Differenz wahrnehmen

Literatur Nach seinem Aufruf „Desintegriert euch!“ fordert der Theatermacher Max Czollek eine ehrliche „Gegenwartsbewältigung“
Differenz wahrnehmen
Sagen wir es doch deutlich: Die Mehrheit der Deutschen war nicht passiv in das NS-System „verstrickt“, sondern aktiv an dessen zerstörerischer Kraft beteiligt

Foto: Douglas Grundy/Three Lions/Hulton Archive/Getty Images

Die Philosophin Hannah Arendt insistierte, dass man Vergangenheit nicht bewältigen könne, vor allem nicht die NS-Zeit. Man könne allein die Tatsachen anerkennen und müsse lernen, sie auszuhalten. 2015 stand Oskar Gröning, SS-Buchhalter von Auschwitz, in Lüneburg wegen Beihilfe zum Mord an mehr als 300.000 Juden vor Gericht. Die Rechtsanwälte, die einige der Überlebenden als Nebenkläger vertraten, sagten in ihrem Plädoyer: „Wir können unsere Vergangenheit nicht bewältigen. Es ist unsere Gegenwart, die wir bewältigen müssen im Schatten unserer Vergangenheit.“ Sie fragten, was wir aus der Geschichte gelernt hätten und wie wir denn heute über Juden, Muslime, Sinti und Roma sprächen? Im Publikum saß die greise Nazisse Ursula Haverbeck-Wetzel, die den Prozess „billige Schmierenkomödie“ schimpfte. Das Gericht verurteilte Gröning zu vier Jahren Haft, eine Strafe, die der 94-Jährige aufgrund seines Alters nicht verbüßen musste. Die Juristen hatten deutlich gemacht, dass weder Mord noch Beihilfe zum Mord verjähren – und die Vergangenheit nicht vergangen ist.

Komplizen des Systems

Max Czollek hat jetzt Gegenwartsbewältigung vorgelegt. Die glänzende Streitschrift ist eine Fortsetzung seines 2018 erschienenen Bandes Desintegriert euch!. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Corona-Krise. Denn es zeige sich mehr denn je, dass die „viel beschworene Solidarität keineswegs für alle gleichermaßen galt – und gilt“. Der Autor meint, wir machten uns zu Komplizen eines Systems, das die einen schütze und andere, Geflüchtete, gnadenlos sterben lasse. Er konstatiert, dass die selbsterklärte bürgerliche Mitte migrantische Gruppen von kultureller Teilhabe ausschließe und lieber die Rechten zur Gesellschaft zähle als diejenigen, die Opfer rechten Terrors werden.

Czollek, Enkel des deutsch-jüdischen Widerstandskämpfers Walter Czollek aus Ostberlin, kritisiert eine regressive Form von Gedenkkultur, die „der Wiedergutwerdung der Deutschen“ und der „nationalen Selbstaufwertung“ diene – zulasten jüdischer und migrantischer Minderheiten, die je nach Bedarf politisch instrumentalisiert werden. In der Tat ist es besonders zynisch und verlogen, wenn Politiker und Medienmacher ein angeblich christlich-jüdisches Narrativ beschwören, um damit pauschal Muslime zu entwerten und aus der gemeinsamen Geschichte auszuschließen. Czollek empört sich zu Recht, dass der CDU-Politiker Philip Amthor ausgerechnet am 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz behauptete, Antisemitismus sei „vor allem in muslimisch geprägten Kulturkreisen besonders stark vertreten“. Und das gerade mal vier Monate nach dem rechtsextremistischen Anschlag auf die Synagoge von Halle. Amthors Aussage ist als bewusstes Entlastungsmoment und als Schuldübertragung zu verstehen: Besser kann man seine Abwehr im Gewand von Islamfeindlichkeit kaum darstellen.

Es ist bemerkenswert, dass die breit aufgestellte „Vergangenheitsbewältigung“ im öffentlichen Raum sogar im Ausland den falschen Eindruck erweckt, die Deutschen seien „Erinnerungsweltmeister“. Der Berliner Lyriker betont, dass „das ritualisierte öffentliche Eingeständnis kollektiver Schuld“ seit den 80er Jahren „die Behauptung individueller und familiärer Unschuld“ erlaube, „während Rassismus und Antisemitismus fröhlich Urständ feiern“. Er nennt das nach Y. Michal Bodemann „Gedächtnistheater“. Allerdings erwähnt er keine der weiteren Ursachen für die weitverbreitete Behauptung, mit NS-Tätern und -Mitläufern familiär nichts zu tun zu haben. Denn dazu gehören nicht minder auch Erziehungsmaßnahmen und nonverbal vermittelte Denk-, Gefühls- und Handlungsmuster innerhalb von Familien. Diese wirken im privaten Raum, behindern innerfamiliäre Aufklärung, fördern ein verzerrtes Geschichtsverständnis und stereotype Einstellungen (siehe der Freitag 19/2020).

Auf erfrischende Weise ergänzt Czollek, Jahrgang 1987, die Stimmen jener Autorinnen und Autoren, die seit Jahren ihr Missfallen an der zelebrierten deutschen Erinnerungskultur artikulieren und voraussahen, dass die zunehmende Geschichtsklitterung zwangsläufig völkischen und nationalistischen Bewegungen Vorschub leisten würde. Gerade „die Verdrängung biografischer Bezüge“, sagt der Autor, ermöglichte Kontinuitäten und Tradierungen. Mit dem Gerede von Heimat und deutscher Leitkultur wollten Vertreter der Mehrheitsgesellschaft sich gegen Minderheiten durchsetzen. Es brauche indes keiner neuen großen Erzählung, sondern einer Besinnung auf das Grundgesetz.

Bewusst parteiisch

Mit scharfer Zunge – bewusst parteiisch – greift Czollek einige dieser Kontinuitäten auf. Er zeigt, wie Literatur und Kunst nach dem Holocaust als vermeintlich unpolitisch und unschuldig aus ihrer Verantwortung für die Gegenwart gehoben wurden. Dabei waren sie „zu jedem Zeitpunkt auch Komplizin einer Politik, die Demokratie und Fortschritt ebenso bedeuten konnte wie Gewalt und Vernichtung“. Seine Ausführungen über die Macht von Sprache sind wichtig. Deshalb irritiert es, wenn der Autor selbst an mehreren Stellen bei NS-Komplizenschaft von „Verstrickung“ spricht. Sagen wir es doch deutlich: Die Mehrheit der Deutschen war nicht passiv in das NS-System „verstrickt“, sondern aktiv an dessen zerstörerischer Kraft beteiligt.

Czollek vergleicht auch politische Haltungen in Ost- und Westdeutschland. Er erkennt dort dasselbe Potential für nazistisches Denken, allerdings stoße dieses auf unterschiedliche gesellschaftliche Konstellationen und erfülle im Osten andere Funktionen. Er betont, dass Antifaschismus von vielen in der DDR authentisch vertreten wurde und die antifaschistische Erziehung in der DDR schon allein deshalb ernst genommen werden müsse, um deren Scheitern ermessen zu können.

Es gilt nach Czollek, die Gegenwart zu bewältigen. Dazu muss die Realität einer pluralistischen Gesellschaft anerkannt werden, so der Mitherausgeber von Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart. Er empfiehlt, sich die Anliegen der anderen zu eigen zu machen und sich gegen diverse Diskriminierungen zu verbünden. Zugehörigkeit entstehe durch die gegenseitige Wahrnehmung von Differenzen, nicht durch Anpassung. Gerade die Perspektiven von Minderheiten „sind die Quellen, aus denen diese sogenannte deutsche Kultur erst entsteht“.

Info

Gegenwartsbewältigung Max Czollek Hanser Verlag 2020, 208 S., 20 €

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06:00 15.10.2020

Ausgabe 43/2020

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