Dieses Spielzeug lieben die Spekulanten sehr

Leerverkäufe Sie sind ein gutes Beispiel für die Innovationskraft von Marktwirtschaften – und für die ungewollten Folgen solcher Erfindungen

Banken, Hedgefonds oder auch alle Finanzmarktprofis können sich über Leerverkäufe bei kurzfristigen Finanzierungsengpässen schnell mit Geld versorgen. Dafür wurden sie erfunden. Anstatt einen teuren Kredit aufzunehmen, leihen sich die Finanzmarktspieler eine Aktie und verkaufen sie. Den Leihgeber entschädigen sie mit einer Leihgebühr. Später wird die Aktie zurückgekauft und dem Eigentümer wieder ausgehändigt.

Natürlich ist diese Form der Kreditaufnahme riskant. Steigt der Kurs der Aktie, muss diese mit zusätzlichem Geld zurück erworben werden – es drohen Verluste. Ist der Kurs allerdings gesunken, dann hatte der Leerverkäufer einen billigen Kredit oder erzielt gar einen Gewinn.

Heutzutage werden Leerverkäufe in der Öffentlichkeit nur noch als Instrument einer gefährlichen Spekulation wahrgenommen – und das sind sie auch. Grundsätzlich ist gegen Spekulationen nichts einzuwenden, nur haben sie in Gestalt der Leerverkäufe fatale Nebenwirkungen: In brenzligen Krisensituationen wirken sie als Brandbeschleuniger und werden oft bewusst als solche eingesetzt.

Spekulanten kaufen Aktien und warten ab, bis sich die Gerüchte über deren Kurs verdichten – etwa über eine Herabstufung durch eine Rating-Agentur. Oder noch schlimmer: Leerverkaufs-Spekulanten können selbst Gerüchte streuen und den Kurs in die für sie „richtige“ Richtung drücken – nach unten nämlich. In labilen Situationen fällt das besonders leicht.

Grundsätzlich aber haben Leerverkäufe auch gute Seiten: Sie können Liquiditätsengpässe preiswert überbrücken und theoretisch sogar drohende Überschwänglichkeiten des Markt ausbremsen, wenn durch die Verkaufsorder der Preisanstieg gedämpft wird. Kaum ein Marktteilnehmer stellt sich jedoch mit Leerverkäufen einem Boom entgegen. Das Verlustrisiko ist dabei viel zu hoch. Einfacher scheint es, sich durch kursierende Gerüchte eine gute Gewinnchance zu verschaffen und Leerverkäufe in Kombination mit einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu nutzen.

Eine Vorreiterrolle

Der potentielle Schaden ist enorm. Also hat der Gesetzgeber in kritischen Situationen das Recht, den Spekulanten ihr Spielzeug aus der Hand zu nehmen. Dadurch wird die freie Marktwirtschaft nicht geschwächt, sondern gestärkt. Die jetzigen Verbote der Leerverkäufe von Bank- und Versicherungsaktien durch Spanien, Frankreich, Griechenland und Belgien sind gerechtfertigt, selbst wenn es dadurch schwerer wird, Liquiditätsengpässe zu überbrücken.

Deutschland hat im vergangenen Jahr mit seinem Verbot von ungedeckten Leerverkäufen bei Staatsanleihen und einigen Finanztiteln eine Vorreiterrolle in Europa eingenommen. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) ist für diesen Alleingang heftig kritisiert worden – nicht zuletzt von der Finanzindustrie. Ungedeckte Leerverkäufe sind für den Verkäufer noch attraktiver als gedeckte, weil nicht einmal Gebühren für die Leihe anfallen. Es ist eine reine Wette zwischen Verkäufer und Käufer: Der Käufer verpflichtet sich, dem Verkäufer das Papier nach einer bestimmten Frist zum festgelegten Preis abzunehmen. Wenn das leerverkaufte Wertpapier tatsächlich geliefert werden muss, holt es sich der Verkäufer billig vom Markt, für dessen Rutschpartie er selbst mit gesorgt hat.

Eng wird es nur, wenn der Markt nicht so viele Aktien hergibt, wie ungedeckt leerverkauft worden sind, und dementsprechend irgendwann auch geliefert werden müssen. Der Kurs schießt in solchen Fällen durch die Decke und die Leerverkäufer erleiden horrende Verluste. Leider kommen solche Situationen nicht allzu oft vor. Wäre es so, würde weniger spekuliert.

Schlauer als der Staat

Konsequent wäre ein allgemeines Leerverkaufsverbot für die gesamte Eurozone. Politik und Finanzaufsicht sollten diese Gelegenheit nutzen, und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (BaFin) über ihren Schatten springen. Werden Leerverkäufe von Staatsanleihen verboten, macht das auch die Arbeit des Europäischen Stabilitätsfonds (EFSF) einfacher. Die Erfolgsaussichten für Interventionen sind größer, wenn der Kursrutsch nicht durch massenhafte, gedeckte oder ungedeckte Leerverkäufe angeschoben wird.

Mit einem Leerverkaufsverbot wäre es für Spekulanten sehr viel schwerer, gegen ein Euroland nach dem anderen zu wetten, um die Kurse zu drücken, dadurch billige, aber hochrentierliche Anleihen kaufen zu können und für sie Garantien des Rettungsfonds zu erhalten. Bislang ist aber genau das ein aussichtsreiches Geschäftsmodell.

Puristen der Marktwirtschaft werden einwenden, dass pfiffige Marktteilnehmer auch das Verbot von Leerverkäufen umgehen könnten, sie seien immer schlauer als der Staat. Das mag sein. Allerdings: Wer so argumentiert, braucht Fehlentwicklungen überhaupt nicht mehr entgegenzutreten. Der Hinweis ist trotzdem richtig: Auch nach einem Verbot von Leerverkäufen müssen Politik und Finanzaufsicht wachsam bleiben und den Marktteilnehmern den gesamtwirtschaftlich bestmöglichen Rahmen bieten.

Dorothea Schäfer ist Forschungsdirektorin für Finanzmärkte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), Gert G. Wagner ist dort Vorstandsvorsitzender

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11:41 24.08.2011

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