Diesseits von Wanzleben

Heimatkunde Die Ergebnisse der IBA Stadtumbau 2010 in Sachsen-Anhalt wurden im April überall gefeiert. Tatsächlich fehlen ihr aber die radikalen Lösungen. Eine Nachuntersuchung

Seit zehn Jahren investiert der deutsche Staat beispiellose Summen in einen Prozess, der als „Stadtumbau Ost“ nur vage umschrieben und von der Öffentlichkeit mehrheitlich als Abrissprogramm zur Reduzierung überflüssig gewordener Plattenbauten wahrgenommen wird. Doch den Akteuren in den betroffenen Orten und Regionen wurde rasch klar, dass dem Phänomen „Schrumpfender Städte“ nicht allein wohnungspolitisch zu begegnen ist. Vor allem ein auf Wachstum fixiertes Planungsdenken hat hier ausgedient. Um angesichts von Nachfrageschwund, Raumüberschuss und daraus folgendem Immobilien-Wertverfall grundsätzlich neue Strategien der Stadtentwicklung zu finden und entsprechend zu kommunizieren, hatte das Land Sachsen-Anhalt in Kooperation mit dem Bauhaus Dessau eine „Internationale Bauausstellung (IBA) Stadtumbau 2010“ ins Leben gerufen. 19 Teilnehmerstädte, von der Landeskapitale Magdeburg bis zur kleinen Landstadt Wanzleben, begaben sich auf die Suche: Worin besteht ihr Problem? Wer ist im konkreten Fall zuständig? Liegt es am Geld? An den Strukturen? An der Ästhetik?

Zehn Jahre Laufzeit sind nun absolviert. Der seit April rotierende Reigen der Abschlusspräsentationen hat dem von guten Nachrichten nicht allzu verwöhnten Sachsen-Anhalt eine Woge lobender Berichterstattung beschert und damit die Haupterwartung der IBA-Initiatoren wohl eingelöst. Denn deren dominierende These – „Finde dein lokales Image und wirb damit als Alleinstellungsmerkmal!“ – realisiert sich ja überhaupt erst im Rampenlicht einer möglichst überregionalen Öffentlichkeit.

Dort werden die griffigen Bilder gefeiert. Bilder, die trösten, die auch in der Misere noch Mut machen und den so beliebten wie scheinheiligen Slogan von der „Krise als Chance“ untermauern. Wieder einmal ausgeblendet werden damit allerdings die tatsächlichen, weiter reichenden Konsequenzen des epochalen Wandels. Schrumpfungsstrategien, so hatte das Berlin-Institut unlängst mit Nachdruck gefordert, bedürfen „entschieden radikalerer Experimente“, die alle gängigen Muster und Modelle bisheriger Modernisierung infrage stellen. Zu wagen wären „Sprünge zu anderen Systemen, die besser an rückläufige Bevölkerungszahlen angepasst sind“.

Radikale Experimente? Auch verschrobene Projektideen wie der „Trainingspfad des Sehens“, der den Halberstädtern die Leere ihrer Stadt als „Positivum neuer Art“ vermitteln wollte, sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Gesamtprogramm dieser IBA wesentlich auf Konsens gebaut ist. „Überforderungen“ betroffener Bürgerschaften galt es zu vermeiden; wen wundert’s, waren die Veranstalter doch auf die Kooperationsbereitschaft der beteiligten Kommunen angewiesen. Einen geradezu klassischen Fall solcher Verzagtheit lieferte die Stadt Köthen, deren Einstiegsmotto „Stadt zum Wohlfühlen“ eigentlich so klang, als hätte man der internationalen Vereinigung der „Slow Cities“ beitreten wollen. Doch die Furcht, den vermeintlich negativ konnotierten Begriff der „Langsamkeit“ in der Bevölkerung nicht vermitteln zu können, ließ stattdessen einen zufälligen Historienfakt zur gefeierten Attraktion avancieren: Köthen gilt als Erfindungsort der Homöopathie. Was den Wittenbergern ihr Luther, Melanchthon oder Cranach, sollte den Köthenern nun ihr Samuel Hahnemann sein. Aber hilft das der Stadt in irgendeiner Weise weiter?

Das perforierte Dessau

Ein vergleichbares Schicksal ereilte Eisleben, das ursprünglich unter dem Slogan „Kleiner – klüger – kooperativ“ nach praktikablen Lösungen für die alle „Schrumpfstädte“ plagenden innerstädtischen ­Brachen suchte. Was sich anfangs als experimenteller Erfindungs- und Aushandlungsprozess weitgehend im Verborgenen abspielte, trat schließlich in Gestalt ansehnlicher Umfriedungen mit „roten Türen“ als Einladung zu bürgerschaftlichem Engagement ausgesprochen poetisch ins Licht der Öffentlichkeit. Um diese beachtliche planerische Innovation ist es in der Folge dann allerdings unverdient still geworden. Mit Eröffnung der attraktiven Neubauten rund um das Luther-Geburtshaus samt einem dazu entwickelten Luther-Erlebnispfad rückte plötzlich ein touristisches Konzept in den Vordergrund. Das mag dem Lokalstolz der Lutherstädter schmeicheln, doch erwächst der Stadt als „Standort“ aus solchen Marketingideen wirklich eine Zukunftsinspiration?

Auch Aschersleben hatte sich mit einer klugen Analyse für die unvermeidliche Verkleinerung seines längst zu großen Stadtkörpers empfohlen, dann aber lieber auf das publicityträchtige Spektakel einer „Drive-Thru-Gallery“ gesetzt: Entlang einer Zentrumsumfahrung werden Baulücken mit Kunstwerken zugehängt, die von Autofahrern im Verkehrsstress nicht wahrgenommen, von den Ortsansässigen aus ästhetischen oder ökonomischen Gründen wenig geschätzt werden. Warum kann die IBA ein so offenkundig als sinnlos erwiesenes Experiment nicht einfach abbrechen und stattdessen nach einer besseren (radikaleren?) Lösung für eine Horrorstraße suchen, in der bei heutigem Verkehrsaufkommen kein Mensch mehr wohnen will?

Leider hat Halle, das seinem IBA-Thema „Balanceakt Doppelstadt“ im Laufe der Jahre immer weniger zu vertrauen schien, die riesige Chance vertan, ein zentrales Problem gesamteuropäischer Stadtentwicklung, die Integration und Normalisierung einer klassischen Neustadt der Moderne, unter den unwiederholbar günstigen IBA-Bedingungen zu bearbeiten und mit Vorzeigeresultaten zu bereichern. Stattdessen wurde – absurder geht es nicht – für einen halben Tag „spielerisch“ die Lebensader zwischen Alt- und Neustadt unterbrochen. Dem geplanten Volksfest auf der Hochstraße kam schlechtes Wetter in die Quere, doch das stundenlange Verkehrschaos, das diese Schnapsidee in der „Doppelstadt“ auslöste, war nur folgerichtig und sollte allen, die womöglich vom Abriss jener Magistrale träumen, zur Mahnung dienen.

Wie die ersten Wochen des Präsentationsmarathons zeigen, sind einige IBA-Städte zu gefragten Exkursionszielen für Planerverbände oder Rathausdelegationen aus ähnlichen Regionen geworden. Wenigstens im Nachhinein, im kritischen Expertendialog, lässt sich so aus den vielfach zu kurz gesteckten Zielen ja ein Nutzen ziehen. Dessau-Roßlau etwa wird man den Rang eines experimentellen Stadtlabors fraglos zubilligen können. Das dortige „Stadtinsel-Projekt“ wagt sich am weitesten über alle Gewissheiten herkömmlicher Stadtplanung hinaus: Ohne Aussicht, die ausgedehnten Brachen verschwundener Bauten jemals wieder auffüllen zu können, wird hier „Perforation“ als legitimer Entwicklungspfad akzeptiert, der zu ganz eigenen Stadtformen und Erlebnisqualitäten führt. Auf den eindrucksvoll inszenierten innerstädtischen Grünzügen lässt sich wohl am plausibelsten nachvollziehen, dass bei ausbleibendem Wachstum auch das Leitbild der Europäischen Stadt an Grenzen stößt: „Die Brüche in den sozialen Kulturen und räumlichen Strukturen schrumpfender Städte thematisieren das Ende dieses Stadtmodells, das für Schrumpfungsprozesse im 21. Jahrhundert nicht taugt“, kommentiert Walter Prigge, Soziologe und Wahl-Dessauer, das neue Erscheinungsbild der Bauhaus-Stadt.

Das leere Stendal

Auch Bitterfeld und Wolfen haben einschneidende Konsequenzen aus dem Rückgang ihrer Bevölkerungen gezogen: Sie haben fusioniert. Anstelle der landläufig gepredigten Standortkonkurrenz wurde hier Heil im Gegenteil, in der regionalen Kooperation gesucht – ein Experiment, das für eine ständig steigende Zahl anderer Schrumpfungskandidaten von Interesse sein dürfte, besonders in immer einsamer werdenden ländlichen Räumen. Und in einem solchen – der Altmark – liegt Stendal, das auf vertrackte Weise den Anspruch der IBA auf Grenzerfahrungen so ernst nahm, dass es am Ende praktisch mit leeren Händen dasteht: Die Suche nach einer neuen Rolle als Verwaltungs- und Versorgungszentrum eines bald menschenleeren Landkreises kollidierte dauernd mit Regeln, die, auf Landes- oder Bundesebene erlassen, den politischen, sozialen wie ökonomischen Realitäten der Altmark immer weniger entsprechen. Konsequenterweise beschränkte Stendal sein IBA-Resümee auf eine Reihe von Konferenzen, bei denen „radikale Lösungen“ wie die Aufkündigung gleichwertiger Lebensverhältnisse oder die Stärkung lokaler und regionaler Autonomien immerhin unter Experten diskutiert werden können.

Der Mut der Initiatoren, sich in einer besonders betroffenen Region der praktischen Auseinandersetzung mit den weithin noch immer als unbeherrschbar geltenden Schrumpfungsphänomenen zu stellen, ließ aufhorchen und weckte Erwartungen. Umso mehr muss es als großes, ja tragisches Versäumnis erscheinen, dass diese IBA nur in so wenigen Fällen ein Bewusstsein für das existenzielle Drama ihrer Austragungsorte entwickelt hat. Schrumpfungsprozesse derart flächendeckender Dimension sollten den von Planergenerationen verdrängten Umstand in Erinnerung rufen, dass Städte weder vordringlich ein aus Pietät zu wahrendes Erbe unserer Vorfahren noch beschauliche Kulissen für Flaneure oder Touristen sind. Städte, Dörfer, Siedlungssysteme waren und sind stets sozial-räumliche Ausformungen ökonomischer Verhältnisse. Letztere verändern sich von Epoche zu Epoche, wodurch auch jene Geografien umzuschreiben sind, die uns vorübergehend „Heimat“ hießen.

Wolfgang Kil ist Architekturkritiker und Buchautor, etwa: Der Luxus der Leere (2004)

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10:00 01.08.2010

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