Krieg gestürzt. Aber es muss jetzt sein.«

Der Versammlungsraum des Kulturvereins füllt sich. Unter 20 Männern sind drei Frauen, die mit Aufmerksamkeit und besonderer Freundlichkeit begrüßt werden. Zerlesene arabische Zeitungen werden ausgetauscht. Als dicht vor mir ein Buch den Besitzer wechselt, frage ich nach und erfahre, es sei ein Geschichtsbuch über Sumer, das frühe Reich im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris. So beginnt ein Gespräch mit dem Architekten Sabih Al-Hamdami. Er ist gelassen, sein Haar weiß, sein Deutsch sehr gut, sein Wissen reich.

Ist die Geschichte von Babylonien, Sumer, Mesopotamien auch die Geschichte des Irak? Die Frage überrascht ihn: Selbstverständlich ist sie das, eine 8.000-jährige Geschichte. Aber leben nicht ganz andere Völker heute dort? Die Menschen haben sich Dinge weitergegeben, meint er. Man könne es an Baumethoden sehen und an der Sprache, das Arabische habe im Irak sehr alte Wörter aufgenommen.

Er erzählt weiter: Die beste Phase hatte das Land, nachdem die Ölraffinerien den Briten weggenommen und verstaatlicht wurden. Vor allem in den siebziger Jahren wurde ungeheuer viel gebaut. Er bekam als Architekt große Aufträge. Der Irak wurde ein moderner Industriestaat. Nachdem Saddam 1979 die volle Macht übernommen hatte, begann ein Wechsel, hin zur Militarisierung: Statt Schulen, Kliniken und Wohnungen entstanden Kasernen, Waffenfabriken und Flugplätze. Dann wandte sich Saddam den USA zu, sehr bald übernahm er die Drecksarbeit des Krieges gegen Iran, den ideologischen Herausforderer der USA.

Aber er hoffe, sagt der Architekt nachdrücklich, ich sei nicht dem falschen Bild aufgesessen, dass Saddam nach dem Krieg von 1991 und den Sanktionen und Bombardements wirklich für die USA ein Feind wurde. Er war immer noch ihr nützliches Instrument, rechtfertigte die Anwesenheit des US-Militärs, verbreitete Angst in der Region, machte die Amerikaner dadurch scheinbar berechenbar. Erst nach dem 11. September hätten die USA ihre Politik umgestellt: Seitdem wollten sie selbst direkt die Macht ausüben, sie nicht Stellvertretern überlassen. Erst damit war Saddams Rolle zu Ende.

In den USA wird ein Militärregime als Übergangslösung vorbereitet

Khayon Rashid heißt der Kontrahent vom Anfang. Er will seine Heftigkeit wieder zurücknehmen, wir bleiben im Nebenraum sitzen und reden, während die Versammlung beginnt. Er kommt aus Kut am Euphrat, der Hauptstadt einer Provinz, 160 Kilometer südlich von Bagdad, an der Hauptverkehrsader des Landes gelegen. Jetzt hat Saddam dort Mengen an Militär konzentriert. Drei seiner Brüder leben in der gefährdeten Stadt mit ihren Familien, zwei Brüder sind im Krieg gegen Iran gefallen, ein Bruder ist nach 1991 über Iran in die Stadt Sulaymaniya im Nordirak geflüchtet, ins Kurdengebiet, wohin Saddams Arm nicht hinreicht.

Mit 22 Jahren ist Khayon geflohen, er war der Kommunistischen Partei nah, die von Saddam nach anfänglichem Bündnis verfolgt wurde. Das war 1978. Seine Stationen waren Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate. Dort fand er Arbeit als pharmazeutisch-technischer Assistent, blieb elf Jahre, war integriert, konnte seinen Eltern Geld schicken, aber nie zu ihnen fahren, die seinetwegen von der Geheimpolizei bis zu ihrem Tod schikaniert wurden. Doch 1991, als der Golfkrieg begann, wurde er entlassen, zu Hausarrest verdammt, verhört, die Ausweise wurden ihm entzogen. Als Iraker wurde er in den Emiraten unter Generalverdacht gestellt, obwohl seine Position gegen Saddam klar und offensichtlich war. Aus den meisten arabischen Staaten wurden damals Iraker ausgewiesen.

Auf ein anderes Exilland hatte Khayon sich nie vorbereitet, er bestieg, als er die Papiere mit der Auflage zurückbekam, die Vereinigten Arabischen Emirate innerhalb einer Woche zu verlassen, ein Flugzeug nach Polen. Dort aber war auf Arbeit und eine Existenz nicht zu hoffen. Nach einigen Monaten überquerte er illegal die Grenze nach Deutschland. Hier erhielt er Asyl.

Die irakischen Flüchtlinge glauben, 99 Prozent der Bevölkerung hassten Saddam. Aber die Menschen seien unendlich müde und resigniert. Sie erlebten nur Beweise seiner Allmacht. Es brauche ein Zeichen, dass Saddam schwach sei, dann werde sich dieses Volk erheben. »Vielleicht nach einem Tag Krieg?« überlegt Khayon. Aber wenn der Krieg erst beginnt, werden unaufhaltsam die Tage der Bombardements einsetzen. Wer könnte sich da noch besinnen?

In den USA wird ein Militärregime als Übergangslösung vorbereitet, während der Exil-Opposition die Zähne gezogen werden, und sei es durch Konferenzen, für die selbst die Tagesordnung aus US-Ministerien stammt. Die KP, vermutlich die stärkste politische Gegenkraft und im Land verankert, wird gar nicht erwähnt, wenn es um Zukunftsvisionen für den Irak geht. Dabei zeichnet sie der Vorzug aus, Kurden, Sunniten und Schiiten zu integrieren und einem Zerfall des Landes entgegenwirken zu können.

Und doch wird im Kulturverein das Ende Saddams inständig erwartet, nichts soll den Vorgang mehr aufhalten. Daraus folgen keine Dankbarkeitsgefühle gegenüber den Amerikanern. Die Iraker scheinen die USA als Instrument der Geschichte zu betrachten, die Saddam als ihr Geschöpf, beseitigen. Von der eigenen Chance, das Land wieder zu entwickeln, sind die Emigranten überzeugt. Die politischen Kämpfe, die dann kommen mögen, schrecken sie nicht. Wenn der Irak nur erst aus der Agonie erlöst sein wird. Doch so wenig bisher US-Regierungen Nachsicht gegenüber den Iraker kannten, ändern diese nun ihre Gefühle gegenüber den Amerikanern, auch wenn die jetzt Saddam abservieren sollten.

Khayon Rashid und seine Frau wollen dann, nach 25 Jahren Exil, zurückkehren.

00:00 07.02.2003

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