Digitale Dämonen

Zukunft Bedroht das Internet reale Jobs? Eine Studie verbreitet Panik. Aber dahinter steckt vor allem heiße Luft
Digitale Dämonen
Erreiche ich mit meinem Job noch die Rente oder kommen die Roboter schneller?

Foto: Gerard Julien/AFP/Getty Images

Viele Bundesbürgerinnen und -bürger leben in einer merkwürdigen Schizophrenie. Einerseits geht es ihnen materiell gut wie lange nicht. Höhere Löhne, mehr Arbeitsplätze. Die neue Große Koalition, so sie denn zustande kommt, verspricht weitere finanzielle Verbesserungen für breite Schichten – weniger Steuern, mehr Kindergeld, Zuschüsse zum Wohnungskauf. Rund 20 Prozent der Bevölkerung stecken zwar in prekären Verhältnissen, aber die große Mehrheit könnte den augenblicklichen Wirtschaftsboom genießen. Wenn da nicht eine Sorge wäre: Erreiche ich mit meinem Job noch die Rente. Oder kommen die Roboter schneller?

Horrormeldungen über die Digitalisierung und ihre katastrophalen Auswirkungen geistern viele herum. Jüngstes Beispiel ist eine Studie des Verbandes Bitkom, die die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) publiziert hat. Bitkom befragte 505 bundesdeutsche Unternehmen mit über 20 Beschäftigten. 25 Prozent davon – das sind 126 Firmen – betrachten ihre Existenz infolge der Digitalisierung als „gefährdet“. Das hat Bitkom auf die gesamte deutsche Wirtschaft „hochgerechnet“. Ergebnis: 3,4 Millionen Stellen seien bedroht. Die FAZ fabuliert: „Digitalisierung zerstört 3,4 Millionen Stellen“. Und zwar bis 2022.

Man kann hier schön den Weg von persönlicher Einschätzung über Statistik zu Stuss studieren. Sicher, die Welt dreht sich weiter. 1970 bot das bundesdeutsche verarbeitende Gewerbe knapp zehn Millionen Menschen Arbeit. 2006 waren es noch rund sechs Millionen Stellen. Dazwischen lag eine lange Strecke der Produktivitätssteigerung. Durch mehr Einsatz von Kapital und Technik stellen weniger Arbeitnehmer mehr Güter her. Ein ähnlicher Prozess wiederholt sich im Zuge der Digitalisierung – möglicherweise schneller. Aber bis selbstfahrende Lkw alle Lastwagenfahrer arbeitslos gemacht haben, gehen mehr Jahre ins Land als vier.

Wie ungenau das Geschäft mit der Zukunft ist, zeigt die Spannbreite der Schätzungen. Die einen sagen, 80 Prozent aller heutigen Jobs würden in den nächsten Jahrzehnten verschwinden, vorsichtige Ökonomen begnügen sich mit zehn Prozent. In ihrer vielzitierten Studie kamen die Oxford-Wissenschaftler Carl Benedikt Frey und Michael Osborne 2013 zu dem Ergebnis, in den kommenden 10 bis 20 Jahren würden die Berufe von 47 Prozent der US-Beschäftigten stark durch die Automatisierung bedroht. Überträgt man die Kriterien auf Deutschland, liegt der entsprechende Anteil bei 42 Prozent. Ist deshalb anzunehmen, dass knapp die Hälfte der Stellen in 20 Jahren verschwindet und die Beschäftigten arbeitslos sind? Nein. So schätzt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit, dass die Digitalisierung bis 2025 keine erheblichen Auswirkungen auf die Zahl der Stellen hierzulande hat.

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) kommt für die nächsten beiden Jahrzehnte zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Automatisierung verändert Berufsbilder zwar, eliminiert sie aber nicht. Zum Beispiel Lkw-Fahrer: Denen nimmt die Computersteuerung vermutlich nach und nach die Tätigkeit des Fahrens weg, jedoch werden die menschlichen Lenker nicht komplett überflüssig. Vorläufig braucht man sie dafür, die Autopiloten zu überwachen und im Notfall einzugreifen. Weil das keine tagesfüllende Beschäftigung ist, erledigen sie während der Fahrt im Führerhaus zusätzlich vielleicht Bürotätigkeiten.

Darüber hinaus lässt die Digitalisierung jede Menge neue Arbeitsplätze entstehen – man denke an den Boom des Onlinehandels. Der stationäre Einzelhandel bietet später eventuell weniger Stellen. An automatisierten Kassen sitzen dann keine Kassiererinnen und Kassierer mehr. Aber Milliarden von Paketen wollen individuell bestückt, verpackt, transportiert und geliefert werden. Dass die gesamte Zustellkette automatisch funktioniert, ist Utopie. Soll der Lieferroboter mit der heißen Pizza das Treppenhaus bis zum fünften Stock erklimmen oder die Drohne ans Fenster klopfen? In jedem Fall wird der Programmieraufwand dramatisch zunehmen – Millionen Datenspezialisten sind hier gefragt.

Hinzu kommt der Effekt der Demografie. Bisher gehen wir davon aus, dass die Zahl der aktiven Arbeitnehmenden in Deutschland während der kommenden Jahrzehnte abnimmt und Arbeitskräftemangel herrscht. Deshalb macht es vielleicht gar nichts, wenn dank der Digitalisierung ein paar Arbeitsplätze wegfallen. Wie sich solche Entwicklungen verstärken, abschwächen oder ausgleichen, ist für einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten kaum verlässlich vorherzusagen.

Richtig bleibt trotzdem: Wir müssen uns vorbereiten, und zwar schnell, etwa im Bildungssystem. So ist die Idee von Ex-Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) gut, allen Arbeitnehmerinnen und -nehmern einen mehrjährigen, staatlich finanzierten Fortbildungsanspruch zu garantieren, den sie im Laufe des Berufslebens einlösen. Weil viele Arbeitsplätze in Dienstleistungsberufen schlechter bezahlt und abgesichert sind als industrielle Jobs, steht auch eine Renovierung des Sozialstaates an. Die Sozialabgaben für niedrige Einkommen müssen sinken. Ein staatliches Grundeinkommen für Bedürftige sollte die Armut mildern. Solche Reformen können helfen, die Welle der Digitalisierung zu reiten.

06:00 10.02.2018

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