„Distanzierung setzt Nähe voraus“

Anti-Terror Die Demonstration „Nicht mit uns“ in Köln war ein ziemlicher Flop. Doch es ist leichter, für Erdoğan-Aufzüge zu sein, als für kritischen Dialog unter Muslimen
„Distanzierung setzt Nähe voraus“
Die Forderung an Muslime, sich vom Terror zu distanzieren, ist ein Affront
Foto: epd/Imago

Muslime gegen Terror. Das Motto der Demonstration in Köln war „Nicht mit uns“. Im Vorfeld hatte Initiatorin Lamya Kaddor ihre Position unmissverständlich klargemacht, indem sie Terroristen absprach, Muslime zu sein. Das hat, erwartbar, den Zoff um die alte Frage befeuert, ob Terror denn nun etwas mit dem Islam zu tun hat oder nicht. Als würde das irgendwohin führen. Man könnte auch fragen, ob es eine Kausalität gibt zwischen dem Besitz von Kraftfahrzeugen und der Neigung zum Terrorismus – siehe den Anschlag auf Muslime in London. Es sind Scheindebatten.

Dass am Ende nur rund 1.000 Menschen kamen statt der erhofften 10.000, hat für Häme gesorgt – und für allerlei fragwürdige Interpretationen. Es sind längst nicht nur rechte und rechtsradikale Kreise, die die geringe Beteiligung so deuten, dass Muslime eben doch für Terror sind. Andere sehen wieder einmal den langen Arm des türkischen Staatspräsidenten Erdoğan am Werk, weil sich der von ihm gesteuerte Verband DITIB mit dem hanebüchenen Argument, es sei Muslimen im Ramadan nicht zuzumuten, an einer Demonstration teilzunehmen, verweigert hat.

Was derweil untergegangen ist: Neben Angehörigen der Ahmadiyya-Gemeinde hatte auch die Gülen-Bewegung für die Teilnahme geworben – und konnte trotz großer Reichweite nur wenige animieren, auf den Kölner Heumarkt zu kommen. Die Vermutung, ein Aufruf der DITIB hätte zu einer Menschenmasse geführt, ist folglich gewagt. Ein Gegenargument lautet: Bei Demonstrationen für Erdoğan kommen Zehntausende. Das stimmt. Nur werden die nicht von der DITIB, sondern maßgeblich vom hiesigen AKP-Ableger Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) mit Sitz in Köln organisiert – inklusive Fähnchen und Bus-Service. Was ebenso stimmt, aber zu oft ignoriert wird: Demonstrationen gegen Erdoğan mobilisieren regelmäßig deutlich mehr Menschen als die UETD. Ohne Fähnchen und Bus-Service.

Den zentralen Satz sagte auf der Bühne der Comedian Fatih Çevikkollu: „Distanzierung setzt Nähe voraus.“ Der überwiegende Teil der Muslime weltweit verachtet die Terroristen ebenso wie jeder andere Mensch, der bei klarem Verstand ist. So können Muslime zwar gegen Terror demonstrieren. Die Forderung aber, sie sollten sich distanzieren, ist ein Affront. Sie impliziert eine Nähe muslimischer Mehrheiten zum Terror. Diese Nähe besteht allenfalls in der Tatsache, dass es in erster Linie Muslime sind, die unter dem globalen Terrorismus leiden – und die Stigmatisierung dann noch obendrauf bekommen.

Dass einige Verbände und Gruppen die Demonstration unterstützt haben, während andere sich verweigerten, zeigt noch etwas, das elementar ist und das all die selbsternannten Islamexperten und Hobby-Exegeten endlich begreifen sollten: „Den Islam“ gibt es nicht. Es gibt eine Vielzahl islamischer Strömungen, ein breites Spektrum von fundamentalistisch bis modern und liberal. Die rund 1.000 Demonstranten in Köln waren offensichtlich liberal. Jene, die offen opponiert haben, nicht.

Die Initiative ist Lamya Kaddor und ihrem Mitstreiter Tarek Mohamad hoch anzurechnen. Sie versuchen, eine Debatte, die regelmäßig nicht mit Muslimen, sondern über ihre Köpfe hinweg geführt wird, zu übernehmen. Das ist ein wichtiger Ansatz. An der Ausführung hapert es noch. Aber daraus sollte man keine falschen Schlüsse ziehen.

Gerrit Wustmann arbeitet als Schriftsteller und Journalist in Köln

06:00 09.08.2017

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