Disco

A–Z In der Schweiz gab es jetzt Verbote für Silent Discos, in denen die Musik nicht aus Boxen, sondern aus Funkkopfhörern kommt – die Leute sangen zu laut mit. Das Lexikon
der Freitag | Ausgabe 07/2016
Disco
Foto: Matias Nieto/Cover/Getty Images

A

Ansteckung Wer auf Festivals schon mal einen jener erratischen Techno-Wikinger sah, der mit irrem Blick über die Wiese stapft und dabei aussieht wie Thorsten Legat auf LSD, mag beim Begriff Tanzwut direkt eine Vorstellung bekommen. Tatsächlich handelt es sich aber um ein massenhysterisches Phänomen aus dem Mittelalter. Mehrfach wurde dokumentiert, dass Menschenmengen tranceartig in der Öffentlichkeit tanzten – für Wochen.

Ein Fall ereignete sich 1518 in Strasbourg. Es begann mit einer einzigen Frau, nach einer Woche waren es 34 Menschen, nach einem Monat über 400. Die Gründe sind bis heute unklar. Womöglich lag es an psychoaktiven Pflanzen oder religiösen Kulten. Am plausibelsten scheint, dass es eine Art psychisch-pathologische Massenreaktion auf gesellschaftliches Elend (➝ Promidisco) war. Der Dauertanz als ekstatisches Zeichen, dass Gott einen verlassen hat. Nils Markwardt

B

Bubbles Lebt denn die alte Schaumparty noch? Gut, das Elend aus Blasen hat es in den Duden geschafft – eigentlich das beste Anzeichen für den nahenden Trendtod (➝ Zeitreise). Doch zu früh gefreut, denn die vielleicht scheußlichste Ausgeburt der Spaßgesellschaft hat die 90er Jahre überstanden. Worin das Vergnügen besteht, sich leicht bekleidet auf glitschigem Boden durch Schaumwände zu bewegen, gibt Rätsel auf. Sicher, das triste Ambiente von Dorfdiscos wird damit wirksam kaschiert. Man sieht wirklich gar nichts mehr, weshalb einem auch die Fratzen der umherzuckenden Flatrate-Sauf-Zombies erspart bleiben. Mit dem Rauchen ist’s dann auch vorbei – aber das hat sich gesetzlich ja eh erledigt. Der dohende Exitus durch Suffokation im Bubblebad ist hingegen akzeptiert. Ich übertreibe? In Österreich ist vor zwölf Jahren eine junge Frau erst ausgerutscht und dann am Boden liegend erstickt. So viel Spaß muss sein? Tobias Prüwer

C

Clubs Obwohl der dekonstruktivistische Philosoph Jacques Derrida bei fast allem, was er sich ausdachte, gründlich danebenlag, lässt sich in diesem Zusammenhang vielleicht doch eine zentrale Volte seines Schaffens kurzfristig fruchtbar machen. Der gelehrte Franzose hatte dereinst das Fabelwort différance erfunden, um – kurz und vereinfacht gesagt – die Willkürlichkeit begrifflicher Gegensatzpaare, etwa bei jenem von Mann und Frau, und deren unreflektierte Verwendung sichtbar zu machen. Die Geisteswissenschaften dankten es ihm mit der Erfindung zahlreicher Forschungsfelder.

Nun treffen wir auf eine exakt solche différance auch in der tatsächlich notwendigen Unterscheidung von Disco und Club. Wahrscheinlich meinte Jacques Derrida, von dem keine besonderen Discogeschichten überliefert sind, ursprünglich genau dies. Bleibt nur die Frage: Bekommt, wer behauptet, in der plumpen Großraumdisco (➝ Bubbles) ginge es allein um stumpfsinniges Besaufen, im elaborierten Club hingegen um die Feinheiten existenzieller Subkultur, auch so schnell Ärger mit dem Gleichstellungsbeauftragten? Timon Karl Kaleyta

D

Discokugel Als ich etwa elf Jahre alt war, waren Discokugeln eine beliebte Zimmerdekoration. Viele hatten die mit Spiegelplättchen verzierten Bälle an der Decke hängen, auch ohne Lichtanlage, deren Licht sie hätten streuen können. Über den Namen habe ich mir nie Gedanken gemacht, bis mir durch Filmaufnahmen aus den 20ern klar wurde, dass diese Kugel viel älter ist als die Disco selbst.

Denn während es Spielkugeln schon in den Tanzclubs der Weimarer Republik gab, erfanden die Franzosen die discothèque erst während des Zweiten Weltkriegs. Was zunächst eine Notlösung war, um den Mangel an Jazzmusikern auszugleichen, wurde bald eine Kunst für sich. Discjockeys, also ➝ DJs, avancierten von reinen Plattenauflegern zu eigenständigen Stars. In den 70ern entwickelte Disco sich sogar zu einem eigenen Musik- und Modestil. Natürlich mit Glitzerkugel. Sophie Elmenthaler

DJ Mit Erfindung der Schallplatte war auch der Beruf des Discjockeys geboren. Dank ihm konnten Gaststättenbetreiber nun kostengünstig eine komplette Tanzkapelle substituieren. Dem Maschinenführer des Industriezeitalters nicht unähnlich, ist der DJ aus marxistischer Sicht ein klassisches Beispiel für die Entfremdung des Menschen in und von seiner Arbeit. Aber der Kapitalismus hat wie so oft ein Schlupfloch gefunden: Aus dem entseelt plattenauflegenden Dienstleister wurde ein Soundartist, der aus den Umständen seiner prinzipiell eher stupiden Tätigkeit etwas völlig Neues schuf. Die Revolution kann also ausfallen (➝ Geschäftsjahr 1968), jedenfalls was die Diskotheken angeht. Uwe Buckesfeld

G

Geschäftsjahr 1968 In Sachen Bühnenzauber waren sie unschlagbar. Und auch das Rampenlicht scheuten sie nicht. Dass die sogenannten 68er das Flashlight auch noch selbst erfunden haben wollen, das irrlichternde Licht des Stroboskops, behauptete vor gut zehn Jahren Bernd Cailloux. In seinem Roman Geschäftsjahr 1968 durchmisst der immer etwas angefixte Held die unspektakulären Niederungen der Ökonomie (➝ Kaiser’s), indem er mit seinen tüftelnden Partnern den freiheitsversprechenden Blitz über den Tanzflächen der westdeutschen Republik aufleuchten lässt. Wenn die Leute „anders tanzen“, glauben Büdinger und Company nämlich, „werden sie auch bald die Welt anders sehen“. Doch wie so viele Start-ups nach ihnen scheitern sie, weil der „Volksblitz“ die politischen Erkenntnisse verdunkelt und das Geschäftsjahr 1968, zumindest in Sachen Gefühlshaushalt, negativ abschließt. Ulrike Baureithel

H

Halbwelt Mit kernigen Ansagen kennt sich der Wurzner Internethändler Markus Johnke aus: Als DJ Bergwerk tingelte der heutige Chef des Leipziger Pegida-Ablegers durch Diskotheken. Als Clubbetreiber (➝ Clubs) scheiterte Heinz Fischer, Initiator der Facebook-Seite für die Zwickauer Zwigida. Ein Großteil der Pegida-Organisatoren kommt aus der Disco- und Türsteherszene (➝ Racial Profiling), wie neulich das Zeit-Magazin feststellte.

Die Leute um Pegida-Chef Lutz Bachmann – O-Ton: „90 Prozent sind wirklich engster Freundeskreis“ – kennen sich aus der Disco und von Partys. Sie posieren mit Pömpeln (Saugglocken) auf dem Kopf, schauen mit glasigen Augen in die Kamera, fotografieren die Dekolletés ihrer Frauen. Bachmann selbst jobbte in einer Tabledancebar. Nach einem Intermezzo als Einbrecher und Drogenhändler gründete er eine Werbeagentur, arbeitete mit einem Stripclubbesitzer zusammen und schuf die Bordellwerbung für eine „Abfuck-Prämie“. Tobias Prüwer

K

Kaiser’s Kurz nachdem der Supermarkt im Berliner Winsviertel jene bunten Lampen (➝ Discokugel) bekommen hatte, unter denen Wurst und Käse in ungesunden Farben changieren, hatte meine Freundin Linda diesen bereits „Disco-Kaiser’s“ getauft. Auch, weil er mittlerweile bis Mitternacht geöffnet hat, weshalb das Partyvolk angeschickert in die Kühlregale langt und lärmend in den Kassenschlangen mäandert. Es dauerte nicht lange, bis eine Biermarke die Nische erkannte und ein „Event“ daraus bastelte. Eilfertig wurde ein Markt angemietet, und schon konnten sich die schnell gelangweilten Berliner zwischen Tiefkühlpizza und Dosenmais offiziell austoben. Steht bestimmt schon in irgendeinem Reiseblog. Elke Allenstein

P

Promidisco Über den Münchner „Nobelschuppen“ (Prinz München, Münchner Abendzeitung) P1 werden viele Geschichten kolportiert. Die Scorpions sollen nicht reingekommen sein, eben weil sie die Scorpions waren. Jennifer Lopez und Freunde hätten die Zeche geprellt und die 10.000 Mark später überwiesen. Und bei einer „Römer-Party“ hing wohl ein Student an einem Holzkreuz, während die Promis darunter Orgien feierten. Das erinnert an die Exzesse (➝ Ansteckung) im Studio 54 der New Yorker 70er und 80er Jahre, und so ist die bayrische Promidisco zu einem Mythos geworden. Ein Mythos kann freilich auch zerstört werden: Inzwischen hat die CSU eine After-Work-Party im P1 gefeiert. Benjamin Knödler

R

Racial Profiling „Du kommst hier nicht rein“ – diesen Satz hören junge Männer mit dunkler Haut von Türstehern überdurchschnittlich oft. Auf der Reeperbahn führte eine Beratungsstelle 2012 nach Beschwerden Selbstversuche durch. Ergebnis: Männer mit Migrationshintergrund wurden an der Clubtür systematisch ausgesiebt. Ein Student in Hannover klagte 2013 vor Gericht erfolgreich auf Schadenersatz wegen Diskriminierung am Einlass.

Trotzdem ändert sich nicht viel. In Freiburg verkündete kürzlich ein Club, Menschen mit Aufenthaltsgestattung ab sofort abzuweisen, wegen zunehmender Diebstähle und sexueller Belästigung. Die Betreiber rechtfertigen sich: Gruppen von jungen Arabern oder Türken würden nun mal öfter Stress machen als blonde Deutsche. Aber Menschen aufgrund des Phänotyps pauschal als problematisch einzustufen, ist und bleibt Rassismus (➝ Halbwelt). Wenn sich zwei blonde Deutsche in der Disco prügeln, werden ja auch nicht alle Blonden abgewiesen. Sophie Elmenthaler

S

Silent Feiern zu gehen, das ist in aller Regel ein soziales Happening. Umso absurder erscheinen die sogenannten Silent Discos, bei denen die Musik jedem einzelnen Besucher auf Funkkopfhörer übertragen wird. Man muss sich das einmal vorstellen. Da zieht man gemeinsam los, um sich dann abzuschotten. Vielleicht sind Silent Discos aber auch einfach nur das ehrlichere Modell. Denn auch wenn die Musik aus Lautsprechern dröhnt, ist man oft auf sich selbst zurückgeworfen, allein mit der Musik und seinen Gedanken. Bei der Silent Disco wird das zumindest sichtbar. Und vielleicht entspricht das Prinzip auch schlicht einer zunehmenden Individualisierung (➝ DJ). Irgendwie etwas bedrückend, doch es gibt auch Hoffnung: Im schweizerischen Lausanne wurden mehrere Silent Discos nicht genehmigt, weil die Besucher zu laut mitsangen. Unterm Kopfhörer ist man Mensch, hier kann man sein. Benjamin Knödler

Z

Zeitreise In meiner Jugend in den 80ern war es für den sozialen Status ungeheuer wichtig, stets in die richtigen ➝ Clubs zu gehen, in denen stets die richtige Musik gespielt wurde. Das scheint sich heute relativiert zu haben. Oder aber meine untrainierten wie uninteressierten Ohren können bloß die Musikstile nicht mehr auseinanderhalten.

Gelegentliche Besuche von „Ü“-Tanzveranstaltungen für Freunde der Musik vergangener  Dekaden sind eher eine Zeitreise für mich, zumal es meinen damals favorisierten Club noch nahezu unverändert gibt. An der Schwelle zum fünften Lebensjahrzehnt muss ich mich ohnehin langsam mit Sitztanz anfreunden und frage mich, ob es den wohl auch nach Sparten sortiert geben wird. Rollatoren eignen sich vorzüglich zur Unterstützung eines New-Wave-Schreittanzes. Uwe Buckesfeld

06:00 02.03.2016
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