Distanz statt Moral

KOSOVO-MISSION Wenn der Westen auf den Sieg des Guten setzt, hat er den Frieden schon verloren

Die Fehler aus Bosnien wolle man nicht wiederholen, hieß es, als die UNO sich bereit machte, das Kosovo zu verwalten. Jetzt macht man andere, wahrscheinlich schlimmere. Bernard Kouchner, der Administrator, möchte nicht den Vizekönig geben; das entspricht nicht seinem Naturell und seinem Selbstverständnis. Schon im nächsten April will er wählen lassen und damit mehr Verantwortung von der internationalen Bürokratie auf die Kosovo-Albaner selber übertragen. Unglücklicherweise aber hat sich der Administrator unter den Albanern sehr rasch unbeliebt gemacht: Als er Anfang August seiner Abscheu über die Morde an serbischen Bauern freien Lauf ließ, wurde er in der albanischen Öffentlichkeit schon als »Marionette der griechisch-serbischen Mafia« denunziert. Maßlose Kommentatoren schießen täglich Breitseiten gegen ihn ab. Dass Kouchner auf Belgrad seit Jahren schon wie ein rotes Tuch wirkt, nützt ihm nichts. Ein Wort gegen radikale Albaner, und schon ist er auf beiden Seiten unten durch. Gegen alle aber läßt das Kosovo sich nur mühsam regieren, jedenfalls nicht besser als Bosnien.

Bernard Kouchner ist einer von denen, die Moral und Politik auf neue Weise verbinden wollen. Er gehört in die Familie der Joschka Fischer und Tony Blair, die im Kosovo nicht gegen die Serben und für das Abendland, sondern für Menschenrechte und gegen ethnische Säuberungen kämpfen ließen. Allerdings neigen sie zu dem Missverständnis, dass die Ideale, von denen sie getrieben werden, dort als Kriegspartei aufträten. Aber nicht Grundwerte und Überzeugungen diktieren im früheren Jugoslawien dieser oder jener Seite ihre Positionen, sondern immer nur die ethnischen Mehrheitsverhältnisse. Wo die Serben in der Minderheit sind, sind sie multikulturell, wo sie die Mehrheit stellen, national und auf »ethnische Reinheit« bedacht. Das gilt auch für alle anderen: für Muslime, Kroaten, Albaner. Als Minderheit in Serbien waren die Albaner tolerant, als Staatsvolk im Kosovo sind sie es nicht mehr. Niemand, außer Ausländern, sieht darin etwas Ungewöhnliches.

Seiner Erfahrung getreu hat sich Kouchner nun auf Gesten verlegt, um moralisch wieder ins Lot zu kommen: Weil er in den letzten Wochen so häufig gezwungen war, zugunsten der Serben zu intervenieren, versucht er nun durch Anerkennung der albanischen Opfer die Verhältnisse wieder zurechtzurücken - tatsächlich haben ja in den letzten Jahren, auch im Kriege, mehr Albaner gelitten als Serben. Das wird aber hüben wie drüben nicht verstanden. Serben wie Albaner wissen, wo sie hingehören; sie brauchen keine Bestätigung dafür, dass sie im Recht sind.

Die Anwälte der Menschenrechte haben in Bosnien bis heute keine Partei gefunden, mit der sie sich identifizieren könnten. Wann immer sie glaubten, sie hätten eine, täuschten sie sich - zuletzt in den gemäßigten Serben um Milorad Dodik. Auch im Kosovo werden sie nicht fündig werden. Sämtliche ausländische Politiker, von Carl Bildt über Hans Koschnick bis zu Bernard Kouchner, sind auf dem Balkan gescheitert. Erfolg hatten nur Diplomaten, die zur politischen Szene Distanz hielten und emotionslos die Einhaltung bestimmter Bedingungen überwachten - wie Daan Everts zum Beispiel, der Chef der OSZE-Mission im Kosovo. Oder Politiker, die einfach als Makler auftraten: wie Franz Vranitzky. Nicht zufällig wirkten beide in Albanien, dessen Konflikte im Westen nicht moralisch besetzt sind.

Die Menschenrechte verlangen, dass im Kosovo alle in Frieden leben können, dass Verbrechen verfolgt und Freiheiten nicht an die Volkszugehörigkeit gebunden werden. Nicht den Guten zum Sieg zu verhelfen, ist der Westen auf dem Balkan präsent, sondern um einen neuen Weg des friedlichen Ausgleichs von widerstreitenden Interessen zu schaffen. Es geht um Formen und Institutionen, um Gesetze und Wiederaufbau, nicht um Moral. Nach dem Krieg, der wie jeder andere zwischen den Mächten des Lichtes und der Finsternis geführt wurde, will diese einfache Wahrheit kaum mehr zurück in die Köpfe.

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