Digitalkunde für alle Schüler

Bildung Wir sollten die digitale Transformation aktiv mitgestalten, statt sie nur passiv zu erleben. Daher brauchen wir ein neues Schulfach
Digitalkunde für alle Schüler
Was sind die Risiken und Nebenwirkungen?
Bild: Privat

Die Digitalisierung revolutioniert unsere Wirtschaft. Das ist eine Binsenweisheit, die jeder von uns täglich erfahren kann. Zugleich beeinflussen und verändern digitale Technologien die Art wie wir miteinander leben, kommunizieren und arbeiten. Die Technologien werden auch das Lernen von Grund auf verändern. Bestimmte Fähigkeiten gewinnen durch die Digitalisierung an Bedeutung – andere entstehen völlig neu. Das heißt, wir müssen sie erst neu erlernen.

Bildung qualifiziert uns nicht nur in dem Sinne, dass wir Kompetenzen für ein gutes Leben erwerben. Bildung prägt unser Verständnis von Selbst- und Fremdbestimmung. Das ist der Kern der Humboldtschen Idee, die besonders in Deutschland die Vorstellung von Lernen nachhaltig prägt. Ihr herrschendes Leitmotiv ist, als Individuum Urteilsfähigkeit zu erlangen – durch Bildung, die mehr sein soll als Ausbildung. Digitale Medien sind geeignet, diesem Menschheitsthema eine neue Dimension zu geben, im Guten wie im Schlechten. Die digitalen Möglichkeiten erweitern unsere Chancen auf Partizipation. Sie können uns gleichwohl auch ablenken und isolieren.

"Wir müssen unsere Kinder auf die digitale Kultur vorbereiten, in der sie aufwachsen"

Was bedeutet das für unser Lernen? Dass wir dem Prozess der Digitalisierung keinesfalls passiv zusehen dürfen. Erst die Selbstreflektion über den Umgang mit Medien und Technologien macht uns souverän im Umgang mit ihnen – und zeigt uns, wo seine Grenzen liegen. Das darf nicht erst im Erwachsenenalter beginnen. Wir müssen unsere Kinder auf die digitale Kultur vorbereiten, in der sie aufwachsen.

Meines Erachtens muss digitale Kompetenz also eine basale Kulturtechnik werden, die jeder Mensch erlernen sollte. Genau wie Rechnen, Schreiben und Lesen wird die Fähigkeit zum selbstbewussten Umgang mit digitalen Geräten und Plattformen ins Zentrum der Bildungspläne rücken. Wir müssen die damit verbundenen Fähigkeiten aktiv fördern. Das bedeutet, unsere Schulen und Hochschulen neu zu denken.

In meinen Augen gehören drei übergeordnete Domänen dazu, wenn wir die Digitalisierung gestalten wollen.

1. Es geht um Teilhabe: Wie können wir die Digitalisierung selbst gestalten und verändern, indem wir ein Verständnis für die Leitsprache des Digitalen entwickeln – das Programmieren?

2. Es geht um Verhalten: Wie gehen wir mit den vielfältigen Möglichkeiten um, finden die richtigen Anwendungen und bewerten Inhalte reflektiert?

3. Es geht um Sicherheit: Wie bewegen wir uns sicher in einer digitalisierten Welt? Wie lernen wir von Risiken und Nebenwirkungen im Netz?

Meiner Ansicht nach brauchen wir für alle diese drei kulturellen Basiskompetenzen einen aktiven Zugang in der Schule. Ich verstehe darunter ein Lehr- und Lernangebot, das Schülern und Auszubildenden den bewussten, kritischen, konstruktiven und kreativen Umgang mit den digitalen Werkzeugen ermöglicht. Machen wir uns die Faszination für diese neue Welt zunutze. Ein Fach „Digitalkunde“ in der Schule ist dazu nicht der einzige oder etwa ein hinreichender Schritt – aber es stellt einen notwendigen ersten Schritt dar.

Nicht jeder wird Apps programmieren

Wir müssen zunächst verstehen, was das Digitale mit uns macht und was wir mit dem Digitalen machen können. Nicht jeder wird Apps programmieren und komplexe Anwendungen schreiben können oder wollen. Aber es ist wichtig, in digitalen Dimensionen denken zu können. Jeder soll wissen, wie es funktioniert und verstehen, was Technologien, die wir jeden Tag selbstverständlich nutzen, möglich machen.

Mitgestaltung bedeutet daher das tatsächliche Entwickeln und Gestalten im Maschinenraum der Digitalisierung: das so genannte Coden. Durch Digitale Bildung werden aus den Schülern und Auszubildenden von heute die „Helden von morgen“.

Auf digitaler Augenhöhe

Die wichtigsten Personen beim Lernen sind die Schüler. Ihre bedeutendsten Vorbilder und Begleiter aber sind die Lehrer. Digitale Bildung kann nur gelingen, wenn Lehrer ihre Schüler auf digitaler Augenhöhe unterrichten. Das erfordert eine veränderte Form des Lehrens und Lernens. Eine 1:1-Übertragung der analogen Inhalte auf digitale Devices kann nicht die Lösung sein.

Die Digitalisierung verändert auch Schule als Organisation. Unsere Schulen müssen schnell das volle Spektrum an IT-Kompetenzen erhalten. Aber es reicht kein Hausmeister, um die Potentiale und Chancen voll ausschöpfen zu können. Daher braucht es an jeder Schule und Hochschule eine kompetente Person, ich nenne sie den IT-Direktor. Bei ihm laufen, in Zusammenarbeit mit dem Schulleiter, alle digitalen Fäden zusammen. Er leitet ein Team, das den technologischen Support sicher stellt, das Kollegium über die pädagogischen Chancen informiert und mit den Lehrern digitale Didaktiken entwickelt.

Die Digitalisierung und was sie aus unserer Gesellschaft macht, ist zu wichtig, als dass wir sie nur einigen wenigen überlassen dürfen. Die Digitalisierung hat viele gesellschaftliche Bereiche demokratisiert. Dies würde ad absurdum geführt, wenn nur einige wenige diese Digitalisierung gestalten und verändern können. Das macht aus Digitaler Bildung nicht nur einen wirtschaftlich notwendigen Auftrag, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Digitalkunde und Coden ist also eine Grundvoraussetzung für die Erhaltung von Demokratie und Selbstbestimmung in einer modernen digitalen Gesellschaft.

Digitalisierung darf nicht Popkultur sein

Ich spreche hier nicht von einer dünnen Legierung, die im Sinne einer digitalen Popkultur alle und alles erfasst. Ich finde, dass wir im Gegenteil dafür Sorge tragen sollten, dass die Digitalisierung keine Popkultur wird. Der Begriff Pop beschreibt ja etwas Begrenztes – sowohl was die zeitliche als auch die gesellschaftliche Dimension anbelangt. Das würde zu kurz greifen. Die Digitalisierung ist gekommen, um zu bleiben. Man muss sie als einen permanenten Prozess verstehen, der Auswirkungen in alle Bereiche der gesamten Gesellschaft hat – über Grenzen und Kulturen hinweg. Nur dann ist man sich der Notwendigkeit bewusst, dass jeder den Umgang mit Technologien und Medien zu durchschauen lernt.

Das wesentlich Neue des Digitalen besteht darin, dass die sozialen Interaktionen nicht etwa weniger werden, wie viele meinen. Im Gegenteil, Kommunikation und Kooperation werden sogar intensiviert. Das bringt Menschen näher zusammen – manchmal auf eine durchaus zwiespältige Art. Digitale Orte und Foren ermöglichen das Kennenlernen und den Austausch zwischen Menschen, die physisch weit entfernt sein können. Darin stecken enorme Potenziale – und Risiken. Weil auch Akteure mit schlechten Absichten sich uns nähern können, ohne vorher an der Tür anzuklopfen oder sich persönlich vorzustellen.

Das Fach Digitalkunde

Die Menge an Informationen, die für uns via digitaler Technologie zugänglich sind, hat in den vergangenen Jahren explosiv zugenommen. Eine Abnahme ist nicht in Sicht. Eine Regulierung von außen ist schwer vorstellbar. Es ist daher an jedem einzelnen, einen Weg zu finden, entsprechend der eigenen Bedürfnisse und Grenzen damit umzugehen. Dies zu lernen ist Teil eines digitalen Ethos und einer neuen Kultur. Ein Fach Digitalkunde kann, nein muss Kinder frühzeitig für dieses Thema sensibilisieren – mit all' seinen Chancen und Risiken.

Das beginnt bei der Grundfrage: Welche Information ist für mich relevant? Was kann ausgeblendet und ignoriert werden? Aber es führt auch zu der Frage, wer eigentlich hinter den Informationen steht, die uns nahe kommen: Mit wem teile ich welche Information? Und mit wem teile ich bestimmte Eindrücke, Erlebnisse und Erfahrungen besser nicht – weil ich ihn (noch) nicht kenne? Es muss sich also eine Etikette im verantwortungsvollen Umgang mit Nachrichten und Informationen etablieren.

"Wir müssen die Risiken beim Namen nennen. Wir dürfen auch die Augen vor Cybermobbing und Cybergrooming nicht verschließen"

Ich habe drei Kinder. Ich schaue genau darauf, wie etwa meine älteste Tochter ihr Smartphone benutzt. Als Elternteil habe ich die Verantwortung, das zu beobachten, zu unterstützen, aber auch Regeln und Vorsichtsmaßnahmen mit dem Kind zu vereinbaren. Dazu gehört selbstverständlich nicht nur die breite Palette an Chancen, sondern ein – altersgerechter – Blick auf die Risiken. Ich befürchte, wir werden das nicht anders schaffen, als auch diese beim Namen zu nennen. Das bedeutet, wir müssen über Datenschutz und Suchtverhalten sprechen. Als Manager eines Unternehmens, das mit seinen Produkten und Services die Digitalisierung mitgestaltet, müssen wir uns dieser Verantwortung stellen. Wir dürfen auch die Augen vor Cybermobbing und -grooming nicht verschließen. Kinder und Jugendliche berichten, dass sie in großer Zahl hasserfüllte Kommentare erleben. Und dass sie immer wieder mit unerwünschten sexuellen Annäherungen konfrontiert sind.

Wir tun gut daran, die Augen davor nicht zu verschließen. Eine Digitalkunde soll die Tor zu den Chancen aufstoßen. Sie soll das Bewusstsein und die Abwehrreaktionen für Risiken schärfen. Beides hat das gleiche Ziel: Humboldts Mündigkeit auch unter den Bedingungen des Netzes zum Mittel und Zweck unserer jungen Bürger zu machen.

Steffen Ganders ist Director Corporate Affairs bei der Samsung Electronics GmbH. Er verantwortet den Bereich politische Kommunikation und gesellschaftliches Engagement und setzt sich in dieser Funktion unter anderem für digitale Bildung ein

11:49 16.11.2016

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