Digitaler Flickenteppich

Crash über dem Bodensee Ist die Technosphäre sicherer als die Wildnis, die sie ersetzen soll?

Zwei Flugzeuge sind zusammengestoßen, über 70 Menschen gestorben. Ein Expertenteam arbeitet fieberhaft daran, die Ursachen der Katastrophe zu ermitteln. Irgendwann wird es einen in dürren Worten formulierten Bericht geben, der möglicherweise eine unglückliche Verkettung von menschlichem und technischem Versagen diagnostiziert, einige Verbesserungsvorschläge bereithält - und wieder einmal unser Weltbild erschüttert.

Denn in diesem Weltbild sind Unbestimmtheit und Zufall nicht vorgesehen. Noch immer hängt es dem Ideal der Allberechenbarkeit und damit Beherrschbarkeit der Welt an, das vor allem der französische Mathematiker Pierre-Simon Laplace formuliert hat. Berechnung und Beherrschung sind beileibe kein Hirngespinst gewesen, sondern die Grundlage einer hochtechnisierten Zivilisation, die Menschen zum Mond und wieder zurück bringt oder in einem weltumspannenden Kommunikationsnetz miteinander verbindet. Meistens funktioniert ja auch alles.
Und doch führt uns das Laplacesche Denken in die Irre. Es vernebelt ein Verständnis jener "Technosphäre", in die wir unsere Umwelt seit Jahrzehnten verwandeln. Hier werden wir mit ganz neuen komplexen Systemen konfrontiert, von denen auch wir ein Teil sind. Dazu gehören Finanzmärkte ebenso wie der internationale Flugverkehr.

Komplex heißt aber nun nicht kompliziert, sondern meint das Verschwinden einer klaren Zuordnung von Ursache und Wirkung. Das ist die Botschaft hinter den Theorien von Chaos und Komplexität - mitunter auch "Chaoplexity" genannt. Leider gingen diese neuen Ansätze des Denkens weitgehend unter, weil sie aus dem Studium skurriler Themen gewonnen wurden, wie tropfende Wasserhähne, abnehmende Hasenpopulationen oder unregelmäßige Küstenlinien. Dass man monokausalen Erklärungen nicht vertrauen soll, hatte jeder schon einmal im Geschichtsunterricht gehört. Nun ist dieser Argwohn auch in die Domäne von Naturwissenschaft und Technik eingebrochen.

Doch es kommt noch schlimmer. Technische Systeme sind heute immer computergestützte Systeme. Sie basieren auf Software-Codes - und die enthalten unausweichlich Fehler. Das hat selten mit Inkompetenz zu tun, eher schon mit den ökonomischen Bedingungen von Programmentwicklung. Weil die Kosten gedrückt werden müssen, wird die Testphase, die wichtigste Phase in der Entwicklung von Software überhaupt, mitunter drastisch verkürzt. Ein falsches Komma im Code macht diesen nicht unbedingt funktionsuntüchtig, sorgt aber möglicherweise zur Unzeit für einen Systemabsturz.

Das entscheidendere Problem ist jedoch, dass die Architektur von Software-Systemen oft nicht mehr überschaubar ist, weil sie kaum aus einem Guss entsteht, sondern in Teilen rasch veraltet und dann umgeschrieben wird, um mit neuen Programmen interagieren oder unvorhergesehene Aufgaben erfüllen zu können. Das führt etwa dazu, dass Code-Kathedralen wie Microsofts Windows - es umfasst etwa 30 Millionen Zeilen - jeden Monat mit neuen Software-Flicken, "Patches" genannt, erweitert wird. Auch das Kollisionswarnsystem TCAS, das die beiden Flugzeuge über dem Bodensee nicht rechtzeitig warnte, hat Mitte der 90er Jahre ein derartiges Patch verpasst bekommen.

Die amerikanische Computer-Ethikerin Helen Nissenbaum hat einmal Programmfehler als "natürliches Risiko eines jeden umfangreichen Software-Systems" bezeichnet. Das bedeutet letztlich: Die Technosphäre, die wir bauen, ist nicht viel sicherer als die Wildnis, die sie ersetzen soll. Das lässt sich vielleicht noch ertragen. Beängstigend ist aber, dass wir nichts mehr haben, auf das wir die Verantwortung für moderne Katastrophen abschieben können: keine Natur, keine höhere Gewalt - aber auch kein Individuum.

02:00 12.07.2002

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