Digedags in Schönefeld

Schrittmacher Im DDR-Kultcomic „Mosaik“ wurde schon vor 50 Jahren für das Projekt eines „Zentralflughafen Berlin“ geworben und auf eine Science-Fiction-Version der DDR zurückgegriffen

Die Kontroversen um den Airport Berlin Brandenburg International (BBI) werden auch 2011 Bürger, Gerichte und Medien beschäftigen. Fast vergessen ist heute, dass schon einmal ein mit gewaltigen Mitteln in Angriff genommener Ausbau des Flugplatzes zum „Zentralflughafen Berlin-Schönefeld“ für landesweite Aufmerksamkeit im Osten Deutschlands sorgte. In den fünfziger und frühen sechziger Jahren. wurden solche Vorhaben in den DDR-Medien unisono als „Großtaten des Sozialismus“ gefeiert. Selbst der 1955 als Ostberliner Gegenentwurf zu ­Micky Maus ins Leben gerufene Kultcomic Mosaik fand sich von 1958 bis 1960 eingebunden. Dass dessen Helden – die Digedags – bis heute Kultstatus genießen, verdanken sie freilich weniger ihren damaligen Debatten mit Metallurgen und Flugzeugkonstrukteuren als viel mehr späteren Abenteuern mit dalmatinischen Seeräubern, am byzantinischen Kaiserhof oder in den Prärien des amerikanischen Westens.

Auf Geheiß von Bruno Peterson, Leiter des Verlages Neues Leben, in dem die Mosaik-Hefte anfangs erschienen, müssen sich die Digedags, die sich gerade als Prä-Asterixe im alten Rom profiliert haben, ab Dezember 1958 plötzlich Aktualitäten zuwenden. So folgen die Hefte der Jahrgänge 1959 und 1960 inhaltlich ökonomischen Entscheidungen, wie sie im Januar 1957 von der 30. Tagung des SED-Zen­tralkomitees getroffen und später präzisiert werden. Das Mosaik kreiert in der nach dem Handlungsort – einem erdähnlichen Planeten – als „Neos-Serie“ bezeichneten Heftfolge eine Science-Fiction-Version der DDR. Über zwei Jahre tummelt man sich auf Großbaustellen wie dem Eisenhüttenkombinat Ost oder dem Petrochemischen Kombinat Schwedt. Johannes Hegenbarth – künstlerischer Leiter des Teams und unter seinem Pseudonym Hannes Hegen inzwischen eine Legende – wendet sich mit seinen Mitarbeitern im Berlin-Karlshorster Atelier widerstrebend der neuen Aufgabe zu. Man bemüht sich, eine allzu dröge Didaktik mit anachronistisch anmutenden Szenen aus UFA-Lustspielen, Disney-Zeichentrickerfolgen oder Hollywood-Filmen aufzulockern. Solcherart Westkultur genießt man bis zum Mauerbau 1961 bei Kinobesuchen im Westberliner Zoo-Palast. So wandeln schließlich auch Heinz Rühmann oder Harry Belafonte durch die pittoreske sozialistische Zukunftslandschaft.

Bereits 1947 haben die sowjetischen Besatzungsbehörden den Um- und Ausbau des – bis dahin militärisch genutzten – Flughafens Schönefeld für die zivile Luftfahrt dekretiert. 1955 wird das Flugfeld den DDR-Behörden übergeben. Für die besitzt der ins Auge gefasste „Zentralflughafen Berlin-Schönefeld“ einen maßgeblichen Vorteil – er liegt außerhalb der Sektorengrenzen Berlins, so dass man keine Kontrollen der Westmächte über sich ergehen lassen muss. 1957 wird die riesige Baustelle zum „Zentralen Jugendobjekt“ erklärt und damit der FDJ übertragen. Nun schwingen dort auch Studenten in freiwilligen Arbeitseinsätzen Hacke und Spaten. Und so ist denn auch das Mosaik – es erscheint ab 1960 im FDJ-Verlag Junge Welt – gefordert.

Unter dem Titel Ein rätselhafter Fund widmet sich das Februarheft 1960 dem Flughafenbau. Der Text zu einem doppelseitigen Panorama erläutert: „Der Neos ist Euch Erdbewohnern, wie Ihr schon gemerkt haben werdet, in der Technik immer ein paar Jahre voraus, aber viele Dinge, die ich Euch erkläre, gibt es schon auf der Erde oder es wird sie dort bald geben. Auch die Anlage dieses Flugplatzes, an dessen Ausbau die Digedags mitgearbeitet haben [...] wird bald auf der Erde verwirklicht werden: Der Zentralflughafen Berlin-Schönefeld.“ Mit ihren Grafiken halten sich die Blattmacher an die seinerzeit öffentlich präsentierten Modelle. Sie können im Jahr 1959 während der Leipziger Frühjahrsmesse so etwas wie den „Pavillon der volkseigenen Luftfahrtindustrie“ besichtigen. Doch gibt es keine Gigantomanie, die offiziellen Schönefeld-Pläne nehmen in einem eher bescheidenen Umfang Gestalt an. Dass die ursprünglich erstrebten Ausmaße erst mehr als ein halbes Jahrhundert später – unter der Ägide des damals auch mit dem Comic bekämpften Klassenfeindes – erreicht werden sollen, ahnt niemand.

Vor Optimismus und Arbeitsfreude strotzend, schließen sich die Digedags einer fröhlichen Studentenbrigade auf dem Flugplatz an. Nur Balduin, natürlich kein Arbeiter- und Bauernkind, sondern ein verzogener Professorenspross, tanzt aus der Reihe. Unter dem Vorwand, nach der verschollenen Nase einer Götterfigur forschen zu müssen, versucht er, sich zu drücken. Die erbosten Digedags wollen ihn ärgern und spielen ihm eine selbstgebastelte Nase in die Hände. Entzückt informiert Balduin das „Institut für Frühgeschichte“ über seinen Fund. Umgehend erscheint ein Grabungsteam auf der Baustelle, dessen Leiter, der „Assistent Schürf“, Homburger, Schlips und Kragen trägt.

Mosaik geht mit dieser Karikatur einmal mehr auf Tuchfühlung mit dem Zeitgeist im Osten. Seinerzeit werden nicht zuletzt aus wirtschaftlichem Ehrgeiz die dringend benötigten technischen Berufe favorisiert. Die Geschichtswissenschaft sieht sich hingegen gehalten, etwas für die historische Legitimation der DDR zu tun. Rigobert Günter, später einer der führenden DDR-Historiker, schreibt in einem Aufsatz: „Mehr und mehr müssen unsere Althistoriker beweisen, dass sie Anhänger des schöpferischen Marxismus sind.“ Und ein Kollege Günters bemängelt 1983 rückblickend, dass es während der sechziger Jahre in den Forschungsinstituten noch konservative Kräfte gab, die sich reserviert verhielten. Wer also im Mosaik einen Althistoriker bürgerlicher Herkunft als produktionshemmendes Relikt karikiert, der hat festen Boden unter den Füßen.

Und so geht die Mosaik-Geschichte weiter: Begierig auf weitere Funde glaubt Assistent Schürf den Beteuerungen der Digedags hinsichtlich der falschen Nase nicht und will das Flugplatzgelände sperren lassen. Doch die herrschende Klasse lässt sich in ihrem Aufbauwerk von Exponenten einer lediglich verbündeten Schicht nicht beirren. Baggerführer unterhöhlen den Standort des eifernden Wissenschaftlers solange, bis alles in sich zusammenstürzt. Lapidar konstatiert ein zukunftsbewusster Student: „Die Bauarbeiten können weitergehen.“

Trotz dieses linientreuen Umgangs mit störenden Elementen erregt dieses Heft das Missfallen der Verlagsoberen. In einer Vorlage an das Sekretariat der Pionierorganisation bemängelt Chefredakteur Hans Ehrhardt: „Ein besonders drastisches Beispiel ist das Heft 39 (Februar). Der Themenplan sah vor: Flugplatzbau. Mit einer Gruppe von Studenten arbeiten Dig und Dag im Arbeitseinsatz beim Bau eines modernen Flugplatzes. Grafisch wird die Anlage nach Zeichnungsunterlagen der Deutschen Lufthansa für den Flugplatz Berlin-Schönefeld gestaltet. Herr Hegenbarth machte daraus eine einzige primitive Geschichte mit einem halbblöden Studenten, obwohl sich die Gestaltung unseres zukünftigen Flughafens Schönefeld regelrecht anbot und eine ausgezeichnete Gelegenheit war, die Kinder anhand dieses großartigen Objekts unseres Siebenjahrplans für die sozialistische Perspektive zu begeistern und ein Stück Erziehungsarbeit für den Sozialismus zu leisten.“ Nach soviel Kritik verlassen Dig und Dag im Augustheft 1960 den Planeten Neos. Erst ihre späteren Abenteuer als Knappen des fränkischen Ritters Runkel von Rübenstein im 13. Jahrhundert sichern ihnen bis heute einen Platz im Pantheon der europäischen Comic-Helden. 2010 erhielt ihr Spiritus Rector Hannes Hegen das Bundesverdienstkreuz. Die Legende vom allzeit unpolitischen Charakter des Mosaik, diesem sympathischen Exoten im DDR-Blätterwald, gehört zu den Facetten eines Mythos um die Digedags.

Thomas Kramer ist Privatdozent an der Humboldt-Universität und hat als Forscher auch kulturgeschichtliche Quellen des Mosaik freigelegt

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11:30 16.02.2011

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