„Divers gucken“

Interview Als She She Pop vor 25 Jahren mit ihrem kollektiven Theater anfingen, nannte man sie veraltet, sagt Mieke Matzke
„Divers gucken“
Das Ensemble sprach mit uns aus dem linken oberen Mund

Foto: Benjamin Krieg

Die 1993 in Gießen gegründete Truppe She She Pop macht experimentelle, partizipative Performances, als Zuschauer muss man immer darauf gefasst sein, involviert zu werden. Beim Wohnkrisen-Drama Oratorium – Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis wird der Zuschauer platziert, hier die Mieter*innen, dort die Wohnungseigentümer*innen. Wegen Oratorium wurden She She Pop eingeladen zum diesjährigen Berliner Theatertreffen, als eine von zehn der „bemerkenswertesten“ Inszenierungen der vergangenen Saison.

Für die „im besten Sinne populären Bühnenarbeiten“ erhielt das feministische Kollektiv zudem den Berliner Theaterpreis. Die Jury würdigt die „solidarische Arbeitspraxis“, den Gegenentwurf zu den herkömmlichen Strukturen am Theater. Mieke Matzke freut sich, dass solidarisches Arbeiten am Theater endlich ernst genommen wird.

der Freitag: Frau Matzke, Ihr Stück„Oratorium“ wurde auch international auf Festivals aufgeführt, Sie haben mit lokalen Schauspieler*innen gearbeitet, das jeweilige Publikum befragt. Was haben Sie über Privateigentum gelernt?

Mieke Matzke: In Bulgarien und Polen zum Beispiel war es so, dass ganz andere Fragestellungen auftauchten. Dort ist das Thema Erbe nämlich ein ganz anderes. Es ging vielmehr um die Frage, wem öffentliche Orte gehören – und damit verbunden auch um Korruption. In den ehemals sozialistischen Ländern gibt es weniger Privateigentum, das bereits über Generationen vererbt wurde. In Berlin und München ging es natürlich sehr stark um Gentrifizierung. Das war aber in Mühlheim, einer Stadt im Ruhrgebiet, die eher schrumpft, kein Thema. Gleichzeitig war Mühlheim eine sehr interessante Stadt, weil dort einige der reichsten Deutschen wohnen. Es gibt dort Anwohner wie die Aldi-Erben, aber auch einige der ärmsten Viertel der Bundesrepublik.

Im Stück interessieren Sie sich mehr für die Gefühle von Menschen, für Scham und Neid. Es geht nicht um radikale Lösungen. Müssen wir nicht anders über all das streiten, damit sich wirklich etwas ändert?

Als politisch denkender Mensch finde ich das auf jeden Fall. Aber ich kann utopische Momente auf der Bühne herstellen. Es ist meiner Ansicht nach nicht die Aufgabe des Theaters, zu sagen, so soll die Gesellschaft genau aussehen. Wenn ich das wüsste, würde ich direkt in die Politik gehen. Es ist aber wichtig, im Theater Differenzen sichtbar zu machen, in die Abgründe zu schauen, Dinge erfahrbar zu machen. Im Moment habe ich das Gefühl, dass Eigentumsverhältnisse stark auseinandergehen. Das ist eigentlich nichts Neues, wird aber sehr sichtbar anhand von Mieten. Das zeigen wir in Oratorium.

Die „Deutsche Wohnen enteignen“-Kampagne läuft auf Hochtouren in Berlin. Wie stehen Sie dazu?

Ich finde es sehr gut, dass es diese Initiative gibt und ein Volksentscheid diese Frage stellt, bin aber selber ambivalent. Es müssen dringend neue Wohnungen gebaut werden und ich glaube, dass das Geld noch stärker da eingesetzt werden müsste. Wenn man die Deutsche Wohnen aber enteignen könnte, ohne viel Geld für Entschädigungen zu zahlen, dann wäre ich sofort dafür. Ich finde es aber prinzipiell richtig, über Enteignung anders zu sprechen.

She She Pop wurden mit „Oratorium“ zum zweiten Mal zum Theatertreffen eingeladen – eine von drei Inszenierungen dieses Jahr, bei denen Frauen Regie geführt haben. Das ist immer noch sehr wenig ...

Ich glaube, das bildet schlicht die Geschlechterverhältnisse in deutschen Stadt- und Staatstheatern ab. Als wir 2011 mit Testament zum ersten Mal eingeladen waren, haben wir den Frauenanteil dadurch extrem erhöht. Dann ist lange nichts passiert, aber gerade passiert doch sehr viel. Es gibt einen neuen Diskurs um Gendergerechtigkeit. Es gibt erste Versuche wie in Karlsruhe mit Anna Bergmann, sie hat erstmals nur weibliche Regisseure verpflichtet.

Wird die Frauenquote ab 2020 beim Theatertreffen helfen?

Ja. Gerade die Quote und die Debatte sind sehr wichtig, weil ja oft negiert wird, wer überhaupt sichtbar ist. Durch Quoten wird natürlich viel stärker eine Aufmerksamkeit auf andere Inszenierungen gelenkt. Es geht einfach darum, sehr divers zu gucken. In der freien Szene sind beispielsweise Frauen und postmigrantische Stimmen viel stärker vertreten. 2011 hat meine Kollegin Ilia Papatheodorou eine Frauenquote gefordert und dann gab es einen riesigen Aufschrei.

Zur Person

Annemarie (Mieke) Matzke, 1972 in Braunschweig geboren, studierte Angewandte Theaterwissenschaften an der Universität Gießen, wo sie 1993 She She Pop mit gründete. Ihre Diplomarbeit schrieb sie über Christoph Schlingensief. Seit 2009 ist Matzke Professorin für experimentelle Theaterformen an der Uni Hildesheim. She She Pop sind seit 1998 in Berlin ansässig, ein fester Partner dort ist das HAU

Dieses Jahr wurden drei Koproduktionen der freien Szene eingeladen. Ist das ein Durchbruch?

Dieses Jahr ist insofern bemerkenswert, weil beispielsweise Kampnagel am meisten eingeladen wurde. Gleichzeitig wurden viele freie Produktionen wie Oratorium von den Münchener Kammerspielen koproduziert. Ein großes Problem in der freien Szene ist, dass die Inszenierungen selten gezeigt werden können. Man hat eine Premiere und dann ein paar Aufführungen und wenn man nicht gleich zu vielen Gastspielen eingeladen wird, ist das Stück dann eigentlich wieder weg. Das heißt speziell für das Theatertreffen, dass die Jury es eigentlich nicht mehr sichten kann. Das Verfahren geht eigentlich von einem Repertoirestück aus.

She She Pop feierten letztes Jahr ihren 25. Geburtstag. Was hat sich in dieser Zeit für Frauen in der Theaterwelt geändert?

Als wir vor 25 Jahren ein Frauenkollektiv gegründet haben, wurde uns noch permanent erklärt, das sei oldschool, das sei „68“. „Kollektiv“ sei ein Begriff, der im Gestern verortet ist – und dann auch noch ein feministisches Kollektiv! Sobald man in Stadttheaterstrukturen kam und da als Frauenkollektiv gearbeitet hat, gab es sofort Konflikte – zum Beispiel mit der Technik. Es wurde ständig suggeriert, dass wir unprofessionell seien, weil wir uns länger absprechen mussten und es von unserer Seite nicht eine einzige Ansprechpartnerin gab, die dann alles allein entscheidet. Und als wir in Stadttheatern in Stuttgart und München produziert und mit den dortigen Ensembles gearbeitet haben, haben wir bemerkt, dass ältere Schauspielerinnen eigentlich gar nicht mehr vorkommen. Wir wollten neulich bei einer Inszenierung in den Münchener Kammerspielen mit einer älteren Frau aus dem Ensemble arbeiten, die gab es einfach nicht.

Wirkt die jüngere Generation von Theatermacher*innen in dieser Hinsicht politischer?

Im Moment ist eine sehr spannende Zeit. Es gibt eine neue Generation von politisierten Regisseurinnen und Schauspielerinnen, die ein neues Bewusstsein für das Thema mitbringen. Nicola Bramkamp ist ein tolles Beispiel dafür, sie hat die Burning-Issues-Konferenz nach Bonn geholt. Es gibt auch ganz unterschiedliche Initiativen wie beispielsweise das Ensemble-Netzwerk und die Initiative für Solidarität am Theater, die eine andere Form von Vernetzung und Unterstützung schaffen. Ein erstes Showing von Oratorium war 2017 beim Festival Theaterformen in Hannover, dessen Leiterin Martine Dennewald mit Schrecken bemerkte, dass sie im Jahr zuvor nur Männer eingeladen hatte, selber als Frau. 2017 hat sie dann nur weibliche Regisseure eingeladen, aber das nicht groß thematisiert, sondern eher geschaut, ob die Leute das überhaupt mitbekommen.

She She Pops Stil – experimentierfreudig, partizipativ, biografisch – ist unkonventionell im Vergleich zum traditionellen deutschen Theater. Ist das eine Bestätigung vom Establishment?

Wir haben sehr lange sehr stark gekämpft und es war immer wieder unklar, ob es weitergeht und wir weiterfinanziert werden. Für uns war es aber eine politische Setzung, Themen aus der Popkultur, unserem Alltag und unseren Biografien zu nehmen. Wir inszenieren keinen dramatischen Text, sondern wir sind selbst unsere Autorinnen. Nach einer langen Diskussion sind wir 2009 auf King Lear gekommen. Unsere Väter wurden alle pensioniert, also haben wir mit ihnen eine biografische Bearbeitung des Stücks mit dem Titel Testament gemacht. Das war ein großer Erfolg – auch international. Dafür wurden wir zum Theatertreffen eingeladen und haben verschiedene Preise bekommen. Es gab also eine Ambivalenz im Erfolg, so toll es war, dass es ausgerechnet mit einer (sehr freien) Bearbeitung eines Dramas gelungen ist. Eine solche Anerkennung ist aber eine Bestätigung unserer kollektiven Arbeitsweise und macht es leichter, weiterzumachen. Gleichzeitig erlebe ich auch gerade, dass tollerweise dieses Einzelkämpfertum des männlichen Regisseur-Genies in Frage gestellt wird.

Nicholas Potter ist Bühnenredakteur beim englischsprachigen Stadtmagazin Exberliner sowie Blogger beim diesjährigen Berliner Theatertreffen

06:00 18.05.2019

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