Digitaler Terror

Bedrohung Florian Rötzer beschreibt, wie moderne Cyberangriffe funktionieren – und wie gefährlich die Strategie des Präventivschlags ist
Wolfgang Michal | Ausgabe 42/2015 3

Zweieinhalb Milliarden Menschen sind derzeit online und 12,5 Milliarden Geräte digital vernetzt. So steht es im Handbuch der NATO für die „Nationale Cybersicherheit“. In fünf Jahren werden fünf Milliarden Menschen Zugang zum globalen Netz besitzen und 50 Milliarden Dinge mit dem Internet verbunden sein – das bedeutet, die Verletzlichkeit unseres Lebensstils steigt ins Unermessliche. Wie lassen sich digitale Netzwerke, Banken, Behörden oder Rechenzentren schützen, wenn alles, was über Computernetze läuft, gehackt, lahmgelegt und von außen manipuliert werden kann? Das alles sind Fragen, die sich auch die Militärstrategen stellen, die in Florian Rötzers Buch Smart Cities im Cyberwar zu Wort kommen.

Cyberangriffe gehen von Staaten aus, aber auch von Aufständischen, Hackern, Politaktivisten, Geheimdiensten oder Terrormilizen. Der Aufwand für einen Angriff ist relativ gering, der Schaden möglicherweise immens. Ein komplexer Computervirus, ein „Wurm“ wie Stuxnet, eine computergesteuerte Massenanfrage (DDoS-Angriff), eine mit Sprengstoff beladene Drohne oder ein von einer schmutzigen Bombe erzeugter elektromagnetischer Puls können fatale Kettenreaktionen auslösen und lassen Politiker schnell vom bedrohlichen Cyberkrieg sprechen.

Im Wahlkampf 2008 sagte Barack Obama vor Studenten: „Heute müssen wir uns auf nukleare, biologische und Cyberbedrohungen konzentrieren – drei Bedrohungen des 21. Jahrhunderts, die während der letzten acht Jahre vernachlässigt wurden ... Jeder Amerikaner hängt direkt oder indirekt von unserem System von Informationsnetzen ab. Sie bilden das Rückgrat unserer Wirtschaft und unserer Infrastruktur – unserer nationalen Sicherheit und unserer persönlichen Wohlfahrt ...“

Umbau nach US-Vorbild

Obama musste nicht bei null anfangen. Schon 1995 hatten US-Strategen das Konzept des „Network Centric Warfare“ entwickelt – die „netzwerk-zentrierte Kriegführung“, deren Aufgabe es ist, militärische Überlegenheit durch „Informationsüberlegenheit“ zu gewährleisten. 2001 – nach den Anschlägen in New York – wurde die netzwerk-zentrierte Kriegführung durch das Konzept des Info- oder Net-Wars ergänzt: Mittels Beeinflussung der Massenmedien und der sozialen Netzwerke sollte die Kriegführung auch propagandistisch flankiert werden. 2003 folgte die Einrichtung der „National Cyber Security Division“ im Rahmen des Heimatschutzes, 2005 etablierte die NSA das „Joint Functional Command for Network Warfare“, 2008 gründete sich das „Cooperative Cyber Defence Centre of Excellence“, das die NATO-Staaten unterstützt, und 2010 nahm das „United States Cyber Command“ als fester Bestandteil der US-Streitkräfte seinen Dienst auf.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen scheint diese Entwicklung nun nachahmen zu wollen. Mit der Vorstellung der „Strategischen Leitlinie Cyberverteidigung“ kündigte sie kürzlich an, die Bundeswehr nach US-Vorbild zu einer Cyberarmee umzubauen. Ihr Vorhaben könnte das Selbstverständnis der Militärs stärker verändern als die Abschaffung der Wehrpflicht oder die Umrüstung zur Interventionsarmee. Denn die Konzeption des Cyberwars ist die Zwillingsschwester des Antiterrorkriegs. Beide gehen vom Typus der asymmetrischen Kriegführung aus und setzen auf verdeckte Methoden des Guerillakriegs. Täuschung, Sabotage, Spionage und Attacken aus dem Hinterhalt sind bevorzugte „Wirkmittel“. Und das heißt: Mit der Integration der Cybertechniken in die Kriegsführung nähert sich das Militär den Handlungen seiner Gegner an – mit dem Unterschied, dass dieser Terror (etwa der Einsatz von Killerdrohnen) für „unser aller Wohlstand und Sicherheit“ eingesetzt wird.

Der Begriff des Cyberwar entstammt einem Aufsatz, den die US-Militärstrategen John Arquilla und David Ronfeldt 1993 in der Fachzeitschrift Comparative Strategy veröffentlichten. Arquilla, der für die militärnahe Denkfabrik RAND-Corporation arbeitete, hatte im ersten Irak-Krieg US-General Norman Schwarzkopf beraten, später auch Donald Rumsfeld. In dem Beitrag mit dem prophetischen Titel „Cyberwar is coming“ gehen Arquilla und Ronfeldt davon aus, dass die Zeit der großen Schlachten vorbei sei und sich der militärische Apparat von einer „schießenden“ in eine „wahrnehmende Organisation“ verwandeln müsse. In Beiträgen für die Zeitschrift Foreign Affairs hat Arquilla seine Theorie weiter verfeinert: Die Blitzkriege des 21. Jahrhunderts seien vor allem „Bits-Kriege“. Allwissende Geheimdienste und Big Data gehörten deshalb notwendigerweise zu einem militärischen Konzept, das auf Informationshoheit aufbaue. Nur mit totaler Überwachung und mithilfe vorbeugender Einbrüche in die Informationsnetze potenzieller Gegner sei es möglich, Schäden vom eigenen Land fernzuhalten. Der präventive Angriff sei der entscheidende Vorteil des Cyberkriegs. Vorbeugende Überwachung und präventive Erstschläge seien aber auch deshalb erforderlich, weil „für uns“ mehr auf dem Spiel stehe als für den Gegner.

„Unsere“ Städte – so Florian Rötzer – sind nämlich bereits so stark vernetzt, dass ein digitaler Funke genügt, um einen Flächenbrand mit unabsehbaren Folgen auszulösen. „Unsere“ Städte sind Turbos, die vier Fünftel der nationalen Wertschöpfung produzieren. Die vernetze Stadt – von Stadtplanern auch „smart city“ genannt – ist die Heimat des Internets der Dinge. In ihr surren Smart Cars durch smarte Straßen, erledigen Serviceroboter die Hausarbeit im Smart Home, während die Smart People der kreativen Klasse die Smart Economy in neue Höhen treiben und dabei von einer Smart Governance rund um die Uhr überwacht, umsorgt und reguliert werden. Eine Unterbrechung der Stromversorgung, ein Ausfall der Rechenzentren wäre der Super-GAU.

Die Cyberkriege des 21. Jahrhunderts, da sind sich die Experten erstaunlich einig, werden deshalb in smarten Metropolen wie Tokio, Seoul, New York oder Paris oder Shenzhen stattfinden, in Mega-Cities wie Mexiko City, Karatschi oder São Paulo. Ganz so wie die blutigen Vorläufer der Cyber-Kriege in den „wilden Städten“ tobten: in Mogadischu 1993, in Grosny 1995, in Bagdad und Falludscha 2003 und 2004, in Mossul, Aleppo und Gaza 2014. Die Spätfolgen dieser Kämpfe treiben den westlichen Militärs heute die Sorgenfalten ins Gesicht. Denn die „gescheiterten Städte“ könnten das Reservoir bilden, aus dem eines Tages digital zurückgeschlagen wird. In den unübersichtlichen, von Milizen kontrollierten „failed cities“ fänden Aufständische, Kriminelle, Terroristen und gemietete Söldner alle notwendigen Ressourcen und Einnahmequellen für ihre Anschlagspläne. Der australische Militärstratege David Kilcullen prophezeit denn auch in seinem 2013 veröffentlichten Buch Out of the Mountains die Rückkehr des Krieges aus den Bergen und Wüsten in die Städte und warnt vor einem „neuen Zeitalter der Stadtguerilla“.

Auch das Pentagon spielt solche Szenarien durch: „Es ist 2035, und eine Stadt mit mehr als 10 Millionen Einwohnern befindet sich durch eine Aufstandsbewegung, durch interne Korruption und nach einer Naturkatastrophe in Form einer großen Überflutung in einem kritischen Zustand.“ Wie soll das Militär reagieren?

Geheime Planspiele

Diese spannende Frage, die im Titel von Florian Rötzers Buch kurz aufscheint, bleibt leider unbeantwortet, weil das Pentagon die Ergebnisse solcher Planspiele geheim hält. Und so zerfällt das Buch etwas unglücklich in zwei Erzählstränge, die unverbunden nebeneinanderstehen – im vorderen Teil beschreibt Rötzer die Entwicklung der Städte von den Industriemetropolen des 20. Jahrhunderts bis zu den vernetzten Smart Cities, im hinteren Teil umreißt er die Entwicklung der Kriegführung vom Ende des Kalten Krieges bis zum kommenden Cyberkrieg. Mit Ausnahme einiger Filmemacher hat bislang niemand versucht, beide Erzählstränge so zu verknüpfen, dass der unheilvolle Zusammenhang deutlich wird.

Es zeigt sich nämlich, dass das Konzept der Cyberverteidigung den Dauerkrieg propagiert, weil Krieg und Frieden ununterscheidbar werden. Wenn ein Hackerangriff auf einen Regierungscomputer in der Gedankenwelt der Cyberstrategen schon als kriegerische Handlung gewertet wird, liegt die Schwelle zum Dauerkrieg auf dem untersten Level. Wenn Computerviren zu modernen Massenvernichtungswaffen erklärt werden, verschwimmen die Unterschiede zwischen psychologischer Kriegführung und massivem Waffeneinsatz, wenn bereits der mögliche Angriff auf die digitale Infrastruktur mit präventiven Geheimdienstoperationen unterbunden werden muss, kann die Abgrenzung zwischen Angriff und Verteidigung, zwischen Polizei, Geheimdiensten und Militär, zwischen Innen- und Außenpolitik nicht mehr gelingen. Und wenn buchstäblich jeder als potenzieller Kombattant eines Cyberkrieges infrage kommt, wird der Ausnahmezustand zur Normalität.

Info

Smart Cities im Cyberwar Florian Rötzer Westend Verlag 2015, 256 S., 14,99 €

Über die Bilder dieser Beilage

invisible photographer asia wählte ihn unter die 30 einflussreichsten Fotografen Asiens: Erik Prasetya. Geboren 1958 in Padang, einer Hafenstadt in der indonesischen Provinz West- Sumatra, arbeitet Prasetya nach einem Technikstudium zuerst in der Ölbranche, dann als Reporter. Er stellt fest, das Schreiben ist nicht seine Stärke – dafür die Fotografie! Seit über 20 Jahren dokumentiert er nun schon das Stadtleben der Hauptstadt Jakarta. Die meisten Fotografen zelebrierten eine Mittelklasse-Ästhetik zwischen Voyeurismus, Romantik, sogar Exotik, schreibt Prasetya einmal. Eine Ästhetik, die man überwinden müsse, um die „Wahrheit“ zu finden. Das Bildessay JAKARTA: estetika banal versammelt Aufnahmen in schwarz-weiß von 1990 bis 2010. Jakarta sei seit den Reformen eine andere Stadt, sagt Prasetya in einem Interview, der Verkehr sei natürlich immer noch schrecklich.

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