Diffuser Fundamentalismus

Intellektuelle aus den USA maßregeln ihre deutschen Kritiker. Eine klare Begründung, weshalb auf Terrorakte mit Krieg reagiert werden muss, bleiben sie schuldig

Das im Februar 2002 von 60 amerikanischen Intellektuellen veröffentlichte Manifest Wofür wir kämpfen wurde im Mai von Intellektuellen aus Deutschland mit dem offenen Brief Eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens sieht anders aus scharf kritisiert. Der Hauptvorwurf lautete: die Amerikaner verlieren "über den Massenmord an der afghanischen Zivilbevölkerung als Folge des mit den modernsten Waffensystemen geführten Bombenkrieges kein einziges Wort". Nun haben die so Kritisierten geantwortet.

Eine gespenstische Szenerie - unter dem Schutz von Nachrichtensperre und Zensur wird in Afghanistan ein Krieg geführt, von dem nur seine vehementesten Verteidiger glauben, dass er faktisch gewonnen sei. Zugleich streiten sich amerikanische und deutsche Intellektuelle seit Februar über die moralische Berechtigung dieses Krieges. Es gibt allerdings ebenso gute Gründe, seine völkerrechtliche Legitimation anzuzweifeln, denn in den UN-Resolutionen ist nirgendwo von Krieg, sondern nur von Selbstverteidigung gegen Terrorismus die Rede - ein globaler Krieg gegen die "Achse des Bösen" ist völkerrechtlich nicht gedeckt.
Der Streit zwischen den Intellektuellen auf beiden Seiten des Atlantik begann im Februar, als 60 US-Wissenschaftler unter dem Titel Wofür wir kämpfen der Bush-Administration beisprangen und deren Krieg in Afghanistan als moralisch gebotenen, "gerechten Krieg" verteidigten. Zu den Unterzeichnern gehörten umstrittene Autoren wie Francis Fukuyama und Samuel Huntington, aber auch hoch reputierte wie Amitai Etzioni und Michael Walzer.
Gegen diesen Aufruf protestierten zunächst 150 amerikanische Intellektuelle, die "das militärische Abenteuer der USA" und "die Apologeten der US-Kriegspolitik" energisch attackierten, denen sie "die Gleichsetzung der ›amerikanischen Werte‹ ... mit der Ausübung von wirtschaftlicher und vor allem militärischer Macht der USA" vorwarfen. Zu den prominentesten Unterzeichnern gehörten der Schriftsteller Gore Vidal sowie der Physiker Alan Sohal. Schließlich richteten im Mai deutsche Professoren und Autoren - darunter Walter Jens, Franz Alt, Hans-Peter Dürr und Carl Amery - eine im Ton moderate, aber in der Sache entschiedene Antwort an die 60 amerikanischen Freunde, um vor Fundamentalismen zu warnen.
Darauf replizierten die 60 jetzt mit Thesen, die ins Grundsätzliche gehen, aber die Gründe, warum auf Terrorakte mit Krieg geantwortet werden muss, nicht deutlich machen. Die Amerikaner nennen vier "moralische und intellektuelle Einstellungen zum Thema Krieg": die pazifistische, die realistische, die radikal-religiöse und "die Theorie des gerechten Krieges", zu der sie sich vorbehaltlos bekennen. - Was die ersten drei Einstellungen betrifft, machen die Autoren kurzen Prozess.
Pazifisten sind für sie Leute, für die "jeder Krieg verwerflich" ist. Ein so interpretierter Pazifismus ist freilich nichts weiter als ein ideologisch gefärbtes Feindbild ganz alter Polizisten. Der politische oder aufgeklärte Pazifismus wendet sich im Unterschied zum religiösen eben nicht gegen jeden Krieg und beruft sich nicht auf das Dogma der Heiligkeit des Lebens. Absolute Ablehnung von Gewalt ist kein rational begründbarer moralischer Standpunkt. Wer diesem Dogma folgt, gerät schon bei einem Angriff, der Notwehr nahe legt, in einen Selbstwiderspruch. Jede Form von ernstzunehmendem Pazifismus muss sich auf Begründungen und Strategien einlassen, um zu klären, welche Gewalt unter welchen Umständen für die Erreichung welcher Ziel als ultima ratio zulässig ist.
Als "realistische" Einstellung zum Krieg betrachten die 60 jene Auffassung, die Krieg als eine Sache von "Macht und Eigennutz" jenseits "moralischer Analysen" betrachtet. Genauso wie beim Pazifismus auch dies eine grobianische Karikatur von "Realpolitik", die sich natürlich im Rahmen ihres Schemas von "Verantwortung" und "Gesinnung" durchaus moralische Fragen stellen kann und auch stellt. Und selbst wenn ein eiskalter Realpolitiker glaubt, jenseits aller Moral zu handeln, beansprucht er ein moralisches Prinzip - dasjenige nämlich, keine Moral zu haben. Insofern bleibt auch jede Amoral oder Unmoral Moral.
Die dritte Einstellung zum Krieg ist jene des "Heiligen Krieges", der sich auf Gott beruft, um die Tötung Ungläubiger zu rechtfertigen. Bei genauerem Hinsehen benötigen jedoch auch die wildesten christlichen Kreuzzügler und Islamisten allerlei theologisch verbrämte, politisch-ideologische Winkelzüge, um ihr Tun zu begründen. Der bedingungslose "Heilige Krieg" ist eine Erfindung fanatischer Sekten, nicht von Hochreligionen.
Für ihre eigene Position beanspruchen die Amerikaner "die Theorie des gerechten Krieges" - eine ziemlich voraussetzungsreiche "Theorie". Vorgeformt ist sie beim Kirchenvater Augustinus (354 - 430), ihre klassische Form hat sie durch den spätmittelalterlichen Scholastiker Thomas von Aquin (1224/25 - 1274) erhalten. Um einen "gerechten Krieg" (bellum iustum) zu führen, müssen drei Bedingungen erfüllt sein: es muss eine rechtmäßige Macht (auctoritas principis) geben, die keiner Oberherrschaft unterliegt. Sie muss nach der Devise handeln, durch Krieg die gestörte Rechtsordnung und den Frieden wiederherzustellen (recta intentio), und sie muss aus "gerechtem Grund" (iusta causa) eingreifen. Diese "Theorie" erwies sich in der Praxis immer als undurchführbar, allein schon deshalb, weil es für die Beurteilung des "gerechten Grundes" keine unparteiische Instanz der Entscheidung gibt. Gäbe es die, wäre die erste Bedingung, wonach Krieg nur führen darf, wer keine Oberherrschaft über sich hat, nicht erfüllt. Im sich ausbildenden System konkurrierender souveräner Staaten galt zwar die erste Bedingung, aber gleichzeitig handhabte jeder Staat den Umgang mit den "gerechten Gründen" ganz pragmatisch - nach eigenen Interessen und seiner Willkür.
Seit der Frühen Neuzeit beanspruchten alle souveränen Staaten für sich das Recht, Kriege zu führen und zwar unabhängig von der christlichen Triftigkeit der Gründe. Bis ins 20. Jahrhundert besaß jeder Staat gewissermaßen ein autonomes Kriegsführungsrecht. Abgeschafft wurde dies erst durch den Briand-Kellogg-Pakt (1928) und die UN-Charta (1945), die eine souveräne Gewaltanwendung von Einzelstaaten begrenzen beziehungsweise verbieten.
Die "Theorie", auf die sich die amerikanischen Autoren berufen, spielte bisher in der praktischen Politik nur in einem Fall eine Rolle, und der hat es in sich. In Verbindung mit Kolonialverträgen taucht auch die Formel vom "gerechten Krieg" auf, um Schuldzuschreibungen vornehmen zu können. Solche Verträge (wie die kolonialen Eroberungen generell) sind geprägt von einem Machtgefälle und der prinzipiellen Ungleichheit der Vertrags"partner": Der Eroberer erkannte Ansprüche von Eingeborenen nicht als gleichwertig an. Nachdem er das Land besetzt hatte, beanspruchte er die Rolle des Selbst"verteidigers", der seine Ansprüche notfalls im "gerechten Krieg" gegen die Einheimischen "verteidigte" - faktisch freilich erst durchsetzte. Die Spanier verklärten dies theologisch, indem sie sich das Recht auf die Verbreitung des christlichen Glaubens anmaßten.
Es wird nicht klar, was die 60 Amerikaner meinen, wenn sie sich auf "die Tradition ... der Theorie des gerechten Krieges" berufen. Ihre deutschen Kontrahenten hatten sicher Recht, als sie jeden Rekurs auf diese Tradition als abwegig abkanzelten. Weder die theologisch-politische Konstruktion noch die politische Praxis aus der Zeit der Kolonialkriege geben Argumente her, die in die Debatte über die politisch-moralische Beurteilung des "Krieges gegen den Terrorismus" in Afghanistan gehören. Es sei denn, man möchte das Verhältnis der USA zum Rest der Welt im Sinne einer kolonialen Hierarchie interpretieren. Auf die Antwort der deutschen Intellektuellen darf man gespannt sein.

00:00 23.08.2002

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