Ditfurths Werke

Solidarität Eine Kunstversteigerung soll Jutta Ditfurth die zweite Runde in einem Antisemitismus-Prozess ermöglichen
Marcus Hammerschmitt | Ausgabe 16/2015
Ditfurths Werke
Jutta Ditfurth, Publizistin und Mitbegründerin der Grünen
Foto: Müller-Stauffenberg/Imago

Der Fall, so formulierte es vergangenen Herbst der Europakorrespondent der Jerusalem Post, Benjamin Weinthal, drehe sich im Kern um die Frage, was im heutigen Deutschland als Antisemitismus zu gelten habe. Die Publizistin und Politikerin Jutta Ditfurth ahnte zu diesem Zeitpunkt wohl bereits, dass „der Fall“ in der ersten Etappe für sie nicht gut ausgehen würde. Sie hatte den Compact-Herausgeber Jürgen Elsässer im Mai zuvor einen „glühenden Antisemiten“ genannt. Weil Elsässer diese Charakterisierung seiner Gesinnung nicht gefallen hatte, war er gerichtlich gegen Ditfurth vorgegangen. Die Vorsitzende Richterin äußerte in der Verhandlung dann Erstaunliches: „Ein glühender Antisemit in Deutschland ist jemand, der mit Überzeugung sich antisemitisch äußert, mit einer Überzeugung, die das Dritte Reich nicht verurteilt, und ist nicht losgelöst von 1933 bis 45 zu betrachten, vor dem Hintergrund der Geschichte.“

Ganz in diesem Sinne fiel dann auch die Entscheidung. Nach Anspruch und Tenor der Urteilsbegründung hätte Ditfurth Elsässer nachweisen müssen, dass er ein Nationalsozialist ist. Eine derart realitätsvergessene Definition des Antisemitismus will Ditfurth nicht widerstandslos hinnehmen; eine Definition, die verkennt, dass es viel zu viele in diesem Land gibt, die Lippenbekenntnisse gegen den Massenmord und das Dritte Reich benutzen, um sich davon abgesehen in antisemitischen Denkmustern zu suhlen: Der flinke, kostenlose Spruch gegen Auschwitz soll dann die abstrusesten judenfeindlichen Wahngebilde rechtfertigen.

Gegen diesen Hass, der sich da artikuliert, anzugehen, kostet Geld und Nerven. Jutta Ditfurth braucht noch immer Unterstützung, um das Verfahren in die zweite Runde zu tragen. Spendenaufrufe halfen bisher nur bedingt, also musste eine andere Idee her. Vier Künstlerinnen und Künstler, Annette Müller-Löbnitz, Ute Donner, Patrik Velicka und Manuel Stemmler, haben in einem ersten Anlauf nun je ein Gemälde gespendet, die Bilder sollen auf einer Onlineauktion in Geld zur Infragestellung des erstinstanzlichen Urteils umgemünzt werden.

Alles dabei

Dass Kunst in dieser Art politisch eingesetzt wird, ist absolut nicht selbstverständlich. Die Zeiten, in denen Künstlerinnen und Künstler regelmäßig bereitwillig Solidaritätsaktionen starteten, um in gesellschaftliche Debatten einzugreifen, sind längst vorbei. Die zeitgenössische Kunst reflektiert politische Diskurse – dass Künstler bereit sind, konkret Unterstützungsarbeit zu leisten, ist aber eine Seltenheit.

Taugen die Bilder was? Geschmackssache. Vom Realistischen über das Dekorative bis zu abstrakt Expressionistischem ist alles dabei. Nur eines des Werke, das von Ute Donner, hat einen unmittelbar erkennbaren politischen Bezug: Das Bild der Berliner Künstlerin befasst sich mit der Umbenennung der ehemaligen Gabelsbergerstraße im Stadtteil Friedrichshain, die heute Silvio-Meier-Straße heißt. Silvio Meier war 1992 einem rechtsradikalen Messerstecher zum Opfer gefallen; die Neuwidmung der Straße musste gegen erheblichen Widerstand durchgesetzt werden. Der Bezug zur antifaschistischen Arbeit von Jutta Ditfurth ist unübersehbar.

Die Auktion sollte eigentlich vergangene Woche bei einem Hamburger Onlineauktionshaus starten, inzwischen hat Jutta Ditfurth auf ihrer Facebookseite bekanntgeben, dass sie sich verzögern wird. Weitere Werke gingen ein, versteigert werden soll nun bald an anderem Ort.

06:00 29.04.2015

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