Dissidenten

Und Renegaten Oder was verbindet Robert Havemann mit Sibylle Tönnies?

Merkwürdig: mit dem Untergang des Sowjetimperiums ist das einst so beliebte Adelsprädikat des "Dissidenten" aus der Mode gekommen. Der Verdacht drängt sich auf, dass niemals der Dissens verherrlicht werden sollte, sondern lediglich die Opposition gegen ein System, das des Teufels war.

Nicht selten sprach man von Dissidenten und meinte Renegaten, ein Begriff, der denn flugs positiv besetzt wurde. Zudem konnten die Rollen in wechselnden Zeiten vertauscht werden. Viele Kommunisten, die während des Prager Frühlings in Politik, Kultur und Wissenschaft führend waren, wurden mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts zu "Dissidenten".

Ein Kriterium, das für die Bewertung entscheidend sein müsste, ist dieses: bringt der Dissens Vorteile ein? Der Dissident stellt sich in Konflikt zur Macht und nimmt ein Risiko auf sich. Der Renegat artikuliert seinen Dissens just dann, wenn die Machtverhältnisse ihn dafür belohnen. Sinjawskij, Havel, Havemann waren Dissidenten. Und auch ein Koestler, ein Silone oder ein Gide wären demnach eher Dissidenten als Renegaten, denn mit ihrer Kritik an den kommunistischen Parteien und an der Sowjetunion begaben sie sich aus der Obhut einer Gemeinschaft, die über Jahre hinweg ihr Zuhause gewesen war, in eine für sie schmerzhafte Isolation. Peter Schütt, Jens Litten, Günter Maschke, Gerd Koenen, Godehard Schramm, Frieder Hitzer oder Klaus Röhl hingegen sind Renegaten. Fast noch ärgerlicher als deren Renegatentum erscheint allerdings die politische Dummheit jener "Linken", die noch für die Verbreitung ihrer Schriften sorgten, als längst erkennbar war, wes Geistes Kind sie sind, und die heute erstaunt tun über den angeblich plötzlichen Sinneswandel. Wer die Ex-KBWlerin Sibylle Tönnies oder den Ex-Trotzkisten Konrad Paul Liessmann, zum Beispiel, 1995 noch für Linke hielt und förderte, sollte eine Zeit lang keine politischen Urteile abgeben und stattdessen richtig lesen lernen.

Das widerwärtigste Modell jedoch ist der Ex-KBWler mit Waschzwang, die Tochter oder der Sohn von Nazis, die oder der sich ständig öffentlich darüber erstaunt zeigt, dass sie oder er den Kommunismus einmal für anstrebenswert hielt, und beklagt, dass man in Deutschland, fixiert auf den Nationalsozialismus, die Verbrechen des Kommunismus nicht gesehen habe. So kann sie oder er sich jetzt ausführlich und gefahrlos den kommunistischen Verbrechen widmen und sich mit der Nazivergangenheit der engsten Umgebung aussöhnen und austöchtern. Für sie galten immer die einfachen Antworten. Sie sind die Manichäer geblieben, die sie stets waren.

Im Übrigen fällt auf, dass Renegaten aus der traditionellen kommunistischen Bewegung weitaus seltener zum Nationalismus und zum Rechtsextremismus neigen als jene Bürgerkinder, die in den siebziger Jahren zu den stalinistischen K-Gruppen fanden und sich dort als besonders dogmatische Scharfmacher profilierten. Und unter den Traditionskommunisten sind es in der Regel just jene, die die imperialistische sowjetische Politik und noch die militärische Niederschlagung des Prager Frühlings am vehementesten verteidigten, die später zu den eifrigsten und rachsüchtigsten Antikommunisten wurden.

Dissidenten, etwa die tschechischen Emigranten von 1968, haben es in der Regel in jeder Gesellschaft schwer, weil sie Unangepasste sind, während Renegaten sich den herrschenden Mächten opportunistisch andienen. Wer Dissidenten per se für Helden hält, muss allerdings daran erinnert werden, dass innerhalb der PDS die Mitglieder der Kommunistischen Plattform die Dissidenten sind und jene, die darauf hinweisen, dass das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland die Möglichkeit der Verstaatlichung ausdrücklich vorsieht. Und einen Heuchler muss man nennen, wer jene Dissidenten lobte, die den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag verurteilten, und zum Krieg der NATO gegen Jugoslawien schweigt. Einen Heuchler muss man nennen, wer Dissidententum gegen die Massenmorde Stalins einforderte und heute eine Gesellschaftsordnung duldet, die den vermeidbaren millionenfachen Tod durch Hunger und Aids in der Dritten Welt zugunsten des unermesslichen Reichtums einiger weniger hinnimmt. Mehr noch: wer diese Verbrechen durch Stillschweigen billigt, wo der Widerspruch mit so wenig Risiko verbunden ist, hat das Recht verspielt, Dissidententum in totalitären Polizeistaaten einzumahnen. Zumindest das müsste im Land von Kants kategorischem Imperativ Konsens sein.

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00:00 29.06.2001

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