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Afghanistan Eine CIA-Studie nimmt sich der kriegsmüden Deutschen und Franzosen an. Sie sollen den in Afghanistan heraufziehenden Entscheidungsschlachten nicht verloren gehen

Der moderne Krieg“, konstatierte Kurt Tucholsky im Jahr 1925, „hat wirtschaftliche Ursachen. Die Möglichkeit, ihn vorzubereiten und auf ein Signal Ackergräben mit Schlachtopfern zu füllen, ist nur gegeben, wenn diese Tätigkeit des Mordens vorher durch beharrliche Bearbeitung der Massen als etwas Sittliches hingestellt wird.“ Ob die Mitarbeiter bei der Central Intelligence Agency (CIA) diesen Autor studiert haben, mag dahinstehen. Wie der Historiker Andreas Elter in seiner vor Jahren bei Suhrkamp publizierten und aufschlussreichen Abhandlung über die Geschichte der US-Propaganda von 1917 – 2005 nachgewiesen hat, besitzt die Manipulation der öffentlichen Meinung jenseits des Atlantiks eine bemerkenswerte Tradition. Seit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg 1917 haben sich dortige Regierungsbehörden das wohl ausgeklügeltste Instrumentarium staatlich gesteuerter Propaganda auf diesem Planeten verschafft.

Ein aktuelles Beispiel hierfür ist das CONFIDENTIAL//NOFORN (US), ein als vertraulich klassifiziertes Memorandum, als dessen Verfasser die „CIA Red Cell“ firmiert, ein Team von Geheimdienstlern, das vom CIA-Direktorium nach eigener Aussage damit beauftragt ist, „über den Tellerrand zu blicken“, „zum Nachdenken anzuregen“ und „alternative Sichtweisen anzubieten“. Angesichts der desaströsen Lage, in die sich die NATO auf dem afghanischen Kriegsschauplatz manövriert hat, erscheint ein solcher Ansatz angebracht. Kritik am Sterben und Töten in Zentralasien greift immer weiter um sich an der Heimatfront.

Schuldgefühle auslösen

Kaum verwunderlich, dass die Spin-Doktoren im US-Geheimdienst ihre Denkschrift mit dem Titel versahen: Afghanistan: Sustaining West European Support for the NATO-led Mission. Mit anderen Worten, wie kann in den Reihen der westeuropäischen Alliierten die Hinwendung zum NATO-Einsatz am Hindukusch garantiert werden. Wozu eine Abwendung führt, zeigt der Sturz der niederländischen Regierung, die am Streit um den Rückzug des eigenen Truppenkontingents aus Afghanistan zerbrochen ist.

Es gilt demnach, die westeuropäische Öffentlichkeit soweit zu bringen, dass sie die im Sommer bei den geplanten Offensiven drohenden Opferzahlen unter den eigenen Soldaten wie der afghanischen Zivilbevölkerung toleriert. Dafür bedarf es eines maßgeschneiderten „Strategischen Kommunikationsprogramms“ für die beteiligten NATO-Staaten. Als Hauptadressaten identifizieren die US-Geheimdienstler Kriegsgegner und -skeptiker in Frankreich und Deutschland. Es soll präzise und zielgenau an den jeweiligen gesellschaftstypischen Kontexten angesetzt werden. Dreht sich nach Erkenntnis der CIA die Debatte in Frankreich vorrangig um mögliche Flüchtlingsströme sowie die Frage nach dem Nutzen der ISAF-Mission für die Afghanen überhaupt, habe man es in Deutschland mit der Auffassung zu tun: Afghanistan konstituiere kein deutsches Problem. Es sei prinzipiell abzulehnen, sich in bewaffnete Konflikte einzumischen.

Hindukusch statt Hindelang

Aus diesen Befunden resultieren spezifische Empfehlungen, wie die jeweiligen Regierungen für die Militärmission werben sollten. In Paris möge man die positiven Folgen der ISAF-Mission für die afghanische Zivilbevölkerung herauszustreichen, andererseits den Verlust an Reputation beklagen, die eine NATO-Niederlage heraufbeschwören werde. Wichtig sei es, eine Rückkehr der Taliban an die Macht aufzubauschen, um in der französischen Öffentlichkeit Schuldgefühle auszulösen. Auch seien Ängste unter den Franzosen zu schüren, sie könnten Auffangbecken einer Flüchtlingswelle sein.

Im Blick auf Deutschland raten die CIA-Instrukteure dazu, die Konsequenzen eines Scheiterns am Hindukusch für die nationalen Interessen der Bundesrepublik zu dramatisieren. Mit welch terroristischer Gefahr müsse das Land rechnen? Welche Herausforderung durch Drogenhandel oder Flüchtlingsmassen zeichne sich an? Besonderes Gewicht sollte auf das Gebot der Bündnissolidarität sowie die Pflicht zu humanitärer Hilfe gelegt werden – beides sei im deutschen Wertekanon verankert und müsse abgerufen werden.

Nationenübergreifend empfiehlt die „CIA Red Cell“, zum einen die Wertschätzung auszunutzen, die US-Präsident Obama beim jeweiligen Publikum genießt, um vermehrten Beistand für die Kriegsanstrengungen einzufordern. Zum anderen sollen gemäß Expertise Testimonien afghanischer Frauen dazu benutzt werden, die ISAF-Mission bei der Bekämpfung der Taliban schönzureden. Mit den Frauen habe man „ideale Vermittlerinnen, die dazu fähig seien, persönlich und glaubwürdig über ihre Erfahrungen unter dem Taliban-Regime, ihre Zukunftserwartungen und ihre Ängste im Falle eines Sieges der Taliban zu sprechen.“ Unbedingt müssten die französischen und deutschen Medien dafür eine Plattform bieten.

Auf welch fruchtbaren Boden die geheimdienstliche US-Kriegspropaganda hiesigen Ortes trifft, demonstrierte umgehend Josef Joffe, der Mitherausgeber des Wochenblattes Die Zeit. Am 22. April schrieb er einen Leitartikel (Titel Falsche Reflexe), wie ihn die US-Geheimdienstler nicht besser hätten formulieren können: „Die Deutschen tun sich schwer mit dem Krieg in Afghanistan. Wie Militär und Politik die Initiative zurückgewinnen können.“ Getreu der Maxime: Von der US-Propaganda lernen, heißt siegen lernen, beherzigt Joffe den Ratschlag der Kollegen aus Langley (Virginia) und verweist auf den „Widerstreit der Interessen, der die Afghanistanpolitik bestimmt.“ Das liest sich so: „Der Deutsche als solcher möchte den Gotteskriegern bestimmt nicht Afghanistan, geschweige denn den Atomstaat Pakistan nebenan überlassen. Er akzeptiert auch das Argument ‚Lieber Krieg am Hindukusch als in Hindelang‘. Und er schätzt die NATO, das älteste Bündnis der Welt, als unverzichtbare Rückversicherung.“

Und wie die Allianz den – Zitat Joffe – „Ordnungskrieg“ am Hindukusch doch noch gewinnen kann, weiß der Zeit-Herausgeber auch: „Die eigenen Hightech-Stärken gegen die Schwächen des Gegners ausspielen“, „Sensoren am Boden, in der Luft (Drohnen) und im Weltraum, aber bitte alles gut vernetzt in Echtzeit“, und außerdem „Kampf- und Transporthubschrauber, schnell reagierende Kampfjets und eine agile, aber optimal gepanzerte Truppe am Boden“.

Was allerdings eine politische Strategie für die Konfliktlösung in Afghanistan angeht, so vermeldet der Autor Fehlanzeige. Eines dagegen weiß er recht genau: „ ,Raus mit uns!‘ ist das Bekenntnis der Ohnmacht und die Absage an alle Politik in einer Gegend, wo die gefährlichsten Pathologien des 21. Jahrhunderts lauern.“ Angesichts solch intellektueller Pathologie vom Speersort drängt sich unwillkürlich das altbekannte Sprichwort auf: „Getretener Quark wird breit nicht stark!“ Gleichwohl sei dem Kriegsverkäufer Joffe der Satz anempfohlen, mit dem der eingangs zitierte Kurt Tucholsky alias Ignaz Wrobel seinen damaligen Artikel in Das Andere Deutschland fortgesetzt hatte: „Der Krieg ist aber unter allen Umständen tief unsittlich.“

Jürgen Rose ist Oberstleutnant der Bundeswehr a. D.

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13:00 13.05.2010

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