Disneyland ganz grün

Alltag In Frankreich ermöglicht ein Natur-Supermarkt einen sehr speziellen Kontakt zu Flora und Fauna. Bald will die Kette auch in Deutschland Läden eröffnen

Franzosen haben ein unkompliziertes Verhältnis zum Fortschritt. Deshalb kommen sie bisher ganz gut mit Nuklearversuchen und Atomkraftwerken klar. Während sich in Deutschland ganze Kleinstädte John Lennon-Lieder schmetternd an Eisenbahnschienen ketten, um Castor-Transporte zu stoppen, hat der erstaunte Beobachter den Eindruck, dass der gleiche Castor ungestört am ersten französischen Bahnhof nach der Grenze hält, damit sich der gewerkschaftlich organisierte Lokführer ein bebuttertes Croissant und Gaulloises ohne Filter am Kiosk kaufen kann.
Doch im Grunde mögen sie die Natur. Das sieht man daran, dass die französischen Grünen im Schnitt um die 15 Prozent der Wählerstimmen erhalten, die Filme von Godard eine Fahrt über eine abgelegene baumgesäumte Landstraße mit einem sorgenvollen, langnasigen Impressario zeigen und deshalb, weil eine besondere Form von Erlebnisshop dort immer erfolgreicher wird. Sein Name: Nature et Decouvertes, was so viel heißen soll wie "Natur und Entdeckungen". Sinnlich und massiv strahlende Gesichter entschreiten den Shops in einer Intensität, denen allenfalls nur geheilte Lourdes-Wallfahrende nahe kommen. Natur für das Wohnzimmer mit Einbauschrank.
In über 50 französischen Ballungszentren offeriert diese Geschäftskette seit 1990 dem versmogten Städter eine Oase der Natur. In den mit edlen, hellen Hölzern zusammengeschraubten Regalen finden sich unter anderem Feldstecher (zur klaren Visualisierung von Wildlife-Erlebnissen), Bonsaipflanzen (in hartes, aber zumindest grün eingefärbtes Plastik eingeschweißt), Pflanzenpflegesets (mit Blattglanzspray) und Miniaturbrunnen (konstruiert aus Plexiglas). Natur-Produkte für die schmucke, symmetrisch konstruierte zweieinhalb Zimmer-Wohnung mit Blick auf den sechsspurigen Boulevard. Die Kette verdient gut: 100 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2000. Und bald soll es auch nach Deutschland gehen.
Natur-Produkte kennt man aus diversen Katalogen. Neu ist, dass sie in eigenen Tempeln verkauft werden: Bereits beim Eintreten begrüßen studentische Aushilfskräfte den Besucher mit einem artigen "Bonjour", sie tragen ausnahmslos dunkelgrüne Schürzen mit großen maschinell beschriebenen Namensschildern. Lucie oder Julie oder Laurent hinter dem Verkaufstresen lächeln nett, ganz so wie früher, als die Natur noch in Ordnung war. Das persönliche Ambiente wird durch intensiven Blütenduft aus einem automatischen Belüftungssystem befruchtet.
Dunkle, erdige Farben an den Wänden. So dunkel, dass die Besucher durch die engen Gänge schunkeln. Ab und zu ragt ein kahler Ast in den Verkaufsraum. An ihm hängen zur eingängigen Demonstration Vogelhäuschen aus rotem Kunststoff. Als Städter könnte man es ja vielleicht falsch herum aufbauen. Der rötliche Schein einer orientalischen Lampe fällt auf ein "Vogelfutter-Komplett-Kit", das unter diesem Baumgerippe liegt. Die klassische, romantische Vorstellung der unergründlichen Magie der Natur findet ihre Entsprechung im Blinken und Blitzen kecker, von echten Indianern gefertigter Windspiele, die wunderbar wirr in der Luft tändeln.
Die Rhythmen nach Europa per Sondervisum eingeflogener Bantu-Stämme trommeln die Kauflustigen energisch in weihevolle Ekstase. Darauf folgt sanfte Pan-Flöten-Musik aus Griechenland. In Gedanken sieht man sich augenblicklich von treuen, blökenden Schafen umringt. Welche CD gerade gespielt wird, zeigt ein digitales Display, gleich neben dem Regal für Entspannungsmusik.
Ernst schaut man umher, denn Natur ist eine ernste Sache, schützenswert und daher ist hier alles Sakro Sankt. Nur selten treffen sich die Blicke. Die Meditations-Produkte tragen sämtlichst chinesische Schriftzeichen, klein gedruckt steht die Bedeutung auch Französisch drunter. Derweil dampfen Räucherstäbchen vor sich hin. Weil die Stäbchen als Geschenkidee allein ein wenig karg erscheinen, liegen neben den Päckchen mit "Asiatischer Geist", "Ein Flug in der Ruhe" schmale Aphorismenbändchen, von nie mehr als 60 Seiten à acht Zeilen pro Seite, in dramatisch roten Einbänden. Das ganze kann auch als Komplett-Entspannung-Set mit Büchlein, Räucherstäbchen und Duftölen sowie einem niedlichen Selbsthandmassagegerät erworben werden
Die metallenen Einkaufskörbchen sind - Natur ist Natur - mit zartem dunkelgrünen Baumwolltuch ummantelt. Über allem thront ein "einem antiken Original" nachgebildeter Wetterhahn. Unsere Mutter Erde scheint endlich ihre betriebswirtschaftliche Entsprechung gefunden zu haben. Hier geschieht ein Wunder, ein Paradox wird aufgelöst. Natur und Geld vertragen sich. Das weiß man spätestens, wenn man die Unterschriftenliste entdeckt, auf die man seinen Namen schreiben darf, um den französischen Wolf zu retten.
Großstadtseelen finden zarte Bambuspflänzchen im handlichen Trinkglas und Bücher mit hübschen Landschaften darauf. Das ist schön. So macht Natur Freude. Die gesamte hölderlineske Szenerie des Laden-Interieurs kommt ein wenig ins Schwanken, wenn man den Strichcode auf der Packung des aus Plastik konstruierten Mini-Zen-Gartens in den Abmessungen 20x20 Zentimeter mit zwei Kieselsteinen und einer zahnstochergroßen Holz-Harke erkennt. Besonders neckisch ist auch ein kleiner Vogel. Kein lebender. Wäre ja Quälerei! Er mag ein Rotkehlchen zum Vorbild haben. Dank eines eingebauten elektronischen Chips beginnt er zu singen, sobald der häusliche Gummibaum einmal zu wenig bewässert sein sollte.
Und was ist romantischer als Sterne. Der Städter weiß ja gar nicht mehr, was es heißt, das grandiose Himmelsfirmament zu sehen. Nature et Decouvertes schafft Abhilfe: Mit fluoreszierenden Miniatursternchen zum Übers-Bett-Heften. Damit es authentisch wird, liefert die Firma gleich eine Bastel-Anleitung für den nördlichen Sternenhimmel mit. Ein Apparat aus himmelblauen Kunststoff lässt Grillenzirpen hören, oder auf einer Endlosschleife einen plätschernden Gebirgsbach.
So steht man dann da, in diesem grünen Disney World, sucht nach Natur und findet ausschließlich sinnschwangere Apokryphen. Wollte uns das nette Lädchen Hoffnung geben, dass der Mensch seine natürlichen Wurzeln in Form von Bonsaibäumchen nicht ganz vergisst? Wir sollten dem Besitzer vorschlagen, dass er seine Warenkette nicht "Natur und Entdeckungen", sondern "Kultur und Bestätigungen" nennt.

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00:00 22.02.2002

Ausgabe 38/2020

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